Woran scheitern Beziehungen? Wieso hat man plötzlich immer seltener Sex? Auf solche und weitere Fragen hat unser Autor, der auch Paarberater ist, Antworten.

Als Paarberater sehe ich oft Paare, bei denen Kritik, Ignoranz und Ablehnung an der Tagesordnung sind. Ich schaue Tag für Tag in diesen Abgrund. Und ich weiß, wie tief er in manchen Fällen ist. Ein junges Paar kommt zu mir. Sie ist 34, er 37 – die beiden sind seit sechs Jahren zusammen. Zwei Jobs, zwei Karrieren, zwei Kinder. Das ist anstrengend. Neulich haben sie sich voller Wut angebrüllt. Die Kinder waren verunsichert. Bricht ihre Familie auseinander?

So viel steht fest: Die beiden haben sich nicht mehr viel zu sagen. Sie sind enttäuscht voneinander. Frustriert. Nicht nur einer der beiden ist enttäuscht und frustriert – und der andere ist glücklich und zufrieden. So verlaufen Ehekrisen nicht. Beide Partner sind enttäuscht voneinander.

Das alleine ist schon eine schwierige Lage für eine Liebe. Leider kommt es noch schlimmer. In der Regel sind beide Partner zudem auch noch fest davon überzeugt, dass der andere schuld daran ist, dass sie beide enttäuscht und frustriert sind. Sie spielen also das Schuldspiel, ein Spiel, bei dem beide nur verlieren können. Solange es in einer Beziehung darum geht, wer schuld an der schwierigen Lage ist, und nicht darum, die Lage zu verbessern, muss die Partnerschaft von Woche zu Woche und von Tag zu Tag schlechter werden. Fast alle unglücklichen Paare spielen das Schuldspiel. Genau das macht die Situation so schwierig. Und schwer zu verändern.

Wer etwas ändern will, der muss die Lage zunächst einmal verstehen. Hierzu werfe ich – auch bei diesem Paar – einen genauen Blick in den Abgrund. Was hat sie im Laufe ihrer Ehe, ihrer Partnerschaft entzweit? Warum stehen sie sich so unversöhnlich gegenüber? Wieso ist die Sexualität der beiden so dermaßen selten geworden und so lieblos? Und schließlich – ganz wichtig – was können sie tun, um wieder ein gutes Paar zu sein?

Der Abgrund der Singles

Auch als Singleberater werfe ich häufig einen Blick in den Abgrund der Liebe. Eine Frau kommt nach langer Ehe und einer anschließenden schweren Trennung in die Beratung. Sie ist erleichtert, dass das alles hinter ihr liegt. Sie hat ihr Leben neu geordnet – und sucht nun nach einer neuen Liebe. Worauf soll sie bei dieser Suche achten? Wie kann sie verhindern, dass ihr das Gleiche noch einmal passiert?

Wer eine Antwort auf diese Frage sucht, der muss sich das Scheitern der letzten Liebe genau anschauen. Auch meine Klientin muss das tun. Wenn sie besser versteht, warum ihre letzte Liebe gescheitert ist, hat sie gute Chancen, es beim nächsten Mal besser hinzubekommen. Genau darum geht es – um die Zukunft. Um die neue Liebe.

Seit 20 Jahren berate ich Singles bei ihrer Suche. Sie alle haben Fehler gemacht in der Liebe. Sie alle sind gescheitert. Der Abgrund liegt jetzt hinter ihnen. Darüber sind sie erleichtert. Nun wollen sie etwas aus ihrer Niederlage lernen. Sie alle treibt, ob bewusst oder unbewusst, der berühmte Satz von Henry Ford um: „The only real mistake is the one from which we learn nothing.“

Die nächste Partnerschaft soll besser sein als die letzte. Sie soll zudem auch länger halten. Das sind die unbewussten Vorsätze meiner Klienten. Sie wollen mehr darüber wissen, welche Feinde ihre Liebe zerstört haben. Sie wollen nicht noch einmal an derselben Stelle scheitern. Verständlich.

Woran scheitert die Liebe?

Über die Frage, was Paare scheitern lässt, gibt es in der Öffentlichkeit unterschiedliche Meinungen. Die einen sehen unsere Multioptionsgesellschaft und damit das Internet als einen Grund dafür an, dass Menschen mal eben von einer Beziehung in die nächste hüpfen und keine hohe Bindungsbereitschaft mehr haben.

Ist die heranwachsende Generation möglicherweise sogar weitgehend beziehungsunfähig, wie manche Autoren spekulieren?

Oder sind Paare etwa nur außerstande, gut zu kommunizieren und ihre Probleme angemessen zu lösen?

Oder kommt dem Smartphone eine Verantwortung zu, das unsere Aufmerksamkeit stets auf sich zieht und die Intimität in der Partnerschaft untergräbt? Vor die Wahl gestellt, für einen Monat auf ihr Smartphone zu verzichten oder auf Sex, entscheidet sich die Hälfte der männlichen Smartphone-Besitzer für den technischen Gefährten. Oh – wie traurig!

Bei den Frauen liegen die Zahlen sogar noch höher: 75 Prozent wollen lieber keine Erotik. Zehn Prozent der jüngeren Smartphone-Besitzer sagen, dass sie auch beim Sex SMS verschicken. Untergräbt das Smartphone also möglicherweise die Intimität?

Die Medien lieben einfache Fragen – und einfache Antworten

Viele dieser Fragen werden von den Medien gerne gestellt und ebenso gerne beantwortet. Die Antworten, die sie geben, machen es der Liebe nicht leicht. Als ich jung war, galt großen Teilen der Presse das neue Scheidungsrecht (1977) als Ursache für das Scheitern von Beziehungen. Es ermöglichte Paaren, ihre Ehe zu beenden, wenn sie zerrüttet war.

Und die Frauenbewegung natürlich. Auch die galt konservativen Medien in den 70er-Jahren als ein Grund für partnerschaftlichen Misserfolg. Die Frauenbewegung hetzte – angeblich – Frauen gegen Männer auf. Weil sie Gleichberechtigung forderte. Na ja.

Schließlich war da noch die Annahme, dass gebildete und wirtschaftlich unabhängige Frauen ihre Ehe viel schneller verlassen würden als weniger gebildete und wirtschaftlich abhängige. Wenn also immer mehr Frauen studierten, dann war es in der Sicht manches – männlichen – Kommentators kein Wunder, dass die Liebe Schaden nahm. Bildung von Frauen als ein Grund für das Scheitern von Partnerschaften – was für ein herablassendes Frauenbild! Sie sehen: Wir kommen aus wirklich finsteren Zeiten.

Jeder hat eine Ansicht zur Liebe

Zudem – ist es nicht erstaunlich, wie beim Punkt „Liebe“ jeder behaupten darf, wonach ihm gerade so ist? Jeder darf lauthals verkünden, er wisse ganz genau, was gerade schiefläuft – ohne jede Ahnung von den wirklichen Ursachen zu haben!

Erkenntnis Nummer eins: Zur Liebe hat jeder eine Meinung, und viele Menschen fühlen sich berufen, ihre Ansicht auch kundzutun – einerlei, wie plausibel diese Ansichten sind oder wie abseitig. Und einerlei, ob die verwendeten Argumente einer ernsthaften Überprüfung standhalten würden.

Prüfen wir kurz die Fakten. Die sehen ganz anders aus, auch bei den Ansichten, die in meiner Jugendzeit häufig geäußert wurden. Gut gebildete Frauen trennen sich schneller? Falsch! Die höchsten Trennungsraten haben Frauen mit wenig oder mit sehr wenig Bildung. Die gebildeten Frauen dagegen haben die besseren und die stabileren Partnerschaften. Das entspricht meiner Erwartung und meinen Ansichten als Berater.

Vor die Wahl gestellt, für einen Monat auf ihr Smartphone zu verzichten oder auf Sex, entscheidet sich die Hälfte der Männer für den technischen Gefährten

Beziehungen auf Augenhöhe funktionieren deutlich besser. Deshalb finde ich auch an der Frauenbewegung nichts auszusetzen. Sie hat geholfen, das enorme Machtgefälle zwischen Männern und Frauen abzubauen – und der Liebe hat sie damit sogar einen Gefallen getan. Einen großen Gefallen sogar. Hat sich da schon einmal jemand bei den Aktivistinnen von damals bedankt? Wahrscheinlich nicht.

Das geringere Machtgefälle zwischen Männern und Frauen hat Partnerschaften sehr gutgetan. Insbesondere die partnerschaftliche Sexualität profitiert davon. Und da die Liebe heute ein Kind der Freiheit ist, ist sie nicht etwa schlechter geworden – sondern wird noch mehr genossen als früher.

Die verstorbenen Feinde der Liebe

In Wahrheit waren das Verbot der Ehescheidung auf der einen Seite und das Machtungleichgewicht zwischen Männern und Frauen auf der anderen Seite schon von Alters her zwei der größten Feinde der Liebe. Der Zwang zusammenzubleiben und die unterlegene Position der Frau drückten auf die Stimmung in der Partnerschaft.

Beide Momente sind keine naturgegebenen oder gottgewollten Einstellungen, sondern das Ergebnis einer historischen Entwicklung. Gesellschaften, die vom Jagen und Sammeln leben und nur eine einfache Form der Landwirtschaft betreiben (Hackbau), kannten und kennen diese beiden Normen nicht in dem Maße wie wir. Es war die Entwicklung der intensiven Landwirtschaft mit ihren Besitzrechten an Land, Vieh und Hof, die zu dieser Form von Partnerschaft geführt hat.

Beide Feinde der Liebe haben in einer modernen, nicht agrarischen Gesellschaft wie Deutschland den Sinn verloren. Sie sind trotzdem noch lange nicht völlig verschwunden, allen Modernisierungen in unserer Gesellschaft zum Trotz. Beide Überzeugungen haben allerdings sehr deutlich an Macht verloren und sind deshalb immer weniger in der Lage, eine Liebe irreparabel zu beschädigen. Das ist eine gute Nachricht. Für uns und unsere Kultur.

Nicht überall auf dem Globus ist das so. Aber überall, wo das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen sinkt, profitiert die Liebe.

Paare heute sehen eine Partnerschaft, wie unsere Eltern oder Großeltern sie geführt haben, nicht mehr als erstrebenswert an. Die Ansprüche an eine Beziehung sind bei ihnen ungleich höher. Der Partner soll ein guter Gesprächspartner sein, ein verlässlicher Partner und ein guter Lover. Zusammenbleiben, nur weil die Konvention es verlangt – no way! Wie recht sie haben.

Moderne Zeiten – moderne Themen

Machen wir einen Sprung ins Hier und Jetzt. Heute beschäftigen sich die Medien mit anderen Themen. Paare haben zu wenig Sex (klagen die Männer). Sie leiden unter einem Mangel an Gespräch (sagen die Frauen). Paare sollen ihre Probleme besprechen (sagen viele Therapeuten). Sie sollen nicht zu viel vom anderen erwarten (sagen die Freunde). Sie sollten realistisch sein. Treue ist angeblich unrealistisch und polyamore Beziehungsmodelle sind viel besser (sagen zahlreiche Medien). Na ja.

Wie Sie im nächsten Teil dieser Serie über die Feinde der Liebe erfahren werden, sind die heutigen Erklärungsversuche für eine schlechte Partnerschaft nicht wirklich besser, als es die altbackenen Ängste der konservativen Presse in den 70er- und 80er-Jahren waren. Viele Medien interessieren sich nicht ernsthaft für die Feinde der Liebe. Ihnen reicht eine möglichst einfache Erklärung, die dem Zeitgeist entspricht. Sie haben eine Meinung. Eine Ansicht. Dabei ist es auch heute noch erstaunlich einerlei, ob diese Ansicht einer genauen Überprüfung standhält oder nicht.

Erkenntnis Nummer zwei: Ansichten über das Scheitern und das Gelingen von Partnerschaften ändern sich im Verlauf der Jahrzehnte. Ernsthaft überprüft werden sie allerdings auch heute in der Regel nicht. Schade auch. Die Forschung hat uns eine Menge zu sagen.

Warum Partnerschaften scheitern

Versuchen wir es also mit einer ernsthaften Überprüfung. Einer gewissenhaften Überprüfung. Eine Liebe kann nur besser werden, wenn wir erkennen, was ihr schadet. Lernen wir also etwas über die Liebe und für die Liebe. Schauen wir mutig und voller Zuversicht – in den tiefen, tiefen Abgrund. Schauen wir genau hin, warum die Liebe scheitert.