Was für eine verquere Moral: Das Problem mancher Linker ist, dass sie Gewalt nicht grundsätzlich und immer für dumpf, blutlüstern oder sadistisch halten, sondern manchmal gerechtfertigt finden.

Politiker ist kein Beruf wie jeder andere. Deshalb haben Mitglieder der Bundesregierung und Ministerpräsidenten Personenschutz, deshalb genießen Abgeordnete Immunität, deshalb wird bei uns besonders streng bestraft, wer einen Amtsträger fälschlich einer Straftat bezichtigt; deshalb gab und gibt es Bannmeilen um Parlamente. Das Recht rechnet damit, dass Politiker angegriffen, verletzt, verleumdet oder genötigt werden können.

Wenn man bedenkt, wie wenig martialisch das Berliner Regierungsviertel gesichert ist, wie viele Besucher täglich ins Reichstagsgebäude kommen, wie viele Hausausweise für den Bundestag im Umlauf sind und wie ungeschützt Landräte und Bürgermeister durch ihre Städte spazieren, dann passiert eigentlich erstaunlich wenig Schlimmes. Spektakuläre Angriffe wie auf Oskar Lafontaine, Wolfgang Schäuble, Henriette Reker oder jetzt auf Frank Magnitz sind dunkle Ausnahmen. Eigentlich sind wir ein friedliches Land.

Es gibt aber stimmungsmäßige Unterströmungen, die neuerdings zur Sorge Anlass bieten. Polarisierung, Unversöhnlichkeit, verbale Exzesse, Lust am Missverständnis, moralisch überhöhte Empörungsorgien – und immer häufiger auch Gewalt gegen Sachen. Namentlich gegen Wohnhäuser, Wahlkreisbüros und Autos von Mandatsträgern aller Parteien. Plakate werden zerstört, Flyer des politischen Gegners „abgefackelt“, Veranstaltungen und Wahlkampfstände systematisch sabotiert.

Die AfD hat darunter gegenwärtig wohl besonders zu leiden. Spätestens seit der Attacke auf den Bremer AfD-Bundestagsabgeordneten müssen wir uns wieder fragen, ob es nicht doch einen – zwangsläufigen? – Weg von der Gewalt mit Worten über die Gewalt gegen Sachen bis hin zur Gewalt gegen Menschen gibt. So war es bei der Roten Armee Fraktion (RAF), die in den 70er- und 80er-Jahren das demokratische Deutschland terrorisierte.

Vermutlich wird niemand bestreiten, dass wir es heute einerseits mit linksextrem und andererseits mit rechtsextrem motivierter Gewalt zu tun haben. Als Linke, oder jedenfalls als Sozialdemokratin, möchte ich mich deshalb mit der von links wegen relativierten oder legitimierten Gewalt beschäftigen.

Zum einen, weil es eben ein AfD-Politiker war, der in der vergangenen Woche im Krankenhaus lag. Und zum anderen, weil das Anprangern von „Nazis“ intellektuell nicht so anspruchsvoll ist. Vielleicht findet sich ja ein politisch rechts stehender Autor, der etwas Ähnliches auch für seine Seite des Spektrums versucht.

Ich fange anekdotisch an, nämlich mit meinem linksliberalen, bürgerlichen Elternhaus, in dem ich ganz klipp und klar gelernt hatte, dass die Verbrechen der RAF nur eines waren: Verbrechen.

Als ich mich dann – und das waren immerhin schon die späten 80er-Jahre – an der Uni tummelte, bei den Jusos mitmachte und ganz seltsame Menschen vom MSB Spartakus, vom Sozialistischen Hochschulbund und noch obskureren Gruppen kennenlernte, wurde mir klar, dass es ein geistiges Universum gab, in dem meine Kinderwahrheiten nicht uneingeschränkt galten: ein Universum, in dem Hausbesetzungen gar kein Problem waren und der Terror („Widerstand“) gegen das „Schweinesystem“ doch manchen nachvollziehbar schien.

Es waren übrigens oft die coolsten und am besten aussehenden Jungs, die sich so äußerten. Ich habe die Kurve relativ schnell wieder gekriegt, aber eine Zeit lang, als ziemlich dumme 19-Jährige, habe ich mich durchaus bemüht, irgendwie auch Sympathien für Gewalttäter zu empfinden.

Es gab sie schon, die „klammheimliche Freude“, die der „Göttinger Mescalero“ 1977 in seinem Text zur Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback und seiner zwei Begleiter zum Ausdruck gebracht hatte. Sicher, das Zitat wurde von den „Rechten“ immer aus dem Kontext gerissen, der Autor hatte sich im weiteren Verlauf seiner Ausführungen von Gewaltanwendung distanziert. Aber, wow, die Formulierung „klammheimliche Freude“ im Zusammenhang mit der irrwitzig begründeten brutalen Hinrichtung dreier Menschen – das musste man erst einmal hinkriegen.

Das Problem mancher Linker ist, dass sie Gewalt nicht grundsätzlich und immer für dumpf, blutlüstern oder sadistisch halten, sondern sie manchmal gerechtfertigt finden: Es geht ja gegen die Bösen, gegen Faschisten, Imperialisten, Völkermörder, Nazis. Und man war ja tatsächlich auch selbst Opfer gewesen: Kommunisten, Anarchisten und Sozialdemokraten starben in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten.

Außerdem: Wer kann im Land des größten Menschheitsverbrechens ernsthaft dem Satz „Wehret den Anfängen“ widersprechen? Nur ist die AfD nach bisherigem Kenntnisstand keine Nachfolgepartei der NSDAP. Und während Tyrannenmord ein moralisches Gebot sein mag, ist es der Sprengstoffanschlag auf ein AfD-Wahlkreisbüro oder das Krankenhausreifschlagen eines Abgeordneten eben nicht.

An den vielen offiziellen Kommentaren zu dem Überfall auf Magnitz ist auffällig, dass offenbar kaum jemand zuallererst „Das ist ja schrecklich“ gesagt hat. Natürlich distanzieren sich alle Parteivorsitzenden völlig korrekt von Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung. Aber wenn es um ein AfD-Opfer geht, scheint das nicht ohne Qualifizierung zu funktionieren.

Die AfD sei ein politischer Gegner unserer friedlichen und toleranten Gesellschaft: Diesen Satz stellte Andrea Nahles ihren Überlegungen voran. Stimmt sicher mindestens in Teilen, möchte man ihr beipflichten, hätte nur vielleicht an dieser einen Stelle nicht der erste Gedanke sein müssen. Wer Hass streue, der ernte Hass, sagt die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock. Ist Magnitz also selbst schuld?

„Auch gegenüber der AfD gibt es keine Rechtfertigung für Gewalt“, schrieb Cem Özdemir, und man dachte: wirklich jetzt? Nicht einmal denen gegenüber? Zu dem Sprengstoffanschlag auf ein Wahlkreisbüro in Döbeln sagte der Landesvorsitzende der Sachsen-SPD: „Dieser Anschlag hilft der AfD und schadet der Demokratie.“ Der sichtlich erschütterte Landtagsabgeordnete, dessen Büro da in Trümmern lag, mag das etwas anders gesehen haben.

Dass anonyme Antifa-Aktivisten zum Fall Magnitz ein hämisches „Ups!“ posten, ist einerseits ein Beispiel für einen spezifischen linksextremen Kindergartenhumor, andererseits wieder die Mescalero-Mentalität: Es trifft ja keinen Falschen. Die „Spiegel“-Kolumnistin Margarete Stokowski schreibt, Widerstand gegen Rechtsradikale müsse radikal sein, anders gehe es nicht: „Die Nachrichten aus Chemnitz zeigen, dass Nazis in diesem Land zu wenig Angst haben.“

Was meint sie genau, wenn sie die „alte Bauernregel“ zitiert, Antifa bleibe „Handarbeit“? Die „Zeit“-Kolumnistin Mely Kiyak schreibt in ihrem Buch „Haltung“, wie mit Rechten umzugehen sei: „Ächtung wäre eine solche Konsequenz, zum Schweigen verdonnern, Demonstrationen sofort auflösen, sobald ein Regelverstoß stattfindet. Es gibt viele Möglichkeiten, den Ermessensspielraum der bestehenden Gesetzeslage so zu ihren Ungunsten anzuwenden, dass es nur so quietscht und kracht.“

Es ist einigermaßen schwer, sich vorzustellen, dass ähnliche Sätze über militante G-20-Gegner auf „Spiegel“- oder „Zeit“-Online-Seiten erscheinen würden. Und ein Landesinnenminister, der gegen Anti-Globalisierungs-Demonstranten vorgehen wollte, bis es „quietscht und kracht“, käme uns vermutlich merkwürdig rechts vor. Das sind doppelte moralische Standards.

Der Autor Harald Martenstein hat vor einer Linken gewarnt, die alles, „was nicht links ist und ihr nicht passt“ mit „Nazi“ gleichsetze. In manchen gesellschaftlichen Sphären tobt sich diese Mentalität schon aus: zum Beispiel an diversen politikwissenschaftlichen Hochschulinstituten, in denen als „rechts“ gestempelte Professoren drangsaliert, verfolgt und angegriffen werden – das öffentliche Entsetzen darüber hält sich in Grenzen.

Muss ich hier noch einmal erklären, dass ich die Rechten nicht mag und vieles, was sie tun, für falsch und gefährlich halte? Vielleicht zur Sicherheit. Und trotzdem glaube ich, dass nur der geduldige politische Streit mit ihnen Erfolg haben wird. Streit, nicht Doppelmoral.