Verunglimpfungen, Drohungen, Vandalismus: Eine Minderheit radikaler Studenten spielt sich an Unis als Gedankenpolizei auf und attackiert Professoren. Die Hochschulleitungen reagieren kaum. Herfried Münkler und zwei Kollegen erzählen, was sie erleben.

Kürzlich erschien ein Buch des Psychotherapeuten Stephan Grünewald. Es heißt: „Wie tickt Deutschland? Psychologie einer aufgewühlten Gesellschaft.“ Der Titel trifft die Stimmung im Land: Rechte und linke Ideologen werden lauter, Familien zerstreiten sich über politische Fragen, im Netz wird gehetzt und denunziert. Besonders rabiat geht es an den Universitäten zu. Eigentlich sollen die Hochschulen Labore des freien Geistes sein. Anstelle dessen toben Kämpfe um „politisch korrekte“ Lehrinhalte. Angst und Duckmäusertum machen sich breit.

Vor allem drei Professoren geraten immer wieder ins Visier studentischer Meinungsdiktatoren, werden verunglimpft, auch anonym bedroht: Herfried Münkler, Bestsellerautor und emeritierter Professor für Politikwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, sein Berliner Kollege Jörg Baberowski, Professor für die Geschichte Osteuropas, und Johannes Varwick, Lehrstuhlinhaber für Internationale Beziehungen und Europäische Politik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Münkler, Baberowski und Varwick sind unterschiedliche Persönlichkeiten. In einem stimmen sie allerdings überein: Bei den Studenten, die sich an den Hochschulen als Gedankenpolizisten aufspielten, handele es sich um eine kleine, meist linksradikale Minderheit. Die Mehrheit der Studierenden sei mit den Professoren zufrieden. „Aber die große Masse, die nicht organisiert ist, ist immer schwächer als eine entschlossene Gruppe“, sagt Baberowski.

Herfried Münkler: Radikale verwüsteten sein Büro

Indes: War das nicht auch schon bei den Studentenunruhen von 1968 so? Haben die heutigen Attacken eine neue Qualität? „Der Unterschied zwischen 1968 und heute besteht darin, dass die Achtundsechziger-Studenten um jeden Preis diskutieren wollten“, sagt Herfried Münkler. „Heute schlagen die radikalen Studenten aus der Anonymität des Internets zu. Sie versuchen, Reputationen zu zerstören, Leute mundtot zu machen – und sie verweigern sich jeder Diskussion.“

Bei Münkler, einem der bedeutendsten deutschen Politikwissenschaftler und bekennenden Sozialdemokraten, begann das Theater um die politisch korrekte Lehre im Sommersemester 2014, aufgehängt an seiner Einführungsveranstaltung in die politische Theorie und Ideengeschichte.

Studentische Aktivisten bemängelten, der Professor beschäftige sich zu wenig mit ideengeschichtlich bedeutenden Frauen. Schnell stand der Vorwurf des Sexismus im Raum. Überdies berücksichtige Münkler auch zu wenige außereuropäische Autoren, so die Kritik – ein Beleg für seine eurozentristische, imperialistische Einstellung.

Münkler war dialogbereit. Er verwies darauf, dass es vor dem 20. Jahrhundert nur wenige Philosophinnen und Politikerinnen gegeben habe. Außereuropäische Theoretiker ließen sich sicherlich finden, so Münkler damals, dann allerdings müsse die Einführungsvorlesung im Interesse der Vollständigkeit von einem auf zwei Semester ausgedehnt werden. Das wiederum wollten die Studenten mehrheitlich nicht.

In einem Blog („Münkler-Watch“) überwachten fortan anonyme Rezensenten seine Vorlesung und suchten in stets anklagendem Ton nach Belegen für „Sexismus“, „Rassismus“ und „Imperialismus“. Das sei durchaus belastend gewesen, erzählt er heute. Frei und vor allem humorvoll könne man unter diesen Bedingungen keine Vorlesung halten.

Eine bedrohlich wirkende Schmiererei

Als im Wintersemester 2016/2017 das Institut für Sozialwissenschaften wochenlang von Linksradikalen besetzt wurde – Münkler war zu dieser Zeit in einem Forschungsfreisemester –, entlud sich der Furor in Vandalismus und Gewaltandrohungen. Türen, Wände und Teeküche seines Lehrstuhls wurden mit Parolen beschmiert. Gesprühte Blutspritzer und die Silhouetten von Hingemeuchelten wirkten bedrohlich und sollten es auch sein.

Johannes Varwick: Als Militarist verleumdet

Von ähnlich unerfreulichen Vorgängen berichtet Johannes Varwick in Halle. Schon vor seiner Berufung zum Sommersemester 2013 hatten die Studentenvertreter in den Gremien der Hochschule gegen ihn Stimmung gemacht: Sie wollten keinen Professor dulden, der sich mit Sicherheitspolitik beschäftigt. Als er, frisch berufen, auch noch riskierte, zu einer Veranstaltung einen ehemaligen Drei-Sterne-General einzuladen, stand das Urteil seiner Gegner endgültig fest: Varwick sei Militarist.

Nach Berliner Vorbild wurde ein anonymer „Varwick-Watch“-Blog eingerichtet, auf dem seither seine vermeintlichen Verstöße gegen die politische Korrektheit angeprangert werden. Die Aktivisten plakatierten außerdem sein Bild in der ganzen Stadt – als Fotomontage mit Pickelhaube.

Wie Münkler scheiterte auch Varwick mit verschiedenen Gesprächsangeboten. Gern hätte er seine Position den Gremien der Universität vorgetragen. Der Wille dort war dafür nicht vorhanden. Auch die radikalen Studenten drückten sich vor der offenen Debatte. Aus Furcht, den Professoren nicht gewachsen zu sein, oder davor, bei der Notenvergabe benachteiligt zu werden.

Im Unterschied zur Studentenbewegung der 68er scheint sich in der heutigen Protestgeneration wenig Mannes- oder Frauenmut zu finden. Den Schaden haben die Mehrheit ihrer Kommilitonen und die verfemten Professoren: „Wenn man erst einmal das Etikett ‚böser Militarist‘ trägt, macht das die Berufsausübung schwierig“, sagt Varwick. „In einer solchen Stimmung ist es nicht leicht, Mittel für neue Forschungsprojekte zu akquirieren.“

Jörg Baberowski: Gegner reisen ihm hinterher

Der Historiker Jörg Baberowski, den diverse Linke wegen seiner Forschung über den Stalinismus verabscheuen, wird seit Jahren von einer kleinen, aber anscheinend gut finanzierten trotzkistischen Splittergruppe terrorisiert. Die Genossen der Vierten Internationale agitieren gegen ihn, verunglimpfen ihn im Netz, reisen ihm durch die Republik hinterher und machen Fotos in seinen Veranstaltungen. Sie wiegeln Studentenvertreter an anderen Universitäten auf.

Unglücklicherweise urteilte ein Gericht, der AStA der Universität Bremen dürfe Baberowski auf einem Flugblatt als „rechtsradikal“ bezeichnen. Der Begriff mag durch die Meinungsfreiheit einer radikalen Minderheit gedeckt sein, wie die Richter argumentierten, dennoch ist er als Etikett für einen seriösen Wissenschaftler verhängnisvoll. Baberowski teilt den Eindruck seiner Kollegen: Mutig seien seine Gegner nicht. In seinen Vorlesungen würden sie sich nie offen äußern. Es dominiere das Heckenschützentum.

So auch bei der Einrichtung eines „Zentrums für vergleichende Diktaturforschung“, das Baberowski zusammen mit Kollegen aus der juristischen Fakultät beantragt hat. Es soll Wissenschaftler fördern, die sich zum Beispiel mit der Frage befassen, unter welchen Umständen Demokratien sich schleichend – und mit der Zustimmung der Wähler – in Diktaturen verwandeln.

In Zeiten von Trump, Putin und Erdogan ein hochaktuelles Thema. Doch die Humboldt-Universität zagt und zaudert. Vor Kurzem kam es zur Weitergabe vertraulicher wissenschaftlicher Gutachten an die Berliner „Tageszeitung“. Sie nutzte das Material für einen hämischen Bericht gegen Baberowskis Vorhaben.

Es ist immer die gleiche Strategie, und es geht stets um dasselbe Ziel: die Vertreter missliebiger Positionen zum Schweigen zu bringen. Mit dem herrschaftsfreien Diskurs, den der linksliberale Philosoph Jürgen Habermas schon seit 1968 einfordert, hat das alles nichts zu tun. Auch nicht mit dem Austausch wissenschaftlicher Argumente in einer geistig freien Atmosphäre. Das aber ist die Kernaufgabe der Universität.

„Eine Lizenz zur Feigheit“

Schon aus diesem Grund müssten sich die Hochschulleitungen mit Verve vor ihre angegriffenen Kollegen stellen, müssten die Kampagnen zu unterbinden suchen und die Maßregelung der verdeckten Hetzer betreiben. Doch das geschieht nicht. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen erfuhren die drei Professoren kaum Solidarität von ihren Kollegen.

„Der deutsche Professorentitel ist eine Lizenz zur Feigheit“, sagt Herfried Münkler. „Alle haben Angst, selbst in die Kritik zu geraten. Die meisten liegen so flach in der Ackerfurche, dass man nicht einmal die Ohren sieht.“ Andererseits sei es für ihn vielleicht auch besser gewesen, sich ohne Rücksicht auf die Universitätsleitung wehren zu können: „So war meine Gelenkigkeit größer.“

Baberowski berichtet, dass inzwischen nicht einmal mehr seine E-Mails an die Präsidentin der Humboldt-Universität beantwortet würden. Auch Varwick erfährt keinerlei Unterstützung von seinem Rektorat. Bei jüngsten Bleibeverhandlungen – er hatte ein Angebot anderswo – wurde ihm bedeutet, „die“ Studenten wären froh, wenn er ginge. Sie würden seine Seminare meiden. Und seine Veröffentlichungen seien ja auch eher „populärwissenschaftlich“.

Nichts davon stimmt. Varwicks Veranstaltungen sind voll, seine beiden jüngsten Bücher (zu den Vereinten Nationen und zur Nato) sind auch für Laien lesbar, aber wissenschaftlich untadelig.

Der Schluss daraus: Von den anonymen Verunglimpfungen bleibt immer etwas hängen. Und es ist interessant, dass ausgerechnet Studenten, die sich selbst die öffentliche Debatte mit den von ihnen kritisierten Professoren nicht zutrauen, so dreist deren wissenschaftliche Kompetenz infrage stellen.

Auf „Münkler-Watch“ prangern sie Münklers Talkshow-Auftritte an, bei Varwick sind es die „populärwissenschaftlichen“ Arbeiten, bei Baberowski warf man Schlagworte wie „umstrittener Gewaltforscher“ und „Kritiker der Flüchtlingspolitik“ in den Ring. Für manche Milieus ist dann alles klar.

Es fehlt das Verständnis, dass kantige, profilierte Persönlichkeiten auch das universitäre Leben bereichern und dafür auch Angriffsfläche bieten. „Professoren haben gegenwärtig nicht mehr die Vorstellung, dass sie durch die besseren Argumente Reputation erlangen“, sagt Münkler. Reputation erwerbe man heute vielmehr über die Einwerbung von Drittmitteln. Und genau dabei, da sind sich Varwick, Baberowski und Münkler einig, sei eine klare Position eher ein Risiko.

Das führe zu einer Veränderung der Sozialwissenschaften: Große Fragen würden immer seltener gestellt, dafür Nischenprobleme mit gewaltigem methodischen Aufwand untersucht. Die Universitäts-Funktionäre, die sich aus der Nischen-Professorenschaft rekrutieren, sind dementsprechend selten ausgesprochene Charakterköpfe.

Ein großes Problem liegt aber auch bei den Studenten der Geistes- und Sozialwissenschaften: Wenn heute über 50 Prozent eines Jahrgangs ein Studium beginnen, können nicht alle jungen Leute mit Leidenschaft für ihr Fach brennen. Wer nur aus Ratlosigkeit in diese Fächer gelangt, kämpft mutmaßlich weder gegen die Behinderung des Lehrbetriebs durch radikale Minderheiten noch gegen die Vergiftung des intellektuellen Klimas.

Wenn die Studierenden künftiger Tage also nicht nur stromlinienförmiges Nischenwissen, haltungslose Hochschullehrer und ein enges, dogmatische Diskursklima erleben wollen, dann müssen sie sich politisieren, um die Universität zu retten. Nicht links, nicht rechts, sondern demokratisch und klug.