Die Aufregung über das neue Rammstein-Video ist groß: Eine Zumutung, Öl ins Feuer des Rechtspopulismus, Verharmlosung des Holocaust. Wer sich das Video mehrfach ansieht, entdeckt etwas ganz anderes.

Rammstein! Wie das schon klingt! Wie Werwolf, Volkssturm, Sturmtrupp, Blitzkrieg, Endsieg. Eine Rockband, die sich so nennt, muss doch einen an der Klatsche haben. Reicht es denn nicht, dass Heino „Schwarz-braun ist die Haselnuss“ singt? Und dann machen diese Deutschrocker noch ein Video mit dem Titel „Deutschland“ und stellen es ins Netz, als Werbung für ein neues Album, das demnächst erscheint.

Das Video ist neun Minuten und 22 Sekunden lang. Die ersten sechs Minuten und 25 Sekunden sind ein Amoklauf durch die deutsche Geschichte, von der Varusschlacht bis heute, eine Gewaltorgie wie von Sam Peckinpah in Szene gesetzt. In einer Szene tritt die Band in einem KZ-Szenario auf, mit Judensternen. Die restlichen knapp drei Minuten, der Nachspann, ein ruhiges, aber kräftiges Klaviersolo in Moll, in dem die vorausgegangenen Szenen optisch kurz rekapituliert werden. Nach dem ersten Anschauen des Videos ist man geschockt, entsetzt und angewidert. Wenn der Clip eine Kassette wäre, würde man jetzt auf ihr herumtrampeln.

Was für eine Zumutung. Wasser auf die Mühlen der Deutschnationalen, Öl ins Feuer des Rechtspopulismus. Dann aber will, nein: muss man sich das Video noch einmal ansehen, und plötzlich sieht man, was man beim ersten Ansehen übersehen hat.

Ja, es geht um Gewalt, aber nicht um eine heroische Gewalt, die dem Guten zum Sieg verhelfen will, sondern um den Fluch der bösen Tat, die fortzeugend immer Böses gebären muss. Und erst beim dritten, empörungsfreien Ansehen wird einem klar, womit man es zu tun hat: Einem provokatorischen Meisterwerk im Dienst der Aufklärung.

Ein nationales „Missing Link“

Ganze Bibliotheken sind über die Frage geschrieben worden, warum „die Deutschen“ so sind, wie sie sind, und weswegen sie den Kampf gegen sich selbst immer wieder verlieren, mal auf dem Schlachtfeld und mal bei dem Versuch, der Welt ein Vorbild zu sein. Man soll Künstlern nicht zu viel unterstellen, am besten gar nichts, aber dieses Video könnte das „Missing Link“ sein zwischen „Mein Kampf“ und der „Unfähigkeit zu trauern“. Der Größenwahn auf der einen und die ewige Unschuld auf der anderen Seite sind nahe Verwandte.

Und es scheint, als wüssten die Rammsteins genau, welche Knöpfe sie drücken müssten, um Reaktionen abzurufen, die ihrerseits beweisen, dass das Land unheilbar gesund ist. „Deutschland – mein Herz in Flammen / Will dich lieben und verdammen / Deutschland – dein Atem kalt / So jung und doch so alt / Deutschland!“ heißt es im Refrain.

Musik wie ein kleiner Gruß aus einer Küche, in der es nach Tod und Verwesung riecht: Rammstein

Und schon melden sich die üblichen Bedenkenträger zu Wort und bringen Einwände vor. Die ehemalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, sagt, mit diesem Video habe die Band „eine Grenze überschritten“. Es sei „frivol und abstoßend“, wie Rammstein „das Leid und die Ermordung von Millionen zu Entertainmentzwecken missbraucht“; der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sieht ebenfalls eine „rote Linie“ überschritten und kritisiert „eine „geschmacklose Ausnutzung der Kunstfreiheit“. Während Alexander Graf Lambsdorff von der FDP es immerhin für möglich hält, dass Rammstein „einen Beitrag zur Aufarbeitung des Holocaust“ leisten möchte.

Moralisten haben das Video nicht verstanden

Man kann von einer Gesellschaft, die es hinnimmt, dass Bushido einen Preis für Integration bekommt und der Bundespräsident einen Kranz am Grab eines Massenmörders ablegt, nicht allzu viel moralische Kompetenz erwarten; im vorliegenden Fall wird man den schäumenden Moralisten wohl zugute halten müssen, dass sie das Video entweder nicht gesehen oder nicht verstanden haben.

„Geschmacklos“ kann auch etwas Positives sein – wenn das Essen aus einer Küche kommt, in der es nach Tod und Verwesung riecht.