Frankreichs Präsident Emmanuel Macron war mit großen Zielen gestartet. Doch die Krise offenbart: Um den Nachbarn und größten Euro-Partner muss man sich Sorgen machen. Das zeigen gleich mehrere Charts.

Pierre Moscovici ist dafür bekannt, beim Schuldensünder Italien besonders streng vorzugehen. In den vergangenen Wochen verpasste der EU-Wirtschaftskommissar keine Gelegenheit, Rom daran zu erinnern, die Defizitregeln einzuhalten. Doch jetzt könnte der frühere französische Finanzminister in Verlegenheit kommen, sein eigenes Heimatland maßregeln zu müssen.

Grund sind die weitreichenden Zusagen von Frankreichs Staatspräsidenten Emmanuel Macron nach den Protesten der Gelbwesten im eigenen Land. Um die Krawalle der Protestler zu beenden, hatte Macron unter anderem versprochen, Rentner zu entlasten und den im Vergleich zu anderen Ländern ohnehin üppigen Mindestlohn in Frankreich weiter anzuheben. Die neuen Zugeständnisse dürften den Staat bis zu zehn Milliarden Euro kosten.

In der Folge könnte Frankreich im kommenden Jahr die EU-Defizitvorgabe von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bei der Neuverschuldung reißen. Bisher rechnete die Regierung für das kommende Jahr mit einer Neuverschuldung von 2,8 Prozent der Wirtschaftsleistung. Während sich Brüssel auf das erwartete Defizit von 2,4 Prozent stürzte, das die Italiener in die EU-Metropole gemeldet hatten, blieb es um den französischen Haushaltsentwurf still.

Auf mögliche Kritik aus Brüssel oder Berlin hat die französische Regierung schon jetzt eine Antwort parat. Ein „stabiles Frankreich“ sei „im Interesse Europas“, sagte Parlamentspräsident Richard Ferrand, der als enger Vertrauter Macrons gilt, nach Bekanntwerden der neuen Pläne aus dem Élysée-Palast.

Dabei hatte Macron der EU ursprünglich zugesagt, das französische Defizit wieder dauerhaft unter die Drei-Prozent-Grenze zu führen. Im vergangenen Jahr war das erstmals gelungen. Die Europäische Union hatte das Land daraufhin aus dem seit neun Jahren laufenden Strafverfahren entlassen. Doch wie es wirklich um die Grande Nation steht, zeigt eine Analyse ihrer wichtigsten Kennzahlen.

1.

Defizit-Regel meistens gerissen

Frankreich gehört zu den fiskalischen Seriensündern der Euro-Zone. Seit der Einführung der Gemeinschaftswährung hat das Land insgesamt 13 Mal gegen die Drei-Prozent-Regel verstoßen. Das Land spielte zu Beginn der 2000er-Jahre eine unrühmliche Rolle, als es zusammen mit Deutschland den blauen Brief aus Brüssel verhinderte, der als Vorstufe zur Eröffnung eines Defizitverfahrens gilt.

Dass beide Länder sich damals eine Sonderbehandlung herausnahmen, gilt in der Schuldengeschichte der Euro-Zone als Sündenfall. Nachdem die beiden größten Euro-Ökonomien ungesühnt gegen den Maastrichter Vertrag verstoßen hatten, fühlte sich niemand mehr so wirklich an die Regeln gebunden.

2.

Wachsende Schulden-Kluft

Dabei gehörte Frankreich keineswegs immer zu den Schuldensündern. Bis zum Jahr 2001 gelang es dem Land, im Gleichschritt mit Deutschland die eigene Schuldenquote auf unter 60 Prozent des BIP zu bringen – und damit unter jene Schwelle, die laut Maastricht-Vertrag für die Länder des Euro vorgesehen ist.

Doch die Disziplin währte nicht lange. Schon kurz darauf stieg die Staatsverschuldung in beiden Ländern wieder. Die Finanzkrise, die sich 2007 bereits anbahnte und 2008 voll ausbrach, beschleunigte das Tempo des Schuldenmachens noch, weil beide Länder mit umfangreichen Konjunktur- und Bankenrettungsprogrammen versuchten, das Schlimmste zu verhindern. Im Jahr 2010 erreichte die deutsche Staatsverschuldung fast 81 Prozent des BIP. Die französische Schuldenquote lag damals bei knapp 85 Prozent.

Doch anschließend trennten sich die Wege. Während der deutsche Schuldenstand seit 2012 kontinuierlich sinkt und in diesem Jahr erstmals seit 16 Jahren wieder unter die Maastricht-Grenze fallen dürfte, ging es in Frankreich weiter nach oben. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet damit, dass die deutsche Schuldenquote bis zum Jahr 2023 auf 44,5 Prozent sinken wird, wohingegen Frankreichs Quote in den kommenden fünf Jahren bei über 90 Prozent verharrt.

3.

Die Risikoaufschläge steigen

Auch in den Augen der Investoren hat der französische Präsident seinen Nimbus als kraftvoller Reformer verloren. Die Anleger fürchten sich vor steigenden Defiziten und sogar einer möglichen Rückstufung durch die Ratingagenturen. Noch genießen die Franzosen mit „AA“ die dritthöchste Bonitätsnote.

Sollten die Ratingagenturen das Gefühl bekommen, dass die Schuldenquote auch wegen der populistischen Proteste über 100 Prozent steigt, könnte es rasch zum Downgrade kommen. Sichtbar wird die Nervosität der Investoren an den steigenden Risikoaufschlägen. Für zehnjährige Staatsanleihen muss Paris inzwischen 0,47 Prozentpunkte mehr zahlen als Berlin. Der Aufschlag ist so hoch wie seit April 2017 nicht mehr.

4.

50 Prozent der Wirtschaft ist Psychologie

Nicht nur an den Finanzmärkten, auch in der realen Wirtschaft schwindet die Magie des französischen Präsidenten Macron. Reagierten Unternehmen und auch Verbraucher euphorisch auf den Start des jugendlichen Präsidenten, ist die Stimmung komplett gekippt. Das Verbrauchervertrauen ist zuletzt auf den tiefsten Stand seit Februar 2015 gefallen. Und auch das Zutrauen der Wirtschaft liegt unter jenem Stand, als der Präsident schwungvoll startete.

Da Wirtschaft zu 50 Prozent aus Psychologie besteht, sind das keine guten Aussichten für das Wirtschaftswachstum. Vor allem die Arbeitsmarktreformen waren eines der wichtigsten Vorhaben des neuen Präsidenten. Doch die Ergebnisse sind bisher dürftig. Inzwischen liegt die Arbeitslosenquote in Frankreich mit 9,1 Prozent weit über dem Durchschnitt der gesamten Euro-Zone. Macron schaffte es zwar, die Zahl der Arbeitslosen von 3,5 auf 3,4 Millionen zu senken. Gleichzeitig ist die Zahl der unfreiwillig Teilzeitbeschäftigten von 2,1 auf 2,2 Millionen gestiegen.