Das Wort „bunt“ stand früher für Chaos und Ungereimtheit. Bunt wollte früher niemand sein. Heute gilt Buntheit als Ausweis von Liberalität und Diversität. Aber spöttische Skepsis gegenüber dem quasireligiösen Buntheitsdogma sollte man sich bewahren.

Das Flaggschiff der Hanse, das Klaus Störtebeker jagte, fing und zu seiner Hinrichtung nach Hamburg brachte, hieß „Bunte Kuh“. Die Hanse war ein frühkapitalistischer Städtebund mit monopolistischen Ansprüchen im Nord- und Ostseeraum. Man darf sie sich ein bisschen wie das Imperium in „Star Wars“ vorstellen. Die „Bunte Kuh“ wurde gewissermaßen als Todestern, gegen das unruhige, aus Opfern der großen Wirtschaftskrise des späten 14. Jahrhunderts rekrutierte Piratengesindel ausgesandt.

Damals war das Adjektiv bunt im Namen eines teuren und schwer bewaffneten Instruments zur Durchsetzung von Ordnungsvorstellungen eines militärisch-ökonomischen Komplexes dem Zufall geschuldet – das Schiff wurde in Flandern gebaut und getauft und bei der Hanse waren Schiffsnamen noch längst kein ideologisches Programm. Außerdem wäre kein Pfeffersack auf die Idee gekommen, ein buntes Gemeinwesen sei etwas Erstrebenswertes.

Das Adjektiv bunt hatte viele Jahrhunderte, wenn man es sozialmetaphorisch gebrauchte, einen unguten Klang: Kein Etablierter wollte als bunter Vogel gelten. Niemand mochte über sein Verhalten hören: Das wird mir zu bunt. Der Volkskundler Lutz Röhrich fasst die alte Einstellung so zusammen: „In diesen Redewendungen drückt sich das Missbehagen des Volkes vor allzu vielfarbigem, Buntscheckigem aus. Bunt bezeichnet darin das ungeordnete, wirre Vielerlei. Deshalb haben auch die vergleichenden Redensarten bunt wie ein Pfau, wie ein Papagei, bunt wie ein Osterei, bekannt wie ein bunter Hund oft abschätzige Nebenbedeutung.“

Buntheit als staatliches Dogma

Seitdem hat bunt als gesellschaftliches Attribut eine gewaltige Aufwertung erfahren. Längst ist Buntheit ein staatliches Dogma. Deutschland, so sehen es die Politiker bis weit in die CDU hinein, soll die bunteste aller Kühe sein. Das weiße alte Land ist unter den Nationen das, was der weiße alte Mann unter den Geschlechtern ist: Verkörperung des unerwünschten Gestern.

Als Peter Tauber sich im Februar dieses Jahr als Generalsekretär seiner Partei zurückzog, hisste er die bunte Fahne des Propheten und mahnte, die CDU müsste „jünger, weiblicher und bunter“ werden. Deutlicher wurde er nicht. Meinte er bunt wie der christdemokratische Stadtverband Herborn, der sich mit dem Slogan „So bunt wie das Leben“ anpreist? Oder bunt wie die ziemlich linken lokalen Bündnisse, die unter Namen wie „Bunt statt braun“ oder „Bunt statt blau“ gegen Nazis mobilmachen?

Diese Verbuntung der CDU und des von ihr gelenkten Landes hätten sich die Grüppchen nicht träumen lassen, die um 1980 als Bunte Liste in westdeutsche Parlamente und Stadträte einzogen. Bei ihnen war das bunt im Namen Ausdruck einer sich freundlich gebärdenden Anarchie und großer Staatsferne. Sie wollten damit demonstrieren, dass sie im Gegensatz zu den Grünen nicht monothematisch für Umweltpolitik standen – sondern auch für Antirassismus und frühe Formen der sexuellen Identitätspolitik.

Am Ende des Jahrzehnts war das Wort dann schon sehr Mainstream, dass Udo Lindenberg in einem Lied die „Bunte Republik Deutschland“ ausrufen konnte. Darin hieß er schon „Italdieser, Italjener“, „Afrikaner, Africooler“, „ganze Jumbos voller Eskimos“ und allerlei andere Migranten willkommen. Der Refrain nahm 1989 in geradezu gespenstischer Prophetie Szenen aus dem Flüchtlingsherbst des Jahre 2015 vorweg: „Wir steh’n am Bahnsteig und begrüßen jeden Zug, denn graue deutsche Mäuse, die haben wir schon genug.“

Wenn bunt knapp 30 Jahre später ebenso wie das zum gleichen Sinnbezirk gehörende Vielfalt zur allgegenwärtigen etwas abgegrabbelten Diskurskopeke des politischen Geredes geworden ist, auf die selbst die grauesten Mäuse, Mäusinnen, Mäuseriche und Mäuserx aus allen staatstragenden Lagern schwören, dann hat das mit dem Aufstieg des Begriffs Diversity bzw. seiner Eindeutschung Diversität zu tun. Vielfalt und bunt sind gewissermaßen die kindgerechten Umschreibungen dieses etwas sperrigen aus der amerikanischen Soziologie importierten Ausdrucks.

Für alle, die in den letzten 20 Jahren im Gemeinschaftskundeunterricht geschlafen haben, sei hier zitiert, wie die Antidiskriminierungsstelle des Bundes Diversity definiert: „Diversity bedeutet soziale Vielfalt. Menschen sind einzigartig, verschieden und doch gleich. Alter, Geschlecht, Religion, ethnische Herkunft gehören zu den sogenannten ,Diversity Dimensionen‘, ebenso wie sexuelle Identität, Kultur, Gesundheit/Krankheit, familiäre Lebenssituation oder ökonomischer Status.“

Das klingt erstmals gut. Dass beispielsweise arme lesbische alte kranke schwarze Frauen die gleichen Menschenrechte wie reiche heterosexuelle junge gesunde weiße Männer haben, war in diesem Land ja nicht immer selbstverständlich.

Doch der Begriff hat seine Tücken. In dem Maße, in dem Diversität zum Ideal oder gar zum verpflichtenden Leitbild wurde, wuchs das Unbehagen an allem, was nach Gleichheit im alten etwas langweiligen Sinne klang. Der Satz „Alle Menschen sind gleich erschaffen“ aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776, einem der Gründungsdokumente der republikanisch-demokratischen Periode der Weltgeschichte, klingt für den heutigen Hyperindividualisten ja nicht mehr wie eine Verheißung, sondern wie eine Drohung.

Ihm wurde von Kind an eingeredet, er sei etwas Besonderes. Die Vorstellung, er könnte so sein wie Millionen andere auch, ist ihm ein Gräuel. Er will zu einer möglichst kleinen Sondergruppe gehören, am liebsten einzigartig sein. 60 Facebook-Geschlechter sind nur der sichtbarste Teil des Strebens nach totaler Identitätsfragmentierung.

Dabei hat der Diversitätsstreber aber klare ausgrenzende Vorstellungen, welche Farben innerhalb der bunten Republik zugelassen sind. Braun und blau – wir sahen es schon an den Namen der antifaschistischen Bündnisse – gehören nicht dazu, obwohl blau ja immerhin Teil der Regenbogenskala ist, die oft als Symbol diverser bunter Bündnisse genutzt wird.

Das Lodengrün traditioneller Volkstümlichkeit wird auch misstrauisch beäugt. Weiß ist ebenfalls problematisch. Schwarz nur als Hautfarbe akzeptiert. Die Bunten neigen zum Totalitarismus wie die alten politischen Farbträger. Wer bunt ist, bestimmen sie, und bei allen anderen entsichern sie ihren Empörungs-Account.

Das liegt auch daran, dass Diversität eine biologische Metapher ist, die auf den Bereich des Gesellschaftlichen übertragen wurde. Und wenn so etwas geschieht, wird es immer gefährlich – nicht nur, wenn von Parasiten die Rede ist, die den Organismus des Staates krank machen.

Aus der Biologie wurde die Vorstellung importiert, dass Diversität grundsätzlich etwas Positives sei. Bunte Gesellschaften mit möglichst großer Vielfalt, so der Glaube, seien nicht nur moralischer, sondern auch erfolgreicher. So wie Biodiversität und genetische Vielfalt den Fortbestand natürlicher Lebensräume sichere, fördere größtmögliche gesellschaftliche Buntheit den ökonomischen und kulturellen Erfolg eines Staates.

Diese Sichtweise ignoriert, dass es sehr erfolgreiche Gesellschaften gab, deren Ideal größtmögliche Homogenität war. Das alte Ägypten, Sparta, die römische Republik oder die chinesische und japanische Zivilisation sind nur ein paar Beispiele. Das gesamte christliche Mittelalter kam sehr gut ohne unsere moderne Individualität aus. Andere Imperien sind an nicht mehr zu bewältigender Vielfalt zu Grunde gegangen wie das römische Kaiserreich oder Österreich-Ungarn.

Man muss deshalb nicht gleich das Ende unserer Welt in spätrömischer Dekadenz befürchten, nur weil jede geschlechtliche oder ethnische Sondergruppe heute Ansprüche auf vegane Extrawürste erhebt. Aber spöttische Skepsis gegenüber dem quasireligiösen Buntheitsdogma sollte man sich bewahren. Wenn alle sich einzigartige Identitäten konstruieren, ist Freiheit die Einsicht in die eigene Dutzendmenschlichkeit. Dann darf man sagen: Ich bin stolz darauf, nichts Besonderes zu sein.