Feministinnen werten fast jede Ungleichheit zwischen den Geschlechtern als Ungerechtigkeit, als Ausweis von Diskriminierung. Doch diese schlichte Weltsicht ignoriert, dass Frauen anders sind als Männer. Und das hat mit Biologie zu tun.

Sie müssen einfach empörter sein! Das hat mein Pressesprecher mir als Ministerin vor jedem Weltfrauentag eingeschärft. Ich bin daran kläglich gescheitert. Die Disziplin „Empört sein“ ist einfach nicht meine Kernkompetenz.

Vor ein paar Tagen, beim „Frauenkampftag“, wie der 8. März auch genannt wird, konnte ich wieder beobachten, wie man das macht. Lautstark wurden „gläserne Decken“ und „verkrustete Rollenklischees“ beklagt, die Frauen am schönen Leben hindern.Aufrechterhalten würden diese „patriarchalischen Strukturen“ von „alten weißen Männern“, die solch hinterhältige Taktiken anwenden wie „Mansplaining“ (ein Mann belehrt eine Frau, um damit Machtasymmetrien zwischen den Geschlechtern zu reproduzieren ). Oder „Mantertaining“ (ein Mann erzählt langatmig schlechte Witze, um Frauen zum Zuhören zu zwingen). Oder „Manspreading“ (ein Mann sitzt breitbeinig da, um sich so mehr öffentlichen Raum zu nehmen).

Ich fand dieses Narrativ immer grotesk. Frauen sollen einerseits alle so unglaublich klug, stark und tough sein, andererseits aber auch ständig in irgendwelche Fallen tappen und von ominösen Strukturen von irgendetwas ferngehalten werden. Das hat mich auch als Bundesfrauenministerin nie überzeugt. Wer Frauen und ihre Entscheidungen ernst nimmt, dem schlage ich eine andere Story vor.

Was soll dieses überbordende Denken in Geschlechterkollektiven?

Natürlich ist es für das eigene Leben bedeutend, ob man Frau oder Mann ist. Aber heißt das auch, dass Angehörige eines Geschlechts immer zusammenhalten – oder zumindest zusammenhalten sollten? Chefs fördern nach dem Ähnlichkeitsprinzip gerne Typen wie sie selbst, heißt es. Das mag sein.

Aber ist Geschlecht dabei wirklich die alles entscheidende Kategorie? Wird sich der männliche Chef, Jurist und mit bildungsbürgerlichem Hintergrund, nicht der Juristin mit Latinum näher fühlen als dem Ingenieur aus kleinen Verhältnissen? Sind nicht Herkunft, Familienstand und Weltanschauung genauso wichtig, um Gemeinsamkeiten herzustellen?

Und Weltanschauung hängt nicht am Geschlecht: Es gibt – außer vielleicht ein paar Bedürfnissen, die aus der Tatsache resultieren, dass eine Frau prinzipiell schwanger werden und zumindest leichter als Männer vergewaltigt werden kann – keine objektiven Interessen, die Frauen qua ihres Geschlechtes haben. Genau dieses Interesse unterstellt der Weltfrauentag und erinnert mich dabei immer an den Versuch, eine „proletarische Klasse“ zu statuieren, ebenfalls mit angeblich objektiven Klasseninteressen.

Das hat schon im real existierenden Sozialismus nicht wirklich überzeugt. Und auch die 68er, die für den revolutionären Kampf Flugblätter vor den Werkstoren von Opel verteilten, mussten voller Verdruss feststellen, dass die meisten Proletarier sich partout nicht aus ihren ausbeuterischen Klassenverhältnissen befreien lassen wollten. Aus marxistischer Sicht blieb da nur die bittere Erkenntnis: Die Arbeiter hatten eben das falsche Bewusstsein.

Auch die meisten Frauen haben aus feministischer Perspektive das falsche Bewusstsein. Sie wählen das falsche Studienfach, den falschen Ehemann und die falsche Steuerklasse. Und nach der Geburt des ersten Kindes begehen sie dann die entscheidende Sünde: Sie scheiden eine Zeit lang ganz aus dem Beruf aus, länger als ihr Mann, und kehren danach sehr oft in Teilzeit zurück. Meine These dazu lautet:

Frauen haben andere Präferenzen als Männer und das hat auch mit Biologie zu tun

Frauen wählen andere Ausbildungen und Berufe, Frauen bevorzugen Männer, die sozial nicht unter ihnen stehen, und Frauen sind bereit, berufliche Abstriche zu machen, um mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Natürlich nicht alle Frauen. Aber bei 1000 zufällig ausgewählten Männern und 1000 zufällig ausgewählten Frauen werden sich diese Tendenzen sehr klar zeigen. Und zwar kulturübergreifend. Und es gibt sogar Hinweise, dass dieses unterschiedliche Verhalten der Geschlechter gerade in besonders freien Ländern umso ausgeprägter ist.

Sind das die patriarchalischen Strukturen, die weltweit eine solche Durchschlagskraft entfalten? Oder könnte nicht doch die Biologie zumindest eine kleine Rolle spielen? Ich weiß, dass in Zeiten, in denen angeblich jeder sein Geschlecht selbst wählt, diese Überlegung verpönt ist, dennoch: Ich halte es für plausibel, dass die komplementären Rollen der Geschlechter bei der Zeugung, Schwangerschaft und Geburt von Nachwuchs auch mit komplementären Verhaltensweisen und Präferenzen während des übrigen Lebens einhergehen.

Ich bin dennoch dafür, die Freiheitsgrade für alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht noch weiter zu erhöhen. Wir waren zwar nach meiner Überzeugung noch nie so frei wie heute, aber da geht sicher noch was. Ich glaube allerdings, dass sich auch und gerade in einer utopischen Welt größtmöglicher Freiheit die Lebensverläufe von Männern und Frauen wegen dieser ungleichen Präferenzen immer noch deutlich unterscheiden würden. Und ich kann daran einfach nichts Empörendes finden. Denn:

Männer führen nicht bessere Leben als Frauen

Männer sind privilegiert, weil sie Männer sind, dies ist ebenfalls eine der Grundüberzeugungen des alten und neuen Feminismus. Männer seien mächtiger, wohlhabender und beruflich erfolgreicher als Frauen. Die Gewinner- und die Verliererrolle sei auch heute noch klar zwischen den Geschlechtern verteilt.

Auch diese schlichte Weltsicht hält einem unvoreingenommenen Blick auf die Realität nicht stand: Männer machen häufiger Karriere, Frauen verbringen mehr Zeit mit ihren Kindern, Frauen verdienen weniger, Männer sterben häufiger im Job, Mütter werden im Fall einer Scheidung häufig mit der Erziehung allein gelassen, getrennten Vätern wird oft der Umgang mit ihren Kindern verweigert, die Wahrscheinlichkeit, einen Nobelpreis zu gewinnen oder obdachlos zu werden, ist als Mann deutlich größer als als Frau. Und schließlich: Männer sterben früher, Frauen ärmer.

Welches Leben ist das bessere? Dies lässt sich nur anhand von Wertmaßstäben beantworten. Gemessen am Maßstab „beruflicher Erfolg“, liegen die Männer vorne, beim Maßstab „menschliche Nähe leben“ die Frauen. Welcher Maßstab für einen zählt, das muss und darf jeder Mensch für sich beantworten. Es überrascht nur, dass ausgerechnet für die feministische Bewegung, die ja aus der kapitalismuskritischen Linken stammt, der entscheidende Maßstab der des beruflichen Erfolgs zu sein scheint. Sonst könnte das feministische Urteil über die Privilegierung der Männer nicht so eindeutig sein.

In einem Punkt sind Feministinnen aber typische Linke: Sie werten fast jede Ungleichheit als Ungerechtigkeit. Als Ausweis von Diskriminierung, zumindest struktureller Benachteiligung. Und daher heißt das neue Ideal für das Zusammenleben von Mann und Frau „Partnerschaftlichkeit“. Damit ist gemeint, dass Frauen und Männer sich in einer Beziehung penibel alle Aufgaben teilen.

Im „Spiegel“ konnte man neulich in einem Interview mit einem Paar nachlesen, wie das geht. Man wechselt sich strikt ab beim Wäschefalten, Staubsaugen und Kücheaufräumen. Zum Einkauf geht es zur Sicherheit meist gemeinsam. Und selbst der Gang mit dem Sohn zum Spielplatz wird in einer Excel-Tabelle vermerkt und penibel wieder ausgeglichen. Wer so leben mag: gerne! Aber wer uns dies als neues Ideal des Zusammenlebens von Frau und Mann verkaufen möchte, dem sage ich:

Arbeitsteilung ist eine zivilisatorische Errungenschaft

Arbeitsteilung heißt gerade nicht, dass man sich jede Arbeit teilt. Sondern dass jeder die Arbeit macht, die ihm eher liegt. Weil sie ihm dann auch meist besser und schneller gelingt und so am Ende alle etwas davon haben. Die meisten Ehen, die ich kenne, sind in diesem Sinne partnerschaftlich: Sie kümmert sich um die Wäsche, er um den Einkauf, sie koordiniert die Familientermine, er macht die Steuererklärung.

Und vor allem: Da sollte es ja auch so etwas wie Zuneigung geben. Großzügigkeit im Umgang miteinander. Gegenseitige Unterstützung ohne anschließende Aufrechnung. Vielleicht ist das der größte Fehler derer, die Frauen meistens als Opfer und Männer als Täter sehen und dem mit Excel-Tabellen beikommen möchten: dass sie die Liebe zwischen Mann und Frau unterschätzen.