Säuberungswellen und die Wirtschaftskrise haben dazu geführt, dass gut ausgebildete Türken ihre Heimat verlassen. Mancher beantragt Asyl. Andere promovieren in Deutschland. Die türkische Regierung erkennt mittlerweile, dass sie etwas tun muss.

Als ihr klar wurde, dass sie ihr Land verlassen muss, war es fast schon zu spät. Die Behörden hatten bereits eine Ausreisesperre gegen sie verhängt. Ihren Job als Assistenzprofessorin an der Universität hatte sie verloren, in der Öffentlichkeit galt sie als Volksverräterin.

Latife Akyüz ist Soziologin. Zusammen mit mehr als tausend Wissenschaftlern hatte sie im Januar 2016 einen Friedensaufruf an die türkische Regierung unterzeichnet: Die Gewalt gegen Kurden im Südosten des Landes müsse aufhören. Akyüz arbeitete damals an der Universität in Düzce, einer Stadt im Norden des Landes. Zwei Tage nach dem Aufruf wurde Akyüz von der Hochschule suspendiert, zunächst vorübergehend. Regierungsnahe Zeitungen bezeichneten sie als Terroristin, veröffentlichten ihren vollen Namen und Fotos. Ultranationalisten fragten an der Universität nach ihrer Adresse.

Wenn man sie heute nach dieser Zeit fragt, antwortet sie am Telefon nüchtern, die Sätze knapp und präzise. Es klingt so, als weigere sie sich, die Todesangst, die sie damals spürte, noch einmal an sich heranzulassen. Denn so habe es sich angefühlt, sagt sie: „Ich hatte Angst um mein Leben.“ Akyüz wollte weg, nur weg. Sie zog damals zu ihrer Familie ins gut 200 Kilometer entfernte Istanbul. Doch Ruhe fand sie dort nicht.

Nicht mal als Kellnerin könnte sie arbeiten

Sechs Monate später versucht das Militär erfolglos, die türkische Regierung zu stürzen. Präsident Recep Tayyip Erdogan startet eine Säuberungswelle. Akyüz ist unter den ersten, die per Dekret aus dem Staatsdienst entlassen werden. Sie erfährt das, weil ihr Name auf einer Liste auftaucht, für jeden öffentlich einsehbar. Kein Gericht hat Akyüz je verurteilt, trotzdem darf sie das Land jetzt nicht mehr verlassen. Und gleichzeitig: Niemand in der Türkei wird sie jetzt noch einstellen, nicht als Dozentin, nicht als Wissenschaftlerin, nicht einmal als Kellnerin – denn Akyüz gilt offiziell als Terrorunterstützerin, als Umstürzlerin. Sie beschließt zu flüchten.

Es sind mehrere Zehntausend Türken, die in den vergangenen Jahren ihr Land verlassen haben. Viele zieht es in die Europäische Union. Die einen beantragen Asyl, so wie Akyüz. Die Zahlen sind nach dem gescheiterten Putschversuch in die Höhe geschnellt. Die Türkei landete im vergangenen Jahr in Deutschland auf Platz sechs der wichtigsten Herkunftsländer von Asylsuchenden. Mehr als 10.000 Personen stellten allein 2018 hierzulande ein Schutzgesuch.

Dazu kommt die Wirtschaftskrise mit hoher Inflation und Währungskrise. Das einstige Boom-Land strauchelt – und manch junger Hoffnungsträger sucht seine berufliche Chance mittlerweile lieber im Ausland. Eine Studie des türkischen Arbeitgeberverbandes ergab, dass 73 Prozent der jungen Studenten in der Türkei später mal im Ausland leben und arbeiten wollen. Der wirtschaftliche Schaden des Braindrains betrage für die Türkei jährlich 2,5 Milliarden Dollar.

Nach Selbstauskünften hat jeder zweite türkische Einwanderer einen Universitäts-Abschluss

Langfristig könnte vor allem dieser Fortzug von gut ausgebildeten Türken die Perspektive des Landes beeinträchtigen. Wie dramatisch die Situation ist, legt eine interne deutsche Behördenstatistik nahe. Demnach hat jeder zweite volljährige Asylbewerber aus der Türkei eine Universität besucht. Die türkischen Einwanderer in Deutschland sind damit deutlich qualifizierter als der Durchschnitt der Schutzsuchenden – von denen waren lediglich rund zwanzig Prozent in ihrem Heimatland an einer Hochschule.

Angeklagt wegen „terroristischer Propaganda“

Die Wissenschaftlerin Akyüz lebt heute in Frankfurt am Main. Sie ist Stipendiatin der Philipp-Schwartz-Initiative für verfolgte Wissenschaftler. Zwei Jahre lang kann sie so an der Goethe-Universität forschen. Akyüz geht davon aus, dass sie nicht in die Türkei zurückkehren kann, nicht jetzt und nicht in zwei Jahren. Die türkische Staatsanwaltschaft hat die Unterzeichner des damaligen Friedensaufrufs wegen „terroristischer Propaganda“ angeklagt, ihnen drohen siebeneinhalb Jahre Gefängnis. Der Prozess gegen Akyüz hat noch nicht angefangen, kann aber jederzeit losgehen. Im Mai 2017 hat sie deshalb Asyl in Deutschland beantragt. Wenige Wochen später wurde ihr Antrag bewilligt.

Seit dem Putschversuch vor zwei Jahren ließ Präsident Recep Tayyip Erdogan Tausende von Kritikern aus dem Staatsdienst entfernen

Die Säuberungen nach dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 hatten massive Auswirkungen. Etwa ein Drittel aller Richter und Staatsanwälte wurde ausgetauscht. Insgesamt mehr als 100.000 Staatsbedienstete wurden entlassen, etliche Soldaten und Polizisten inhaftiert. Nicht mehr nur die auch in Deutschland verbotene kurdische PKK ist als Terrororganisation im Visier, sondern auch die Gülen-Bewegung und ihre Anhängerschaft – der türkische Geheimdienst versucht sie selbst im Ausland zu greifen. Es sind dabei aber nicht nur tatsächliche Anhänger der PKK und des islamischen Predigers Fethullah Gülen, die in der Türkei verfolgt werden. Ein kritisches Wort gegen die Regierung ist oft genug, um zum „Volksverräter“ zu werden.

Unterkühlte Beziehungen zu Deutschland

Die Beziehung zwischen Deutschland und der Türkei erreichte in den Monaten nach dem Putsch einen Tiefpunkt. Die Bundesregierung kritisierte die Säuberungen damals scharf. Eine schwere Belastung waren zudem Verhaftungen Deutscher. Berlin überlegte gar, die Türkei auf eine Liste von „Staaten mit besonderen Sicherheitsrisiken“ zu setzen – und das, obwohl beide Länder Nato-Partner sind und beispielsweise im Kampf gegen irreguläre Migration über das EU-Türkei-Abkommen eng verbunden sind.

Jochen Oltmer ist Professor für Migrationsforschung an der Universität Osnabrück. Er beobachtet die Auswirkungen der Situation in der Türkei seit mehreren Jahren. „Der Braindrain ist sichtbar“, sagt er. Bemerkenswert ist aus seiner Sicht, dass man eine Veränderung der Wanderungsbewegung zwischen der Türkei und Deutschland beobachten kann: Bis 2015 seien die Zu- und Fortzüge recht ausgeglichen gewesen.

„Zum Teil gingen sogar mehr von Deutschland in die Türkei als umgekehrt“, sagt Oltmer. Gründe dafür seien unter anderem gewesen, dass die wirtschaftliche Situation günstig und das politische Klima offen war. „Junge Deutschtürken hatten den Eindruck, dass sie mit ihrem besonderen Kapital – Bildung plus deutsche und türkische Sprache – in der Türkei mehr erreichen und bewegen konnten als in der Bundesrepublik.“

Das Land verliert seine Hoffnungsträger

Nach dem gescheiterten Putschversuch und durch die Wirtschaftskrise habe sich die Situation allerdings grundlegend verändert. „Wir beobachten zum einen die Ausreise politisch Verfolgter. Gleichzeitig verlassen viele junge Hoffnungsträger das Land, um zum Beispiel im Ausland zu studieren“, erklärt der Migrationsforscher. Bei diesen könne man „nur schwer sagen, ob auch sie dabei ein politisches Motiv verfolgen“. In jedem Fall biete ein Studentenvisum den Vorteil, dass man anders als Asylbewerber nicht gleich als Regimegegner abgestempelt werde und Repressalien für sich oder die Verwandtschaft befürchten müsse.

Der Stadtplaner Emre Sevim verließ die Türkei, weil sich in Gefahr fühlte

Auch Emre Sevim ist türkischer Wissenschaftler im Exil. Als Doktorand an der Universität Ankara forschte er zu Politik und Stadtplanung. Außerdem arbeitete er im türkischen Ministerium für Kultur und Tourismus. Als Erdogan nach dem Putschversuch den Ausnahmezustand ausrief und von da an per Dekret regierte, wurden zwei der zehn Professoren an Sevims Fakultät entlassen, drei durften nur noch eingeschränkt unterrichten, erzählt er. Der Zustand der Lehre verschlechterte sich mehr und mehr.

Das zeigt sich auch an internationalen Ranglisten. Noch 2015 belegte die Technische Hochschule in Ankara Platz 85 des Times Higher Education World University Ranking, aktuell taucht auf den ersten 350 Plätzen keine einzige türkische Einrichtung auf.

Auch Sevim verließ die Türkei

Sevim beschloss, seine Heimat zu verlassen. Die Qualität der wissenschaftlichen Forschung an seiner Hochschule war nicht der einzige Grund. Auch er selbst stand unter Druck. Der 30-Jährige war Vorsitzender der Kammer türkischer Ingenieure und Architekten in Ankara. Damit leitete er einen Verein, der bekannt ist für seine Klagen gegen eine Reihe von staatlich geführten Projekten. So ging die Kammer gerichtlich gegen den Bau des dritten Flughafens in Istanbul und der dritten Brücke über den Bosporus vor – Prestigeprojekte des türkischen Präsidenten. Sevims politisches Engagement war bei seinem Arbeitgeber, dem Ministerium, nicht gern gesehen. Zweimal liefen Ermittlungen gegen ihn. Dann verließ er das Land.

Im April 2018 kam Sevim zusammen mit seiner Frau nach Deutschland. Seine Promotion setzt er an der Universität Stuttgart fort. Asyl will er in Deutschland nicht beantragen.

Deutschland ist bei Akademikern beliebt

Wiebke Bachmann arbeitet beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und ist dort Ländersprecherin für die Türkei. Zwischen 2013 und 2017 hat sie selbst in dem Land gelebt. „Viele der Menschen, die aus der Türkei in einem akademischen Kontext nach Deutschland gekommen sind, werden versuchen, zumindest für eine längere Phase hierzubleiben“, sagt Bachmann. „Sie werden versuchen, einen Job in Deutschland zu finden und sich eine Zukunft aufzubauen. Das merkt man schon daran, dass viele türkische Studienanfänger an deutschen Hochschulen im Gegensatz zu früher auch ihren Abschluss in Deutschland machen wollen.”

Eine Szene aus der Putschnacht im Juli 2016 auf dem Taksim-Platz in Istanbul: Präsident Erdogan rief nach dem gescheiterten Staatsstreich den Ausnahmezustand aus

Zahlen des DAAD zeigen, dass im Wintersemester 2017/2018 der Anteil der Türken, die hierzulande einen Hochschulabschluss anstreben, um 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen war. Gleichzeitig nahm die Zahl der ausländischen Studierenden aus der Türkei in dem Zeitraum von 6953 auf 7633 zu – ein Plus von rund zehn Prozent, während sie zuvor stabil war. „Die Entwicklung nach dem Putschversuch war deutlich zu beobachten“, sagt deshalb auch Bachmann. „Ab 2017 hatten wir viel mehr Anfragen von jungen Türkinnen und Türken, die sich für ein Studium in Deutschland interessiert haben.”

Nicht jedem, der ins Ausland will, gelingt die Ausreise. Die nach Frankfurt geflohene Soziologin Akyüz will auch heute lieber nicht darüber reden, wie sie trotz Ausreisesperre die Grenze passieren konnte. Es sei wichtig, auch diejenigen Wissenschaftler nicht zu vergessen, die in der Türkei geblieben sind, sagt Akyüz. Deswegen gründete sie im Oktober 2017 mit anderen Wissenschaftlern „Academics for Peace Germany“ (Akademiker für Frieden Deutschland) – einen Ableger der türkischen Initiative, die sich damals für Frieden in den kurdischen Gebieten in der Osttürkei eingesetzt hatte. Selbst wer in der Türkei als Akademiker bislang seinen Job behalten durfte, arbeite oft unter prekären Bedingungen, sagt Akyüz.

Die Wissenschaftlerin steht weiterhin in engem Kontakt zu Kollegen, die in ihrer Heimat geblieben sind. „Sie tun alles, um ihre Arbeit fortzusetzen und ihr Wissen weiterzugeben”, sagt Akyüz. „Aber das ist nicht einfach.“ Viele Bürger würden regierungskritische Aussagen aufzeichnen und die Aufnahmen an die Polizei weitergeben. Selbstzensur sei daher weit verbreitet.

„Ich vermisse meine Familie“

Akyüzs Zukunft ist ungewiss, trotzdem sagt sie, habe sie keine Sekunde bereut, den Aufruf unterzeichnet zu haben. Noch ein Jahr lang kann sie an der Universität in Frankfurt arbeiten, dann läuft ihr Stipendium aus. Ob sie danach in Deutschland bleibt, weiß sie noch nicht. Vielleicht zieht sie zu ihrem Mann nach Athen – auch er ist geflüchtet, wartet in Griechenland auf eine Entscheidung über seinen Asylantrag. Eine Rückkehr in die Türkei jedenfalls ist für Akyüz keine Option. „Natürlich vermisse ich die Türkei”, sagt sie. „Wir mussten all unsere Lieben zurücklassen. Ich vermisse meine Familie, meine Freunde.“

Der Forscher Jochen Oltmer, Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück

Migrationsforscher Oltmer blickt gespannt auf die Entwicklung in der Türkei. Mit ihr hängt zusammen, wo die Ausgewanderten und Geflüchteten ihre Zukunft sehen werden. „Bei politisch Verfolgten erleben wir zunächst oft noch eine starke Orientierung zur Heimat. Sie leben ,mit dem Gesicht in Richtung Heimat‘“, sagt der Wissenschaftler. „Mit der Zeit und zunehmender Integration sinkt aber oft die Bereitschaft zur Rückkehr.“

Die türkische Regierung hat das Problem mittlerweile offensichtlich erkannt. Bei der Türkischen Anstalt für Wissenschaftliche und Technologische Forschung gibt es beispielsweise ein Förderprogramm für Rückkehrer. Im November 2018 wurde es ausgeweitet, richtet sich an türkische Bürger im Ausland und auch an internationale Wissenschaftler. Ihnen wird ein monatlicher Zuschuss von bis zu 4000 Euro versprochen.

Sevim wird seine Doktorarbeit wohl in drei bis vier Jahren an der Universität Stuttgart abschließen. Und dann? „Die Türkei ist unsere Heimat“, sagt Sevim. Sobald es die politische Situation erlaubt, wollen sie zurück. Seine Frau und er seien gut ausgebildet, sie wollen helfen. „Wir wollen unsere akademischen Fähigkeiten einsetzen, damit die Türkei wieder ein freies Land wird.“ Sevim weigert sich, diese Hoffnung aufzugeben.