28.000 Unterschriften hat ein Aufruf gegen „gendergerechte“ Sprache erreicht. Das linksliberale Milieu sieht die Unterstützer aber alle nur als nützliche Idioten der AfD. Und schont die Diskurssheriffs, die das Gegenteil von progressiv sind.

Vergangene Woche veröffentlichte der Verein Deutsche Sprache einen Aufruf, der sich scharf gegen die sogenannte gendergerechte Sprache richtet. Also gegen Versuche, der deutschen Sprache eine feministische Reform zu verordnen.

Die Autoren des Aufrufs sind Monika Maron, Wolf Schneider, Walter Krämer und Josef Kraus. Der kurze Text stieß auf viel Zustimmung, aber auch auf viel Kritik. Die Argumente dieser Kritiker liefen meist auf den Vorwurf hinaus, die Verfasser seien von antiquierten Vorurteilen getriebene Reaktionäre.

Der Aufruf führt vier Argumente gegen den im Gang befindlichen Kampf für mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache an.

Erstens gebe es keinen festen Zusammenhang zwischen natürlichem und grammatischem Geschlecht: die Gewalt, der Charme, das Mitgefühl. Oder: der Löwe, die Giraffe, das Pferd. Die deutsche Sprache ist nicht gendergerecht.

Zweitens führe der Weg in die gendergerechte Sprache zu lächerlichen Sprachgebilden wie die Radfahrenden oder die Idiotinnen. Ganz zu schweigen vom Worte zerhackenden Gendersternchen: Studentinnen, Müllarbeiterinnen, Feuilletonist*innen.

Drittens sei der angestrebte Sprachgebrauch im Alltag gar nicht durchzuhalten – wer wird ernsthaft den Chef seines Rathauses Bürgerinnen- und Bürgermeister nennen wollen?

Und viertens helfe das Ganze auch nicht, den Frauen zu mehr Rechten zu verhelfen – Angela Merkel sei auch ohne das angestrebte Sprachdekret Bundeskanzlerin geworden.

Die Argumente sind nüchtern und ohne Polemik vorgetragen, und sie sind – mit Ausnahme des vierten Punktes, für den man ein besseres und triftigeres Beispiel hätte finden können – stimmig.

Auch auf den pathetischen Titel „Aufruf zum Widerstand“ hätte man verzichten sollen. Denn er bedient sich eines seit Jahrzehnten von linken Flugblattschreibern zerschlissenen Alarmismus und geht anmaßend mit der Vokabel „Widerstand“ um. Binnen fünf Tagen fand der Aufruf mehr als 28.000 Unterzeichner. Bedenkt man, dass die Pflege der deutschen Sprache nicht eben ein Massensport ist, stellt das einen beträchtlichen Erfolg dar.

Die Zurechnungsfähigkeit abgesprochen

Die liberale Öffentlichkeit aber hat zum größten Teil höchst ungnädig reagiert. Allseits wurden die Nasen unübersehbar gerümpft. Das Argument lief stets so: Hier hätten sich Gestrige zusammengetan, die sich gegen den Wandel der deutschen Sprache stemmen, der doch immer im Gang sei, und deren Interesse gar nicht das Bewahren der schönen deutschen Sprache sei.

Sie wehrten sich vielmehr verzweifelt gegen vielleicht unbeholfene, im Prinzip aber begrüßenswerte Versuche, der deutschen Sprache etwas mehr Geschlechtervielfalt einzuimpfen. Kurz: Das Ganze sei ein sinistres rechtes Manöver.

Den Aufruf haben in der Tat etliche Persönlichkeiten unterzeichnet, die sicher nicht dem linksliberalen Milieu angehören. Etwa Peter Hahne, Hans-Georg Maaßen, Thomas Goppel, Monika Maron und Roland Tichy. Die „taz“ nannte daher die Liste der Unterzeichner in einem geradezu grölenden Artikel eine „jämmerliche Parade kleinbürgerlicher Würstchen“.

Das Dumme nur: Den Aufruf haben auch etliche „Würstchen“ unterzeichnet, die man kaum dem rechten Milieu zuordnen kann. Etwa die Schriftstellerinnen Judith Hermann, Angelika Klüssendorf, Irina Liebmann und Katja Lange-Müller, die Schriftsteller Wulf Kirsten, Reiner Kunze und Günter Kunert, der Kabarettist Dieter Nuhr, der Publizist Karl Corino. Alles Persönlichkeiten, die in der liberalen Öffentlichkeit und in den Feuilletons einige Wertschätzung genießen.

Um das erklären zu können, greifen eben diese Feuilletonisten nun zu einem Trick: Die Genannten hätten in ihrer naiven Ahnungslosigkeit gar nicht bemerkt, auf was sie sich da eingelassen haben.

Traurig sei der Appell, schreibt die Krokodilstränen vergießende „SZ“, „weil einige respektable Gelehrte und Persönlichkeiten sich damit in eine trübe Gesellschaft begeben“. Und dann, damit es auch alle verstehen: Sie begäben sich damit „in den Dunstkreis der AfD, die dieses Thema emotional instrumentalisiert“.

Das ist nun wirklich zum Heulen. Im Handumdrehen wird den eben noch respektablen Gelehrten und Persönlichkeiten die Zurechnungsfähigkeit abgesprochen.

Feigheit vor dem angeblichen Freund

Die Methode ist vom magischen Denken nicht weit entfernt: Wer einen Aufruf unterzeichnet, dem sich gewiss auch AfD-Leute angeschlossen haben, der läuft Gefahr, angesteckt, infiziert zu werden. Wer das tut, dem wird im Handumdrehen die geistige Prokura entzogen. Weil er in schlechter Gesellschaft daherkommt, zählen seine Argumente nicht mehr.

Zwar beobachtet man in der „SZ“ und der „FAS“ den sprachlichen Genderzug ebenfalls mit einigem Missfallen. Aber man traut sich nicht, ihn offen und frontal zu kritisieren. Aus einem ebenso einfachen wie kläglichen Grund: Die Kämpfer für die gendergerechte Sprache geben erfolgreich vor, die Speerspitze des fortschrittlichen Milieus zu sein.

Sie mögen zwar, meinen die verständnisvollen Linksliberalen, ziemlich verquer oder gar verbohrt sein, sie sind aber doch irgendwie „unsere Leute“. Man nennt so etwas Feigheit vor dem – angeblichen – Freund.

Den Sprachpolizisten ist die Sprache nie gefolgt. Wenn es gut ging, hat sich die deutsche Sprache immer allmählich und in der Sprechpraxis von Millionen Menschen verändert. Nur was die Mehrheit der Deutschen akzeptierte und annahm, setzte sich im Sprachgebrauch durch, auch Anglizismen.

Um ein vielen verdächtiges Wort zu verwenden: Es war fast immer das Volk, das über den Sprachwandel entschied. Wenn man will, ein durchaus demokratischer Prozess.

Jetzt aber reklamiert eine winzige, selbst ernannte und meist an Universitäten beheimatete Avantgarde für sich das Recht, den Deutschen eine sprachliche Genderreform zu verordnen. Und die Linken sowie die Mehrheit der Liberalen lächeln gequält und halten den Erziehungsdiktatorinnen und -diktatoren zugute, dass sie es doch nur gut meinten.

Statt den als fortschrittlich bekannten Unterzeichnern vorzuwerfen, sie seien nützliche Idioten der AfD, sollte sich die progressive Intelligentsia besser eine andere Frage stellen: Welchen Grund mag es wohl haben, dass sich Schriftsteller, Intellektuelle und Wissenschaftler, die dem Neuen, dem Wandel gegenüber stets aufgeschlossen waren, die den Stillstand nicht mögen und Experimente schätzen, auf einmal zusammentun, um der Genderisierung der Sprache Einhalt zu gebieten, und das gute Alte gegen ein schlechtes Neues verteidigen?

Wohl den, dass sie wirklich besorgt sind. Und meinen, man solle Achtung vor dem Korpus der Sprache haben, der von den Millionen Menschen, die vor uns auf der Welt waren, geschaffen, erprobt, genutzt und verändert wurde. Evolution, nicht Diktat.

Der muffige Wind der Unfreiheit

Das zähe Ringen um die Genderisierung der Sprache ist indes nur Teil einer weiter greifenden Entwicklung. Dass sich Studentinnen und Studenten in Berlin ganz selbstverständlich befugt fühlen, ein wunderbares konkretes Gedicht Eugen Gomringers im Namen des Feminismus von einer Hauswand zu verbannen, gehört ebenso hierher wie das beharrliche Bemühen einer winzigen Gruppe an der Berliner Humboldt-Universität, den prominenten Politikwissenschaftler Herfried Münkler als „Rechten“ abzustempeln oder den Historiker Jörg Baberowski zum Rechtsradikalen zu erklären.

Man kann gut über Baberowskis Thesen zur Gewalt oder über seine Kritik an der deutschen Flüchtlingspolitik streiten. Es ist aber ein Skandal, dass das studentische Bemühen, dem Professor eine rechtsradikale Schelle umzuhängen, durchaus von Erfolg gekrönt ist: Wenn in der Öffentlichkeit von Baberowski – immerhin Träger des Preises der Leipziger Buchmesse – die Rede ist, fehlt nur noch selten das Adjektiv „umstritten“. Will sagen: Bitte unbedingt Abstand halten!

Es weht ein muffiger Wind der Unfreiheit, des geistigen Zwangs und einer unbelehrbaren Engstirnigkeit. Nicht ein paar Trotzkisten sind das Problem. Das Problem sind der Resonanzraum und sogar die Unterstützung, die sie bekommen.

Zum Beispiel wenn ein Rechtsprofessor ernsthaft behauptet, bei Baberowski „verschmelzen wissenschaftliches Œuvre und tagespolitische Äußerungen zu einem Amalgam rechtsradikaler Kritik“. Und harmlos ist das ganz und gar nicht.

Denn paradoxerweise sind heute winzige, sich selbst ermächtigende Minderheiten in der Lage, der Mehrheit, den Institutionen und dem Staat ihre Sichtweise aufzuzwingen.

Nichts anderes bedeutet es, wenn die Stadt Hannover die gendergerechte Sprache für ihre öffentlichen Verlautbarungen sowie ihren Schilderwald für verbindlich erklärt hat.

Es ist immer dasselbe: Was aneckt, darf nicht streitbar erörtert werden – es muss verboten, es muss gebannt werden.

Universitäten sollen, so wollte es Wilhelm von Humboldt, Orte der Freiheit und der Ungezwungenheit sein. Mit einigem Erfolg sind seit geraumer Zeit einige wenige selbst ernannte Tugendwächter dabei, den Universitäten und den Diskursen den Geist der Freiheit auszutreiben.

Es geht ihnen um ein schäbiges Stückchen Macht. Das ist keine harmlose Spinnerei, sondern Ausdruck geistiger Gewaltbereitschaft. Solchen Feinden der Freiheit sollte man entschieden entgegentreten.

Die Diskurssheriffs selbst sind, was sie ihren Gegnern vorwerfen: nicht progressiv, sondern reaktionär.