Ende der 60er tobte in Deutschland die sexuelle Revolution – die uns den Aufklärungsunterricht an Schulen brachte. So ganz hat sich die Aufregung darüber bis heute nicht gelegt. Und jetzt wird es einigen zu bunt.

An über fünf Millionen Haushalte verschickte Beate Uhses Versandhaus für „Ehehygiene“ seine diskreten Pakete, Uhses „Sexshops“ gab es schon seit einigen Jahren. In den Nachttischen lag der Roman „Lady Chatterley“ mit seinen expliziten Schilderungen erotischer Szenen, und schwedische „Sex-Filme“ wie „Das Schweigen“ oder „Ich bin neugierig“ liefen vor vollen Häusern.

In den Universitäten und Gymnasien war man noch weiter; aufsässige Jugendliche studierten Raubdrucke von Wilhelm Reichs „Die Funktion des Orgasmus“. Eine verklemmte Gesellschaft, lasen sie da, sei eine potenziell faschistische Gesellschaft. Antifaschistischer Kampf heiße also: so viel Sex wie möglich. „Revolution“ von den Beatles lieferte den Soundtrack dazu: Während John Lennon „All right, all right, all right!“ schrie, kam Yoko Ono zum Orgasmus. Die Erwachsenen wahrten zwar nach außen den Schein: „Was werden die Nachbarn sagen?“ Doch die sexuelle Revolution hatte 1968 längst die Bundesrepublik Deutschland erfasst.

In dieser sexualisierten Republik fasste die Kultusministerkonferenz am 3. Oktober einen bahnbrechenden Beschluss: Sexualerziehung gehöre künftig in die Lehrpläne. Zu wissen, wo die kleinen Kinder herkamen, wurde zum Unterrichtsziel in deutschen Klassenräumen. Die Lehrer mussten sich darauf vorbereiten, Schülern im Teenageralter zu erklären, wie all das ablief: Geschlechtsverkehr, Menstruation, intimste menschliche Vorgänge.

In den Empfehlungen der Kultusminister hieß es zwar, dass die Sexualerziehung in erster Linie Aufgabe der Eltern sei. Den Schulen sprach man nun aber eine Mitwirkungspflicht zu. Die „Erziehung zu verantwortlichem geschlechtlichen Verhalten und zum Bewusstsein der Verantwortung, in die der Einzelne in Bezug auf den Partner, die Familie und sich selbst gestellt ist“, wurde als eine Aufgabe für die gesamte Schulzeit gesehen. Das sorgte für Proteste. Und ganz hat sich die Aufregung über die Aufklärung bis heute nicht gelegt.

1969 kam zur Unterstützung der Lehrkräfte immerhin der „Sexualkunde-Atlas“ auf den Markt, das Cover prägte etwas, das wie eine Reihe psychedelischer Kreise aussah, vermutlich aber eine Eizelle darstellen sollte. Herausgegeben hatte ihn die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung „im Auftrag des Bundesministers für Gesundheitswesen“. Der Minister war zwar eine Frau, die durchaus selbstbewusste Käte Strobel, aber weibliche Berufsbezeichnungen wurden erst zwanzig Jahre später in Westdeutschland die Norm.

Im „Sexualkunde-Atlas“ ging es allerdings weniger um die Lust als um die Biologie. Die erste große Bildtafel beschäftigt sich mit der „Wirkungsweise der innersekretorischen Drüsen“. Eireifung und Befruchtung, Schwangerschaft und Geburt, Rhesusfaktor und Zwillinge werden ausgiebig behandelt, ebenso wie Empfängnisregelung und Schwangerschaftsunterbrechung. Das einzige Foto des Vaginalbereichs ist ein – selbst für viele Erwachsene noch heute schockierendes – Bild der gedehnten Scheidenöffnung, aus der gerade der Kopf eines Kindes herausragt. Das einzige Foto des männlichen Glieds zeigt einen von Tripper befallenen Penis.

Auf Biologisches konzentriert: Der “Sexualkunde-Atlas” aus dem Jahr 1969

Man könnte rückblickend fast glauben, dem „Sexualkunde-Atlas“ wäre es darum gegangen, die Jugendlichen zu entsexualisieren. „In seiner strikten Beschränkung auf eine wissenschaftlich fundierte Faktenvermittlung“ sei der Atlas „wie keine andere Publikation geeignet, die Sexualerziehung an den Schulen in enger Abstimmung zwischen Schule und Eltern zu gestalten“, schrieb Ministerin Strobel in ihrem in schönstem Sütterlin unterschriebenen Vorwort.

Auf den 48 Seiten im DIN-A4-Format ist nur in einem kurzen Absatz unter der Überschrift „Befruchtung“ von Sex die Rede. Und da selbstverständlich nur von dem, was damals als „normal“ galt: „Bei der geschlechtlichen Vereinigung (Geschlechtsakt, Beischlaf) führt der Mann sein versteiftes Glied in die Scheide der Frau ein und führt damit stoßartige Bewegungen aus.“

Immerhin heißt es auch: „Manche Männer wissen nicht, wie wichtig bei der Frau der schon erwähnte Kitzler ist.“ (Damit ist die Klitoris gemeint.) „Seine zarte Reizung erzeugt ein intensives Lustgefühl. Wenn der Mann seiner Partnerin vollen Genuss verschaffen will, muss er dazu fähig sein, durch Liebkosungen ihre Begierde zu erwecken und allmählich bis zum Verlangen nach der Gliedeinführung zu steigern.“ Ziel solle es sein, „auch bei der Frau den Orgasmus als normalen Abschluss herbeizuführen“.

Dieser Absatz war schon eine kleine Revolution in einem Land, dessen Männer damals mehrheitlich glauben, mit ein paar „stoßartigen Bewegungen“ wäre es schon getan. Und sie hatten die Populärkultur auf ihrer Seite. „Alle Frauen lieben es, fast vergewaltigt zu werden“, erklärte die Icherzählerin Vivienne Michel noch in dem 1962 erschienenen James-Bond-Roman „Der Spion, der mich liebte“. Die Frauen „lieben es, genommen zu werden“.

Tatsächlich befand sich die Bundesrepublik in diesen 60er-Jahren in einem Zustand fortgeschrittener Schizophrenie. Die Sexualaufklärung war Sache der Eltern – die aber oft selbst wenig wussten und sich noch weniger zu sagen trauten. Ein Autor dieses Beitrags wurde von seinem Vater mit dem Hinweis auf das Paarungsverhalten des Familienhundes abgefertigt – zusammen mit der Versicherung, das sei eine „wunderschöne Angelegenheit“.

Ansonsten suchte er in den Arztromanen der Mutter nach nützlichen Hinweisen, wo aber meistens an der entscheidenden Stelle „die Welt um sie herum versank“. Seine heutige Frau berichtet von dem Schock ihrer ersten Menstruation 1962, damals war sie elf Jahre alt. „Ich bekam einen furchtbaren Schreck und dachte, ich sterbe. Niemand hatte mir etwas davon erzählt.“

Die Schule wiederum schob lange den Religionsunterricht vor. Im „Katechismus der Katholischen Kirche“ für die Bistümer Deutschlands – bis 1969 das zentrale Lehrbuch für den Religionsunterricht – war es noch das vorrangige Ziel, vor den Gefahren der Sexualität zu warnen und Keuschheit zu predigen. „Um keusch zu bleiben, müssen wir vor allem schamhaft sein; die Schamhaftigkeit ist eine Schutzmauer der Keuschheit. Wir müssen unsere Augen und Ohren und unsere Gedanken bewahren und unsere Triebe in Zucht halten.“ Ein Mädchen, das ihre „Triebe nicht in Zucht hält“, galt als verkommen und konnte das „Zeugnis der Reife“, wie das Abitur hieß, nicht erhalten.

Entsprechend schlecht war es um die Aufklärung der Heranwachsenden bestellt. In der ersten umfassenden Untersuchung zum „Sexualwissen der Jugend“ von 1960 kam der Theologe und Pädagoge Heinz Hunger zu dem Ergebnis, dass Jugendliche weder anatomische noch physiologische Kenntnisse besaßen, nichts über Zeugung und Empfängnis noch etwas über Geschlechtskrankheiten wussten und dass bei ihnen ein „komplettes sexualethisches Vakuum“ auszumachen wäre – die Umfrage zu der Untersuchung wurde allerdings schon 1949/1950 durchgeführt.

Schon damals empfahlen Fachleute, dass den Schulen eine Rolle bei der Sexualerziehung der Jugendlichen zukommen müsste. In drei Bundesländern gab es auch Bestimmungen für die Sexualaufklärung im Unterricht. Aber der Widerstand war groß. „Es gehörte Mut dazu, sich für die Sexualerziehung einzusetzen“, sagt die Freiburger Sexualpädagogin Renate-Berenike Schmidt, die in ihrem Buch „Gelebte Geschichte der Sexualpädagogik“ gemeinsam mit ihren Kollegen Uwe Sielert und Anja Henningsen die wechselhafte Aufklärungsgeschichte der Deutschen nachgezeichnet hat. „Die Grundstimmung war deutlich repressiv.“ Wie repressiv, das hat auch die frühere Bundesfamilienministerin Renate Schmidt erfahren: Sie musste 1961 mit 17 Jahren das Gymnasium verlassen, weil sie schwanger geworden war.

Ein Sexualleben jenseits der Masturbation hatten aber selbst auf dem Höhepunkt der Jugendrevolte die wenigsten Schüler. In der 1968 erschienenen Untersuchung „Studenten-Sexualität“ gaben gerade einmal zehn Prozent der Frauen und 19 Prozent der Männer an, mit 18 Jahren schon Koituserfahrung gehabt zu haben. Heute haben 82 Prozent der achtzehnjährigen deutschen Mädchen und 69 Prozent der Jungen schon Sex mit einem Partner gehabt, bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund sind es weniger.

Die weltweite Jugendrevolte der späten 60er-Jahre war nicht zuletzt eine Revolte gegen die Verlogenheit einer Erwachsenenwelt, die selbst durchsexualisiert war, aber der Jugend den Sex verbieten wollte. Einigermaßen typisch für die Doppelmoral der Zeit war eine Tagung des Volkswartbundes 1964 in Köln. 200 Mitglieder, alles Männer, schauten sich die von der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) der Filmwirtschaft eher unfreiwillig, nämlich auf Drängen des Volkswartbundes, aus Filmen herausgeschnittenen Sexszenen an. „Als die Tagung mit Vorträgen und Diskussionen fortgesetzt wurde, waren drei Viertel der Volkswärter gegangen“, vermerkte der „Spiegel“ süffisant. „Nur noch 53 lauschten den Referaten.“

Die Volkswartbündler kämpften auf verlorenem Posten. 140 Millionen Besucher sahen ab den späten 60er-Jahren die Aufklärungsfilme von Oswalt Kolle wie die beiden Teile von „Das Wunder der Liebe“ oder „Deine Frau – das unbekannte Wesen“. Was buchstäblich gestern noch Element der Subkultur war, wurde über Nacht Mainstream.

Der deutsche Sexualwissenschaftler Erwin Haeberle, 1936 geboren und ein Freund Oswalt Kolles, erinnert sich: „Ich erlebte 1967 den legendären Summer of Love als blumenbekränzter Hippie in San Francisco. Es war ein friedlicher Protest gegen die Zwänge der Konsumwelt, und er führte zu erheblichen sexuellen Lockerungen. Das galt auch für mich selbst, denn ich verstand erst damals, wie verklemmt ich eigentlich war.“ Der Literaturwissenschaftler sattelte um auf Sexologie und schrieb später das Standardwerk „Die Sexualität des Menschen“.

Früher war er Hippie: Sexualforscher Erwin Haeberle

Während die Hippies in San Francisco freie Liebe praktizierten und die Beatles auf „Sergeant Pepper“ ein Mädchen feierten, das von zu Hause wegläuft, um sich mit einem Autoverkäufer zu vergnügen, verabschiedeten deutsche Schüler Resolutionen. Das Aktionszentrum unabhängiger sozialistischer Schüler (AUSS) etwa forderte auf seiner ersten Delegiertenkonferenz am 17. Juni 1967 einen Sexualkundeunterricht, „der sämtliche Vorgänge einschließt, von denen die Sexualität in unserer Gesellschaft bestimmt ist“.

Dazu gehörten „Aufklärung über die physiologischen und anatomischen Vorgänge während der körperlichen Reife und beim Geschlechtsverkehr; Behandlungen der Stellungen beim Geschlechtsverkehr; vorehelicher Geschlechtsverkehr und seine gesellschaftliche Problematik; voreheliches Liebesspiel unter Ausschluss des Geschlechtsverkehrs (Petting) und seine Relevanz für die Jugendlichen; Behandlung der sogenannten Perversionen (Homosexualität, oral-genitaler Verkehr, Onanie, sadistische und masochistische Triebvarianten und ihre Äußerungen usw.)“.

Der Wunsch, sich von überkommenen sexualmoralischen Vorstellungen zu lösen, sagt die Sexualpädagogin Schmidt, sei einer der wesentlichen Momente der Studentenbewegung gewesen, auch in Deutschland. Die Unruhe erfasste einen Teil der Schülerschaft. Das Interesse, den Aufruhr in geordnete Bahnen zu lenken, sei jedenfalls groß gewesen, sagt Schmidt.

Außer aus Pausengesprächen und den schlecht versteckten Romanen der Erwachsenen informierten sich Jugendliche damals vor allem aus der „Bravo“ über Fragen der Sexualität. Dort erklärte die Romanschriftstellerin Marie-Louise Fischer alias Liebes-Ratgeber Dr. Christoph Vollmer, dass gleichgeschlechtliche Liebe ein Fall für den Psychiater sei.

Männliche Homosexualität sei nur durch Injizieren von männlichen Hormonen heilbar, während lesbische Mädchen ihre unbewusste Angst vor Männern überwinden müssten. Später versuchte der legendäre Martin Goldstein alias Dr. Jochen Sommer den sexuellen Wissensdurst der Teenies zu stillen. Wöchentlich erhielten Goldstein und sein Team 3000 bis 5000 Briefe. Aber noch 1972 wurden zwei „Bravo“-Ausgaben zum Thema Selbstbefriedigung als jugendgefährdend eingestuft.

Dabei stand im „Sexualkunde-Atlas“ von 1969 immerhin: „Auch die Selbstbefriedigung ist bei Jungen und Mädchen eine normale Entwicklungserscheinung.“ Entgegen den damals kursierenden Horrorerzählungen – Pädagogen raunten von „Rückenmarkschwund“ infolge übermäßiger Masturbation – stellte der „Atlas“ fest: „Der Samenerguss bringt keinerlei Schwächung der körperlichen oder geistigen Leistungsfähigkeit mit sich.“

Aber das Buch mit seiner betont nüchternen Ausdrucksweise wurde dennoch, ja gerade deshalb verrissen. „Wer mag da noch lieben? – Sexualkunde in der Klempner-Sprache“, titelte die „FAZ“ und meinte: „Es gibt eine wütige Art der Aufklärung, die nicht nur die Prüderie ausrotten will, sondern zugleich alle Gefühle und Vorstellungen, die in das Wort Liebe eingegangen sind.“ Die „Zeit“ bemängelte, dass in einer „naturalistisch kaum überbietbaren Darstellung der technische Vorgang der Menscherzeugung offengelegt“ würde, „ohne Einzelheiten auszusparen“.

Eine rein biologische Tatsachenvermittlung, die keinerlei Wertempfinden entwickele, führe aber zur Entweihung der engsten menschlichen Bindungen und verkürze sie auf ein bindungs- und verantwortungsloses Sexualverhältnis. „Ein solcherart gestörter Entwicklungsprozess des jungen Menschen muss zwangsläufig zu Neurosen führen, die der Grund für so manche bedrohliche Erscheinung unserer Gesellschaft sind.“

Der Präsident der Katholischen Elternschaft, Franz Pöggeler, beschwor den Sittenverfall, schließlich würden sexuelle Vorgänge hier so selbstverständlich geschildert wie das Atmen und das Naseputzen. „Wenn die Techniken so einfach dargestellt werden, hat das fast Aufforderungscharakter: man kann es ja mal probieren.“ Und die FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher, damals Staatssekretärin im hessischen Kultusministerium, warf neben ihrer politischen auch ihre ganze mütterliche Autorität in die Waagschale. „Dieses Buch würde ich meiner 14-jährigen Tochter nicht in die Hand geben.“

„Die Autoren waren übervorsichtig und wollten eben auf Nummer sicher gehen“, sagt der Sexualwissenschaftler Erwin Haeberle. „Die teilweise hysterische Reaktion auf das Werk machte dann deutlich, warum das Versagen der deutschen Sexualwissenschaftler so bedauerlich war, denn die hätten in diesem Schulbuch auch psychologische und soziale Aspekte der Sexualität behandeln können – ja müssen.“

In der Tat kommt das Wort Liebe in dem Schulbuch nicht vor, ebenso wenig wie Erotik, von den Irrungen und Wirrungen ganz zu schweigen, mit denen sich Dr. Sommer Woche für Woche befasste. Dass allerdings „die Techniken einfach dargestellt werden“, kann nur jemand sagen, der das Buch nicht gelesen hat: Vergeblich sucht man nach einer Anleitung, und sei es nur, wo man „den schon erwähnten Kitzler“ findet.

Dennoch wurde das Buch ein Kassenschlager. Vermutlich kauften es nicht wenige Erwachsene, um eigene Wissenslücken aufzufüllen. Denn es wurde längst nicht in allen Schulen verwendet. Vor allem die bayerische Landesregierung wehrte sich gegen die Zulassung als Lehrbuch. Gutachter bemängelten die fehlende Einbettung von Sexualität in den Kontext von Ehe und Familie. Auch in den anderen unionsregierten Ländern überwog die Skepsis. „Letztlich kam der ,Atlas‘ nur in den SPD-regierten Ländern wirklich zum Einsatz“, sagt Renate-Berenike Schmidt.

Protest regte sich auch in der Elternschaft. Der katholische Freundeskreis Maria Goretti e.V. wetterte im Sinne des Katechismus gegen die „verderbliche“ Sexualerziehung, die das „natürliche Schamgefühl, den Schutzwall der Reinheit, missachtet und angreift“ und hielt öffentliche Protest-Rosenkranzgebete ab.

Eine Elternklage erreichte schließlich das Bundesverfassungsgericht, das 1977 festhielt, die individuelle Sexualerziehung sei zwar Sache der Eltern, der Staat aber sei aufgrund seines Erziehungs- und Bildungsauftrags berechtigt, Aufklärungsarbeit in der Schule durchzuführen.

Für die Lehrerschaft bedeutete das zwar Rechtssicherheit. Doch die pädagogische Unsicherheit, wie sie sich dem neuen Fach nähern sollten, blieb. Die wenigsten fühlten sich für das heikle Thema qualifiziert und verantwortlich. Am Ende landete es meist in den Ressorts Biologie und Religion.

Um den Lehrern die Annäherung zu erleichtern, erarbeiteten der NDR und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in den 70er-Jahren ein umfangreiches Materialpaket inklusive Lehrfilm, das 1977 unter dem Titel „Betrifft: Sexualität“ im Westermann-Verlag erschien. In den Arbeitsbögen wurden nicht nur biologische Fakten, sondern auch Themen wie Freundschaft und Liebe, Selbstbefriedigung, Petting, Jugendsexualität, Teenagerschwangerschaften und Homosexualität behandelt, garniert mit durchaus explizitem Fotomaterial.

Bei Lehrkräften war das Material so beliebt, dass rasch eine Neuauflage nötig wurde. Doch die kam gar nicht erst zur Auslieferung. Denn 1983 hatte der neue Bundeskanzler Helmut Kohl eine „geistig-moralische Wende“ ausgerufen, die mit dem Erbe von 68 Schluss machen sollte. Kohls Familien- und Gesundheitsminister Heiner Geißler belegte „Betrifft: Sexualität“ mit einem sofortigen Auslieferungsverbot und ließ im November 1983 219 Filmkopien und 79.400 Arbeitsmappen einstampfen. Das Material entspreche „nicht den Vorstellungen der neuen Bundesregierung über eine werteorientierte Sexualpädagogik“, so Geißler. Die Sexualerziehung sollte wieder vorrangig in die Familie zurückgeführt werden.

Doch auch Kohl konnte die Geschichte nicht zurückdrehen. Gerade während seiner Kanzlerschaft stieg die Zahl der unehelich geborenen Kinder sprunghaft an, wurden Homosexualität und andere bis dahin als „Perversion“ bezeichnete Formen der Sexualität salonfähig – in gewisser Weise kam die sexuelle Revolution erst in diesen Jahren zum Tragen.

Ironischerweise war es ausgerechnet die zunächst als „Schwulenseuche“ verunglimpfte neue Krankheit Aids, die der Sexualaufklärung an der Schule Mitte der 80er-Jahre endgültig zum Durchbruch verhalf. Schließlich konnte die Prävention vor einer sexuell übertragbaren Krankheit nicht ohne Thematisierung von sexuellen Praktiken auskommen.

Der Sexualwissenschaftler Erwin Haeberle arbeitete damals im Aids-Zentrum des Bundesgesundheitsamtes. Für die Sexualaufklärung habe die Aids-Krise eine große Rolle gespielt, glaubt er. Vor allem nachdem sich herausgestellt habe, dass Aids keineswegs „nur die Schwulen“ betraf. „Allmählich musste man also einsehen, dass das menschliche Sexualverhalten zu vielfältig ist, um in sauber getrennte Kästchen eingeteilt zu werden. Das war ein wichtiger Schritt in Richtung Realismus“, sagt der Sexualwissenschaftler. „Dieser Realismus ist aber unverzichtbar, wenn man die Menschen als sexuelle Wesen verstehen und sie über sich selbst aufklären will.“

Der Aids-Schock und das neue Schwangeren- und Familienhilfegesetz von 1992 hätten einen großen Anteil daran gehabt, den 1977 vom Bundesverfassungsbericht bestätigten staatlichen Auftrag zur Sexualaufklärung zu festigen, sagt auch Sexualpädagogin Renate-Berenike Schmidt. Die biologischen Fakten wurden inzwischen flächendeckend gelehrt. „Doch die Themen, die darüber hinausgehen, wie Diversität von Sexualität, Verhütung, Schwangerschaftsabbruch, Genderproblematik – das hängt noch immer sehr vom Lehrer ab.“

Teilweise würden heute noch Themen auch an externe Sexualpädagogen delegiert, denen es nicht zu peinlich ist, mit den Schülern das Abrollen eines Kondoms zu üben oder das Einführen eines Tampons. Statt Atlanten gibt es heute eine Vielzahl an Broschüren und Materialien, die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder Beratungsstellen wie Pro Familia auflegen.

Und wie sieht der Unterricht an deutschen Schulen aus? Petra Mogilka ist Lehrerin an einer Grundschule in Berlin-Kreuzberg und gibt im Rahmen von Sachkunde in ihrer vierten Klasse auch Sexualkunde-Unterricht. Mogilka ist in der DDR aufgewachsen. „Da wurden wir im Rahmen des Biologieunterrichts gut aufgeklärt.“ Aber nicht so, dass man frei Fragen stellen konnte über die Dinge, die einen bewegten. „Das war eher so biologisch.“

Bei ihr geht es heute um viel mehr als Biologie – und zunächst um die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen. Mogilkas Unterricht ist sehr lebensnah. Hebammen kommen in die Schule, eine Geburt wird nachgespielt, es wird erklärt, wie das Kind im Mutterleib wächst. In dem Zusammenhang wird auch über Sex gesprochen.

Heterogene Klassen machen den Aufklärungsunterricht komplexer: Lehrerin Petra Mogilka unterrichtet in Berlin-Kreuzberg

„Wie kommt das Baby in den Bauch der Mutter? Ich erzähle das schon, aber ich gehe nicht ins Detail. Die Reaktionen der Kinder sind ganz verschieden. Manche kichern, manche sind verlegen, aber viele sind auch interessiert und reif. Manche Kinder wissen alles ziemlich genau, andere sind total entsetzt.

Ein türkischstämmiger Junge hatte gerade ein kleines Schwesterchen bekommen, als wir das besprachen, und er sagte: ‚Frau Mogilka, bei uns kommen die Babys anders.‘ Ich musste ihm schon klarmachen, dass es bei allen so ist.“

Eine heterogene Schule bringt eben auch Herausforderungen mit sich, über die sich die Autoren des „Sexualkunde-Atlas“ ebenso wenig Gedanken machten wie die rebellischen Schüler von 68. Oft geht es darum, dass die Kinder lernen, Nein zu sagen und Grenzen zu setzen. Etwa in Projekten, bei denen durchgespielt wird, wie sie reagieren, wenn ihnen der neue Freund der Mutter zu nahe kommt oder das Kind auf der Straße zum Mitgehen angesprochen wird. Das sei wichtig, sagt die Lehrerin, „denn die Gesellschaft draußen ist ja nicht so ein geschützter Raum wie die Schule“.

Die Gesellschaft da draußen: Sie ist heute wie vor 50 Jahren der Referenzrahmen, auf den die Schule reagiert – und nicht umgekehrt.

„Die Kinder sind ja alle mit dem Thema konfrontiert in den Medien“, sagt Mogilkas Kollegin Katrin Steib. „Da sehen und erfahren die Kinder Dinge, die sie nicht verdauen können. Mädchen treffen mit Jungen aufeinander, und alle meinen, das, was sie in den Pornofilmen sehen, machen zu müssen. Das setzt sie total unter Druck und verursacht Stress und Ängste.“

Steib unterrichtet etwas ältere Schüler, die der sechsten Klasse, in Sexualkunde. „Die Kinder, die ich unterrichte, wissen schon einiges“, sagt sie. „Auch von der Schule her. Aber erst bei mir reden wir über Menstruation, Gebrauch von Tampons, Verhütung, solche Dinge, die bald für sie wichtig sein werden. Wie man ein Kondom anlegt. Da merkt man allerdings, dass die Kinder selten Genaueres wissen. Die Jungen zum Beispiel haben nie von der Klitoris gehört. Schon gar nicht wissen sie, wo sie ist und wozu sie gut ist. Da habe ich das Gefühl, dass auch die aufgeklärten Eltern ganz gern der Schule die Details überlassen.“

Aufklärung mit bunter Knete: Lehrerin Katrin Steib ist es wichtig, dass die Schüler die Scham bei dem Thema ablegen

Steib lässt die Kinder bunte Knete mitbringen und immer zu zweit – Junge und Mädchen – die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane kneten. „Zuerst finden sie es ein wenig peinlich, aber nach wenigen Minuten ist die Scham abgelegt, und dann arbeiten sie auch ganz selbstverständlich mit den wissenschaftlichen Begriffen: ‚Aber sieh mal, dein Samenleiter ist viel länger als meiner, und wo tust du jetzt den Hoden hin?‘ Es entstehen tolle Kunstwerke, und wir können ohne Kichern und Peinlichkeit sozusagen wissenschaftspropädeutisch arbeiten.“

Die Reinhardswald-Grundschule, wo Mogilka und Steib arbeiten, legt besonderen Wert auf Offenheit. „Bei uns in der Klasse sind Schimpfwörter wie ‚Du Schwuler!‘ ein absolutes No-Go, und es kommt auch nicht vor“, sagt Steib. „Ich frage die Kinder, wie wäre es, wenn du schwul wärst und zusammen mit deinem Freund auf dem Schulhof, was würde passieren? Und alle sind sicher, dass sie hier gar nicht auffallen würden. Bei der weiterführenden Schule sind sie nicht so sicher. Die Kinder kennen in ihrem familiären Umfeld gleichgeschlechtliche Paare und sind dadurch sensibilisiert, und alle sind sehr bewusst tolerant. Das entspricht vielleicht dem Klischee über Kreuzberg. Aber das müssen wir doch auch lehren, dass jeder die Freiheit hat, sich sexuell so zu orientieren, wie er es möchte.“

Ein Beispiel, wie Knete bei der Aufklärung eingesetzt wird

Das ist in anderen Schulen natürlich anders. Maria Posener unterrichtete über dreißig Jahre an einer Grundschule im Berliner Bezirk Wedding. In ihren Erinnerungen schreibt sie: „Zu Beginn der sechsten Klasse unterrichte ich Sexualkunde, nur die Mädchen. Die Jungen haben bei einem männlichen Kollegen Unterricht. Früher habe ich bereits in der zweiten oder dritten Klasse über ‚Woher kommen die Babys?‘ gesprochen und immer wieder das Thema Sexualität aufgegriffen. Jetzt aber, wo die Klassen mehrheitlich aus moslemischen Schülern bestehen, habe ich zwar jede Frage beantwortet, die gestellt wurde, und bin auf jede Bemerkung eingegangen, etwa wenn ein Schimpfwort wie ‚Hure!‘ oder ‚Schwuler!‘ fiel. Aber ich habe das Gefühl, erst jetzt, in der sechsten Klasse, mit den moslemischen Mädchen über diese Fragen ausführlich, über eine Zeit von vier bis sechs Wochen, reden zu können.“

Die konkrete Unterrichtspraxis all dieser Lehrerinnen ist weit entfernt von der Karikatur schulischer Sexualaufklärung, die von der „Demo für alle“-Bewegung oder der aus ihr hervorgegangenen „Elternaktion“ in ihren Flugblättern und Broschüren gezeichnet wird. Die „Demo für alle“ wurde von der katholischen Aktivistin Hedwig von Beverfoerde zusammen mit der AfD- Europaabgeordneten Beatrix von Storch organisiert und richtete sich zunächst gegen den Bildungsplan der grün-roten Landesregierung von Baden-Württemberg 2015.

Beverfoerde und von Storch stießen sich insbesondere an dem „Leitprinzip“ der „Akzeptanz sexueller Vielfalt“. In dem Entwurf des Bildungsplans hieß es: „Schülerinnen und Schüler kennen die verschiedenen Formen des Zusammenlebens von/mit LSBTTI (also lesbischen, schwulen, bisexuellen, transgender und intersexuellen) Menschen.“ Die Kinder sollten „klassische Familien, Regenbogenfamilien, Single, Paarbeziehung, Patchworkfamilien, Ein-Eltern-Familien, Großfamilien, Wahlfamilien ohne verwandtschaftliche Bande“ auch als „Formen des Zusammenlebens“ benennen können. Es gelang der Protestbewegung, unterstützt von Kirchen, der CDU und FDP, die Landesregierung zu zwingen, diesen Teil des Bildungsplans umzuschreiben.

Durch diesen Erfolg ermuntert, organisierten Beverfoerde und ihre „Elternaktion“ seitdem bundesweit Aktionen gegen „die Sexualisierung der Kinder“. Nach ihrer Ansicht zielt die „Pädagogik der Vielfalt“ darauf ab, „den ‚neuen Menschen‘ durch Zerstörung der ‚traditionellen Geschlechtsrollen‘ zu schaffen“. Wer aber Kinder „sowohl von ihrer geschlechtlichen Identität als auch von ihren Hemmungen und Schamgefühlen ‚befreien‘ will, führt sie in eine Orientierungs- und Schutzlosigkeit, die sie für missbräuchliche Übergriffe desensibilisiert“. Das sei auch der heimliche Zweck dieser Pädagogik.

Die Sexualpädagogin Schmidt hält diese Vorwürfe für „Blödsinn“. „Kinder sind sexuelle Wesen, von Anfang an. Man kann sie durchaus auch mit Themen konfrontieren, mit denen sie sich bislang noch nicht auseinandergesetzt haben.“

Als Alternative zur staatlichen Sexualkunde empfiehlt die „Elternaktion“ den christlich-fundamentalistischen Aufklärungsverein Teenstar und sein „wertorientiertes Aufklärungsmodell“. In Österreich ersetzten Teenstar-Workshops an einigen Schulen den staatlichen Unterricht. Doch vor wenigen Tagen hat das österreichische Bildungsministerium dem Verein untersagt, dort weiterhin Workshops in der Form durchzuführen.

In dem Unterricht des Teenstar-Personals lernten Schüler etwa, dass Sex nur in der Ehe zu praktizieren, Homosexualität eine heilbare Verirrung und Masturbation eine für den „Liebestank“ schädliche Praxis sei. Als hätte es den „Sexualkunde-Atlas“ gar nicht gegeben – und alle nachfolgenden Lehrmaterialien ebenso wenig. Genau darum geht es der „Elternaktion“: die Uhr zurückzudrehen in eine Zeit, die noch nicht aus den Fugen war. Nur hat es diese Zeit nie gegeben.

Seit fünfzig Jahren bemüht sich die Schule, auch in Sachen Sexualität die Schüler auf eine Welt vorzubereiten, die weder sie noch ihre Lehrer geschaffen haben. Man hat das Gefühl, sie macht das alles in allem ziemlich gut, ob das nun fundamentalistischen Muslimen oder Christen gefällt oder nicht. Der letzte Satz im „Sexualkunde-Atlas“ lautet übrigens: „Akne ist nicht ansteckend und verschwindet nach einigen Jahren von selbst.“ Für die Gegenaufklärung gilt das offenbar nicht.