In der Linkspartei wütet ein erbitterter Machtkampf zwischen Sahra Wagenknecht und Katja Kipping. In der Mitte steht Dietmar Bartsch. Auch ihm fällt keine Lösung ein. Der Konflikt lähmt die Partei. Wie schafft man endlich Frieden?

Die magische Zahl heißt 35. Das ist die Mehrheit in der 69-köpfigen Fraktion der Linkspartei im Deutschen Bundestag. Es ist die Zahl der Stimmen, die nötig wären, um Sahra Wagenknecht als Fraktionsvorsitzende zu stürzen.

Und das ist die Frage, die die Abgeordneten der Linken in den vergangenen Wochen mehr beschäftigte als alle noch so wichtigen „Sachthemen“: Wie soll es nur weitergehen? Dass es „so“ auf keinen Fall weitergehen könne, meinten praktisch alle. Auch der besonnene, vom Ende her denkende Dietmar Bartsch, Wagenknechts Co-Vorsitzender, hat das schon öffentlich gesagt: „So geht es nicht weiter.“

Was ist da los? Was ist „es“? Warum profitiert die Partei nicht von der dramatischen Schwäche der SPD, warum verharrt sie im Neun-Prozent-Getto, warum kommt sie in der aktuellen Hartz-IV-Debatte gar nicht vor?

Aus welchem Grund ist innerparteilich von „Mobbing“, „Terror“ und „Denunziation“, von „Irren“ und „Idioten“ die Rede? In einer gemeinsamen Sitzung versuchten Fraktion und Parteispitze am vergangenen Freitag, mit Formelkompromissen die Wogen zu glätten. An das hässliche Wort „Abwahl“ wollte niemand auch nur je gedacht haben. Aber Antworten fand auch niemand.

Für das tief reichende Gefühl von Zerrüttung gibt es politische, strukturelle und persönliche Gründe, die selbstverständlich je nach Lagerzugehörigkeit unterschiedlich beurteilt werden.

Und „Lager“ gibt es drei in der Linksfraktion: jenes um Wagenknecht, das deren im Sommer gegründete, außerparlamentarische Bewegung „Aufstehen“ unterstützt und neben radikaler Sozialpolitik vor allem auf eine härtere Migrationspolitik setzt. Dann die östlich-pragmatischen „Reformer“ um Bartsch, die im Prinzip auch linke Sozialdemokraten sein könnten. Schließlich jene Abgeordneten, die sich um Parteivorsitzende Katja Kipping scharen und neben sozialen und grün-ökologischen Themen vor allem „Weltoffenheit“ und eine liberale Einwanderungspolitik betonen. Zudem überleben in der Fraktion bis heute noch ein bis drei Trotzkisten.

Wirklich schätzen tun sich diese Lager gegenseitig nicht: „Lifestyleclique“ und „Karrieristen“ sagen die Wagenknechtianer und manche Bartschisten über die Kipping-Truppe. Als „Spalterin“ bezeichnen die Kipping-Leute und immer mehr Bartschisten Wagenknecht.

Bisher existierte ein Zweckbündnis zwischen Team Bartsch und Team Wagenknecht. Die beiden Fraktionsvorsitzenden sind zwar politisch unterschiedlicher Auffassung, pflegen aber einen offenen und recht vertrauensvollen Umgang miteinander.

Doch dieses Zweckbündnis scheint inzwischen prekär. Allein hätte Wagenknecht keine Mehrheit in der Fraktion. Auf lediglich zwölf bis 14 Personen wird die Zahl ihrer Unterstützer geschätzt, weit weg von der 35-Stimmen-Mehrheit.

Herzlich war das Klima zwischen der Säle füllenden, klugen und talkshowtauglichen Fraktionschefin und der oft eher im Schatten stehenden Parteichefin Kipping nie gewesen. Manche Kollegen sagen ihr Ambitionen auf Wagenknechts Posten nach.

Doch seit Wagenknecht zum überparteilichen „Aufstehen“ eingeladen hat, eskalieren die Dinge. „Es ist schon ein starkes Stück, wenn die Fraktionsvorsitzende zu einer Konkurrenzveranstaltung aufruft“, sagt die Abgeordnete Cornelia Möhring, die zum Kipping-Lager zählt: „Vor allem, wenn sie ihre eigene Partei dafür kleinredet.“

„Wer ernsthaft die beliebteste und bekannteste Linke-Politikerin absägen will, dem steht es frei, einen entsprechenden Abwahlantrag zu stellen“, sagt hingegen Sevim Dagdelen, stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Wagenknecht-Unterstützerin: „Aber ich kann jedem nur raten, dabei die Auswirkungen an der Basis und bei unseren Wählern zu bedenken.“ Die betont zahme Freitagssitzung deutet darauf hin, dass viele Teilnehmer genau dies getan haben.

Tatsächlich geht es in dem Langzeitkonflikt immer wieder um zwei Fragen: Wurde mit der Gründung von „Aufstehen“ die Grenze des für die Partei Erträglichen überschritten? Und: Welche Haltung will die Linke zum Migrationsthema einnehmen?

Wagenknecht ist überzeugt, dass es nicht reicht, etwa den Grünen in einer Konkurrenz um „Weltoffenheit“ Stimmen abzujagen, wie es möglicherweise Kipping vorschwebt. Für eine realistische Regierungsperspektive müsse man über das rot-rot-grüne Milieu hinaus mobilisieren – und gerade jene erreichen, die von Parteien insgesamt enttäuscht seien. Genau das könne ihre Sammlungsbewegung, für die sich normale Arbeitnehmer und prekär Beschäftigte ebenso interessierten wie junge Leute, Wissenschaftler und Intellektuelle.

Ein von „Aufstehen“ formuliertes „Wahlprogramm“ soll SPD, Linkspartei und Grünen aufzeigen, was zu tun wäre, um mit linker Politik wieder Mehrheiten zu gewinnen. Neben der Sozialpolitik geht es dabei auch um Migration: Das linksliberale Spektrum möge sich ja uneingeschränkt über die „Buntheit“ freuen, sagt Wagenknecht. Aber viele gelegentliche AfD-Wähler seien gar keine Ausländerfeinde, sondern erwarteten eine vernünftige Position zum Thema Flüchtlinge.

Eine Bewegung, die sich vom großen Bündnis „Unteilbar“ abgrenze, und ein Programm schreiben wolle, das Druck auf andere Parteien ausüben solle, sei absurd – außerdem befinde sich die SPD ohnehin im freien Fall, gibt Cornelia Möhring zu bedenken, und die Grünen seien auf dem Weg in die politische Mitte, orientiert auf Schwarz-Grün.

„Aufstehen“ ziele somit vor allem auf die Partei Die Linke selbst. Auch andere sind der Meinung, dass Wagenknecht sich mit „Aufstehen“ in erster Linie ein persönliches Druckmittel habe schaffen wollen, um ihre erneute Spitzenkandidatur durchzusetzen. Wagenknechts Unterstützer sprechen sogar von einer Kanzlerkandidatur.

Gleichzeitig – und ein wenig im Widerspruch zu diesem Befund – hört man von den Wagenknecht-Gegnern, ihre Bewegung sei sowieso nur ein potemkinsches Dorf, die Mitstreiter aus anderen Parteien eher unbedeutend; „Rudis Reste-Rampe“ heißt es spöttisch. Auf die angebliche Unterstützerzahl von 170.000 komme man nur, wenn man alle Onlineabonnenten des Newsletters mitzähle, darunter gewiss auch viele Journalisten.

Doch wenn die Bewegung tatsächlich so unbedeutend ist – muss die Linke sich dann so darüber ereifern? Oder geht es in Wahrheit, wie sie im Wagenknecht-Lager vermuten, doch eher um Neid der Parteifunktionäre auf Macht und Ämter in der Fraktion? Oder gar um Ressentiments gegen Wagenknechts Ehemann, den früheren SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine, dem nicht wenige unterstellen, im Hintergrund bei „Aufstehen“ die Fäden zu ziehen?

Auf jeden Fall adressiere Wagenknecht mit ihrer Ausländerpolitik den weißen männlichen Kleinbürger, sagen die Kipping-Anhänger abschätzig. Wer genau diese Leute nicht mehr erreichen wolle, habe jeden politischen Anspruch aufgegeben, schallt es von der anderen Seite zurück.

Viele, auch aus der Bartsch-Welt, nehmen es der Co-Fraktionsvorsitzenden übel, dass sie immer so deutlich erkennen lasse, wie „unendlich bekloppt“ sie alle anderen fände. Außerdem komme sie nie zu Sitzungen des Parteivorstands. Was man von einer Fraktionsvorsitzenden doch wohl erwarten dürfe. „Ganz normale demokratische Vorgänge“ beklage sie als Schikanen; ihr Weltbild sei geprägt von Freund-Feind-Denken. Wagenknecht hingegen fühlt sich dem Vernehmen nach durch kleinkarierte Geschäftsordnungsanträge zu Reisekosten oder Rednerlisten kujoniert.

Bei dem im Großen und Ganzen eher friedfertig wirkenden Bartsch wird eine dreifältige Kritik abgeladen: Er solle sich gefälligst mehr vor „die Sahra“ stellen, fordern die einen. Er solle sie endlich zur Vernunft bringen, meinen die anderen. Er solle verdammt noch mal dafür sorgen, dass alle sich vertrügen, findet der Rest. „Ich wünsche mir, dass sich jeder um seinen Job kümmert“, sagt Dagdelen: „Die Fraktionsspitze hat keinerlei Interesse an einem Konflikt. Sie betreibt auch weder Mobbing, noch arbeitet sie am Sturz der Parteispitze.“

Bartsch weist ausdrücklich darauf hin, dass die Strategieprobleme seiner Partei – wendet man sich eher an Traditionalisten oder an kosmopolitische Linksliberale? – mit einer Abwahl Wagenknechts keineswegs gelöst wären. Ein solcher Schritt könne aber sehr wohl die Partei zerreißen.

Manche Kipping-Anhänger und Bartschisten scheinen gleichwohl der Überzeugung anzuhängen, dass alle glücklicher wären, wenn Wagenknecht sich auf die reine Intellektuellenrolle zurückzöge: Bücher schreiben, Vorträge halten, im Bundestag reden, in Talkshows auftreten. Nur ohne Macht.

Aber warum sollte sie das tun, wenn sie nicht muss? Zudem sollte sich niemand im Kipping-Lager täuschen: Selbst wenn es so käme, sähe kaum ein Bartschist Kipping als natürliche Nachfolgerin für den Fraktionsvorsitz.

Die Lage ist vertrackt, auch wenn es am Freitag in der gemeinsamen Sitzung von Fraktion und Parteivorstand noch nicht zum Knall kam. Die Situation erinnert an einen alten Comic von Chlodwig Poth: Darin sieht man ein Ehepaar, das sich gegenseitig fast an die Gurgel geht. Ein langhaariger, zotteliger Freund kommt dazu und fragt: „Ehekrise? Kann man schlichten?“ Nein, es sei nur die ewige Selbstzerfleischung der deutschen Linken, antworten die Streitenden wie aus einem Mund. „Oh“, sagt der Freund: „Da kann man nichts machen.“