Schwanzsaugerinnen, Zauberstäbe, kraftvolle Stöße: Die Goethe-Zeit kannte eine explizite Literatur, die sich hinter modernen Internetpornos nicht verstecken muss. Wie die deutsche Aufklärung die Pornografie erfand.

Forscherfleiß und neue interdisziplinäre Methoden haben uns in jüngster Zeit viele Erkenntnisse über die materiellen Grundlagen der Kulturgeschichte beschert: Wir wissen, was man in Luthers Elternhaus gegessen hat (die Hinweise wurden im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Klo gefischt), wir kennen Nietzsches Krankengeschichte viel besser und können sagen, welche Sexualpraktiken Oscar Wilde bevorzugte.

Jetzt ist sogar erforscht, worauf man zu Goethes und Schillers Zeiten onanierte. 25 Wissenschaftler trafen sich in Jena, um zu berichten, was man über „Deutsche Pornographie in der Aufklärung“ weiß, und nun kann man die Ergebnisse ihrer Studie auch in einem 750 Seiten dicken Band nachlesen.

„Einhandliteratur“

Das deutsche Lesepublikum um 1800 kannte keineswegs nur Damen ohne Unterleib wie Iphigenie oder die Jungfrau von Orléans, sondern es genoss auch Einhandliteratur, die so ging: „Nun führte er seinen Zauberstab, der jetzt wieder muthig hoch empor schnellte, aufs neue an den Eingang der Höhle, und nach vier kraftvollen Stößen drang er in das wahre Heiligthum ein. Sanft schnitten die fleischigten und aufgedunsenen Lefzen in den Priap ein und vermehrten den Reiz auf Haßlo’s Seite auf vielfache Art. Mit verdoppelten Kräften that er noch zwey Stöße, und sein Balsam ergoß sich aufs neue in noch stärkerer Dosis.“

Diese Szene aus dem 1800 in Berlin (mit der ablenkenden Ortsangabe „Padua“) anonym erschienenen Buch „Lina’s aufrichtige Bekenntnisse oder die Freuden der Wollust“ schildert die Entjungferung einer Zwölfjährigen – damals zumindest in solchen Romanen und in den großstädtischen Unterschichten ein akzeptables Alter. Das Werk hat in einem Exemplar, das in der Wienbibliothek gehütet wird, 200 Jahre überstanden.

Aus der Seltenheit soll man keine falschen Schlüsse ziehen. Liederliche Schriften über unzüchtige Frauenzimmer waren ein wesentlicher Bestandteil des Buchmarkts der Epoche, wie Dirk Sangmeister, neben Martin Mulsow Herausgeber des Bandes, anhand einer Karikatur nachweist, mit der der Weimarer Schriftsteller Johannes Daniel Falk im Herbst 1800 seine Buchmessensatire „Der Jahrmarkt zu Plundersweilern“ illustrierte.

Sündenpfuhl Leipziger Buchmesse

Das Bild, eine Art früher Comic, zeigt Gestalten der Leipziger Buchmesse: die Salondame Henriette Herz mit ihrem Busenfreund, dem Religionsphilosophen Friedrich Schleiermacher, Ludwig Tieck, der auf einem gestiefelten Kater reitet, den Buchhändler Georg Joachim Göschen, zwei Frauen, die in seinem Geschäft eine Prachtausgabe von Wielands „Oberon“ kaufen, und einen protestantischen Prediger mit Stehkragen, der theologische Schriften auf Eseln anbietet und in seiner Sprechblase ruft: „Yah! Yah! Ich und meine Esel sind auch da.“

Private „Pornosammlung“ des TPN/TPN24 Chefredakteurs

Das Kontrastvieh zu den theologischen Eseln sind die pornografischen Schweine. Ganz rechts sieht man den Berliner Buchhändler Wilhelm Oehmigke. Er führt Titel wie „Anweisung zum Beischlaf“ und „Biographien einiger merkwürdigen Berlinischen Freudenmädchen“. Zu seinen Füßen tummeln sich sechs Borstenviecher, die den Namen „Grécourt“ um den Hals tragen – Jean-Baptiste de Grécourt war ein europaweit bekannter Freidenker und Verfasser unzüchtiger Geschichten.

Die explosive Verknüpfung von aufklärerischer Kritik an herrschenden Moralvorstellungen sowie Angriffen auf herrschende Institutionen (vor allem die Kirche) mit Erotik war eine Spezialität französischer Libertins. Das bis heute berühmteste Beispiel dafür ist das Werk des Marquis de Sade.

Im deutschsprachigen Raum hat dieses Rezept etwa Karl von Güntherode, ein entlaufener Servitenmönch, in seinem 1788 erschienenen antiklerikalen Roman „Geschichte der Männer ohne Hosen“ angewandt. Damit waren zunächst ganz konkret kuttentragende Mönche gemeint, aber Güntherode gewinnt der Hosenlosigkeit etliche satirisch-pornografische Aspekte ab.

Saftige Anregungen

Aber auch aus England hatte der deutsche Buchmarkt saftige Anregungen empfangen: Der Berliner Verleger Christian Friedrich Limburg, bei dem auch Linas Bekenntnisse erschienen, brachte 1791 die erste Übersetzung von John Clelands Hurenmemoiren „Fanny Hill“ heraus, die 1749 in London herausgekommen waren. Er wählte dafür das schöne Pseudonym Seraph Cazzovulva, was man getrost mit Engel Schwanzmöse übersetzen kann.

Besonders perverse Sexualpraktik oder Allegorie? Aus “Amors experimentalphysikalischem Taschenbuch”, das 1798 erschien.

Die dritte Quelle der deutschen Pornografie ist Griechenland. Von dort bezog nicht nur das Weimarer Schandmaul Karl August Böttiger Inspiration. Den Begriff múzouriv, mit dem bei Origenes eine den Kirchenvater empörende Darstellung der Göttin Juno beschrieben wird, übersetzte er freimütig mit „Schwanzsaugerin“.

Den deutschen Ausdruck findet man aber nicht nur in den Schriften des notorischen Böttiger, dem wir auch den bösesten Goethe-Klatsch verdanken, sondern er steht so auch 1825 im „Allgemeinen Griechisch-Deutschen Handwörterbuch“, das Johann Friedrich Jacob Reichenbach, Konrektor der Thomasschule in Leipzig, herausgebracht hat. Im Deutschland der Zeit galt: Wenn’s von den Franzosen kam, dann war es dekadent und verdorben. Wenn’s aber von den alten Griechen kam, deren geistiger Diktatur sich die Deutschen seit Melanchthon und Winckelmann unterworfen hatten, dann war’s schon in Ordnung.

Wörtlich „Hurenmalerei“

So ist es kein Wunder, dass der Begriff, mit dem man schließlich das endlich in Deutschland etablierte Literatur und Darstellungsgenre (die Bücher waren – wie heutige Pornos – selten auf Text beschränkt) benannte, aus dem Griechischen entlehnte.

Das Wort Pornograph taucht ein einziges Mal im altgriechischen Schrifttum auf und bedeutet wörtlich „Hurenmalerei“. Bisher galt, in der Neuzeit habe der Archäologe Karl Otfried Müller den Ausdruck 1830 erstmals für die Urheber von Zeichnungen in Pompeji verwendet. Durch sein viel gelesenes „Handbuch der Archäologie der Kunst“ sei das Wort dann auch ins Englische und Französische gelangt.

Sangmeister kann nun nachweisen, dass der Terminus schon 1768 in Christian Felix Weisses „Neuer Bibliothek der schönen Wissenschaften und freyen Künste“ benutzt wird. Das war noch ein Jahr vor Nicolas Edme Restif de la Bretonnes „Le pornographe“, einer französischen Schrift, deren Titel allerdings noch die Bedeutung „Reformanleitung für das Prostituiertenwesen“ hatte. Pornografie ist also in gewisser Hinsicht doch eine deutsche Erfindung.