In allen Branchen setzen Unternehmen auf Automatisierung und Digitalisierung. Der Strukturwandel wird zu dramatischen Verwerfungen am Arbeitsmarkt führen.

Künstliche Intelligenz, humanoide Roboter, selbstfahrende Autos – auf die Wirtschaft rollt eine gigantische Technologisierungswelle zu. Die bereits stark automatisierten Fabriken erfahren durch selbstlernende Maschinen ein weiteres Upgrade. Logistik und Transport profitieren von autonomen Fahrzeugen. Und durch die Hilfe von Cobots werden körperlich anstrengende Tätigkeiten in Krankenpflege oder Gastgewerbe leichter.

So werden digitale Technologien die Arbeitsproduktivität bis 2030 im Schnitt um 30 Prozent erhöhen.

Die tiefgreifenden Veränderungen im Produktions- und Dienstleistungssektor werden in den kommenden 10 bis 15 Jahren gewaltige gesellschaftliche Turbulenzen auslösen. Denn der Strukturwandel durch die Digitalisierung führt ebenso wie die alternde Bevölkerung zu dramatischen Verwerfungen am Arbeitsmarkt.

In der Folge wird die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen in den Industriestaaten weiter zunehmen. Wenn die Mittelschicht – das Fundament demokratischer Gesellschaften – erodiert, ist davon auszugehen, dass die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen vielerorts deutlich instabiler werden.

Um im Zuge des technologischen Fortschritts nicht ins Hintertreffen zu geraten, müssen Firmenlenker ihre Unternehmen grundlegend modernisieren und gleichzeitig die heiß umkämpften Digitalexperten an sich binden. Auch sollten sie sich darauf einstellen, dass Regierungen mit staatlichen Eingriffen auf gesellschaftliche Friktionen reagieren. Nicht zuletzt wird sich das Konsumverhalten großer Bevölkerungsgruppen verändern, woran es sich anzupassen gilt.

Angeblicher Fachkräftemangel löst Digitalisierungswelle aus

Längst warnen Ökonomen in den Industriestaaten, dass der Fachkräftemangel das Wirtschaftswachstum in den kommenden Jahren dämpfen könnte. Weltweit geht das Potenzial an Erwerbskräften durch den demografischen Wandel zurück. Die Babyboomer verlassen den Arbeitsmarkt.

Gleichzeitig lässt sich die Erwerbstätigkeit von Frauen in vielen westlichen Ländern nur noch geringfügig steigern. Zudem werden gut ausgebildete Migranten vielerorts zur Mangelware.

In den 2020er-Jahren dürfte deshalb die Zahl der Erwerbstätigen selbst im Einwanderungsland USA nur noch geringfügig steigen. In Westeuropa schrumpft sie bereits.

In China verschärfte die Ein-Kind-Politik den Arbeitskräftemangel. Ein Babyboom nach der Lockerung dieser Politik wird den Automatisierungstrend jedoch nicht mehr umkehren. So hat beispielsweise der Smartphone-Hersteller Foxconn, mit 1,3 Millionen Beschäftigten Chinas größer Arbeitgeber, im vergangenen Jahr 60.000 und damit ganze 55 Prozent seiner Mitarbeiter in einer Fabrik durch Roboter ersetzt.

Unternehmen in allen Branchen setzen auf Automatisierung. Aufgrund der fehlenden Arbeitskräfte investieren sie massiv in die Digitalisierung – allein in den USA rund 8.000 Milliarden US-Dollar bis 2030. Die Anbieter von intelligenten Maschinen, Robotern oder autonomen Fahrzeugen dürfen also mit einer kräftigen Nachfrage rechnen.

Dieser Modernisierungsschub wird die Arbeitsproduktivität in der kommenden Dekade gegenüber 2015 um nahezu ein Drittel steigen lassen. Im produzierenden Gewerbe sowie in der Energie- und der Logistikbranche ist sogar ein Plus von 50 Prozent möglich. Ähnlich hohe Zuwächse zeichnen sich in Handel und Gastgewerbe ab.

Und selbst in schwer zu automatisierenden Branchen wie Gesundheit und Bildung dürften sich mithilfe von Vernetzung und Künstlicher Intelligenz Produktivitätsverbesserungen von bis zu 20 Prozent erzielen lassen. Autonome Fahrzeuge, Spracherkennung oder selbstlernende Software können die unterschiedlichsten Aufgaben übernehmen – auch in der Verwaltung oder in der Rechts- und Finanzberatung.

Ein Viertel der Arbeitsplätze wird wegrationalisiert

Die großen Fortschritte bei der Rationalisierung führen allerdings dazu, dass das Produktionspotenzial schneller wächst als die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen. Entsprechend gehen Arbeitsplätze verloren – ein Trend, der sich im Laufe der nächsten Dekade weiter verstärken wird.

So werden in den Industriestaaten bis zu 25 Prozent aller Jobs obsolet. Die OECD-Länder müssen deshalb trotz schrumpfender Bevölkerung wieder höhere Arbeitslosenzahlen verkraften.

Anders als in der Vergangenheit leiden unter dem rasanten Strukturwandel nicht mehr nur Geringqualifizierte. Mit Lohnrückgang oder gar Jobverlust müssen in den 2020er-Jahren auch gebildete Werktätige mit mittleren und hohen Einkommen rechnen, wenn sie in wenig zukunftsträchtigen Berufen arbeiten.

Nur etwa ein Fünftel der Fachkräfte ist dann noch passgenau für die digitalisierte Welt qualifiziert. Um diese neue Elite werben alle Unternehmen – mit hohen Gehältern, flexiblen Arbeitszeiten und exzellenten Rahmenbedingungen.

Die digitale Revolution produziert viele Verlierer, die nicht mehr am ökonomischen Fortschritt teilhaben. Ihnen gegenüber stehen wenige Profiteure des Technologiebooms, die eine bislang ungekannte Prosperität genießen.

Das fragile Gleichgewicht zwischen Arm und Reich in den Industriestaaten gerät dadurch stark ins Wanken. Die bereits heute großen Unterschiede bei den Einkommen und damit bei Renten und Vermögen werden noch größer. Die Spaltung der Gesellschaft nimmt zu, die wohlhabende Mittelschicht erodiert.

Staatliche Interventionen sind zu erwarten

Diesem gesellschaftlichen Umbruch werden die Regierungen in vielen Staaten nicht tatenlos zusehen. Bei Eingriffen in die heimische Wirtschaft etwa sind schärfere Marktregulierung, ein strikteres Kartellrecht, Steuererhöhungen oder eine Ausweitung von Transferzahlungen denkbar.

Da sich durch den demografischen Wandel die Zahl der Rentner erhöht und durch den Strukturwandel die Arbeitslosigkeit zunimmt, geraten die Sozialsysteme unter Druck. In den außenwirtschaftlichen Beziehungen ist zudem verstärkt mit protektionistischem Gebaren zu rechnen.

Unternehmen müssen sich auf eine Dekade der Widersprüche einstellen. Obwohl viele Menschen arbeitslos sind, finden Personalchefs keine Fachkräfte. Während etablierte Firmen ums Überlegen kämpfen, erreichen junge Technologiefirmen Milliardenbewertungen an den Börsen. Neue Geschäftsfelder wachsen rasant, andere verschwinden. Die Polarisierung der Gesellschaft und soziale Unruhe führen zu einer unberechenbaren Politik.

Je weiter die 2020er-Jahre voranschreiten, desto mehr bremsen Arbeitslosigkeit und sinkende Gehälter die ökonomische Dynamik. Darüber hinaus droht ein Investitionsrückgang, wenn die meisten Firmen ihr Digitalisierungs- und Automatisierungspotenzial ausgeschöpft haben. Die Kombination aus sinkendem Konsum und geringeren Kapitalausgaben mündet in eine Phase der Stagnation oder könnte gar eine weltweite Rezession auslösen.

Auf diese Ära hoher ökonomischer und politischer Risiken sollten Firmenlenker ihre Unternehmen vorbereiten. Sie müssen flexibler auf Risiken reagieren können und widerstandfähiger gegenüber äußeren Einwirkungen werden.

In Zeiten extremer Volatilität wirken sich kurze Entscheidungswege, starke Kundenbindung und eine loyale Belegschaft positiv auf die Reaktionsfähigkeit aus. Wer beweglich und agil bleibt, verkraftet nicht nur Veränderungen besser, sondern kann auch eher neue Wachstumschancen nutzen.