Der Niger gilt als „Testlabor“: Die EU investiert viel Geld und schickt Soldaten, um das Land als Nadelöhr für afrikanische Migranten Richtung Norden zu schließen. Aber was auf den ersten Blick funktioniert, hat drastische Nebenwirkungen.

Die Tage in der nigrischen Wüstenstadt Agadez enden sanft. Ahmed Illo Dizi sitzt auf einer Mauer und trinkt Tee. „Ich kenne Deutschland, war auch schon in München. Auch wir hier mögen Knödel, nur nennen wir sie Fufu“, sagt der 52-Jährige lachend. „Aber ehrlich gesagt, ich finde Agadez viel schöner als München.“ Vor ihm stehen vier kleine Figuren, in Handarbeit geformte Wüstenfüchse. „Früher habe ich sie aus Silber gemacht und an Touristen verkauft. Heute benutze ich Blei. Das ist billiger.“

Dizi ist Goldschmied, ein traditionsreiches Handwerk der Tuareg. Bis vor wenigen Jahren haben viele deutsche Wüstentouristen abends Tee mit ihm getrunken. „Heute kommen weder Touristen noch Migranten“, sagt Dizi. „Jetzt sind europäische und US-Soldaten hier.“ Und die Vereinten Nationen.

Der Niger ist eine Art Testlabor. Kann es gelingen, die afrikanische Migration Richtung Europa frühzeitig zu stoppen und den Menschen vor Ort eine wirtschaftliche Alternative, einen Grund zum Bleiben zu geben? Agadez spielt in diesem Versuch eine zentrale Rolle, die Stadt gilt als Tor zur Sahara und damit als Drehscheibe für alle, die die Mittelmeeranrainer Libyen, Algerien oder Marokko und von dort aus eventuell auch Europa erreichen wollen.

Hunderte Millionen Euro hat die EU bereits in den Niger investiert, eines der ärmsten Länder der Welt und das mit der höchsten Geburtenrate. Im Land selbst agieren zahlreiche Terrorgruppen wie Boko Haram oder Ableger des Islamischen Staats, im Nachbarland Mali eskalieren immer wieder Konflikte zwischen Volksgruppen, und es gibt Angriffe islamistischer Milizen, und im Norden hat der Niger eine Grenze mit dem gescheiterten Staat Libyen.

„Der Hauptgrund, warum wir hier sind, ist die Lage am Mittelmeer, und da hat der Niger einen großen Beitrag dazu geleistet, diese Ströme – in Anführungszeichen – zu unterbinden“, sagt Martin Wyss. Der Schweizer ist Chef der Internationalen Organisation für Migration (IOM) im Niger.

Er und seine Mitarbeiter hätten allein im vergangenen Jahr 17.000 Menschen geholfen, in ihre Heimat zurückzukehren. „Der Niger ist tatsächlich ein bisschen wie ein Migrationslabor. Die große Hoffnung ist, dass sowohl der Süden Afrikas, die umliegenden Länder als auch die Europäische Union aus diesen Laborversuchen etwas lernen.“

Im Transitzentrum der IOM, einer UN-Organisation, bereiten sich 640 Menschen auf die Nacht vor, oft sind es viele mehr. Für einige geht es morgen nach Hause – nach Guinea, Mali, Kamerun. Die IOM zahlt für die freiwilligen Rückführungen.

Auch Theophilus fährt in wenigen Tagen heim. Zehn Jahre war der 38-jährige Nigerianer als Migrant unterwegs. Hier in Agadez endet seine Reise – ganz im Sinne der EU. „Ich war immer auf der Suche nach gut bezahlten Jobs. Ich hatte nie vor, nach Europa zu gehen,“ sagt Theophilus, der seinen Nachnamen nicht nennen will. „Ich habe alles probiert, es ist einfach zu stressig geworden. Ich bleibe jetzt lieber zu Hause.“

Die EU übt großen Druck auf die Regierung im Niger aus. So trat 2016 auf Wunsch Brüssels das Gesetz 36 in Kraft, das – vereinfacht gesagt – den Transport von Menschen ohne offizielle Ausweispapiere verbietet. Ein Verstoß wird mit Gefängnisstrafen geahndet.

Das führte dazu, dass Hunderte Männer in Agadez wegen Schmuggels inhaftiert, ihre Fahrzeuge konfisziert und Zehntausende Migranten von ihrer Reise durch die Sahara via Agadez abgehalten wurden. Die Zahl der Ausreisen nach Libyen ist dadurch tatsächlich stark gesunken.

Das klingt erst einmal gut, hat aber auch Nebeneffekte. Durch die europäische Migrationspolitik im Niger seien dort in den vergangenen Jahren viele Einkommensquellen weggefallen, sagt Christine Harth, die seit den 80er-Jahren im Auftrag der Hilfsorganisation Care Deutschland in der Sahel-Region arbeitet: „Erst der Sahara-Tourismus, dann die Beteiligung an dem Transport der Migranten.“

Und während die Menschen seit Jahrhunderten in anderen Regionen und Ländern Arbeit suchten, wenn es daheim keine gab, ist dies heute durch die starke Einschränkung der Bewegungsfreiheit kaum noch möglich.

Viele der als Schlepper Inhaftierten haben ihre Strafe inzwischen abgesessen. Die meisten sind nun arbeitslos. Auch heute sitzen sie beim Tee zusammen und diskutieren. Sie wollen anonym bleiben. „Die EU bot mir nach meiner Entlassung finanzielle Unterstützung für einen kleine Laden an. Das ist zwei Jahre her“, sagt einer aufgebracht.

Der Durchschlag des Formulars, mit dem er finanzielle Hilfe beantragt hat, trägt die nigrische und die europäische Flagge. „Ich habe nie wieder was von denen gehört.“ Das ist keine Ausnahme. Harth warnt, es gebe immer weniger Möglichkeiten, für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Eigentlich herrsche in der Region ein toleranter Islam. „Doch radikale Kräfte sprechen die Jugend zunehmend an, und sie ist anfällig dafür.“

Frank van der Mueren, Leiter der Eucap-Mission (EU Capacity Building) im Niger und der Sahelzone, stimmt ihr zu. „Wir müssen uns unbedingt um die jungen Leute hier kümmern. Nicht nur im Niger, in der ganzen Region.“ Im Jahr 2012 trat der Belgier seinen ersten Posten hier an und kam später als Missionschef wieder.

Die Eucap Sahel-Mission soll Kapazitätsaufbau bei den nigrischen Sicherheitskräften unterstützen, seit Juli 2016 gehört auch die Entwicklung von Strategien zur Bekämpfung irregulärer Migration zum Mandat. „Wir helfen dem Sicherheitsapparat, den Niger zu kontrollieren und überwachen“, sagt van der Mueren. „Ein Staat muss wissen, wer sich in seinem Land befindet. In Europa, Amerika oder Asien gibt es Grenzen, und man muss sich registrieren, wenn man ankommt.“

Passkontrolle für Deutsche am Eiffelturm?

Aber ein EU-Mitglied wie beispielsweise Frankreich darf kein Gesetz verabschieden, laut dem alle Ausländer, inklusive EU-Bürger, nur nach Überprüfung ihres Ausweises nach Paris reisen dürften. Doch genau das geschieht in Agadez im Namen der Migrationsbekämpfung.

Denn Reisende aus Mali, Nigeria, Sierra Leone oder Guinea werden ohne Papiere aufgehalten, obwohl sie sich innerhalb der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas bewegen, deren 15 Mitgliedstaaten den freien Waren- und Personenverkehr in der Region garantieren.

Und die harten Maßnahmen im Niger führen zu einem weiteren Nebeneffekt: Die Migration wird nicht gestoppt, sie verlagert sich. Da die bisherige nordöstliche Route Richtung Libyen zu ist, verläuft die neue westlich von Agadez nach Algerien oder Marokko. Diese Strecke verläuft durch den Norden Malis, was wegen terroristischer Aktivitäten sehr riskant ist. „Schlepper haben sich eindeutig andere, gefährliche Routen gesucht“, sagt IOM-Niger-Chef Wyss.

Die Zahl der Such- und Rettungsaktionen in der Sahara ist laut IOM von 147 im Jahr 2016 auf 9419 im vergangenen Jahr gestiegen. Ein Großteil der dort Aufgegriffenen sind aus Algerien ausgewiesene Migranten.

Dort nehmen die Sicherheitskräfte reihenweise Schwarzafrikaner fest und transportieren sie 2300 Kilometer bis an den südlichsten Grenzübergang zum Niger, den sogenannten Point Zero, den Nullpunkt. Laut IOM werden jeden Monat 1200 Migranten in die nigrische Wüste geschickt.

So wie Theophilus. Er sitzt auf einer Bank neben dem Volleyballfeld des Transitzentrums in Agadez. Er trägt eine Kaputzenjacke aus Fleece, völlig unpassend für 30 Grad, aber scheinbar angenehm für den sichtlich von Strapazen gezeichneten Mann. Beim ersten Mal sei er über Agadez nach Libyen gegangen, aber dort habe er Schreckliches erlebt, sagt Theophilus.

Er schaffte es, das Land wieder zu verlassen, landete über Umwege 2016 zum zweiten Mal in Agadez, immer noch auf der Suche nach lukrativer Arbeit. Er war bereit, es noch einmal in Libyen zu probieren. „Aber es hieß, die Route sei nun zu. Es sei besser, nach Algerien zu gehen, um dort zu arbeiten.“

Doch auch das hat nicht funktioniert. „Libyen ist nichts gegen Algerien“, sagt Theophilus. Er wurde am Point Zero ausgesetzt und musste 15 Kilometer bis zur ersten Ortschaft auf nigrischer Seite namens Assamaka laufen. Dort hat die IOM ein kleines Transitcenter aufgebaut. „Algerien tut das im Wissen, dass wir dort bereit sind zu helfen“, sagt Wyss.

Das Problem: Algerien kündigt die Aussetzungen nicht an, die IOM weiß nicht, wann wo wie viele Menschen in der Wüste unterwegs sind, die tagsüber glühend heiß und nachts sehr kalt ist. Und die Menschen, die die algerischen Soldaten ohne Wasser und ohne Nahrung, oft nur im T-Shirt abladen, haben keine Ahnung, wo sie sind, und dass in Assamaka Hilfe auf sie wartet. Wie viele gestorben sind, weiß keiner ganz genau.

Mit Flipflops durch die sengende Wüstenhitze

Auch heute tauchen wieder unverhofft in sengender Mittagshitze am Horizont kleine Punkte auf. Eine neue Gruppe abgeschobener Migranten. Viele sind in Flipflops unterwegs, ohne Wasser. Sie sind eingeschüchtert, wollen nur ihre Vornamen nennen.

„Sie haben uns in einen Lastwagen gepfercht, in dem man sonst Kamele transportiert,“ erzählt Nestor aus Kamerun. Er hat drei Jahre in Algerien gearbeitet, ohne gültiges Visum. Mitten in der Nacht wurde er aus seinem Haus gezerrt. Seine Frau und sein kleiner Sohn sind in Algier zurückgeblieben.

„Als wir endlich anhielten, haben Soldaten jeden von uns abgetastet“, erzählt Christenne. Sie stammt ebenfalls aus Kamerun. „Sie haben mich überall angefasst und mein Geld genommen. Mein Telefon und meine Ausweispapiere auch.“

Viele der Männer berichten, geschlagen worden zu sein, auch auf den Kopf. Algerien bricht in der Sahara gleich reihenweise internationale Gesetze. Unter den Ausgewiesenen sind auch Menschen mit legalem Visum. Sogar offiziell vom UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) anerkannte syrische Flüchtlinge hat Algerien laut IOM schon in der Wüste ausgesetzt.

„Ich hatte noch nie von Assamaka gehört“, sagt ein Mann namens David später. „Ich war aber schon in Deutschland“, fügt er stolz hinzu und lächelt. Und dann in gebrochenem Deutsch: „Ich habe gewohnt in Deutschland in Stuttgart. Ich habe gemacht Berufsschule.“

Zwei Jahre war David in Stuttgart. Dann wurde er ausgewiesen. Nun steht der freundliche junge Mann mit Berufsschulausbildung in der Sahara, während Theophilus, völlig verarmt, Agadez zum dritten Mal verlässt und Dizi eine neue Reihe Wüstenfüchse aus Blei gießt, die keiner kaufen wird. Nein, es läuft nicht gut im Migrationslabor Niger.