Die ganze Welt schaut auf die Völkerwanderung in Richtung USA. Aber keine Karawane bricht plötzlich auf, einfach so. Unser Reporter hat den Mann gefunden, der sie ausgelöst haben soll – er sprach mit ihm in seinem Versteck in El Salvador.

An einem Sonntag um kurz nach eins sitzt ein unscheinbarer Mann namens Bartolo Fuentes in einem Garten in den Bergen von El Salvador, in einem Ort namens Los Renderos. Wenn ein Windstoß die Palmenblätter zur Seite weht, fallen ihm Sonnenstrahlen aufs müde Gesicht. Vögel singen. Kinderlachen aus der Nachbarschaft, Gitarrenklänge. Ein Latino-Idyll.

Fuentes kann damit nichts anfangen. Er reißt ein Palmenblatt in Stücke. Als er fertig ist, wischt er die Reste zu Boden und verschränkt die Arme vor seinem Körper. „Hijo de puta“, schimpft er, wenn er über seine Lage spricht, alles Hurensöhne. Er ballt die Fäuste. Er will weg hier. Aber er fürchtet sich.

Alle Welt kennt die Karawane. Diesen langen Marsch Tausender Migranten durch Mexiko, der dieser Tage auf Donald Trumps harte Grenze trifft. Aber kaum jemand kennt ihn – den Mann, der die Karawane in Gang gesetzt haben soll. Den Anstifter, den Organisator, den Schrecken von Donald Trump. All das soll er sein, Bartolo Fuentes, ein 54 Jahre alter Vater von vier Söhnen aus El Progreso, einer 300.000-Einwohner-Stadt im Norden von Honduras.

So sah es María Dolores Agüero, die honduranische Außenministerin. Eine Woche nachdem die Karawane in San Pedro Sula losgezogen war, erklärte Agüero in einem Brief an ihr Volk, eine politische Gruppe versuche, das Land zu destabilisieren.

Sie sprach vom „organisierten Verbrechen“ – es werde versucht, sich an den Migranten zu bereichern. Und sie nannte einen Namen: Bartolo Fuentes. Der fördere seit Jahren die illegale Migration gen Norden. Die Ministerin forderte die Generalstaatsanwaltschaft auf, gegen den Mann zu ermitteln.

Bartolo Fuentes, der Name fällt jetzt immer öfter. Er beteuert seine Unschuld, aber es ist, als habe man ihm eine Brandmarke verpasst, er wird sie nicht mehr los. Im Internet sprießen die Verschwörungstheorien. Die Leute schreiben, er mache mit dem US-Milliardär George Soros gemeinsame Sache und wolle die USA mit Fremden fluten.

Ein Unternehmer sagt im Staatsfernsehen, Fuentes sei ein „Kojote“, ein Schmuggler. Er erhält Morddrohungen. Fuentes fühlt sich, als habe ihn die Regierung zum Abschuss freigegeben. Er denkt an die Todesschwadronen, die es in Honduras gibt.

Und so wird Fuentes selbst zum Flüchtling, bloß in die Gegenrichtung, nach Süden, nach El Salvador. Er hat hier einen Freund, der ihm anbot, ihn zu verstecken, bis sich die Gemüter beruhigt haben. Vor vier Wochen ließ Fuentes seine Familie zurück, fuhr im Auto zur salvadorianischen Grenze und weiter per Bus in die Hauptstadt. Hier sitzt er nun und greift sich das nächste Palmenblatt, um es in Stücke zu reißen.

Chat-Gruppe statt Guerilla – Migration statt Befreiung

„Ich bin nicht verantwortlich für die Karawane“, sagt Fuentes und schüttelt den Kopf: „Die Leute sind wegen der schrecklichen Lage in ihrer Heimat geflohen, nicht wegen mir.“ Kleine, dunkle Augen schauen über die randlose Brille mit den abgedunkelten Gläsern hinweg. Das graue Haar hat er schwarz gefärbt, die Stirn liegt in Falten.

Beim Reden beugt er sich vor, lässt sich zurückfallen, reißt die Augen auf, schließt sie wieder, ballt die Fäuste, haut auf den Tisch. Man verstünde ihn auch ohne Worte. Ein honduranischer Mr. Bean, aber einer mit einer Mission.

Die Idee der Befreiung gehört zu Lateinamerika. Es gab die Zeit der Revolutionäre, des Ché und seiner Guerilla. Sie ist vorbei. Dies ist die Zeit der WhatsApp-Gruppen, der Liveberichte auf Facebook und der Karawanen. Sie brauchen keine martialischen Führer mit Zigarre und Knarre. Sie brauchen einen Windhund wie Fuentes. Einen, der da ist, wo sie sind, auf dem Weg und im Netz. Das heißt Befreiung in Lateinamerika heute.

Bartolo Fuentes Weg vom Start der Karawane bis zu seiner Flucht nach El Salvador

Es ist belegt, dass Fuentes am 12. Oktober in San Pedro Sula war und mit Hunderten loszog. Alle zu Fuß, nur er in seinem roten Mitsubishi Pick-up, manchmal vorneweg wie Moses vor den Israeliten. Dafür hatte er in sozialen Medien geworben: gemeinsam losziehen als Karawane. Weil es sicherer sei.

Fuentes berichtete live auf Facebook von dem Zug, sprach mit Bürgermeistern über Unterkünfte und den Transport mit Bussen. Er verteidigte die Migranten gegen Vorurteile und veröffentlichte eine US-Karte mit Indianer-Konterfeis, darunter stand: „So sahen die USA vor der illegalen Migration aus.“ Er warb für eine Petition, wonach Kanada den Migranten Visa ausstellen solle.

Also doch der Karawanenführer? Fuentes beißt sich auf die Lippen. „Noch mal: Nein. Ich habe die Migranten beraten und sie begleitet“, sagt er und ruft: „Das ist kein Verbrechen. Essen geben, einen Schlafplatz suchen und ihnen den Weg zu erleichtern ist ebenfalls kein Verbrechen.“ Hijo de puta.

Fuentes redet ohne Punkt und Komma, stundenlang. Er hat keinen Hunger, keinen Durst und muss nicht zur Toilette. Er äfft politische Gegner nach, flüstert, brüllt, kreischt. Er kämpft für seine Wahrheit, und die lautet: Ich kann nichts für die Karawane. Ich bin nur ein einfacher Journalist.

Wahr ist aber auch, dass ihn nichts so sehr fesselt wie die Migration gen Norden. Seit Jahrzehnten ziehen Lateinamerikaner in Richtung USA, Verzweifelte, Glückssucher, Männer, Frauen, Kinder auf der Flucht vor Armut und Gewalt. Fuentes wurde ihre Stimme.

1999, nach dem Journalismusstudium, bekam er eine Sendung bei Radio Progreso, einem Sender, dem es um die Rechte von Migranten ging. Und er gründete Cofamipro, einen Verein, der Bürgern von El Progreso bei der Suche nach Angehörigen hilft, die auf dem Weg nach Norden verschollenen sind.

Er sah das Fluchtelend und dachte: Lieber Karawanen

Einmal fuhr der ganze Verein nach Mexiko. Von 45 Vermissten aus ihrer Stadt fanden sie vier, darunter ein elfjähriges Mädchen, zwangsverheiratet. Fuentes fand vergewaltigte Mädchen und versklavte Jungen.

Er sah Männer und Frauen, die ohne Arme und Beine heimkamen, weil sie, von Güterzügen gefallen, auf den Gleisen gelandet waren und überfahren wurden.

Er fühlte mit ihnen allen und fragte sich: Wie lassen sich diese Tragödien verhindern? Er fand keine Antwort. Er meinte das ganz praktisch, operativ: Wie kommt so eine Karawane sicher nach Norden?

Ende 2013 ging Fuentes in die Politik – er wurde für die linke Partei Libre ins Parlament gewählt. 2017 wurde er nicht wieder aufgestellt, er arbeitet seitdem als Journalist. Sein wichtigstes Medium: Facebook. Sein Thema: die erste größere Karawane, die sich Ende März Richtung USA aufmachte.

Sein Video sahen 200 000 Leute auf Youtube

Im mexikanischen Tapachula, kurz hinter der guatemaltekischen Grenze, liefen damals 1000 Menschen los, aber schon ein paar Tage später löste sich der Zug auf. Fuentes aber ging nicht heim. Er ging mit denen, die per Güterzug weiterreisten. Immer wieder tauchten Banden auf und knöpften den Migranten Geld ab. Wer nicht zahlen konnte, wurde bewusstlos geschlagen und als Drogenkurier verpflichtet.

Alle paar Sekunden geht auf Bartolo Fuentes‘ Handy eine Nachricht ein

Als Fuentes in Tijuana ankam, an der US-Grenze, hatte er Tausende Fotos und stundenlange Videoaufnahmen im Kasten. Er flog heim nach Honduras und veröffentlichte das Material. Eines seiner Videos wurde bei Youtube 200.000-mal angeschaut.

„Die Reise war eine wichtige Schule für mich“, sagt er: „Mir wurde klar, wenn die Leute zusammen gehen, schützen sie sich.“ Das war seine Lösung, um Tragödien zu verhindern, um die Risiken zu minimieren: Nur noch in Karawanen gen Norden ziehen. Die Idee war geboren.

Er propagierte sie auf Facebook, die Follower-Zahlen schossen in die Höhe. Wildfremde Menschen fragten ihn: Wie komme ich in die USA? Wann startet die nächste Karawane? Sie dachten, er sei Anwalt. Oder Priester. Oder beides. Fuentes wurde zum vielleicht wichtigsten Helfer der Migranten in Zentralamerika, ob er es nun wollte oder nicht.

Er gibt zu, dass er in WhatsApp-Gruppen war, in denen sie die Karawane organisierten. Dass eine Freundin jeden Migranten namentlich registrierte. Dass er in Kontakt stand mit den zwölf Koordinatoren von San Pedro Sula bis Tijuana.

Auf Facebook schrieb er: „Hoffentlich gibt es Personen und Institutionen, die den Brüdern und Schwestern helfen, die dieser schrecklichen Realität in Honduras entfliehen. Die Migration wird enden, sobald die Leute Perspektiven haben, die sie animieren, in Honduras zu bleiben.“

Mit glänzenden Augen erzählt er, wie die Masse unterwegs anwuchs, von grenzenloser Solidarität. Von Soldaten, die ihr Frühstück mit Migranten teilten, und Guatemalteken, die vorbeilaufenden Männern und Frauen Geldscheine gaben. Von dem Priester, der sich vor die Menge stellte und predigte.

„Gott geht mit euch.“

„Gott wird Türen öffnen.“

„Gott ist mit euch. Wer sollte also gegen euch sein?“

„Gott weiß, wie es weitergeht.“

Erst waren sie 200, dann 700, plötzlich 2000, irgendwann 7000. In jedem Dorf, in jeder Stadt schlossen sich Leute dem Zug an. „Ich hätte nie gedacht, dass es so groß werden würde. Tausend Leute, okay. Aber dieses Niveau?“ Die Karawane erregte international Aufsehen, Reporter aus aller Welt reisten an. US-Präsident Trump ließ das Militär an der Grenze auffahren und nannte die Migranten Invasoren.

Nun bedrohten ihn auch die Drogenkartelle

Die Politiker hassten Fuentes schon, nun drohten ihm auch die Drogenkartelle, deren Geschäfte er störte. Seit Jahrzehnten missbrauchten sie Migranten als Drogenkuriere. So große Karawanen gefährden ihr Geschäftsmodell. Und Fuentes wird von den Kartellen dafür verantwortlich gemacht.

Am 15. Oktober, als er mit der Karawane Chiquimula in Guatemala erreicht, nimmt ihn die Polizei fest, sein Pick-up wird konfisziert. Warum? Bis heute unklar. Vier Tage wird er in einer Polizeistation festgehalten, währenddessen stellt ihn Außenministerin Agüero an den Pranger. Dann wird er nach Tegucigalpa ausgeflogen, der Hauptstadt von Honduras.

Euphorisch wird er daheim empfangen. Hunderte Reporter und Unterstützer sind im Flughafen, seine Ankunft wird live im TV übertragen. Fuentes brüllt in hingehaltene Mikrofone, er werde seinen Kampf für die Migranten fortsetzen. Und Agüero wegen Verleumdung anzeigen.

Aber er spürt, wie brenzlig die Lage ist. Die Drohungen gegen ihn nehmen zu, ständig fahren Polizisten am Haus der Familie vorbei. Zehn Tage nach seiner Heimkehr flieht Fuentes aus seiner Heimat und sucht Schutz in El Salvador.

Es ist bis heute unklar, ob gegen ihn ermittelt wird. Die Generalstaatsanwaltschaft beantwortete eine Anfrage nicht. Fuentes Anwälte glauben, es kämen drei Vorwürfe infrage. Erstens: Menschenschmuggel. Zweitens: Minderjährige einer Gefahr auszusetzen. Und drittens: Minderjährige anzustiften, ihre Heimat zu verlassen.

„Nichts davon habe ich getan“, ruft er, sein Oberkörper bebt. Als er noch Parlamentarier war und hin und wieder die Fassung verlor, warnten ihn Parteifreunde vor einem Herzinfarkt. Aber Bartolo Fuentes’ Herz ist ja sein wichtigster Berater. Es sagt ihm, was es für richtig hält, und er macht es, ohne groß nachzudenken.

Abgeordneter, Journalist und der Schrecken von Donald Trump: Bartolo Fuentes bei einer Pressekonferenz in Mexiko-City

Kurz nach seiner Ankunft in San Salvador wird er zu einer Konferenz über Migration nach Mexiko-Stadt eingeladen. Unter freiem Himmel gibt er dort eine Pressekonferenz. Vor sich ein Dutzend Mikrofone, hinter sich zwei Dutzend Unterstützer. Fuentes wehrt sich gegen die Vorwürfe gegen ihn.

„Diese Regierung“, schreit er, „das sind Banditen, Betrüger und Mörder. Ich möchte nicht im Gefängnis landen, nur weil ich etwas gegen die Regierung sage und Oppositioneller bin.“

Vier Stunden mit ihm sind vergangen, er hat von Gott und von seiner Welt erzählt, jetzt hat er Hunger. Die Dämmerung taucht sein Exil in ein zartes Orange. Zehn Minuten zu Fuß sind es bis zum Marktplatz von Los Renderos, dahin will er nun, zu einem Stand mit Pupusas, Mais-Tortillas mit eingebackener Füllung, dem Nationalgericht El Salvadors. Reggae-Musik dröhnt aus Boxen, Kinder tanzen, die Erwachsenen prosten sich mit Bierflaschen zu.

Zartes Abendrot, harte Typen mit Gewehren überall

Es ist eine brüchige Idylle. Vor der Bierschänke „Cindy“ haben sich drei Männer eines Sicherheitsdienstes mit ihren Gewehren postiert, ein vierter steigt von seinem Motorroller. Ein Pick-up rast vorbei, die Ladefläche voller Soldaten.

Fuentes’ Exil ist ein Land im Ausnahmezustand, nirgendwo auf der Welt ist die Mordrate höher als in El Salvador. 83 Morde pro Hunderttausend Einwohner im Jahr waren es bei der letzten Erhebung 2016. Dazu kommt etwa die gleiche Zahl an Vermissten pro Jahr. Und vermisst sein, das heißt in El Salvador fast immer das Gleiche wie tot sein.

Brüchige Idylle: Es ist ein riskanter Zufluchtsort, den sich Fuente ausgesucht hat

Die Bewaffneten vor der Bierschenke in Los Renderos sind keine Ausnahme, an jeder Ecke hier wachen Männer mit Gewehren. Verantwortlich für die Gewalt sind vor allem zwei rivalisierende Jugendgangs, die „Mara Salvatrucha 13“ und die „Barrio 18“.

Schätzungsweise 60.000 Menschen bekriegen sich in El Salvador, es geht um Schutzgeld und Drogen. Es wird getötet, gefoltert, enthauptet. Es ist eine riskante Zuflucht, die sich Fuentes ausgesucht hat. „Ich möchte nach Hause, aber ich befürchte, dass sie mich bei der Einreise festnehmen“, sagt er und verschwindet in der Nacht von Los Renderos.

Am Tag danach nimmt er im Zentrum von San Salvador im Restaurant „La Casona“ Platz und bestellt eine Pilzcremesuppe. Alle paar Sekunden leuchtet der Bildschirm seines Smartphones auf. Benachrichtigungen auf Facebook , 830 ungelesene WhatsApp-Nachrichten. „Caravana de La Ceiba“ heißt eine WhatsApp-Gruppe, es sind Migranten, die in der honduranischen Stadt La Ceiba losgelaufen sind. Sie schreiben über die Lage in Tijuana, über gescheiterte Versuche, die Grenze zu überwinden.

„Wir müssen mehr Druck auf die Grenzschützer machen.“

„Sie wollen uns provozieren.“

„Wir müssen intelligent sein.“

„Gott kennt den Weg.“

„Amen.“

Die nächste Karawane wird schon geplant

Und Fuentes? Zuckt mit den Schultern. „Ich bin ja nicht der Organisator, ich schreibe da nichts.“ Ob das stimmt? Zwischendurch klingelt sein Handy, und seine Frau berichtet ihm von der Lage an der Grenze in Tijuana. Vom Tränengaseinsatz gegen Migranten. „Unglaublich!“, ruft Fuentes. „Das dürfen die nicht.“

Er schimpft über die Abschiebung derer, die versucht haben, den Grenzzaun zu überwinden. „Das ist keine Lösung!“ Sondern? „Die USA sollten die Leute reinlassen. Sie sollten ein bisschen von dem abgeben, was sie uns Lateinamerikanern geraubt haben.“ Er spricht über die illegale Abholzung von Regenwäldern, von Gold- und Silberminen in den Händen von US-Firmen.

Es heißt, Fuentes habe Geld von den Migranten kassiert für die Organisation der Karawane. Dafür gibt es keine Beweis, aber das Gerücht ist in der Welt. Was ist dran? Als er die Frage hört, prustet er Pilzsuppe auf den Tisch und auf sein Handy. Er lacht laut auf. „Hijo de puta, gar nichts“, ruft er, „das ist ja wohl ein Witz.“ Dann verfinstert sich seine Miene. „Ich bin sauer. Ich will hier nicht mehr sein.“

Seine Frau hat ihn gebeten, vorerst nicht heimzukommen, sie hält es für zu gefährlich. Er versprach ihr, sich daran zu halten. Aber abwarten und Pupusa essen, für Fuentes ist das nichts. In der Nacht schreibt er eine SMS, er mache sich jetzt auf den Weg. Mit dem Bus nach El Progreso, nach Hause, nach Honduras. Angst hin oder her. Dann packt er seine Sachen und fährt los.

Man wird von ihm hören, so oder so. Man hörte von ihm als Abgeordneter, als Journalist, als Aktivist – ist er auch der wahre Karawanenführer? Das wäre zu wenig gesagt. Er ist die Karawane. Er ist wie sie, darum ist er ihr Held. Fleisch von ihrem Fleisch, Geist von ihrem Geist. Gläubig und wütend, voll wilder Hoffnung losstürmend und verzweifelt vor der unüberwindlichen Grenze. Jede Bewegung braucht ein Gesicht, in das sie blickt wie in einen Spiegel, eine Gestalt, in der sie sich wiedererkennt.

Unser Reporter Tim Röhn traf Bartolo Fuentes in seinem Versteck in San Salvador, der Hauptstadt von El Salvador

Die stahlharten politischen Führer Mittelamerikas irren, wenn sie glauben, er sei wie sie und ihnen darum gefährlich. Er ist eher der Hirte der Karawane, der unruhige Geist, der sie umweht und antreibt. Die Idee ist in der Welt, seine Idee.

Am 12. Mai ist Muttertag in Honduras. Bartolo Fuentes, der Mann, der den größten Massenexodus, den der Kontinent bisher sah, auf gar keinen Fall ausgelöst haben will, hat angekündigt, dass sich dann Mütter aus El Progreso gen Norden aufmachen werden. „Wir“, sagt er, „haben dann die nächste Karawane.“