Kaum hat der große amerikanische Schriftsteller Bret Easton Ellis seinen Essayband „White“ draußen, stürzen sich alle auf den „alten weißen Mann“. Dabei gehen die Kritiker alle in dieselbe Falle.

Was hat Bret Easton Ellis schon wieder gemacht, dass alle so böse auf ihn sind? Er muss wohl ein Buch geschrieben haben. So wie damals, als „Unter Null“ herauskam, 1985 war das, vor einer Ewigkeit, die andererseits gar nicht so lange her ist. Die einen waren begeistert, weil endlich jemand eingefangen hatte, was in der Luft lag. Die anderen dachten, puh, ist ja eklig, diese Dekadenz der Rich Kids in L.A., ihre Drogen, ihr Sex, ihr ewiges Rumhängen am Swimmingpool. Vor allem aber: ihre Gefühllosigkeit, mit der selbst ein Mord hingenommen wird wie eine kleine Wolke, die der strahlenden kalifornischen Sonne nur für Sekunden etwas entgegenzusetzen hat.

Noch schlimmer war es bei „American Psycho“ (1991), als Ellis seine berühmteste Figur, Patrick Bateman, erfand, einen frauenmordenden Wall-Street-Banker. Mit derselben Sorgfalt (und ermüdenden Ausführlichkeit), die er für komplizierte Foltervorrichtungen aufwendet, beschreibt der Ich-Erzähler seine Verehrung für Alben der Prog-Rock-Band Genesis oder Koloraturen von Whitney Houston.

Das Buch war der gewaltige, gleichförmige Monolog des ausgehenden 20. Jahrhunderts in seiner extremen Form – Geld, Gier, Menschenverachtung. Immer noch weigerten sich viele, die Satire zu erkennen. „Nicht lustig“, sagten sie angewidert. Dabei ist Satire nichts, das zum Lachen reizt, sondern etwas, das das Lachen im Halse steckenbleiben lässt. Das Buch stand in Deutschland von 1995 bis 2001 auf dem Index. Vorher, nachher und im Rest der Welt auch zwischendurch war es sagenhaft erfolgreich. Es hätte seinen Autor zum Millionär gemacht (nicht zuletzt durch die Verfilmung mit Christian Bale), wenn er nicht vorher schon Millionär gewesen wäre.

Nicht alle Schriftsteller haben eine Botschaft. Bret Easton Ellis hat gleich mehrere. Eine davon lautet: Wir Menschen der Gegenwart haben uns in die glitzernde Oberfläche verliebt, weil wir den finsteren, schwierigen Rest nicht ertragen. Davon handeln seine Romane, selbst sein Lifestyle erzählt davon: In New York lebte er lange in demselben Apartmentgebäude wie Tom Cruise. In „Weiß“ (Kiepenheuer & Witsch, 320 S., 20 Euro), seinem ersten Buch seit neun Jahren und seinem ersten nicht fiktionalen überhaupt, beschreibt er, wie er Cruise, diesen Dorian Gray des audiovisuellen Zeitalters, eine geradezu ideale Erscheinung seiner Epoche, ausgiebig studierte. 1990 habe kaum jemand vorausgesehen, „wie polarisierend Tom Cruise einmal werden sollte“, schreibt Ellis. „Er hatte etwas so Unschuldiges, so Weißes und eindeutig Amerikanisches an sich.“

Erst später seien das „Hyäanenlachen“ und das zu Granit verhärtete Grinsen zutage getreten. Ellis beobachtet Tom Cruise’ „ambivalente Sexualität“, geschaffen von den berühmtesten Fotografen jener Tage, Herb Ritts und Bruce Weber – die Geburt einer Ästhetik, die er bis heute ihr aufreizendes, ironisches Werk an unseren Träumen verrichten sieht.

Ellis stellt sich vor, wie es wäre, wenn der psychotische Killer Bateman, den er im Roman in demselben Haus einquartierte, Tom Cruise heute erneut im Aufzug begegnete. Würde er, „der ebenso besessen war vom äußeren Erscheinungsbild, einen Seelenverwandten erkennen?“, fragt Ellis. „Oder würde er – nachdem er das Sofahüpfen bei Oprah gesehen hat, die Einschüchterung und das Psychologie-Bashing im ‚Today‘-Interview, das komische Ding namens ‚Vanilla Sky‘, die Doku ‚Scientology: Ein Glaubensgefängnis‘ mit so vielen konkreten Vorwürfen, die beiden Scheidungen und die ‚Auditings‘ möglicher neuer Ehefrauen, ‚Die Mumie‘ – still zurückweichen und hoffen, nicht bemerkt zu werden?“

Solche Passagen, leicht und tief zugleich, ziehen sich durch die acht Essays, die „Weiß“ versammelt. Es sind Selbstbefragungen und Gegenwartsanalysen in der Tradition Montaignes – schonungslos witzig, ehrlich geflunkert. Auch Ellis hat seine Tom-Cruise-Momente durchlebt. In den letzten Jahren schien er sich vom Bücherschreiben auf weitschweifige, verlaberte Podcasts mit C-Promis verlegt zu haben und auf totgeborene Filmprojekte mit abgehalfterten Pornostars und einem scheinbar immer verrückter werdenden Kanye West, der sich ins Abseits katapultierte, indem er seine Liebe zu Donald Trump erklärte und behauptete, die eigentlichen Rassisten seien die Linken. Das erschien gar nicht mal so unplausibel, angesichts herablassender Ratschläge, Kanye solle, bevor er so einen Unsinn erzähle, lieber erst mal ein paar Bücher lesen. Ellis schaute sich das an und ballerte beschwipste Tweets in die Nacht, in denen er die Schwulen-App Grindr mit Aids verglich und schon mal aus Versehen Kokain bestellte. Mit einem Wort: Er machte sich unmöglich.

Ist das aber nicht die interessantere Daseinsform, die einzig menschenwürdige? So lautet eine unausgesprochene, gleichwohl zentrale Frage des Buchs. Eine, an der sich nun – in Amerika ist „Weiß“ gerade erschienen, in Deutschland kommt es in wenigen Tagen, am 26. April – Heerscharen von Kritikern stoßen. Sie verdammen seinen Freimut, das Faszinosum anzuerkennen, das von Donald Trump ausgeht. Über ihn schreibt Ellis, er sei „ein dreister Gangster, der seinen eigenen Weg ging, ob man ihn nun verehrte oder verabscheute, ein Einzelgänger, durchschaubar, einer, der sagt, wie es ist, auch wenn man ihn nicht wörtlich nehmen sollte, ein fehlerhafter und widersprüchlicher Mensch, talentiert als Zerstörer und Regelbrecher“. Schon 1991, als Trump bloß ein halbseidener Immobilientycoon in Manhattan war, hatte Ellis ihn zum Idol von Patrick Bateman erkoren – zur Erinnerung: einem Irren und Mörder. Wenn das ein Kompliment sein sollte, dann wohl ein durch und durch vergiftetes.

Die Kritiker bezichtigen Ellis auch der Frauenfeindlichkeit, weil er in „Weiß“ einen umstrittenen Tweet aus dem Jahr 2012 verteidigt, in dem er behauptete, die Regisseurin Kathryn Bigelow habe den Oscar für „Zero Dark Thirty“, einem laut Ellis netten, aber mittelmäßigen Film, nur bekommen, weil sie eine „heiße Frau“ sei. Sie sind überhaupt fassungslos, dass jemand, der auf jeder zweiten Seite behauptet, im Grunde unpolitisch zu sein, sich das Recht herausgenommen hat, ein Buch über das politische Klima zu schreiben, man könnte auch sagen, das Klima der politischen Korrektheit. „A Few Good Reasons Not to Read Bret Easton Ellis’ New Book“, lautet eine typische Überschrift einer Kritik, die für viele stellt. Die Feministin Andrea Long Chu schließt ihre ellenlange Vernichtung in der Zeitschrift „Bookforum“ mit den Worten: „Ellis kapiert nicht, dass er über sich selbst spricht, einen wütenden, uninteressanten Mann, der bloß ein emotional sehr bedürftiges Buch geschrieben hat.“

Dabei kapiert Ellis das sehr wohl. Es ist nicht mal eine Erkenntnis, sondern ein Prinzip, das Herz von „Weiß“. Sich darauf zu versteifen, bedeutete allerdings eine groteske Fehllektüre. Das wäre in etwa so, als mache man „Lolita“ verächtlich, weil der Erzähler ein Kind missbraucht. Oder „Schuld und Sühne“, weil der Held Raskolnikow eine alte Frau erschlägt, aus dem einzigen Grund, dass er sich fühlen möchte wie ein Übermensch. Oder Holden Caulfield, den Protagonisten des „Fänger im Roggen“, weil er unentwegt selbstmitleidig herumjammert. „Gefühle sind keine Fakten“, schreibt Ellis, „Meinungen sind keine Verbrechen, Kunst ist immer noch Kunst.“

Aus dem Sachbuch „Weiß“* – selbst eine Provokation, weil der explosive Dreiklang „weiß, privilegiert, männlich“ mitschwingt – spricht der Romancier. Er hat eine performative Poetik geschrieben, also eine Theorie seiner eigenen Arbeit, die das Regelwerk, das sie aufstellt, in jedem Satz befolgt. Sie wendet sich gegen einen Zeitgeist, den Ellis nicht zögert, totalitär zu nennen, „der freie Rede tatsächlich verabscheut und Menschen dafür bestraft, dass sie ihr wahres Selbst preisgeben“. Die Einseitigkeit und Erbarmungslosigkeit der Kritik scheint diese Einschätzung auf perverse Weise zu bestätigen. Sie stellt sich selbst die Falle, in die sie tappt.

Ein Essay von Michel de Montaigne beginnt mit den Worten: „Ich habe auf der ganzen Welt bisher kein ausgeprägteres Monster und Mirakel gesehen als mich selbst.“ Bret Easton Ellis blickt in den Spiegel und pflichtet ihm bei. Er mag der alte, weiße Mann sein, den sich der zeitgenössische Linksliberalismus zum Gegner gemacht hat, aus vielen nachvollziehbaren Gründen. Könnte man aber nicht zugestehen, dass die Schattenseite des Privilegs die Bürde ist, in den eigenen Abgrund zu schauen? Der Genuss dieser Qual hieß einst Literatur.