Volvo will seine Kunden per eingebautem Tempolimit zwingen, nicht schneller als 180 zu fahren. Weiter kann Entmündigung und Verachtung im Namen einer zeitgeistigen Moral kaum gehen. Wir brauchen eine radikale liberale Inquisition.

Messen wie der Autosalon in Genf waren seit je Ausdruck eines fast kindlich vulgären Fortschrittsglaubens, der alle Menschen, auch jene, die sich nicht für PS und Protz interessieren, überzeugte, dass alles besser, schneller, luxuriöser, aufregender, moderner würde. Dieser Glaube bröckelt, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Premiumhersteller wie Volvo sich mit einem Kotau vor dem Zeitgeist fragmentiert.

Volvo werde, so wurde zwischen blank gewienerten Blechungetümen verkündet, seinen Autos ein Tempolimit von 180 km/h einbauen. Volvo hat damit den unmündigen Kunden ins Visier genommen, jene Menschen, die sich von den Möglichkeiten eines modernen Autos nicht versuchen lassen wollen.

Es ist nur der Anfang. Künftig ist vorstellbar, dass das Auto seinem Besitzer wie eine Gouvernante erklärt, wann er fahrtüchtig ist und wann nicht. Der Motor wäre im letzteren Fall nicht startbar. Der Aufmerksamkeitscoup ist gelungen, und wieder teilt das Echo auf diesen Vorstoß die Gesellschaft trennscharf: in die Verbots- und Gebotsfraktion auf der einen und eine zunehmend kulturpessimistisch um ihre Freiheit fürchtende Minderheit auf der anderen Seite. Die Technik bietet beiden Lagern Chancen.

Politisch entstehen entlang der Freiheitskoordinaten eigenwillige Koalitionen. Huldigen Teile der AfD und der Linken einem archaischen Illiberalismus mit einem fatalen Faible für Despoten und Autokraten, stehen die aufgeklärten, sympathischen Grünen für einen postmodernen Illiberalismus, der die Einschränkung von Freiheit und die ausgreifende Entmündigung von Bürgern und Konsumenten als moralische Verpflichtung in Zeiten des Klimawandels und der politischen Korrektheit versteht. Kohorten von Jusos und SPD folgen ihnen, fatalerweise.

All diesen unterschiedlichen Strömungen ist eine skeptische Anthropologie gemein, die mit einem Staatsidealismus kompensiert werden soll. In Zeiten von Verunsicherungen und technologischen Disruptionen werden Bürger und Konsument an der engen Leine in die Zukunft geführt. Der Kunde erscheint weder mündig genug, sein Auto verantwortungsvoll jenseits der 180 km/h bewegen zu können, noch in der Lage zu sein, ohne Dutzende von Assistenz- und Sicherheitssystemen zu lenken. Dieser Glaube an die Unmündigkeit ist so stark, dass Volvo dafür auch seine Geschichte als Hersteller sehr sportlicher Coupés und Kombis verrät. Der Markt wird zeigen, ob das aufgeht.

Wie sehr künstliche Intelligenz und moderne Kommunikationstechnologien das Zeug zur Kontrolle, Gängelung und Überwachung haben, zeigen die Dystopien in China und Saudi-Arabien. Aber auch im freien Westen werden Bevormundungs- und Kontroll-Apps (kostümiert als Hilfen für ein „Smart Living“) zur Selbstoptimierung genutzt. Vor diesem Hintergrund müssen die Entmündigungstendenzen dieser Techniken schnell einer radikal liberalen Inquisition unterzogen werden. Nur mangelt es – nicht nur in Deutschland – gerade an liberalen Staatslenkern, Intellektuellen und Medien.

Als wäre die Gefahr der Entmündigung über Technologien nicht schlimm genug, hat sich die intellektuelle Linke entschieden, das Feld der Aufklärung zu räumen und sich nahezu ausschließlich auf das moralische Argument zu besinnen. Angesichts enormer globaler ökonomischer Herausforderungen und eines müde gewordenen europäischen Kontinents, der, mit Freibier-Krediten gedopt, dabei ist, jede Reform in Richtung Innovation zu unterlaufen, ist das endlose, pointen- und humorfreie Gequatsche um Identität, Sprech- und Denkverbote ein Zeichen von Realitätsverweigerung.

Es ist aber auch eine Strategie, den Diskurs derart irrational zu machen, dass wichtige Themen verdampfen. Deutschland schlittert Richtung Rezession und die Sorgen der großen Debattenprinzen sind, ob Kinder als Indianer zum Fasching gehen können, irgendwo eine Biene ein Schlaganfallrisiko hat oder ob Annegret Kramp-Karrenbauer auch mal einen eher armen Toilettenwitz machen darf.

Moral war bei Kant ein Instrument der Aufklärung. Heute wird sie zum Hexenkessel für Panikmache. Moral hat immer unterdrückt, doch ihre neuen Instrumentalisierungs-Bataillone, die ihre großen politischen Schlachten fast alle verloren haben, nutzen sie zur Diskurserpressung. Reflexionen sollen ausbremst werden. Moral fällt in einem nach der Wiedervereinigung protestantischer gewordenen Land auf fruchtbarsten Boden. Auch das Verschanzen hinter 16-jährigen Aktivistinnen, die Panik wollen, wird vor dem Hintergrund moralischer Anliegen, die vermutet oder unterstellt werden, akzeptiert. Dem mündigen, freien Bürger wird misstraut. Er wird zum Risiko erklärt. Und Deutsche fürchten das Risiko. Im Moment mehr denn je.