Wir jungen Erwachsenen interessieren uns kaum für das Weltgeschehen. In der Schule fehlte es an politischer Bildung und im Kanzleramt an Visionen. Merkels Stil tat meiner „Generation „Maybe“ nicht gut – und wurde trotzdem immer mehr zu unserem eigenen.

Ich bin Anfang 20 und ich spreche so häufig mit meinen Freunden über Politik wie mit meinen Eltern über Sex. Ich erlebe kaum hitzige Gespräche über den Absturz der SPD, die Folgen des Brexits oder den UN-Migrationspakt. Gespräche, bei denen man sich gegenseitig Argumente an den Kopf wirft, wo man diskutiert und streitet und am Ende doch zusammen Bier trinken geht. Die meisten in meinem Alter zucken mit den Schultern, wenn es um die Nachrichtenlage geht. „Keine Ahnung“, sagen sie dann. „Das macht mir Kopfschmerzen.“

Meine Generation ist unpolitisch. Auch wenn das vielleicht keine Überraschung ist, müssen wir darüber reden. Das Engagement in Parteien oder politischen Studentengruppen geht konsequent zurück, jeder Dritte in meinem Alter geht nicht wählen, und wenn man in Umfragen zur politischen Bildung schaut, stockt einem der Atem: 40 Prozent der jungen Deutschen zwischen 18 und 34 geben zum Beispiel an, „wenig“ oder „gar nichts“ über den Holocaust zu wissen. Das ergab eine diese Woche veröffentlichte CNN-Umfrage. Auch eine Studie der Körber-Stiftung aus dem vergangenen Jahr stellte fest: Vier von zehn Schülern wissen nicht, wofür Auschwitz steht.

Woran liegt das? Was hat uns zu dem gemacht, was wir sind? Meiner Ansicht nach geht es in erster Linie um zwei Dinge: die Schule und Angela Merkel.

Fangen wir mit Merkel an. Seit dem Rennen um ihre Nachfolge wird mir verstärkt bewusst, wie viel unsere Gleichgültigkeit mit dieser Frau zu tun hat. Als sie ihre Amtszeit antrat, ging ich noch in die Grundschule. Sie gehörte zu meinem Leben wie Weihnachten, „Tatort“ und Verspätungen der Bahn. Es gab keinen Kanzler, es gab nur Merkel. Wir sind ihre Kinder und ihr Erbe.

Teil einer Wohlstandsgeneration

Meine Freunde und ich hatten nie Anlass zum Widerstand. Die Probleme unserer Zeit drehten sich um stressige Uni-Klausuren und Typen von Tinder, die sich nicht benahmen. Unser Studium war kostenlos, das Work-and-Travel-Jahr in Australien von den Eltern mitfinanziert. Wir sind Teil einer Wohlstandsgeneration mit florierender Wirtschaft, Rekordbeschäftigung und hohen Steuereinnahmen. Zumindest erging es mir als Akademikerkind der Großstadt so. Die Konfliktherde dieser Welt waren nicht vor unserer eigenen Haustür, wir sahen sie manchmal auf unserem Handy aufpoppen. Syrien, Afghanistan, Jemen, Westafrika. Gesehen, gelesen, next.

Wenn ich unserer Eltern- und Großelterngeneration zuhöre, scheint es mir manchmal, als hätten sie das Pensum der Rebellion bereits für mich mitverbraucht. Sie kämpften gegen die autoritären Strukturen der Nachkriegsgesellschaft, stellten Fragen zur nationalsozialistischen Schuld, gingen gegen Pershing-II-Raketen und die Volkszählung auf die Straße.

„Unsere Eltern kiffen mehr als wir. Wie soll man rebellieren? Egal wo wir hinkommen, unsere Eltern waren schon eher hier“, singt heute Kraftklub. Unsere Eltern erzogen uns liberal, locker, finanziell spendabel. Als würden sie uns keinen Grund mehr geben wollen, selbst aufbegehren zu müssen, wie sie es einst taten.

Auch wenn es beim Heranwachsen meiner Generation mal Momente der tiefen Sehnsucht nach etwas gab, das alle vereint, das uns einen höheren Sinn geben würde, war Protest in unserer unbewussten Kosten-Nutzen-Rechnung zu aufwendig, teuer und zu riskant für die eigene Karriere. Wir waren zu pragmatisch, um auf die Straße zu gehen. Wir wissen, welchen langen Atem man für Veränderung braucht, und diese Zeit wollen wir nicht vergeuden.

Zu unserem Lebensstandard und unserer Sorglosigkeit hat ohne Frage auch Merkels Politik beigetragen. Dafür bin ich ihr dankbar. Ich sah Fotos von ihr und Macron, Putin, Erdogan. Ich sah mal ein zaghaftes Lächeln, mal ein überschwängliches, mal gar keins, immer passend zur aktuellen Stimmung. Sie beherrscht die Bühnen dieser Welt wie keine andere. Als sie von der „New York Times“ zur „letzten Verteidigerin des liberalen Westens“ gekürt wurde, war ich auch ein bisschen stolz.

Hat Merkel also alles richtig gemacht? Nein, ihr Stil tat uns nicht gut – und wurde immer mehr zu unserem eigenen. Aussitzen, kühl bleiben und auf keinen Fall Regung zeigen. Merkel ist und war eine Taktikerin der Macht, ohne unüberlegte Schritte, ohne Ausraster. Sie löste bei uns weder Begeisterung noch Widerstand aus. Sie löste gar nichts aus. Ihre Profillosigkeit lähmte uns.

Manchmal fragten wir uns, ob sie überhaupt Emotionen hatte. Fragen, die die Älteren auch an uns stellen. Was wollt ihr? Wofür steht ihr? „Generation Maybe“ nennen sie uns oder: „Die langweiligste Generation aller Zeiten“. Ähneln wir Merkel oder ähnelt Merkel uns?

Umso mehr erstaunte es, als die Kanzlerin 2015 zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise Sätze sagte wie: „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Einige fanden das bewundernswert menschlich, andere verstanden ihre Politik der offenen Grenzen nicht. Meinte sie das mit dem Humanismus ernst? Als sie mit dem Türkei-Deal umschwenkte, blieb bei den meisten in meinem Umfeld der alte Eindruck: Sie ist Expertin der Wendigkeit.

Ähnlich wie beim Ausstieg aus der Atomkraft, der Abschaffung der Wehrpflicht und der Einführung des Mindestlohns. Oder wenn sie heute plötzlich dezidiert mehr Frauen in Politik und Wirtschaft fordert, als hätte sie in den vergangenen 13 Jahren nie die Gelegenheit dazu gehabt.

Meine Generation braucht einen Kanzler oder eine Kanzlerin, den sie für glaubwürdig hält. Authentizität ist in Zeiten von Fake News und rechter und linker Stimmungsmache die entscheidende Währung. Einen Kanzler oder eine Kanzlerin, der nicht nur moderiert, sondern führt und eigene Visionen hat.

Hiermit sind jedoch nicht jene polternden, martialisch auftretenden Machthaber gemeint, die derzeit in der Welt Hochkonjunktur haben. Nichts schreckt junge Leute mehr ab als Menschen, die mit ihren Ängsten spielen. Klare Kante funktioniert auch mit Haltung und Stil.

Ich will, dass meine Generation später von ihrer Rente gut leben kann, dass wir Frauen fördern und dass wir bei kriminellen hart und bei integrierten Ausländern großzügig sind. Ich will, dass jeder junge Unternehmer gute Startvoraussetzungen hat und jedes Kind einen Kita-Platz.

Natürlich geht es auch um unsere eigene Verantwortung. Es fällt leicht, die Schuld den anderen in die Schuhe zu schieben, den Politikern, den Eltern, der Gesellschaft. Was uns bleibt, sind wir selbst. Die 20–29-Jährigen machen nur knapp ein Zehntel der Gesamtbevölkerung aus. Damit wir hörbar werden, müssen wir unsere Anliegen lauter vortragen. Bitte, liebe Gleichaltrige, lest, redet, bildet euch eine Meinung. Geht wählen. Diese verrohten Zeiten brauchen uns mehr denn je.

Trotzdem gibt es auch etwas, das der Staat tun kann. Der Grund, warum ich Politikwissenschaft studiert habe und heute über diese Themen schreibe, ist mein Politiklehrer, der mich dafür begeisterte. Er malte die Wirtschaftsmodelle von Friedman und Keynes an die Tafel und ließ sie uns debattieren. Er lud Lokalpolitiker in die Schule ein und fuhr – obwohl das im Lehrplan gar nicht vorgesehen war – mit uns nach Israel, um die deutsche Geschichte und den Israel-Palästina-Konflikt zu verstehen.

Politiklehrer – eine seltene Spezies. In Bayern ist Politik nur ein Teil von Sozialkunde und wird ausschließlich in der 10. Klasse unterrichtet. In Sachsen wird gebündelt in Gemeinschaftskunde/Rechtserziehung/Wirtschaft unterrichtet – auch nur in der 9. und 10. Klasse. In Nordrhein-Westfalen hat rein rechnerisch jeder Schüler der Sekundarstufe I pro Woche 20 Sekunden, um sich zu politischen Themen zu äußern, so eine Auswertung der Uni Bielefeld. Bei meinem Berliner Gymnasium kam dann noch hinzu, dass der Kurs kein Pflichtkurs war. Mit entsprechend geringer Beteiligung.

Politiker bedauern, dass sich die jungen Menschen nicht engagieren, nicht mitmischen wollen. Um zu handeln, braucht man eine Meinung, aber um zu urteilen, braucht man Wissen. Liebe Landesregierung, erlaubt euren Schülern mehr politische Bildung. Bessert die Lehrpläne auf. Junge Menschen brauchen Urteilsvermögen und gesellschaftliches Verantwortungsgefühl, um zu mündigen Bürgern werden zu können. Helft ihnen, Zusammenhänge zu erkennen, Kritikfähigkeit zu lernen, die Grundlagen unserer Verfassung zu begreifen.

Es geht hierbei um nichts weniger als unsere Demokratie. Das war bereits 1948 den Amerikanern bewusst, als sie als Besatzungsmacht mithilfe der „Re-Education“ die erste Initiative für demokratische politische Bildung schafften. „Schon die Erhaltung einer Demokratie fordert von jedem einzelnen Bürger Wissen und klares soziales Zielbewusstsein. Wie viel mehr gilt dies für ihren Aufbau von Grund auf!“, schrieben sie in Vorschlägen einer Erziehungskommission.

Besonders in Zeiten, in denen sich Juden in Neukölln und Araber in Chemnitz abends nicht mehr auf die Straße trauen, muss die demokratische Verankerung der jungen Generation stark genug sein gegen Antisemitismus, Rassismus und Verfassungsfeindlichkeit. Alles, was sich gegen den liberal-demokratischen Gedanken richtet, egal ob von Nazis, Islamisten oder Linksradikalen, muss rechtzeitig erkannt werden – heute von euch und morgen von uns.