Feindbilder und Komplizen: Frankreichs Medien hinterfragen nach langen Wochen des Aufruhrs, wie sie über die „Gilets Jaunes“ berichten. Hat die Berichterstattung die Proteste befeuert?

Der Reporter befindet sich in unmittelbarer Nähe des Triumphbogens, über die Kopfhörer im Ohr steht er in Kontakt mit seiner Redaktion, neben ihm schreien die Gelbwesten „Macron Démission“. Seit sechs Uhr in der Früh ist er im Einsatz. Ein Schutzhelm baumelt an seinem Rucksack, in den der 37 Jahre alte Fabien Crombé eine Atemschutzmaske, eine Taucherbrille und Augentropfen – die bei Tränengas die Schmerzen lindern – gepackt hat. Er arbeitet für den Infokanal BFMTV, aber das Erkennungszeichen des Senders an seinem Mikrophon hat er entfernt. So halten es auch die Kollegen von den drei anderen Newssendern LCI, CNews und France Info. Es ist gefährlich geworden, in Frankreich Reporter zu sein. Sie berichten von bürgerkriegsähnlichen Szenen und sind selbst zu Zielscheiben der „Gilets Jaunes“ geworden. Sie werden angepöbelt und auch tätlich angegriffen. Das Aufnahmematerial wird beschädigt oder gestohlen. Besonders brutal waren die Attacken zu Beginn des Jahres. Die Redaktion von BFMTV reagierte mit einem Boykott und hat einen Tag lang nicht über die „Gelbwesten“ berichtet.

Mindestens siebzig Fernsehteams streifen an den Demo-Tagen durch Paris. Auch aus den Provinzen werden permanent Bilder eingeblendet – auf der „Canebière“ in Marseille waren Panzer zu sehen. Meist schicken die Sender junge Journalisten an die Front. Inzwischen werden sie von Leibwächtern begleitet. Man hat in den vergangenen Wochen viele neue Gesichter auf dem Bildschirm gesehen: Unbekannte Reporter, die Leute interviewen, die es sich nicht gewohnt sind, Statements abzugeben. Sie erzählen von einer Wirklichkeit, die von den Medien bislang kaum abgebildet worden ist. Wie Außerirdische waren im November die „Gelbwesten“ in Frankreich auf dem Fernsehschirm aufgetaucht. Sie demonstrieren, um gefilmt und interviewt zu werden. In den Studios sitzen die prominenten Kommentatoren mit den ewig gleichen Experten. Stundenlang begleitet ihr Palaver die episch langen Übertragungen im Hintergrund.

Szenen mit Vandalen in Dauerschleife

In den ersten Wochen ging es eher friedlich zu und her. „Gelbwesten“ promenierten über die Avenuen oder versammelten sich an Kreuzungen. Man sah, wie sich die Einheiten der Polizei aufstellten und bewegten. Und wartete, dass etwas passierte. Plötzlich stand ein Auto in Flammen und der Kameramann war nicht weit weg. Die Plünderung einer Bijouterie, bei der ein bestens ausgerüsteter Bandit durch den Inhaber verletzt wurde und sich fluchend darüber beschwerte, ging mit O-Ton über die Sender. Dass dann auch noch Rauch zu sehen war, ließ nichts Gutes vermuten. Die Szenen mit den Vandalen, die den Triumphbogen – ein Symbol der Republik – bestiegen und Schaden in Millionenhöhe anrichteten, wurden stundenlang in die Stuben und auf die Handys übertragen. Noch immer befindet sich Frankreich an jedem Wochenende im Ausnahmezustand.

Die Regierung wirft den Nachrichtensendern vor, mit ihrer Berichterstattung und Dramatisierung die Revolte verstärkt und die Gewalt gefördert zu haben. Die staatliche Medienaufsicht CSA („Conseil Supérieur de l‘Audiovisuel“) hat eine Untersuchung eingeleitet: Sanktionen sind möglich, es soll aber vor allem darum gehen, Richtlinien für den Umgang mit Revolten auszuarbeiten. Eine erste Anhörung fand schon statt. Vor vier Jahren hatte der CSA anlässlich des Attentats auf „Charlie Hebdo“ 21 Medien gerügt. Sie hatten die Würde der Opfer verletzt und während der Geiselnahme im jüdischen Supermarkt „Hyper Cacher“ mit Live-Sendungen das Leben von Menschen, die sich in der Kühlkammer versteckten, gefährdet.

Die Nachrichtensender haben Einschaltquoten erreicht, die ihre bisherigen Rekorde anlässlich der Jagd auf die Charlie-Hebdo-Terroristen und bei der Präsidentschaftswahl weit übertreffen. Bei BFMTV verfolgten an den Samstagen jeweils zwanzig Millionen Zuschauer die Berichterstattung. „Nichts mehr ist wie zuvor“, freut sich der Senderchef von CNews, Serge Nadjar. Nicht weniger spektakulär sind die Quoten der abendlichen Debatten und Magazine: mehrfach erreichten die Spartensender in der Rangliste vordere Plätze gleich hinter den schwerfälligeren Marktführern tfi und France 2, welche die Revolte lange unterschätzten. „Am erstaunlichsten ist die Stabilität der Einschaltquoten“, so „LCI“-Chefredakteur Hervé Béroud.

Schulungen durch ehemalige Polizisten

Laut einer Umfrage der Programmzeitschrift „Télé Star“ sind 64 Prozent der Zuschauer der Meinung, dass die Berichterstattung die Revolte beflügelt habe. „Ich kenne diesen Diskurs der sagt, dass wir Öl ins Feuer gießen“, erwidert Hervé Béroud: „Er hat uns dazu gebracht, über unsere Verantwortung nachzudenken und ihr besser gerecht zu werden.“ Alle Senderchefs unterstreichen, dass sie gelernt hätten und die Lehren aus ihren Erfahrungen ziehen. Anonyme „Gelbwesten“ würden nicht mehr interviewt. Es gibt Verzögerungen bei der Ausstrahlung der Bilder. Es seien kaum Aufnahmen von Amateuren oder Überwachungskameras – wie bei den Attentaten – gekauft und gezeigt worden: Die Autobahnbetreiber, deren Mautstellen besetzt wurden, haben mit Klagen und hohen Schadenersatzforderungen gedroht, falls ihre Kameras angezapft würden. Die Reporter, versprechen die Chefredakteure, werden besser auf ihren Einsatz vorbereitet – es gibt inzwischen Schulungen durch ehemalige Polizisten und Angehörige der Armee.

Es ist die Stunde der Nachrichtensender und – von RT vormals „Russia Today“. Regelmässig hatte sich Emmanuel Macron mit dem Sender, dem er die Verbreitung von Fake News im Wahlkampf vorwarf, angelegt. Das neue Gesetz, das sie bekämpfen will, wurde vor allem wegen RT erlassen. Seine Gültigkeit wurde auf Zeiten des Wahlkampfs beschränkt – an Revolten hat im Parlament und in der Regierung keiner gedacht. „Putins Stimme in Paris“ konnte in den vergangenen Monaten ein paar altgediente französische Fernsehstars, die sich nicht ganz zu Unrecht über eine beschränkte einheimische Debattenfreiheit beklagen, engagieren. Im Kabel- und Satellitenfernsehen ist RT kaum präsent. Doch seine Videos werden raffiniert über die sozialen Netzwerke verbreitet und gehören zu den meistbeachteten Berichten über die „Gilets Jaunes“. Immer wieder haben die Aufständischen von RT als Quelle gesprochen und dessen Reporter, die das Logo des Senders nicht kaschieren, bei den Demonstrationen applaudiert.

AFP als eines der Feindbilder der „Gelbwesten

RT versucht, sich als Leitmedium der „Gilets Jaunes“ zu profilieren. Seine Redakteure interviewen ohne Zurückhaltung auch jene Vertreter der Revolte, die groteske Verschwörungstheorien verbreiten und als notorische Antisemiten und Rassisten bekannt sind. Bei der Nachrichtenagentur AFP sind vier Journalisten permanent damit beschäftigt, Gerüchte und Fake News zu überprüfen – die Agentur ist eines der Feindbilder der „Gelbwesten“. Anlässlich einer Demonstration vor dem AFP-Sitz in Paris wurden die Journalisten als „Kollaborateure“ des Systems ausgebuht.

Das Boulevardblatt „Le Parisien“ hat Bilder von Autos, die in unmittelbarer Nähe des Redaktionsgebäudes brannten, veröffentlicht. Nach Angaben der Polizei handelt es sich indes möglicherweise nicht um Brandstiftung. Doch die Bereitschaft zu verbaler und physischer Gewalt gegen die Medien ist erschreckend. Auch vor den Studios von BFMTV und der Zeitung „Libération“ kam es zu Demonstrationen der „Gelbwesten“. Beide gehören Patrick Drahi, dem Eigentümer des Telekommunikationsriesen SFR und des Nachrichtenmagazins „L‘Express“. Zehn Milliardäre besitzen in Frankreich neunzig Prozent der Tageszeitungen und alle großen Zeitschriften. Ihre Fernsehsender bringen es zusammen auf 55 Prozent Marktanteil – den Rest bestreiten die öffentlich-rechtlichen Programme.

24 Reporter haben gegen die Polizei geklagt

Der Begriff eines „Systems“, das von einer „Elite“ zusammengehalten wird, ist nicht ganz falsch. Das medienkritische Portal „Acrimed“ wundert sich, wie wenig die Sender und Zeitungen über die Gewalt der Polizei schreiben: 24 Reporter haben gegen die Polizei geklagt. Selbst Amnesty International hat dies thematisiert – der Bericht wird praktisch totgeschwiegen.

Den Medien und Macron schlägt derselbe Hass entgegen. Die Politiker und die Redaktionen scheinen von der Revolte überfordert. Selbst ein Weltblatt wie „Le Monde“ blieb von gravierenden Fehlleistungen nicht verschont. Zum Jahreswechsel brachte sein Magazin Macron auf das Cover – es ist die Anspielung auf ein Titelbild der amerikanischen Zeitschrift „Harper’s“ mit Hitler. Die groteske Parallele ist ein Symptom der historischen Verirrung, in der Frankreich steckt, und eröffnet einen tiefen Einblick in sein Unterbewusstsein.

Die seit 1987 jährlich von der Zeitung „La Croix“ durchgeführte, jeweils Ende Januar publizierte Umfrage über das Vertrauen der Bevölkerung in die Medien hat für alle Gattungen – Fernsehen, Radio, Zeitungen – neue Tiefstwerte ergeben. Gleichzeitig stellt sie fest: Die Franzosen interessieren sich brennend für die Aktualität. „Heute setzt sich in der Demokratie die direkte Rede durch“, befindet der Soziologe und Historiker Pierre Rosanvallon. Er unterstreicht auch, wie gefährlich das im Zeitalter der Fake News, des anonymen Hasses und der Verschwörungstheorien mit ihren Feindbildern ist.

Die Medien stehen vor völlig neuen Herausforderungen. Der Lastwagen-Fahrer Eric Drouet hatte aus einem Fernsehstudio – er nahm an einer Debatte teil – zum „Sturm auf das Elysee“ aufgerufen. Deswegen wurde er verhaftet. Dagegen protestierte er während seiner spektakulären, mit dem Handy gefilmten Festnahme wortgewaltig. Wenig später erklärte Drouet auf Facebook, er habe das alles bewusst provoziert. Und selbstverständlich wird das alles mit dem Vorwurf der „Lügenpresse“ garniert. Noch sind die Live-Medien gegen solche Manipulationen ziemlich wehrlos. Umgekehrt geben Wortführer des Aufstands an, dass sie nach schlechten Erfahrungen mit angeblich entstellten Interview-Aussagen nur noch an Direktsendungen teilnehmen würden.

Beim Studentenaufstand im Mai 68 prägten die vom Staat unabhängigen Langwellen-Sender Europe 1 und RTL, die direkt von den Barrikaden berichteten, die Stimmung im Lande. Den Verlauf der Revolte und die Intensität des Protests haben sie indes kaum beeinflusst. Die Bewegung der „Gilets Jaunes“ steht für eine neue Epoche in der Geschichte der Revolten wie der Medien. Die Aufständischen organisieren sich über soziale Netzwerke, die Nachrichtensender heizen im Kampf um die Einschaltquoten die Lust an der Zerstörung an. Der Medienkritiker Dominique Wolton sagt es drastisch: „Es handelt sich nicht mehr um die Verbreitung von Informationen, sondern von Angst. Und um Voyeurismus. Die sozialen Netzwerke und die Nachrichtensender sind zum teuflischen Paar geworden.“