Sie überzogen Syrien und den Irak mit Angst und Schrecken, erschossen die Männer, verschleppten die Frauen und Kinder und versklavten sie. Am 29. Juni 2014 rief ISIS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi das Kalifat aus.

Schnell eroberten seine Kämpfer ein Territorium, das zu Höchstzeiten doppelt so groß war wie Belgien. Nun kämpft die Terrormiliz um den letzten besetzten Zipfel: Der Ort Baghus in Syrien steht für das, was von den Dschihadisten übrig ist. Das Gebiet ist kleiner als der Berliner Tiergarten.

Doch wo sind sie, die Kämpfer und Attentäter, die so viel Terror verbreiteten? Ist ISIS tot, das Monster besiegt?

Die Zahlen gehen (aufgrund unterschiedlicher Zählweisen und Definitionen) zwar stark auseinander, aber dennoch sprechen sie dieselbe Sprache: „Es gibt amerikanische Schätzungen, dass es noch um die 1000 ISIS-Kämpfer gibt. Die Vereinten Nationen gehen allerdings von bis zu 20 000 aus“, sagt Prof. Peter Neumann im Gespräch.

Er ist einer der renommiertesten Terrorismus-Forscher weltweit, berät Regierungen und Sicherheitsdienste, lehrt am Londoner Kings College.

Neumann geht bei ISIS aktuell von drei Hauptgruppen aus:

  • Die, die in Syrien und im Irak bleiben, um dort zu kämpfen
  • Die, die sich ins Ausland abgesetzt haben
  • Die Rückkehrer, die in ihre Heimatländer zurückreisen wollen

„Von allen drei Gruppen geht noch immer eine Gefahr aus“, warnt Neumann. „Selbst wenn ISIS als Terrorgruppe besiegt wird, ist die dschihadistische Bewegung noch lange nicht zerstört.“

Die, die noch kämpfen

Die Lage in der letzten ISIS-Bastion spitzt sich zu:. Anfang der Woche sollen sich nach Angaben von Aktivisten mehr als 300 Kämpfer aus unterschiedlichen Ländern ergeben haben. Insgesamt verließen mehr als 1600 Menschen das besetzte Gebiet in Baghus. Dabei handele es sich neben den Kämpfern um deren Angehörige und andere Zivilisten, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

„Auch wenn das besetzte Gebiet weiter schrumpft, ist der ‚Islamische Staat‘ militärisch noch nicht besiegt“, meint Columb Strack, Nahost-Experte bei dem Analyse-Institut IHS Markit. „IS wird seine operative Reichweite in weiten Teilen Syriens beibehalten, vor allem durch Angriffe mit dem improvisierten Sprengstoffs (IED) auf kurdische Sicherheitskräfte und deren ausländische Unterstützer.“

Militante Zellen der Terrorgruppe sind laut Strack vor allem in den sunnitischen Stammesgebieten entlang der Flüsse Euphrat und Khabur sowie in der Suwayda-Wüste im Süden Syriens aktiv.

Strack: „Das Selbstmordattentat, bei dem am 16. Januar fünf US-Militärangehörige in Manbij/Syrien ums Leben kamen, zeigt, dass der ‚Islamische Staat‘ nach wie vor fähig ist, anspruchsvolle Angriffe in Gebieten durchzuführen, in denen die Gruppe keine territoriale Kontrolle hat.“

ISIS bereitet sich Beobachtern zufolge schon seit etwa zwei Jahren darauf vor, dass eroberte Territorium zu verlieren und die besetzten Gebiete verlassen zu müssen. So haben sich viele der Kämpfer, die bislang noch in Syrien ausharrten, in den Irak abgesetzt, sind vor allem im Norden und in der Mitte des Landes wieder aufgetaucht. Aus dem Untergrund heraus versuchen sie sich zu organisieren, weshalb Experten für 2019 einen Anstieg der Anschläge in dem Land erwarten.

Strack: „Der ‚islamische Staat‘ organisiert sich neu, baut sein Unterstützer-Netzwerk im Irak wieder auf, um für seine Kämpfer sichere Zufluchtsorte in den unzugänglichen Gebieten in der Nähe der Dörfer irakischer Sunniten zu schaffen. Außerdem versucht die Gruppe, gezielt Energieträger zu sabotieren, um die irakische Regierung als unfähig dazustellen, nicht einmal grundlegende Dienstleistungen wie die Stromversorgung für ihre Bevölkerung zu ermöglichen. Ziel ist, so eine passive Unterstützung der Iraker zu bekommen.“

Die, die ins Ausland gehen

Wieder andere sind ins Ausland gegangen, um sich dort radikal-islamistischen Terrororganisationen anzuschließen und an ihrer Seite in einem anderen Konflikt zu kämpfen. Neumann: „Es gibt eine Absetzungsbewegung in Richtung Jemen, Libyen und Afghanistan.“

Auch al-Qaida könnte ein Revival erleben. Neumann: „Wir haben gesehen, wie IS-Kämpfer in Baghus und anderen Orten in Syrien aufgegeben – unter der Bedingung, in die Provinz Idlib gebracht zu werden, wo al-Qaida gerade recht stark ist.“

Die, die in ihre Heimat zurückkehren

Viele, aber nicht alle Auslandskämpfer versuchen, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Ein richtiges Konzept zur Reintegration der mutmaßlichen Terroristen gibt es bislang kaum – und auch die Bestrafung, dass sie Teil einer so brutalen Organisation waren, ist nicht leicht.

Für den Experten Neumann ist es unerklärlich, dass es in Deutschland noch immer keine entsprechenden Gesetze gibt: „Die Politik hat es versäumt, die richtigen Gesetze zu schaffen, damit diese Leute vor ein Gericht gestellt werden können – obwohl wir seit Jahren vor der Gefahr der Rückkehrer warnen.“

Länder wie die Niederlande seien da wesentlich weiter: Wenn sich jemand von 2014 bis 2017 im Kalifat aufgehalten hat und dort nicht gefoltert und gekidnappt wurde, dann ist davon auszugehen, dass der- oder diejenige Mitglied des IS war.

Neumann: „So ein Gesetz haben wir in Deutschland nicht und so reicht in den Prozessen die Beweislage oft nicht aus und die ISIS-Kämpfer bekommen nur sehr kurze Haftstrafen.“

Die Terrorgefahr ist kleiner, aber nicht gebannt

Dennoch sind die großen Terroranschläge in Europa Vergangenheit: Der Angriff auf das Jüdische Museum in Brüssel war 2014. Das Massaker in der Redaktion der Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ war 2015. Auch die Anschläge von Paris, Nizza, Barcelona, Berlin und an vielen anderen Orten liegen einige Jahre zurück.

„Derzeit erleben wir in Europa, salopp formuliert, eine Anschlagsflaute, was aber nicht so bleiben muss. ISIS ruft nach wie vor dazu auf, Anschläge zu begehen, aber die Motivation dazu fehlt angesichts der aktuellen Lage in Syrien. Die Terrorgruppe steckt in einer Legitimationskrise: Waren viele Anhänger geradezu berauscht vom Feldzug 2014/2015 und den Eroberungszügen, ist ihr Traum vom Kalifat nun zerplatzt. Sie fragen sich: ‚War das vielleicht gar nicht der echte Islamische Staat, wenn er so schnell wieder zerfallen ist?‘ Dementsprechend gering ist der Enthusiasmus, neue Anschläge zu planen.“

Grund für den Niedergang des Kalifats und den damit verbundenen Zweifeln ist das harte, militärische Vorgehen gegen die Extremisten. „An der aktuellen Entwicklung sehen wir, dass es genau richtig war, militärisch einzuschreiten“, so Neumann.

Mit Propaganda versucht ISIS dagegenzuwirken. Strack: „Die Gruppe konzentriert sich in ihren Mitteilungen auf ihre globale Ausdehnung und wird, da das Kalifat zerstört ist, versuchen, einen spektakulären Anschlag zu verüben, um nicht den Eindruck der Bedeutungslosigkeit zu erwecken.“

Eine große Gefahr sind dabei ISIS-Netzwerke, die weltweit weiterhin bestehen. „Meiner Ansicht nach sollten sich die Sicherheitsbehörden nicht so sehr auf den Kern der Gruppe konzentrieren, sondern auf die Verbindungen, die noch immer existieren und neu entstanden sind. Es wird noch immer online radikalisiert und rekrutiert und sehr schnell kann es da zu neuen, gefährlichen Dynamiken und zu neuen, blutigen Anschlägen kommen. Ich bin nicht sicher, dass ISIS als Organisation überlebt. Aber die Bewegung, die aus ihrem Zusammenbruch hervorgeht, wird vielleicht stärker denn je.“