Bei der Europawahl im Mai winken Europaskeptikern deutliche Stimmengewinne. Die Sozialdemokraten werden wahrscheinlich die großen Verlierer sein.

Die Bundeskanzlerin weiß, wie man sich beliebt macht. „Wir spüren in Ihrem Haus den Herzschlag der europäischen Demokratie“, schmeichelte Angela Merkel. Trotz aller Unterschiede bei Landessprache, Herkunft und politischer Haltung würden sich die EU-Abgeordneten „stets vom Willen zur Einigung leiten lassen“, schwärmte Merkel Mitte November in Straßburg.

Die 751 Europaparlamentarier aus 28 Mitgliedstaaten debattieren in 24 Landessprachen und vertreten mehr als 160 politische Parteien. Diese verwirrende Vielfalt unter einen Hut zu bringen war nie einfach. Nach der Europawahl am 26. Mai könnte es noch schwieriger werden.

Denn für die Gegner der EU verspricht diese Wahl ein Fest zu werden: Seit Monaten sagen alle Umfragen Stimmengewinne für die europaskeptischen Parteien am rechten Rand voraus.

Vor allem in Italien, Frankreich, den Niederlanden und Deutschland legen sie zu und werden im neuen Europaparlament insgesamt mindestens ein Viertel der Sitze erobern. Ohne den Brexit stünden die Nationalisten sogar noch besser da, denn dann müssten sie nicht auf ihre Freunde von Ukip und von den Tories verzichten.

In der laufenden Wahlperiode haben EU-Feinde wie die Französin Marine Le Pen oder der Italiener Matteo Salvini schon viel Lärm gemacht. Doch letztlich konnten sie gegen die Übermacht der großen Parteienfamilien nicht viel ausrichten. Christdemokraten und Sozialisten verfügen gemeinsam mit 405 Mandaten über eine absolute Mehrheit im hohen Haus der EU. Damit wird es am 26. Mai wahrscheinlich vorbei sein.

Vor allem die sozialistische S&D kann dem Abwärtssog nicht entkommen. Von ihren 187 Sitzen drohen 50 wegzufallen. Die Fraktion muss nicht nur den Brexit-bedingten Verlust der Labour-Abgeordneten verdauen. Die Sozialdemokraten verlieren fast überall Wähler – allen voran in Deutschland.

Vor fünf Jahren hatte der damalige SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz immerhin noch 27,3 Prozent geholt. Gerade die Hälfte davon sagen Umfragen jetzt vorher. Mit jedem Prozentpunkt verliert die SPD ein EU-Abgeordnetenmandat.

Die großen Parteien werden weiter schrumpfen

Die französische Parti Socialiste und die niederländische Partei der Arbeit stehen in den Umfragen nur noch einstellig da. Traurig sieht es auch bei den italienischen Sozialdemokraten aus. Sie hatten unter der Führung von Matteo Renzi 2014 einen grandiosen Europawahlsieg errungen mit einem Stimmenanteil von mehr als 40 Prozent. Inzwischen stehen sie in der Wählergunst nur noch bei etwa 17 Prozent.

Die christdemokratische Europäische Volkspartei (EVP) wird ebenfalls schrumpfen. Doch ihr Spitzenkandidat Manfred Weber (CSU) kann sich damit trösten, dass die EVP wenigstens stärkste Kraft bleibt – das gilt als nahezu sicher.

Während die großen Parteien leiden, freuen sich die kleinen: Die liberale Alde-Fraktion bekommt Zuwachs aus Frankreich: La Republique en marche (LREM), die Partei des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, stößt dazu. Damit könnte die Alde-Fraktion um rund ein Drittel größer werden – sofern LREM sich in der Wählergunst bis Mai einigermaßen halten kann.

Die Grünen frohlocken ebenfalls: In Deutschland könnten sie sich bei der Europawahl sogar verdoppeln. „Die grüne Welle rollt“, sagt EU-Parlamentarier Sven Giegold.