Die Wahl hat gezeigt: Nie war die EU weiter von den Vereinigten Staaten von Europa entfernt als heute. Eine Rückübertragung von Kompetenzen an die Nationalstaaten wird es aber nicht geben: Behörden dieser Größe bauen sich nicht von selbst ab.

Nun, da die Wahl zum EU-Parlament vorbei ist, tut es mir ein wenig leid, dass ich über das Vorspiel zu der Schicksalswahl gelästert und gespottet habe. Am meisten werde ich die Wahlspots der 41 Parteien vermissen, davon mindestens ein Dutzend, von denen ich noch nie etwas gehört hatte.

Die Angehörigen der gebildeten Stände, also diejenigen, die sich Spielfilme aus der Mongolei nur unsynchronisiert anschauen, neigen dazu, Shakespeare zu zitieren, wenn sie den Zustand beschreiben wollen, in dem sich die EU befindet: „Viel Lärm um nichts.“ Aber das stimmt nicht.

Die EU hat sich als erstaunlich bunt und vielfältig erwiesen. In einem Land haben die Sozialdemokraten gewonnen, in einem anderen sind sie abgestürzt. Da gehen die Grünen durch die Decke, dort verschwinden sie unter der Anrichte. In England hat die Brexit-Partei von Nigel Farage mehr Stimmen bekommen als Labour und Tories zusammengenommen, in Polen war ein EU-Austritt kein Thema, nicht einmal für die „Rechtspopulisten“ der PiS-Partei. Jedes Land ist anders, und jedes Land hat anders abgestimmt.

Die Idee, zwei Spitzenkandidaten ins Rennen um das Amt des EU-Kommissionspräsidenten zu schicken, war angesichts der Tatsache, dass die Kommission keine Regierung ist und das Parlament bei der Wahl des Präsidenten kein Vorschlagsrecht hat, allenfalls ein Gag, der diejenigen überzeugen sollte, die das Kleingedruckte im Vertrag von Lissabon überlesen hatten.

Noch nie war die EU weiter von den Vereinigten Staaten von Europa entfernt als heute. Es wird auch keine Reform der EU geben, keine Rückübertragung von Kompetenzen an die Mitgliedstaaten, weil sich eine Behörde dieser Größenordnung noch nie selbst abgebaut hat.

Der Europarat, 1949 gegründet, dem heute 47 Staaten mit 820 Millionen Bürgern angehören, verdankt seine fortwährende Existenz vor allem dem Umstand, dass er mit dem Europäischen Rat und dem Rat der Europäischen Union verwechselt wird, die beide Organe der EU sind. Ebenso im Verborgenen blüht die 2008 gegründete Union für das Mittelmeer, der 43 Staaten angehören, darunter auch solche ohne Zugang zum Mittelmeer.

Von allen diesen Organisationen ist die EU noch die sinnvollste. Immerhin beschäftigt sie sich vor allem mit den Problemen, die nicht entstanden wären, würde es die EU nicht geben. Wie eine Ehe, die von der Angst vor den Kosten einer Scheidung zusammengehalten wird.