Aus Angst vor Amazon werden kleine Händler kreativ. Sie rufen eigene Online-Plattformen ins Leben. Ist das die Rettung für den Einzelhandel?

Jahrzehntelang ging in Siegen eine Kundin zum selben Metzger. Oder besser gesagt: Sie fuhr. Bis das plötzliche Aus ihrer Buslinie ihre Routine beendete. Heute, einige Jahre später und mit inzwischen 87 Jahren, bestellt sie die Ware ihres Lieblingsmetzgers im Internet. Ihre Tochter hilft ihr dabei. Fleisch und Wurst kommen so direkt zu ihr nach Haus.

Der Grund dafür ist Lozuka. Ein Kürzel, das für „lokal zu Hause kaufen“ steht. Der Lieferverbund für privat geführte Einzelhändler wurde 2016 in der Stadt mit rund 100.000 Einwohnern gegründet, als lokales Gegenstück zum Großversender Amazon. Aus dem Lozuka-Internetangebot können sich die Kunden seitdem rund um die Uhr bedienen. Der globale Riese setzt etwa 270.000 Euro am Tag in Siegen um. Da ließe sich mit etwas mehr Komfort doch einiges vom Kuchen abschneiden, glauben die Betreiber. „In Siegen gibt es viele Spezialläden nicht mehr, im Gegensatz zu einer Großstadt“, sagt Patrick Schulte, Internetunternehmer und Initiator des Netzwerks, das in ähnlicher Form mittlerweile auch in anderen Regionen Deutschlands zu finden ist.

Digitaler Einzelhandel

Schultes Vorstoß steht exemplarisch für viele Versuche, den stationären Einzelhandel im digitalen Zeitalter zu modernisieren und kapitalstarken Online-Konkurrenten erfolgreich die Stirn zu bieten. So wagten sich hierzulande Supermarktbetreiber wie Rewe oder Edeka als Erste in den Online-Handel mit Lebensmitteln vor. Mit dürftigem Erfolg: „Solche Konzepte rechnen sich für große Einzelhändler nur in größeren Städten oder Ballungsgebieten, wo ausreichend Kunden und hohe Umsätze zu erwarten sind“, berichtet Peter Heckmann, Handelsexperte der Beratungsgesellschaft Alix-Partners. Abseits solcher Zentren versuchen daher regionale Online-Portale, die Versorgungslücken zu schließen.

Patrick Schulte will über seine Lozuka-Initiative die Kräfte im lokalen Einzelhandel bündeln: Die Inhaber vieler Ladengeschäfte in Siegen hätten Schwierigkeiten mit der gemeinsamen Warenpräsentation im Internet, auch der technische Umgang mit digitalen Schnittstellen überfordere sie, sagt er.

Solche zentralen Aufgaben nimmt ihnen das Netzwerk ab. Dafür zahlen sie einen monatlichen Beitrag und geben sieben Prozent ihres Umsatzes an das Netzwerk ab. „20 bis 30 Einzelhändler braucht es für ein attraktives Portfolio“, listet Schulte auf. In Siegen beteiligen sich Deko-, Lebensmittel-, Spielzeug-, Feinkost- und Buchgeschäfte. Lozuka liefert seinen Online-Kunden die Waren ins Büro oder nach Hause. „Es gibt kaum Retouren, weil Kunden in emotionaler Bindung zum Händler stehen“, sagt Schulte stolz. Insgesamt 3500 Kunden kaufen über das Netzwerk Waren bei regionalen Händlern.

Avatare fürs individuelle Einkaufserlebnis

Den Druck von Amazon und Co. spürt der stationäre Handel an allen Fronten. Schon lange reicht es nicht mehr aus, ein bestimmtes Produkt im Sortiment zu haben – sei es nun online oder im Laden. Das Kundenerlebnis mit mehr Komfort beim Einkauf ist zum Maßstab geworden. Viele Händler stützen sich auf die Expertise von Software- und IT-Spezialisten, um den Besuch im Geschäft auf den einzelnen Kunden abzustimmen. Anbieter wie Ameria aus Heidelberg wähnen ein lukratives Geschäft. Das 2001 gestartete Softwareunternehmen stattet Supermarktfilialen mit digitalen Touchpoints aus, um Besuchern die Warenauswahl – ganz nach ihren persönlichen Vorlieben – zu erleichtern.

Solche Techniken sind vor allem dann gefragt, wenn die Kunden gezielte Informationen suchen, etwa darüber, welcher Wein zum Essen passt: Statt gutbezahlte Verkäufer mit solchen Standardanfragen zu betrauen, könnten Avatare mit einer intelligenten Spracherkennung zum Einsatz kommen. „Die Markenindustrie wünscht sich ein gutes Markenerlebnis, der Handel muss aber sparen“, sagt Ameria-Gründer Albrecht Metter. Der Avatar sei da ein Kompromiss.

Andere Unternehmen machen sich das Smartphone zunutze, indem sie zum Beispiel die Kunden über Apps mit individuellen Sonderangeboten bespielen, sobald sie das entsprechende Warenregal im Supermarkt erreichen. Über die eingeschalteten Handys erfahren sie auch, wie sich Kunden im Laden bewegen und wo sie sich wie lange aufhalten. „Nach diesem Bewegungsprofil lässt sich das Sortiment optimieren“, sagt Andreas Baresel, Vorstandsmitglied der Datagroup, die sich als IT-Spezialist mit solchen Techniken beschäftigt. „Kundenbindungsprogramme lassen sich nach persönlichen Vorlieben gestalten, individuelle Algorithmen münzen sich so in Rabatte um.“ In einem smarten Ladengeschäft kann laut Baresel künftig jeder Händler seine Logistik effizient steuern, weil das Gros der Ware nicht mehr am Verkaufsort vorrätig sein muss, sondern dem Kunden vielmehr direkt vom Lager aus zugestellt wird – was Platz spart, also die Kosten senkt.

Gesichtserkennung im Supermarkt?

Die Digitalisierung des Einzelhandels steckt hierzulande noch in den Anfängen. Ganz im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten oder China, wo die nationalen Schwergewichte die künftigen Standards der Branche setzen. Amazon zieht seit Jahresbeginn im Inland eine eigene Lebensmittelkette hoch, die auf Kassen und Kassenpersonal verzichtet. Fernöstliche Pendants wie Alibaba oder JD.com setzen auf Kameras in ihren Filialen, um via Mimik und Gestik das jeweilige Kundenverhalten auszuforschen.

Erste Erfahrungen mit Gesichtserkennung beim Einkaufen sammelte jüngst auch die deutsche Supermarktkette Real. Das zum Metro-Konzern gehörende Unternehmen führte vor zwei Jahren in 41 seiner insgesamt 285 Filialen zeitweise Gesichtsanalysen an den Supermarktkassen ein. Die Software dahinter hat das Geschlecht erkannt und das Alter geschätzt. Durch die Kombination der so gewonnenen Daten ließen sich Werbebotschaften optimieren, lautete das Kalkül der Real-Manager. Doch das Experiment scheiterte am Widerstand von Kunden.

Das inzwischen deutschlandweit aktive Netzwerk Lozuka ist von solchen Hightech-Maßnahmen weit entfernt. Hier geht es nur darum, Bequemlichkeit und Regionalität zusammenzubringen. „Ich lebe vielfältiger und kenne den Bauern, der geschlachtet hat“, sagt Gründer Schulte. Das Gemüse ist saisonal, der Einkauf verursacht keinen Verpackungsmüll, und die Kunden sparen Zeit, weil sie nicht mehr selbst zum Händler fahren müssen. Die aber haben trotzdem genug Einnahmen, um den lokalen Fußballplatz zu finanzieren. „Amazon baut keinen Fußballplatz“, sagt Schulte. Digital sind die Vereinsunterstützer vor Ort aber jetzt auch.