Am 30. März 2019 gehört Großbritannien nicht mehr zur EU. Bei vielen Europäern und Briten hat der Trennungsschmerz bereits eingesetzt. Doch anderen kommt der Austritt gerade recht. Nicht nur den Nationalisten. Auch in Brüssel wird insgeheim gejubelt.

In wenigen Wochen wird die EU-Mitgliedschaft der Briten enden. Eine Regelung für das zukünftige Verhältnis zwischen Union und Großbritannien gibt es allerdings immer noch nicht. Angst vor Chaos und Instabilität macht sich breit. Doch es gibt auch einige, die auf den Brexit und manche, die sogar auf eine harten Austritt setzen.
Denn sie profitieren.

Der Machtgierige

Er ist zwar nur der Oppositionsführer, doch schon jetzt hält er die Macht in den Händen – zumindest was den EU-Ausstieg der Briten angeht. „Alles hängt von Labour ab“, drängen die Europa-Freunde im Königreich Parteichef Jeremy Corbyn, sich auf ihre Seite zu schlagen.

In der Tat würde die Zukunft des Brexit mit einem Schlag anders aussehen, stellte sich Corbyn auf die Seite der Befürworter eines zweiten Referendums. Ein solcher Änderungsantrag liegt in der Schublade, er könnte im Rahmen der Debatte um das Brexit-Votum ins Rennen gehen. Doch ohne die Labour-Fraktion im Unterhaus bekäme er nicht die nötigen Stimmen.

Der 69-Jährige profitiert gleich mehrfach von der Ausstiegsdebatte. Corbyn reicht die Macht über den Brexit-Kurs nicht, er will die Macht über das ganze Königreich. Auch darum setzt er seit zwei Jahren auf das absehbare Chaos durch den EU-Ausstieg. Schon vor dem Referendum ließ der Sozialist nicht erkennen, ob er für oder gegen eine EU-Mitgliedschaft ist. Auf die Frage, welche Note er der EU auf einer Skala von eins bis zehn geben würde, sagte er einmal schulterzuckend: „Vielleicht sieben?“

Jeremy Corbyn führt die Labour-Partei im Unterhaus an

Sein Kalkül ist es, der Selbstdemontage von Premierministerin Theresa May und ihren Tories in Seelenruhe zuzusehen und im entscheidenden Moment zuzuschlagen. Es könnte so weit sein, wenn May die in den Januar verschobene Abstimmung über den Brexit-Vertrag verliert und damit kaum zehn Wochen vor dem Austritt das endgültige Chaos eintritt. Ein Brexit ohne „Deal“, ein ungeordneter EU-Ausstieg, rückt dann gefährlich nahe. Eine einzige Zahl macht deutlich, was passieren könnte, wenn dann plötzlich wieder Zollschranken aufgebaut werden: 30 Prozent der Lebensmittel werden in Großbritannien aus der EU importiert.

Die Panik, die dann folgen würde, wäre Corbyns Chance für einen erfolgreichen Misstrauensantrag im Unterhaus. Die Umfragen sehen gut aus für den Erzlinken, der drei Jahrzehnte lang nur schräger Außenseiter in der eigenen Fraktion war. Großbritannien wäre dann nicht nur kein EU-Mitglied mehr, sondern zudem würde Europas zweitstärkste Volkswirtschaft regiert von einem bekennenden Sozialisten.

Die Nationalisten

Während Theresa May vergangenen Donnerstag im Sitzungssaal des EU-Gipfels um den Brexit und ihr politisches Überleben rang, stand ein Mann im Atrium des Ratsgebäudes. Das bekannte breite Grinsen im Gesicht, genoss Nigel Farage sichtlich das Chaos, das der EU-Ausstieg angerichtet hat. Der ehemalige Chef der britischen Anti-EU-Partei Ukip ist Pate der Ausstiegsbewegung und noch immer EU-Abgeordneter. „Die EU ist tot. Seit 2015 sehen wir einen fundamentalen Umbruch. Die Menschen wollen den Nationalstaat zurück, der für sie die Entscheidungen trifft“, sagte er.

Farage ist Freund eines Mannes, der den EU-Austritt als „fantastisch“ bejubelt. Donald Trumps „America First“-Ideologie ist für den US-Präsidenten und die neue politische Rechte die einzige Zukunft für eine durch Einwanderung und progressive Politik zersetzte Gesellschaft.

Der Brexit ist für die Vertreter der „Alt-Right-Bewegung“ elementare Etappe in einer Entwicklung weg von Multilateralismus und Institutionen wie den Vereinten Nationen oder der EU. Großbritannien kommt dabei eine besondere Rolle zu, weil die Amerikaner es als kulturelle Führungsmacht in der englischsprachigen Welt betrachten.

„Raus heißt raus“ – Nigel Farage war 2016 einer der führenden Köpfe der Brexit-Kampagne

„Für Amerikaner ist es das Land von Downton Abbey, von gebildeten, sachlichen Menschen, die nichts Verrücktes machen“, sagt Christopher Wylie. „Wenn man in diesem Land eine populistische Bewegung auslösen kann, dann hat das eine Art reinigende Wirkung für solche Bewegungen in den USA“, sagt der Kanadier, der Anfang 2018 offenlegte, wie sein ehemaliger Arbeitgeber Cambridge Analytica Millionen Daten von Facebook-Nutzern insgeheim nutzte, um politische Kampagnen zu organisieren.

Hauptinvestor von Cambridge Analytica wiederum ist Robert Mercer, ein US-Milliardär, Geldgeber der Trump-Kampagne und enger Freund und Geschäftspartner von Steve Bannon, der Führungsfigur der Alt-Right-Bewegung. Es gibt anhaltende, aber bisher nicht juristisch belegte Vorwürfe, dass Cambridge Analytica 2016 der Pro-Brexit-Kampagne von Nigel Farage zum Erfolg verhalf.

Die Erzeuropäer

Den Abend des 23. Juni 2016, ein Donnerstag und Tag der Brexit-Abstimmung, verbrachte der österreichische Schriftsteller Robert Menasse in Brüssel. Er recherchierte gerade für seinen Roman „Die Hauptstadt“ in den Untiefen der europäischen Bürokratie. „Ich saß beisammen mit einigen Beamten der EU-Kommission, alle warteten auf das Ergebnis. Wir waren nervös“, erinnert er sich. „Als das Ergebnis kam, da knallten die Champagnerkorken. Diese Beamten der Arbeitsebene feierten, weil sie jeden Tag mit den Egoismen, Sonderwünschen und Blockaden der Engländer zu kämpfen hatten.“

Eine solche Szene würde niemand im Berlaymont, dem Sitz der Kommission, offiziell bestätigen. Aber es ist Brüsseler Allgemeinwissen, dass die Briten vielen schon immer ein Dorn im Auge waren. Denn das störrische Königreich wehrte sich von jeher vehement und sehr erfolgreich gegen den Traum vom Vereinten Europa.

Jean-Claude Junckers Vorschlag für eine EU-Armee beispielsweise war immer der Briten Grauen. Weshalb sie sich regelmäßig gegen weitere Integrationsschritte stemmten und sich so gut wie gar nicht beim Aufbau neuer Strukturen einbrachten. Auch in der Justiz- und Sozialpolitik scherten sie aus, zum Schengenraum gehörten sie nicht, im Euro waren sie auch nicht. Wenige Begriffe werden in der britischen Öffentlichkeit häufig mit so viel Abscheu gebraucht wie der vom Superstaat EU.

Nun aber kann sich Europa von diesem Klotz am Bein befreien. Brexit, Trump, Putin – alles gute Gründe dafür, dass die EU an Macht gewinnt, die Zentrale in Brüssel. So zumindest lautet die Überzeugung in den Bürokratenpalästen im Schuman-Viertel. „Europa wird nur zur wirklichen Gemeinschaft werden, wenn der Brexit stattfindet“, teilt Romancier Menasse diesen geradezu religiösen Glauben.

Tatsächlich lösten die ersten Monate nach dem EU-Referendum und der Trump-Wahl eine Gegenreaktion, eine neue Pro-Europa-Euphorie aus. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sorgte zusätzlich für Sternen-Zauber. Doch wie die letzten Monate zeigen, kann nicht nur London die Brüsseler Integrationsmaschine zum Stocken bringen. Jüngstes Beispiel ist die Euro-Zonen-Reform, die weit entfernt ist von Macrons Dimensionen. Der „Egoismus“ der Nationalstaaten lässt den Traum vom Projekt Europa im Zweifel ganz allein platzen.

Die Geldmacher

Es war ein denkwürdiger Auftritt am Abend des EU-Referendums, kurz nach Schließung der Wahllokale. Das Ergebnis der Abstimmung lag noch nicht vor, da deutete der damalige Chef der EU-feindlichen Ukip-Partei, Nigel Farage, vor TV-Kameras zerknirscht eine mögliche Niederlage des „Leave“-Camps an. Angeblich soll Farage zu dem Zeitpunkt bereits eine unveröffentlichte Wählerbefragung gekannt haben, die den Brexiteers einen knappen Sieg prophezeite.

Das Pfund erlebte nach Farages Auftritt einen kurzen, gewaltigen Höhenflug, ging dann aber heftig in die Knie, als sich eine Mehrheit für den Austritt abzeichnete. Binnen Stunden fiel die Währung von 1,50 Dollar auf 1,30 US-Dollar. Von dieser Berg- und Talfahrt profitierte laut der Nachrichtenagentur Bloomberg ausgerechnet Crispin Odey, ein langjähriger Farage-Vertrauter und Hauptsponsor der Austrittskampagne. Sein Hedgefonds Odey Asset Management hatte massiv gegen das britische Pfund spekuliert – und in der Wahlnacht 220 Millionen Pfund verdient.

Für Hedgefonds war und ist der Brexit ein Geschenk des Himmels. Wer auf Kursentwicklungen wettet, kennt nichts Schöneres als ein volatiles Marktumfeld. Kein Wunder also, dass sich die Unterstützer-Namensliste der Brexit-Befürworter liest wie ein „Who’s who“ der Spekulanten-Branche. Ob Michael Hintze, Gründer des Hedgefonds CQS, oder Paul Marshall von Marshall Wace, ob Peter Cruddas, Gründer von CMC Markets oder Stuart Wheeler von der konkurrierenden IG Group. Sie alle haben beachtliche Summen für die Leave-Kampagne gespendet. Und das nicht allein wegen der realen Gewinnmöglichkeiten. Ihnen ist auch die europäische Regulierung ein Dorn im Auge. Peter Hargreaves, einer der größten Financiers der Leave-Kampagne, votiert sogar heftig für einen No-Deal-Brexit – weil es nichts Wertvolleres gebe als einen freien Handel.

Auch Farage-Freund Odey hofft, dass es keinen Deal geben wird. Langfristig werde die Insel von dem EU-Austritt profitieren, ist er überzeugt. Und kurzfristig will er selbst kassieren – indem er auf einen weiteren Fall des Pfunds wettet. Spekulanten hoffen, dass beispielsweise Einzelhändler, Immobilienmakler oder Banken ganz besonders unter einem No-Deal-Austritt leiden werden. Umso stärker ihre Kurse fallen, desto süßer klingelt die Kasse.