Im EU-Wahlkampf und auf Facebook hebt sich die AfD noch geschickt von den anderen etablierten Parteien ab. Jedoch kann nichts mehr darüber hinwegtäuschen, dass auch sie nur eine stinknormale Altpartei ist.

Man muss kein glühender AfD-Anhänger sein, um eines gleichwohl festzustellen: Ihre aktuelle Wahlkampagne ist mit Abstand die beste aller um die Wählerstimmen konkurrierenden Parteien. Während sich Grüne, SPD und CDU in größtenteils verzweifelt wirkenden Allgemeinplätzen und pathetischen Platitüden ergehen („Frieden ist nicht selbstverständlich“), verkünden die Rechtsnationalen ihre klaren Botschaften zu konkreten Themen („Diesel retten!“) von den Plakatwänden.

Plakativ kommt von Plakat, das hat ihr Zeremonienmeister Thor Kunkel als alter Werbeonkel verinnerlicht und freut sich zu Recht in den sozialen Medien über seinen Coup. Wann hat es schon mal zuletzt ein Wahlkampfplakat einer Partei in die Feuilletons geschafft wie jenes, auf dem die AfD auf ein Motiv des französischen Malers Jean-Léon Gérôme zurückgreift.

Plattform für Leute mit großer Gallenblase

Hinzu kommt, dass eine Studie gerade erwiesen hat, dass 85 Prozent der Parteiinhalte auf Facebook von der AfD stammen, alle anderen teilen sich die übrigen 15 Prozent. Facebook ist eine Plattform für ältere Leute mit großer Gallenblase und notorisch schlechter Laune – also genau die Zielklientel dieser Griesgram-Partei.

Läuft also für die AfD, könnte man meinen. Zugleich zeigen die Umfrageergebnisse aller Institute an, dass die hierzulande jüngste aller bei der Europawahl antretenden Parteien einen ersten Zenit überschritten haben könnte. Bei der Meldung, dass sie im Osten des Landes laut Umfragen die stärkste Kraft ist, wurde übersehen, dass sie dort schon stärker war.

Dafür dürfte vor allem ein Grund maßgeblich sein. Die AfD hat sich in den letzten Jahren als das entpuppt, was sie ihren politischen Gegner immer vorgehalten hat und wovon sie sich lange Zeit erfolgreich abgegrenzt hat. Sie ist eine stinknormale Altpartei, die sich in ihrem Gebaren in nichts, aber auch gar nichts von den etablierten Parteien unterscheidet.

Intrigant und verschlagen

Ihre Führungswechsel gehen jedesmal mit feinsten Intrigen einher, die sich vor jenen in der SPD oder CDU nicht verstecken müssen. Und ihr Gebaren in Sachen Parteispenden ist sinistrer und verschwiemelt-verschlagener als das meiste, was man in den letzten Jahren von der Konkurrenz zu hören und zu lesen bekam.

Damit hat sie ihren Markenkern beschädigt. Die AfD ist nicht anders, wie sie immer behauptet hat. Sie ist genauso wie die andern. Sie ist eine StiNo-Partei. Im Gebaren nicht besser und nicht schlechter als die Konkurrenz.

Gleichzeitig erlebt die AfD möglicherweise ihre erste Grenze des Immermehrismus. Bisher hat sie es vermocht, immer mehr Anhänger anzuziehen, indem sie sich immer mehr radikalisiert hat. Gib dem Affen Zucker, dieses Prinzip funktionierte bis hierher gerade bei der Klientel mit den geschwollenen Gallenblasen sehr gut.

Verlust der bürgerlichen Mitte

Aber weil es eben nicht so ist, wie eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung mit zweifelhaften Methoden herausgefunden hat – dass nämlich 20 Prozent aller Deutschen irgendwie schlimm rechts sind, eben deshalb schmilzt das Eis der AfD zum ersten Mal leicht ab. Wer sich zm Sammelbecken der endgültig Enthemmten macht, der verliert in der bürgerlichen Mitte mehr, als er auf der Höcke-Seite gewinnen kann. Dieser Wendepunkt scheint bei der AfD mittlerweile erreicht zu sein.

Wenn es nun eine Post-Merkel-CDU noch vermocht hatte, das bürgerliche Profil der angestammten bürgerlichen Partei zu schärfen, mehr als das Annegret Kramp-Kartenbauer bis hierher gelungen ist, dann könnte dieses Jahr 2019 den Scheitelpunkt im Werden und (partiellen) Vergehen dieser neuen politischen Kraft in Deutschland markieren.