Eine Studie sieht Deutschland als großen Profiteur des Euro. Doch Experten üben Kritik an der haarsträubenden Methodik: Milliardenschwere, möglicherweise wertlose Kredite finden ebenso wenig Berücksichtigung wie die Folgen der EZB-Politik für Sparer.

Hätte, hätte, Fahrradkette – das flapsige Bonmot des früheren Finanzministers Peer Steinbrück (SPD) ist längst zum Klassiker geworden, wenn es darum geht, hypothetische Gedankenspiele richtig einzuordnen und verpassten Chancen nicht lange nachzuweinen.

Das Freiburger Centrum für Europäische Politik, kurz CEP, ein für seine streng ordoliberalen Positionen bekannter Thinktank, hat nun eine ganze Studie einer solchen kontrafaktischen Geschichtsschreibung gewidmet. Es geht darin um eine der ganz großen ökonomischen Fragen dieser Zeit: herauszufinden, ob sich der Euro für die beteiligten Mitgliedsländer wirtschaftlich gelohnt hat und wer die Gewinner und Verlierer der Gemeinschaftswährung sind.

20 Jahre nach Euro-Einführung schien für die Wissenschaftler des CEP offensichtlich die Zeit gekommen, um Bilanz zu ziehen. In dem hypothetischen Gedankenspiel, das in dieser Woche veröffentlicht wurde, analysieren sie, wie es den Euro-Mitgliedern ohne den Euro ergangen wäre. Durch diesen Kniff wollten die Ökonomen feststellen, ob etwa Deutschland heute mit dem Euro besser dasteht, als das ohne den Euro der Fall wäre.

Die Studie hat für große Diskussionen unter deutschen Ökonomen gesorgt. Sie kritisieren die Methodik und die Annahmen, auf denen die Analyse basiert. Die Debatte wirft einmal mehr die Frage auf, ob die Einführung des Euro ein historischer Fehler war oder das Beste, was dem Kontinent passieren konnte.

Dabei fällt das Ergebnis auf den ersten Blick zumindest für Deutschland ganz positiv aus. Demnach hat die größte Euro-Ökonomie von 1999 bis 2017 am meisten profitiert: Die Ökonomen beziffern die Wohlstandsgewinne auf fast 1,9 Billionen Euro. Umgerechnet auf den einzelnen Bundesbürger sei das ein Vorteil von 23.000 Euro pro Kopf.

Italien hätte Strukturreformen gebraucht

Für die meisten anderen Euro-Partner fällt die Berechnung hingegen desaströs aus. Frankreich hat demnach 3,6 Billionen Euro verloren, Italien sogar 4,3 Billionen Euro. Folgt man der Argumentation der Autoren, war der Euro für das Gros der Währungsgemeinschaft also ein riesengroßes Verlustgeschäft. Ein Jahrhundertprojekt, das die Menschen arm macht. Wie konnte das passieren?

Für die beteiligten Autoren liegt die Antwort auf der Hand. Sie argumentieren, dass Länder wie Italien durch den Euro ihr größtes Instrument, um wettbewerbsfähig zu bleiben, verloren haben: die Möglichkeit, die eigene Währung abzuwerten, um auf diese Weise preislich mit stärkeren Nationen konkurrieren zu können. Um diesen Verlust kompensieren zu können, hätte das Land Strukturreformen in großem Stil durchführen müssen. Doch genau diese sind unterblieben.

„Italien hat nach wie vor keine Möglichkeit gefunden, wie es innerhalb der Euro-Zone wettbewerbsfähig werden kann“, urteilen die CEP-Ökonomen. Stattdessen bedürfe es nun Strukturreformen. Als Beispiel führen sie dabei das Nachbarland Spanien an, das dank der eigenen Strukturreformen „den negativen Trend immer größerer Wohlstandseinbußen“ habe umkehren können.

Tatsächlich beziffern die Experten die Wohlstandsverluste Spaniens über die Jahre auf vergleichsweise niedrige 5000 Euro pro Kopf. Das Land kommt damit unter den Verlierern der Euro-Einführung noch am besten weg. Dennoch zieht sich nach Lesart der Studie ein tiefer Riss quer durch Europa. Den wenigen Gewinnern – konkret: Deutschland und den Niederlanden – steht eine ganze Reihe großer Euro-Verlierer gegenüber.

Nun würde zwar niemand bezweifeln, dass der Euro nicht allen Ländern gleich gutgetan hat. Allerdings irritiert, auf welchem Wege die CEP-Experten zu ihren Ergebnissen gekommen sind. Um herausfinden zu können, wie gut oder schlecht die Teilnahme am Euro ein Land gestellt hat, haben die Wissenschaftler Vergleichsgruppen von Ländern gebildet, die nicht im Euro sind und deren Wachstum sich ähnlich entwickelt hat wie das der Euro-Mitglieder vor dem Start des Euro. Deutschland wurde nach dieser Systematik einer Kontrollgruppe aus Bahrain, Japan, Großbritannien und der Schweiz gegenübergestellt. Italien wiederum mit Großbritannien, Australien, Israel und Japan verglichen.

Doch genau diese Methodik gibt Anlass für Kritik. Namhafte Ökonomen äußerten große Zweifel, ob sich auf diese Weise die Gewinner und Verlierer des Euro feststellen lassen. „Die Ergebnisse dieser Studie sind nicht überzeugend“, sagt Clemens Fuest, Präsident des Münchner Ifo-Instituts. Grundsätzlich sei die verwendete Methode zwar als Analyseinstrument anerkannt, aber nicht auf diesen Kontext anwendbar. Die Vergleichsstaaten zu Deutschland in der Studie seien Länder, die sich beim BIP-Wachstum wohl zufällig wie Deutschland vor der Euro-Einführung entwickelt hätten. „Aber die Zeit vor dem Euro war eine Sondersituation für Deutschland, die von der Wiedervereinigung geprägt war“, so Fuest.

Hingegen hätten die drei Vergleichsvolkswirtschaften ganz andere ökonomische Strukturen. Die Ergebnisse der Studie seien deshalb nicht belastbar. „Weder die großen Gewinne für Deutschland noch die massiven Verluste für Frankreich und Italien können als von der Euro-Einführung verursacht verstanden werden“, sagt Fuest. Andere Experten sehen das ähnlich. „Ich glaube auch nicht, dass die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland maßgeblich mit der wirtschaftlichen Entwicklung von Japan und Bahrain erklärt werden kann. Dazu sind die länderspezifischen Einflussfaktoren viel zu unterschiedlich“, sagt Gunther Schnabl, Ökonomie-Professor in Leipzig.

Ohnehin wird Deutschland von den meisten befragten Ökonomen nicht als der strahlende Gewinner des Euro angesehen. „Ich sehe eher alle Länder als Verlierer, da die einheitliche Geldpolitik für eine so heterogene Ländergruppe von Beginn an große Verwerfungen verursacht hat“, moniert der als Euro-Skeptiker bekannte Schnabl.

Tatsächlich haben sich die Ökonomien der Euro-Staaten äußerst ungleich entwickelt. Während Deutschland zu Beginn als kranker Mann Europas galt und beim Zuwachs des Pro-Kopf-Einkommens ganz hinten rangierte, machte die größte Volkswirtschaft der Währungsgemeinschaft seit 2005 Schritt für Schritt Boden gut. Inzwischen führt die Bundesrepublik die Wohlfahrtsstatistik der großen Länder an. Seit Einführung des Euro ist das Pro-Kopf-Einkommen um ein Drittel gestiegen.

Ein Gutteil des Zuwachses ist auf den Exporterfolg der Deutschen zurückzuführen. Allerdings wird dieser von den Experten nicht ungeteilt positiv beurteilt. Denn ein Teil der Ausfuhren seien vom Ausland auf Pump gekauft worden. „Wir bauen wertlose Forderungen auf. Ist das ein Gewinn?“, fragt beispielsweise Daniel Stelter, Ökonom und Buchautor.

Target-Forderungen liegen bei 900 Milliarden Euro

Gegenüber den Ländern der Euro-Zone hat Deutschland inzwischen Netto-Forderungen von 1600 Milliarden Euro. „Eine Rückzahlung dieser Kredite ist unwahrscheinlich, was für die deutschen Bürger einen großen Wohlstandsverlust bedeutet“, moniert Schnabl. Sichtbar wird das in den Target-Forderungen, welche die Bundesbank im Eurosystem aufgebaut hat. Diese liegen bei rund 900 Milliarden Euro.

„Aus der bisherigen wirtschaftlichen Entwicklung kann man nicht schließen, wer Gewinner oder Verlierer des Euro ist. Ich halte nichts von einer solchen Vorgehensweise“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. „Wenn sich alle Länder an die Stabilitätsvorgaben des Maastricht-Vertrags gehalten hätten, würden alle Länder gewinnen.“ Stattdessen hätten die meisten Länder in den ersten Jahren der Währungsunion viel zu hohe Haushaltsdefizite zugelassen und die Lohnkosten aus dem Ruder laufen lassen. „Weil sie den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr durch eine Abwertung ihrer Währungen ausgleichen konnten und ihre eigenen Zentralbanken die hohen Haushaltsdefizite nicht mehr finanzieren konnten, rutschten sie in die Krise.“

Auch der Freiburger Wirtschaftsweise Lars Feld verweist darauf, dass Deutschland und die Niederlande vor allem deshalb so gut abschneiden, weil sie umfangreiche Reformen durchgeführt haben. „Damit war Deutschland beim Ausbruch der Krise besser gewappnet als andere Länder. In den anderen Mitgliedstaaten schlagen hingegen die Finanz- und Wirtschaftskrise sowie die EU-Schuldenkrise voll durch“, sagt Feld. Die CEP-Studie suggeriere, dass dies auf die Euro-Einführung zurückgehe. Dabei sei der Grund für Unterschiede im BIP pro Kopf die Fähigkeit der jeweiligen Volkswirtschaften, flexibel auf Schocks zu reagieren.

Auch die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) hat nach Ansicht der Experten die Bilanz der Gewinner und Verlierer verzerrt. „Die EZB bekämpft die Krise im Süden mit extrem niedrigen Zinsen, unter denen auch die Sparer im Norden leiden. Außerdem garantiert die EZB seit 2012 faktisch die Anleihen der hoch verschuldeten Staaten aus dem Süden“, sagt Krämer. Dadurch habe die EZB in großem Stil Risiken auf die Bürger im Norden der Währungsunion umverteilt. „Alle Länder leiden, weil sich nicht alle Staaten an die Vorgaben des Maastricht-Vertrags halten.“

Auf die Verteilungswirkung der EZB wird in der CEP-Studie indes gar nicht eingegangen. Womöglich hätte das zu anderen Ergebnissen geführt. Aber: Hätte, hätte, Fahrradkette.