Von einer Arbeiterpartei ohne Arbeiter über aggressive Friedliche bis zur Glaubensfrage Wissenschaft: In Deutschland fühlt man sich mittlerweile wie bei Alice im Wunderland. Dummerweise holt uns die Realität selbst dann ein, wenn wir sie ignorieren.

Sprechende Spielkarten, die endlose Teestunde eines Hutmachers, Flamingos als Golfschläger, eine Grinsekatze, deren Grinsen noch in der Luft schwebt, wenn sie selbst längst verschwunden ist: in Lewis Carrolls Roman „Alice im Wunderland“ ist nichts so wie es sein soll oder wie es den Gesetzen der Logik, der Mathematik oder der Naturwissenschaften entspricht. Was Alice nach einem Sturz in einen Kaninchenbau erlebt, ist eine verkehrte Welt, in der das Große klein ist und das Kleine groß, die Endlichkeit unendlich und Dinge sind und zugleich nicht sind.

Wenn man diese Tage auf Deutschland schaut, dann hat man mitunter den Eindruck, man sei soeben in den riesigen Bau eines weißen Kaninchens gestolpert, der in Wirklichkeit natürlich nur ein ganz kleiner winziger Bau ist und in dem auch sonst alle Gesetze des Denkens, der Empirie und der Sprache weitgehend außer Kraft gesetzt sind.

Fortschrittliche Fortschrittskritiker

Im Grunde geht es schon bei der Kanzlerin los, deren naturgemäß endliche Amtszeit sich wie die Teestunde des Hutmachers als ewig erweist und deren Ende endlos ist. Auch bei den Parteien ist die Situation ziemlich verworren. Die Arbeiterpartei will keine Arbeiter mehr, die Konservativen flüchten vor dem Konservatismus, die Alternativen sind die Etablierten, die Fortschrittskritiker geben sich fortschrittlich, den Volksparteien fehlt das Volk, die Opposition regiert, die Regierung ist in der Opposition. Reichlich unübersichtlich das alles.

Wo aber die Lage so verworren ist, da leidet notwendigerweise die Sprache, Bedeutungen beginnen sich aufzulösen, Worte bedeuten ihr Gegenteil und Sätze verlieren jeden Sinn. Es beginnt bei der Toleranz, die zu einem Wert erklärt wird, obwohl sie im Grunde kein Wert ist, sondern eine Haltung, die dann wichtig wird, wenn man in Wertefragen nicht übereinstimmt. Doch egal. Immerhin ist es dann nur konsequent, dass man unter Toleranz nicht Toleranz versteht, sondern Akzeptanz. Das Fremde wird zum Eigenen erklärt und mit dem Eigenen fremdelt man. Entsprechend toleriert der Tolerante nur diejenigen, die genauso denken wir er. Das ist zwar gewöhnungsbedürftig, ergibt aber irgendwo Sinn.

Wissenschaft wird zur Glaubensfrage

Und es erklärt, wie es dazu kommt, dass demokratische Prozesse undemokratisch sind, präsidiale Ermahnungen von oben demokratisch. Dass die Weltoffenen borniert agieren, die Friedlichen aggressiv und die Verständnisvollen ohne jedes Verständnis sind, nimmt man da nur noch schulterzuckend zur Kenntnis. So ist das eben im deutschen Kaninchenbau.

Da verwundert es auch nicht, dass selbst scheinbar eindeutige Begriffe ihre Eindeutigkeit verloren haben. Was Wissenschaft ist, bestimmen Ideologen und Ideologien werden zur Wissenschaft erklärt. Was wissenschaftlich ist und was nicht, ist zur Glaubensfrage geworden. Und der Glaube schmückt sich mit Attributen der Wissenschaftlichkeit. Hysteriker und Apokalyptiker gelten entsprechend als rational und rationale Argumente als gefährlicher Irrglaube. Die skeptische Haltung, ursprünglich Ausweis jeder Wissenschaftlichkeit, wird zur Häresie. Stattdessen gerät das Bekenntnis zum Attribut des kritischen Denkens. Lewis Carroll hätte es sich nicht schöner ausdenken können.

Bildungsabbauende Bildungsoffensiven

Im deutschen Wunderland schaltet man Atomkraftwerke ab und will gleichzeitig den CO2-Ausstoss reduzieren. Im Namen der Ökologie setzt man mit Hilfe von Windrädern zur gigantischen Landschaftszerstörung an. Man rettet die Honigbiene, obwohl es da gar nichts zu retten gibt, verbietet schädlingsresistente genmanipuliert Pflanzen, will aber gleichzeitig Pestizide reduzieren. Entsprechend jubelt man eine Technologie zur Lösung aller Emissionsprobleme hoch, die Emissionen allenfalls verlagert. Systematisch fördert man die Deindustrialisierung Deutschlands, nennt das Ganze aber industriellen Umbau. Man redet von der Zukunft, steckt gedanklich aber in der Vergangenheit.

Das könnte natürlich damit zusammenhängen, dass mit jeder Bildungsoffensive die Bildung hierzulande abnimmt. Jede Schulreform demontiert das Schulsystem. Und Elite-Universitäten sind Bastionen der Durchschnittlichkeit.

In Alice’ Wunderland ist das Kleine tatsächlich groß, das Endliche tatsächlich ewig und Spielkarten können tatsächlich sprechen. Doch Deutschland existiert in der realen Welt. Hier gelten die normalen Gesetze der Wissenschaften und der Logik. Wer sie dauerhaft ignoriert, wird in seinem Wunderland scheitern. Da hilft dann auch keine Grinsekatze mehr.