Facebook muss sich ändern, sagt das Kartellamt. Das provoziert eine neue Debatte über Daten. Wenn sie das neue Öl sind, warum bekommen wir dann so wenig dafür?

Sie meditieren gern und Sie mögen Bilder von Salvador Dalí? Das ist schön für Sie. Wenn Sie das neuen Bekannten erzählen, ist das eine Einladung zum Smalltalk – viel mehr kann man mit dieser Information nicht anfangen. Doch das ändert sich, wenn Facebook das alles über Sie weiß. Wenn nämlich die Daten von Tausenden Facebook-Nutzern kombiniert werden, dann stellt sich heraus: Die genannten Vorlieben sind Anzeichen dafür, dass Sie für neue Erfahrungen offener sind als andere Leute.

Eine Studie von Psychologen der Universitäten Cambridge und Stanford hat gezeigt, dass Computer anhand von Facebook-Profilen schon vor vier Jahren eine Person besser einzuschätzen wussten, als deren eigene Familie es konnte. Zuvor war es bestenfalls Intuition, dass Liebhaber von Dalís zerfließenden Uhren häufig nach allen Seiten hin ziemlich offen sind. Jetzt ist klar: So sind nicht nur Dalí-Fans, sondern oft auch die Anhänger der Meditation. Werber könnten diese Information nutzen und neue Marken, neue Produkte vor allem bei Leuten bewerben, die sich auf Facebook gleichermaßen als Freunde von Dalí und Meditationstechniken zu erkennen geben.

Wenn Sie das wissen, haben Sie schon halb verstanden, warum Daten so ein seltsames Gut sind. Daten, so hat es wohl jeder schon mal gehört, sind angeblich das Öl des 21. Jahrhunderts. Oder das Gold. Oder doch zumindest „der Rohstoff der Zukunft“, wie Kanzlerin Angela Merkel meint. All diese Vergleiche klingen eingängig – und doch scheint die Praxis das Gegenteil zu zeigen. Facebooks Datenskandale zeigen, wie sorglos der Konzern mit seinem angeblich wichtigsten Rohstoff umgeht. Nutzer stören sich seit Jahren daran, wie viel Geld die Konzerne mit ihren Daten machen. Politiker glauben, sie müssten die Datennutzung besteuern, um so wenigstens indirekt eine Bezahlung für die Bürger durchzusetzen. Was ist da los?

Daten sind mal wertlos und mal wertvoll

Dass Daten einen Wert haben können, dass sie als Tauschgut funktionieren, so ähnlich wie Geld – das ist seit einigen Jahren schon gesetzlich anerkannt. Auslöser dafür war Facebook. Im Jahr 2014 kaufte das Unternehmen für 19 Milliarden Dollar den Nachrichtendienst Whatsapp. Der hatte zu diesem Zeitpunkt noch kaum Umsätze. Deshalb hatten europäische Wettbewerbsbehörden nichts in der Hand, um die Übernahme zu verhindern. Doch nach diesem Fall bemerkten sie, dass Kunden für Dienste eben nicht nur mit Geld bezahlen, sondern auch mit Daten.

Das führte zu einer Gesetzesänderung: Jetzt wird die Macht eines Unternehmens höchst offiziell nicht mehr nur daran gemessen, ob es von den Kunden Geld für seine Produkte nimmt, sondern auch daran, welche Daten es hat. Das hatte vergangene Woche eine kuriose Folge: Hatte die Datenschutz-Grundverordnung es Facebook gerade noch ermöglicht, die Daten seiner Netzwerke Whatsapp und Instagram zusammenzuführen, war jetzt das Bundeskartellamt zuständig – und gab den Nutzern eine Handhabe, genau diese Zusammenführung zu verbieten.

Die Whatsapp-Übernahme zeigt deutlich, was für ein besonderes Gut Daten sind. Das Unternehmen hatte praktisch keine Einnahmen, als es von Facebook gekauft wurde, sondern nur Kosten – aber auch eine Wachstumsperspektive sowie die Daten von rund 450 Millionen Nutzern. Dafür bezahlte Facebook 19 Milliarden Dollar, je Nutzer also 42 Dollar. So betrachtet, scheinen Nutzerdaten sehr wertvoll zu sein. Doch wenn Nutzer ihre Daten verkaufen wollen, scheint der Wert sehr gering. Selbst Benutzernamen und Passwörter von gehackten E-Mail-Konten, über die oft das halbe Online-Leben einer Person läuft, gibt es auf dem Hacker-Schwarzmarkt seit Jahren in der Großpackung zum Sparpreis: die Daten von 1000 Menschen für nicht mal 10 Dollar, also gerade mal ein einziger Cent je E-Mail-Konto. Wie passt das zusammen?

Geteilte Daten sind doppelte Daten

Die Nutzer können über ihre Daten bestimmen. Sie entscheiden, zu welchem Preis sie Unternehmen etwas davon abgeben. Beispielsweise, um Suchergebnisse von Google zu bekommen. Um an einem sozialen Netzwerk teilzunehmen. Oder um von einem elektronischen Assistenten daran erinnert zu werden, wann sie zum nächsten Termin losfahren müssen. Die meisten Menschen machen nicht den Eindruck, als fänden sie ihre Daten sonderlich wertvoll. Selbst nach vielen Skandalen kehren die Nutzer von Facebook dem Konzern nicht in Scharen den Rücken. Wahr ist: Wer auf einem sozialen Netzwerk seine Freunde und Bekannten antreffen möchte, kommt an Facebook, Instagram und Whatsapp schwer vorbei.

Doch auch wenn die Deutschen eine Wahl haben, benehmen sie sich nicht anders, auf ihren Handys zum Beispiel. Eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung hat gezeigt: Bezahlte Apps schützen die Daten tatsächlich besser als kostenlose Apps. Trotzdem ist den meisten Kunden der Preis wichtiger. Die Wahl zieht sich bis in die Grundsysteme: Seit Jahren wirbt Apple damit, dass seine iPhones die Daten ihrer Besitzer besser schützen als die Konkurrenztelefone, die mit Googles Betriebssystem Android laufen. Doch die Android-Telefone sind oft billiger, oder sie können mehr. Vier von fünf Deutschen entscheiden sich gegen ein iPhone. Auch wer wenig Geld hat, verzichtet lieber auf den Datenschutz als auf ein Smartphone.

Haben die Deutschen einfach zu wenig Ahnung davon, wie sie ihre Daten schützen können? Dieses Argument zieht nicht mehr. Seit Jahren diskutiert das Land über Datenschutz. Außerdem können Menschen problemlos die alte Vitrine ihrer Oma verkaufen oder sich ein Auto anschaffen, auch wenn ihnen tiefere Kenntnisse über den Antiquitätenmarkt oder die Funktionsweise von Kraftfahrzeugen fehlen. Es gibt viele andere Gründe als Unwissenheit dafür, dass Menschen ihre Daten so leicht abgeben. Einer der wichtigsten ist: Sie vermissen ihre Daten nicht. Denn Daten sind in einem entscheidenden Punkt anders als Öl. „Sie werden durch Nutzung nicht verbraucht“, sagt die Juristin Heike Schweitzer von der Berliner Humboldt-Universität. Daten lassen sich unablässig vervielfältigen. Geteiltes Öl ist halbes Öl. Aber geteilte Daten sind doppelte Daten.

Die Daten einer Person sind für Firmen wenig wert

Googles Lobbyisten vergleichen Daten deshalb nicht mit Öl, sondern mit Sonnenlicht. Die Daten seien einfach da. Geld verdienen könne man damit aber erst, wenn man sie intelligent weiterverarbeitet. Klingt erst einmal logisch. Ganz richtig ist das aber auch nicht. Viele Daten sind nicht einfach da, sondern entstehen erst im Zusammenspiel mit dem Produkt, sei es mit einem sozialen Netzwerk, einer Suchmaschine oder mit einem Auto, das für die Versicherung aufzeichnet, wann sein Fahrer Gas gibt. Auch deshalb vermissen Nutzer die Daten so selten: Sie hatten sie vorher vielleicht gar nicht.

Ein Beispiel: Nicht jeder gesteht sich gerne ein, häufig das Facebook-Profil des Ex-Partners anzugucken. Facebooks Computern kann man aber nichts vormachen, sie servieren dann die Nachrichten vom Ex umso weiter oben. Das zeigt schon, dass auch die Unternehmen selbst für die Bewertung der Daten eine entscheidende Rolle spielen. „Die meisten Daten, die wir erheben, verbessern unsere Produkte“, sagte Google-Chef Sundar Pichai „Für die Werbung brauchen wir weit weniger Daten.“ Wahrscheinlich hat er recht. Das macht deutlich, warum Nutzerdaten, die einzeln nur wenige Cent bringen, in Form eines Unternehmens plötzlich zweistellige Dollarbeträge wert sein können: Datenverarbeitende Unternehmen machen aus dem Vorprodukt, den Daten, ein ganz neues Produkt.

Noch ein Beispiel: Ein Handy ist gerade an einem Funkmast in der Nähe der A3 eingebucht und bewegt sich nur langsam vom Fleck. Das kann mal passieren. Wenn Google aber weiß, dass es Hunderten Handys so ähnlich geht, dann kann der Konzern auf seinen Landkarten einen Stau auf der A3 verzeichnen.

Der Stau auf der Autobahn, der Abgleich von Dalí-Fans und Freunden der Meditation – so schafft die Datenverarbeitung von Facebook und Google einen Wert, der weit über den eines einzelnen Datensatzes hinausgeht. Deshalb können Facebook und Google hervorragende Produkte anbieten und sich Monopole erschaffen, gegen die andere Unternehmen kaum ankommen. Also bekommen die Konzerne noch mehr Nutzer. „Der Datenbesitz hilft ihnen, neue Daten zu generieren“, sagt Achim Wambach, der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. „Die Daten kombinieren sie dann gerne mit denen von anderen Produkten.“ Genau das wurde Facebook jetzt verboten.

Wie kann der Preis für Daten steigen?

Der Unterschied zwischen einzelnen und gesammelten Daten führt aber auch dazu, dass Datenschützer mit ihren Argumenten oft an den Internet-Konzernen und ihren Nutzern vorbeireden. Datenschützer betonen zu Recht die Gefahren, die sich aus den Informationen über Einzelne ergeben können: Ein Bewegungsprofil des Handys kann leicht zeigen, ob der Besitzer eine Affäre hat. Das ist den Konzernen aber in der Regel egal. Sie kümmern sich darum, ob sie aus dem Bewegungsprofil etwas über Staus lernen können, vor denen sie ihre Nutzer warnen sollten. In der Praxis sind es solche unschuldigen Funktionen, die von den Nutzern wahrgenommen werden.

Wie also können Daten einen Wert bekommen? Utopisch scheint ein Vorschlag, den der Volkswirt Glen Weyl und der Jurist Eric Posner kürzlich gemacht haben: Sie fordern eine Datenagentur, die die Daten von Millionen Bürgern verwaltet. Jeder könnte dort einstellen, welche Datenverarbeitung er welchem Konzern erlauben will – und seine Daten vielleicht auch an Start-ups weitergeben, die gerade den Kampf gegen die großen Monopolisten aufnehmen. Das könnte auch von einer Bezahlung abhängen. Wären die Daten von Millionen Menschen zusammengefasst, ließen sich hohe Preise eher durchsetzen. Aber sicher ist das nicht. Vielleicht wären den Nutzern ihre Daten trotzdem egal. Und wenn das so ist, darf der Staat auch keine Datensteuer erheben. Denn dann würde er nützliche Dienste unattraktiver machen, für die die Menschen eigentlich gar nicht so ungern mit ihren Daten bezahlen. Sie haben ja genug davon.