Massentourismus zerstört die Lebensqualität vieler Regionen. Strategien zur Steuerung der Urlauberströme wirken oft nicht, sondern verschlimmern das Problem. Helfen nur noch Schockpreise, Verbote und Verzicht gegen den Ansturm der Reisenden?

David Ruetz gehört zu den Menschen, die im Urlaub stets einen Blick für scheinbare Nebensächlichkeiten haben. Bei einer Reise durch Norditalien fiel ihm jüngst so ein Detail auf: In einem Touristenshop verkauften chinesische Angestellte Souvenir-Artikel aus chinesischen Fabriken an Touristen aus China – das alles mitten im Veneto. „Der Tourismusboom“, stellt Ruetz fest, „nimmt manchmal bizarre Formen an.“

Der Schweizer überblickt wie nur wenige andere das globale Reisegeschäft in seiner gesamten Breite und Vielfalt. Als solcher weiß er, dass hinter seiner Beobachtung ernste Fragen stehen: Was macht Tourismus mit meiner Heimat? Wer verdient an den Gästescharen? Wie viel Urlauber verträgt eine Stadt, ohne ihre Identität zu verlieren?

„Overtourism“ heißt die Überforderung von Reisezielen durch die schiere Masse an Urlaubern. Das Thema gehört auf der ITB, die am kommenden Mittwoch in den Messehallen unter dem Funkturm beginnt, zu den Kernthemen. Dafür hat Ruetz sich eingesetzt: „Wir wollen in einer Zwischenbilanz ermitteln, welche Strategien gegen Overtourism Erfolg versprechen und welche nicht.“

Selbstverständlich ist dieser Schwerpunkt keineswegs: In der erfolgsverwöhnten Reisebranche könne das Thema Overtourism „kaum einer mehr hören – und die Lust, darüber zu diskutieren, schwindet“, registriert Sabine Pracht, Chefredakteurin des für die Tourismusbranche wichtigen Fachmagazins fvw. Auch für Norbert Fiebig liegt der Ball nicht im Feld der eigenen Branche: „Die Hauptverantwortung“, gab der Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV) zu Protokoll, „liegt in den Destinationen, die können steuernd eingreifen.“

Das allerdings gelingt den betroffenen Kommunen nur selten, obwohl es dringend nötig wäre. Denn die Tourismuswelle hat sich in kurzer Zeit zu einem Tsunami entwickelt. Nach den Zahlen der Welttourismus-Organisation (UNWTO) gab es 1950 gerade einmal 25 Millionen internationale Touristen, heute sind es mehr als 1,3 Milliarden. Europa ist mit einem Anteil von 51 Prozent das beliebteste Ziel. Schon 2030, so die Prognose, könnten weltweit 1,8 Milliarden Menschen unterwegs sein.

Und jeder einzelne davon will womöglich einmal auf den Eiffelturm. Auf den Ansturm reagieren die Hüter einiger Naturwunder bereits mit harten Maßnahmen. Einige der schönsten Sightseeing-Orte der Welt sind für Besucher schon nicht mehr zu erreichen. So schloss im vergangenen Sommer der Traumstrand Maya Bay in Thailand, der durch den Hollywoodfilm „The Beach“ berühmt geworden war. Die von den Touristenmassen verursachten Umweltschäden und Verschmutzungen waren so groß, dass auch Ausflugsboote nicht mehr in die Bucht durften.

Die Pächter schufeten 16 Stunden am Tag

Vor wenigen Monaten erwischte es das Aescher-Wildkirchli im Appenzeller Land. Das Berggasthaus, das sich wie eine wilde Bienenwabe vor dramatischer Alpenkulisse an eine Felswand schmiegt, wird von Globetrottern als „schönster Ort der Welt“ gefeiert.

Ein Foto der Herberge prankte unter der Überschrift „Destinations of a Lifetime“ auf dem Titel einer Ausgabe von National Geographic. Danach war es mit der Ruhe am schönsten Ort der Welt vorbei. Autos stauten sich an den Zufahrten, endlose Kolonnen von Pilgern zogen bergan.

Dass Hollywood-Star Ashton Kutcher den „Geheimtipp“ über Facebook und Twitter an seine 18 Millionen Follower verriet, war nicht hilfreich: Das Pächter-Ehepaar Knechtle ackerte sechzehn Stunden am Tag, hatte aber irgendwann „genug von Nerv-Touristen“, so das Schweizer Magazin „Blick“. Im vergangenen November servierten die Knetchles zum letzten Mal Rösti und schlossen dann die Tür ab. „Viele Gäste“, berichtet der Schweizer Rundfunk, „hatten Tränen in den Augen.“

Zwar hat sich jüngst ein neuer Pächter gefunden, der bereit ist, die Massen im Aescher-Wildkirchli willkommen zu heißen. Doch das Problem bleibt, und wächst – vor allem in den Städten.

Amsterdamer vom Tourismus an die Wand gedrückt

Jahrelang hatten Reiseziele wie Venedig, Dubrovnik oder Amsterdam Tourismuspolitik nach Masse betrieben. Anwohner, wie der Amsterdamer Tourismusexperte Stephen Hodes mussten miterleben, wie sich dadurch ihre Umgebung nach und nach in ein „Konsumghetto für Urlauber“ verwandelte: Die rund 90.000 Einwohner der Amsterdamer Altstadt wurden von jährlich mehr als sieben Millionen Touristen völlig an die Wand gedrückt.

In Barcelona zerstachen zornige Einwohner schon die Reifen von Touristenbussen. Andernorts ziehen Protestzüge mit „Touri-go-home“-Schildern durch die Straßen. Denn Souvenirshops und große Gastronomieketten lassen vielerorts die Gewerbemieten explodieren.

Alteingesessene Geschäfte werden verdrängt, es entsteht eine Monokultur, die nur noch durch schlechtbezahlte Jobs für Geringqualifizierte geprägt ist. In Berlin, London, Paris fühlen sich auch Mieter durch Hotelbauten und Ferienwohnungen verdrängt und machen deshalb Druck auf die Kommunalpolitik.

Das Feld der Strategen, die das Problem Overtourism im Auftrag der Städte bekämpfen sollen, teilt sich in zwei Lager. Da gibt es auf der einen Seite die Optimisten, die glauben, dass sich Urlauberströme durch die richtigen Maßnahmen klug lenken lassen. Unter den entsprechenden Rahmenbedingungen könnten Anwohner und Gäste zu beiderseitigem Vorteil koexistieren. „Overtourism“, sagte etwa der Wissenschaftler Harald Zeiss von der Hochschule Harz in Wernigerrode, „ist Undermanagement.“

Froh, das BER noch nicht eröffnet ist

Ihnen stehen die Pessimisten gegenüber, die glauben, dass nur weniger Tourismus die Lösung sein kann. Diese Fraktion fordert Verbote für Hotelbauten, Beschränkungen für AirBnB und Ferienwohnungen, Steuern auf Billigflieger, dazu abschreckend hohe Eintrittsgelder für Sehenswürdigkeiten und womöglich noch streng begrenzte Besucherkontingente für Altstädte. Weniger ist mehr: „Berlin“, sagt etwa Tourismuskritiker Hodes, könne „froh sein, dass der Flughafen BER noch nicht eröffnet hat.“

Die wichtigste Strategie der Optimisten ist das sogenannte „Spreading“. Ziel ist es, die Urlauber im Stadtgebiet und Umland besser zu verteilen, indem man sie durch neue Angebote aus den überfüllten Innenstädten herauslockt. Wenn Familien auf London-Besuch in die Harry-Potter-Studios nach Watford pilgern, so das Kalkül, entlastet das die überfüllten Straßen von Westminster.

Auf Spreading setzt auch der Übernachtungsriese Airbnb – zumindest argumentativ. Denn die billige Zimmervermittlung gilt bei vielen Kritikern als Hauptursache des Übertourismus, neben den Billigfliegern. Airbnb streitet das jedoch ab: Die meisten Airbnb-Wohnungen befänden sich eben nicht in den Alt- und Innenstädten, sondern in touristisch bislang unterbelichteten Stadtteilen.

Schloss umbenannt, Touristen angelockt

Airbnb, argumentiert die Online-Zimmervermittlung, hilft daher bei der besseren Verteilung der Touristen mit und sorgt dafür, dass auch Randgemeinden von deren Ausgaben profitieren.

Zu den Städten, die mit dem „Spreading“ experimentieren, gehört auch Amsterdam. Die Niederländer verfielen auf die Idee, das nahe gelegene Schloss Muiderslot als „Amsterdam Castle“ zu vermarkten. Der Etikettenschwindel, so die Hoffnung, lenkt Touristenströme aus der Amsterdamer Altstadt um in die Vorortgemeinde Muiden. Hier zeigen sich allerdings die Schwächen dieser Strategie.

Stephen Hodes, Betreiber des kritischen Onlineportals „Amsterdam in progress“, glaubt, dass die Umverteilung der Touristen sogar kontraproduktiv ist. Denn die zusätzlichen Angebote führen dazu, dass unter dem Strich einfach noch mehr Urlauber herbeiströmen, warnt der Niederländer.

Zweifel an der Tauglichkeit des Konzepts hegen inzwischen auch viele Kommunalpolitiker. Dort neigt man nun stärker dazu die eigene Gemeinde für Besucher unattraktiver zu machen. Amsterdam verbietet Käsegeschäfte in der Innenstadt, weil die nur noch die Bedürfnisse von Besuchern, nicht aber die der Einheimischen decken. Einem Fischgeschäft wurde die Konzession entzogen, weil es mit seinen englisch-sprachigen Schildern offensichtlich nur auf Touristen abzielte.

Luigi Brugnaro, Bürgermeister von Venedig, will Touristen ab Mai dieses Jahres mit einer Eintrittgebühr für die Dogenstadt vergraulen. Auch Mallorca verlangt eine Touristensteuer, die nicht nur Geld zugunsten der Bürger einspielen – sondern auch die ungeliebten Billigtouristen abturnen soll.

Reisen nur noch für Reiche?

In Barcelona gilt ein Moratorium für Hotelneubauten, in Hamburg dürfen Wohnungen nur noch für maximal acht Wochen im Jahr bei Airbnb angeboten werden. All diesen Maßnahmen ist gemein, dass sie Tourismus verteuern, erschweren, verhindern.

Reisen nur noch für Reiche? Tourismusforscher Zeiss hält solche Sorgen für übertrieben. Gegen die Strategie, mit Hilfe von Preisen Angebot und Nachfrage auszubalancieren, sei nichts einzuwenden: „Eintrittspreise“ von mehreren tausend Dollar seien beim Besuch der Galapagos-Inseln oder der Berggorillas von Ruanda sogar nötig, um sensible, einzigartige Natur zu schützen.

Anderswo zeige der Instrumentenmix der Lokalpolitiker bereits Wirkung. Dazu gehöre auch das „Spreading“, verteidigt Zeiss diese Strategie gegen ihre Kritiker: So profitiere zum Beispiel Valencia von der Überfüllung Barcelonas. Oslo lockt mit pfiffigen Werbevideos erfolgreich Touristen an, die keine Lust auf mehr auf die überfüllten Strände des Mittelmeeres haben.

Der deutschen Hauptstadt gelingt es, mit der App „berlinHistory“ Interessierte auf die weniger ausgetretenen Pfade zu locken. „Die Lösungen werden immer besser“, glaubt Zeiss. „Mit innovativen Ideen und gutem Management werden auch in Venedig und Amsterdam glücklichere Einwohner wieder mehr Gäste empfangen können.“

Virulent wurde das Problem Overtourism erst, als die Konsumwünsche einer rasch wachsenden globalen Mittelschicht auf die neuen Möglichkeiten trafen, die durch durch Billigflieger, Airbnb und soziale Medien geschaffen wurden. Die aktuellen Irritationen gebe es, weil sich diese Effekte recht plötzlich innerhalb eines kurzen Zeitfensters aufsummiert hätten, sagt Zeiss: „Es braucht einfach eine Weile, bis die entsprechenden Lösungen auch greifen.“