Weiße alte Männer sind heute für manche zu einem Feindbild geworden. Doch gesellschaftlichen Fortschritt sollte man dadurch nicht erwarten. Es ist unverschämt, wenn die Lebensleistung älterer weißer Männer pathologisiert wird. Denn so berechtigt der Kampf für mehr Gleichberechtigung ist: Er rechtfertigt es nicht, andere verächtlich zu machen.

Bedeutet eine kritische Auseinandersetzung mit Sexismus, dass gerade ältere weiße Männer nicht mehr stolz sein können, auf das, was sie geleistet haben? Dass man das Verhalten dieser Männer, die häufig einfach glaubten, sich den Erfordernissen ihrer damaligen Zeit anzupassen, rückblickend für krank erklären darf? Obwohl sie einen wesentlichen Teil zu dem Wohlstand und der Freiheit beigetragen und so die offene Debatte über Gleichberechtigung und Geschlechterrollen erst ermöglicht haben?

Slavoj Žižek hat sich vor einer Woche an dieser Stelle zu Recht vehement gegen die Einführung eines Konzepts „schädlicher Männlichkeit“ („harmful masculinity“) durch die American Psychological Association (APA) gewehrt. Weil nach Žižek mit diesem Begriff negative Eigenschaften, wie die „Unterdrückung von Emotionen“ und „das Verbergen von Schmerz“, nicht nur negativ an das männliche Geschlecht gebunden werden, sondern auch – und das ist ein Grundfehler der modernen Psychiatrie – unabhängig vom Kontext beurteilt, der sie vielleicht erfordert hat und möglicherweise auch legitimiert.

Ein Stück weit reden Žižek und die APA aber auch aneinander vorbei. Denn obwohl eine Therapeutenvereinigung sich nicht derart durch die Definition von Krankheitsbegriffen an aktuellen gesellschaftlichen Debatten beteiligen sollte, geht es der APA um ein Festhalten an Vorstellungen patriarchaler Männlichkeit – in Zeiten, in denen sich die gesellschaftlichen Bedingungen geändert haben. Und nicht um Widerstandskämpferinnen und -kämpfer, die Žižek als Beispiel für einen Kontext nennt, in dem die Unterdrückung von Gefühlen erforderlich und sinnvoll sein kann.

Sofern es einem nicht darum geht, die heiß geführte Debatte weiter anzuheizen, sondern zu einer Lösung zu kommen, kann es hilfreich sein, zunächst ein paar Begriffe zu entwirren, um die Diskussion über Sexismus, Gleichberechtigung und Rollenmodelle, die einigen Menschen aus heutiger Sicht als falsch erscheinen, sinnvoll führen zu können.

Jedes Geschlecht kann sexistisch sein

Sexismus ist in seiner Grundbedeutung kein Kampfbegriff zur Herabsetzung von Männern, sondern ein Verhaltensmuster, das von jedem Geschlecht gegen jedes Geschlecht ausgeübt werden kann. Sexistisch sind Vorgesetzte, die weibliche Angestellte ungeachtet der Fähigkeiten und Leistungen benachteiligen. Oder Richterinnen und Richter, die Kinder in Sorgerechtsstreits bei gleicher Eignung seltener den Vätern zusprechen.

Gleichberechtigung ist das übergeordnete gesellschaftliche Ziel auf der Grundlage der allgemeinen Menschenrechte und der Werte unserer Kultur. Sie ist nicht gleichzusetzen mit der Abschaffung aller Ungleichheiten. Sondern sie soll zu gleichen Möglichkeiten berechtigen. Dafür braucht es das Bewusstsein dafür, dass Erfolg nicht allein auf Leistung beruht, sondern auch viel mit den eigenen Startbedingungen zu tun hat. Und es braucht Gesetze, die einen gewissen Ausgleich innerhalb der Gesellschaft regeln, um Chancengleichheit zu ermöglichen.

Trotzdem reicht es nicht aus, dass Möglichkeiten nur bestehen. Selbst wenn durch ein größeres allgemeines Bewusstsein und Gesetze die bestmögliche Angleichung der Möglichkeiten für alle Menschen geschaffen wurde, muss jeder und jede sie selbst ergreifen. Und spätestens hier geht es auch um das Leistungsprinzip. Und damit auch um die Frage, worauf man eigentlich stolz sein kann. Zumindest in einer Gesellschaft, deren Moralvorstellungen und Gesetze so stark auf das philosophische Konstrukt des freien Willens aufbauen.

Die Vorstellung, sich frei entscheiden zu können, aus eigenem Antrieb etwas zu leisten und darauf stolz zu sein, ist in unserer Gesellschaft ein wesentlicher Antrieb für viele Menschen, sich nicht ausschließlich egoistisch zu verhalten, sondern etwas für die Gemeinschaft zu tun. Jeder hat das gute Recht, gleiche Chancen einzufordern. Aber niemand den Anspruch, das Gleiche wie andere zu bekommen, ohne sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten gleichermaßen angestrengt zu haben.

Dieses Prinzip von einerseits Chancengleichheit und andererseits der Möglichkeit, durch mehr Leistung mehr für sich zu erreichen, ist zentral für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Und deshalb ist es nicht nur falsch, sondern auch gefährlich, jemandem nachträglich, wenn sich gesellschaftliche Normvorstellungen geändert haben, das Recht abzusprechen, auf etwas stolz zu sein.

Männer-Stolz stellt Frauen-Leistung nicht infrage

Das gilt für den Stolz der Männer, einen wichtigen Anteil daran gehabt zu haben, das Land nach dem Krieg wieder aufzubauen. Sich ein Leben lang den Rücken krumm gemacht zu haben, um die Familie zu ernähren, ein Zuhause zu finanzieren und den eigenen Kindern bessere Startbedingungen zu verschaffen, als man selbst sie hatte. Dieser Stolz auf die eigene Leistung der Männer stellt nicht die Leistung der Frauen infrage. Und die rückblickende Erkenntnis, in einem Rollenmodell gelebt zu haben, in dem es sexistische Überzeugungen und Verhaltensweisen gab und gibt, schmälert nicht das Recht, stolz auf das Geleistete sein zu dürfen.

Gleiches gilt in Deutschland aber nicht nur beim Blick auf Menschen verschiedener Geschlechter, sondern auch für den Umgang mit der Leistung von Männern und Frauen, die in der DDR aufgewachsen sind und sozialisiert wurden. In einem Staat, der heute als Unrechtsstaat gilt, geboren worden zu sein, gelebt und gearbeitet zu haben, schmälert nicht die eigene Lebensleistung. Im Gegenteil. In der Wissenschaft ist es ein großer Fehler, die Forschung ostdeutscher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter den Pauschalverdacht zu stellen, ideologisch verseucht und damit nicht mehr brauchbar zu sein.

Wer heute von Menschen in den ländlichen Regionen gerade im Osten Deutschlands mehr Anpassungsbereitschaft an neue gesellschaftliche Bedingungen fordert, übersieht, dass es oft genau diese Menschen waren und sind, die nach der Wende schon enorme Anpassungsleistungen vollbracht haben und in Reaktion auf die Abwanderung junger Menschen und den Verlust von notwendiger Infrastruktur weiter vollbringen.

Wenn man mit diesen Menschen spricht, denen immer wieder mangelnde Weltoffenheit vorgeworfen wird, erlebt man – im Gegenteil – oft sehr weltoffene Menschen. Die immer noch bereit sind, sich an gesellschaftlichen Wandel anzupassen. Aber müde sind, weiter mit großer Anpassung in Vorleistung zu gehen, wenn sie dann wieder die Benachteiligten des Wandels sind und ihr Recht, stolz auf ihre Leistungen zu sein, nicht oder nicht ausreichend anerkannt wird.

Ein Stolz, der seine Probleme hat

Es gibt aber auch eine andere Form von Stolz, die nichts mit Leistung zu tun hat. Den Stolz darauf, etwas zu sein, womit man geboren wurde. Dieser Stolz hat nicht immer eine Berechtigung. Und manchmal kann er ausgesprochen problematisch werden. Aber dennoch ist auch er in bestimmten Situationen wichtig.

Der Stolz, so zu sein, wie man ist, wird zum Beispiel erforderlich, wenn die eigene Daseinsberechtigung und das eigene Recht, nicht diskriminiert zu werden und die gleichen Möglichkeiten wie alle anderen zu haben, nicht anerkannt und unterdrückt wird. Genau deshalb konnte beispielsweise James Browns „I’m black and I’m proud“ eine solche Wucht und gesellschaftliche Relevanz entfalten.

Problematisch wird diese Form des Stolzes dann, wenn er nicht nur zum Schutz des eigenen Daseins gegen Ungleichbehandlung dient – sondern sich gegen andere richtet. Wenn man aufgrund der Merkmale, mit denen man ohne eigenes Zutun geboren oder gemacht wurde, andere Menschen als minderwertiger bezeichnet und herabsetzt. Zum Beispiel der Stolz, in einem bestimmten Land geboren zu sein und sich deshalb für etwas Besseres zu halten, als Menschen, die in anderen Ländern geboren wurden.

In der kritischen Auseinandersetzung mit Menschen, die stolz darauf sind, durch ihre Geburt Männer oder Frauen zu sein, Deutsche, Brasilianer oder Türken, ist dieses Kriterium elementar: Die Frage, ob sich der Stolz berechtigterweise gegen Benachteiligung oder Unterdrückung richtet oder gegen die Daseinsberechtigung anderer. Und das lässt sich nicht immer ganz einfach und pauschal von außen beurteilen.

Vielleicht hilft es deshalb, bei den Männern in unserem Land, die jetzt das Recht einfordern, wieder stolz darauf sein zu können, ein deutscher Mann zu sein, genauer hinter die Motive zu schauen. Und zu fragen, ob es sich nur um eine Widerstandsreaktion dagegen handelt, im Rahmen des Kampfes um Gleichberechtigung Privilegien aufgeben müssen. Sondern auch um die nicht ganz unberechtigte Angst, dass die eigene Lebensleistung nur deswegen herabgesetzt wird, weil man ein Mann ist.

Sicher ist es kaum zu vermeiden, dass einige derer, die von strukturellen Vorteilen profitiert haben und profitieren, mit Aggression auf den Kampf Benachteiligter für mehr Gleichberechtigung reagieren. Und diese Reaktion, die der Wahrung eigener Vorteile, hat in unserer Kultur keine moralische Berechtigung. Aber sie darf nicht verwechselt werden mit dem legitimen Widerstand dagegen, dass aufgrund eines Wandels in gesellschaftlichen Wertvorstellungen die eigene Lebensleistung rückblickend infrage gestellt wird.

Denn so berechtigt der Kampf für mehr Gleichberechtigung ist, er rechtfertigt nicht immer alle Mittel. Andere verächtlich zu machen, sollte immer nur die allerletzte Möglichkeit sozialer Sanktionen sein. Verachtung oder die nachträgliche Erklärung, jemand habe ein krankhaftes Leben gelebt, ist gegenüber denen, die sich ihrer Vorteile nicht bewusst waren und oft vielleicht auch gar keine andere Wahl hatten, eine Unverschämtheit.

Das Ziel von Gleichberechtigung ist nicht Gleichheit, sondern gleiche Möglichkeiten für alle – unabhängig davon wie und wo sie geboren wurden. Wie nah wir diesem Ziel schon sind, lässt sich auch daran erkennen, ob Menschen das Gefühl haben, ungeachtet von Aussehen, Geschlecht und Herkunft gleichermaßen darauf hoffen zu können, in unserer Gesellschaft für sich und andere etwas zu erreichen. Und in ihrem Stolz auf das im Rahmen der eigenen Möglichkeiten Geleistete anerkannt zu werden.

Wer anderen das Recht auf diesen Stolz abspricht, kann den Kampf für mehr Gleichberechtigung nicht gewinnen.