Ein verlässlicher Indikator der Finanzmärkte lässt aufhorchen: Amerikas Zinsdifferenz könnte bald negativ sein – und damit einen Abschwung ankündigen. Die Angst der Investoren könnte die Situation befeuern. Sparer sollten jetzt Vorkehrungen treffen.

Am 19. Dezember ist es so weit. Kurz vor Weihnachten werden sich die amerikanischen Währungshüter im Eccles Building in Washington D.C. versammeln und wohl eine folgenschwere Entscheidung treffen. Mit großer Wahrscheinlichkeit verkünden die Notenbanker an jenem Tag: Die Leitzinsen werden erhöht. Das Beben, das dieses Votum auslösen würde, dürften nicht nur die Amerikaner, sondern Arbeitnehmer und Anleger rund um den Globus zu spüren bekommen.

Denn mit dieser dann neunten Zinserhöhung träte die US-Konjunktur in eine kritische Phase: Der Wirtschaftszyklus nähert sich seinem Ende. An jenem 19. Dezember 2018 könnte mehr oder weniger die Rezession eingeläutet werden. An dem Tag dürfte der vielleicht zuverlässigste Seismograf ausschlagen: die Zinsdifferenz.

Wenn die Zinsdifferenz zwischen lang und kurz laufenden Anleihen ins Negative dreht, dann ist ein ökonomischer Abschwung so gut wie sicher. Und bei den Geldanlagen bewirkt das eine regelrechte Umpolung, nichts ist mehr wie zuvor. Genau das könnten die US-Währungshüter mit ihrer Entscheidung bewirken.

Beobachter gehen davon aus, dass die US-Währungshüter den Leitzins auf ihrer letzten Sitzung in diesem Jahr um 25 Basispunkte anheben. Damit wird das Zinsniveau am kurzen Ende, also bei Papieren kurzer Laufzeit, über das Zinsniveau von lang laufenden Anleihen getrieben.

Schon jetzt mehren sich die Hinweise, dass die Situation kippt. Zuletzt rentierten US-Staatsanleihen nur noch mit 2,95 Prozent, zweijährige mit 2,82 Prozent. Die Differenz liegt also nur mehr bei 0,13 Prozentpunkten (13 Basispunkten). Im Durchschnitt der vergangenen 25 Jahre lag der Unterschied bei 115 Basispunkten. Eine sich einengende Zinsdifferenz sendet ein Signal, das an Deutlichkeit kaum zu überbieten ist: Es ist vorbei.

„Eine Inversion der Zinskurve hat sämtliche neun Rezessionen der vergangenen Jahrzehnte angekündigt“, sagt Jim Reid, Analyst bei der Deutschen Bank. Inversion bedeutet, dass die Zinsen der Staatsanleihen mit zweijähriger Laufzeit höher sind als die der Zehnjährigen. In einer Rezession schrumpft die Wirtschaftsleistung mindestens zwei Quartale in Folge, was zur Konsequenz hat, dass die Aufträge und Gewinne der Unternehmen einbrechen, Investitionen zurückgefahren werden und häufig auch Entlassungen anstehen.

Normalerweise werfen länger laufende Anleihen höhere Zinsen ab, da sie erst in einer fernen, ungewissen Zukunft fällig werden. Für die Käufer der Anleihen ist der höhere Zinsausgleich für die erhöhte Unsicherheit. Wenn nun Papiere mit kürzerer Laufzeit mehr abwerfen, bedeutet das: Die nahe Zukunft wird als unsicherer wahrgenommen als die ferne.

„Die gute Nachricht ist, dass wir erstens noch keine Inversion haben und dass es danach im Schnitt 16 Monate gedauert hat, bis der Abschwung wirklich eintraf“, sagt Reid. In keinem Fall seien zwischen Inversion und Rezession weniger als neun Monate vergangen: „Wenn die Geschichte recht behält, haben wir also noch etwas Luft.“

Nicht immer schmieren die Börsen wirklich ab

Auf jeden Fall habe die Inversion weitreichende Folgen für die Kapitalmärkte. „Wer der Zinsdifferenz als Indikator vertraut, sollte eine höhere Risikoprämie auf Unternehmensanleihen und Aktien einkalkulieren“, sagt Reid. Sprich: Die Kurse könnten noch mal deutlich fallen.

Dem Kippen der Zinskurve folgt häufig eine turbulente Börsenphase mit starken Schwankungen. Doch wer jetzt alle seine Aktien verkaufen will, der handelt womöglich mit Zitronen. Denn nicht immer schmieren die Börsen nach Ausschlagen des Rezessionsseismografen wirklich ab.

So drehte die amerikanische Zinsdifferenz im Februar 2000 ins Negative. Dieses Datum markierte das Ende des Millennium-Booms. Ein Jahr darauf standen die Aktienbarometer Dow Jones und Dax im Minus. Doch ein Crash war das noch nicht. In den vergangenen vier Jahrzehnten standen die Märkte sechs Monate nach der Inversion in 50 Prozent der Fälle im Minus, ebenso nach zwölf Monaten.

Gleichwohl steigen mit dem Kippen der Kurve die Risiken: Im Schnitt konnten Anleger mit dem Dow Jones lediglich drei Prozent Rendite erzielen, deutlich unter dem langjährigen Mittel. „Anleger sollten auf jeden Fall die Zinsdifferenzkurve im Auge behalten“, rät Daniel Franke, Geschäftsführer von Franke Media in Leipzig. Doch die Experten tun sich schwer, den Beginn des Abschwungs treffsicher vorauszusagen – selbst wenn das Datum der Inversion feststeht.

„Der genaue Zeitpunkt einer Rezession ist ungewiss“, sagt Uwe Zimmer, Geschäftsführer von Fundamental Capital in Köln. Die nächste Krise könnte neun Monate nach einer Inversion (wie 1973), 18 Monate (wie 1990), 24 Monate (wie 2008) oder sogar erst 49 Monate (wie 1970) später eintreten. Bis dahin könne selbstverständlich noch viel passieren.

Zweifel an Aussagekraft des Seismografen

„Klar ist, mit steigender Gefahr einer solchen Umkehrung sind neue Höchststände am Aktienmarkt schwer zu rechtfertigen“, sagt der Vermögensprofi. Vorsichtigen Anlegern rät er, ihr Portfolio mit defensiven Sektoren wie Versorgern oder Verbrauchsgütern auszustatten. Auch eine Übergewichtung von Qualitätsaktien, also Firmen mit soliden Bilanzen und hohen Cash-Beständen, sollte sich nach Meinung von Zimmer auszahlen.

Manche Experten zweifeln die Aussagekraft des Rezessionsseismografen an. „Inverse Zinsstrukturen waren in der Vergangenheit der allerbeste Frühindikator für eine bevorstehende Rezession. Daher schenken die Märkte der Kurve aktuell auch so viel Aufmerksamkeit“, sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt bei ING Deutschland. Doch dieses Mal könnte die Vorhersagekraft begrenzt sein.

Die Inversion könnte sich als von der Angst der Investoren getrieben erweisen. Seines Erachtens steigen Anleger aus Furcht vor einem möglichen Konjunkturabschwung aus kurzfristigeren Anleihen aus und schichten in langfristige Anleihen um. Gleichzeitig befeuerten die erwarteten Zinserhöhungen der Fed das kurze Ende, also die Renditen von kurz laufenden Anleihen. „Was die Geschichte in den USA natürlich komplizierter macht, sind ausländische Investoren, die einfach den Zinsunterschied am langen Ende packen und US-Anleihen kaufen“, sagt Brzeski.

Die letzten zehn Jahre hätten gezeigt, dass traditionelle Frühindikatoren nicht mehr so viel taugen wie früher. Das könnte auch bei der aktuellen Zinskurve der Fall sein. Erstens ist sie noch nicht in der Inversion, und zweitens könnten sich die Konjunkturängste als überzogen erweisen.

Dazu kommen geldpolitische Unterschiede zwischen den USA und Europa: „In Deutschland haben wir eine ganz andere Situation, da die EZB mit ihrer Geldpolitik der Fed mindestens drei Jahre hinterherhinkt“, betont der Ökonom. Tatsächlich ist die Zinskurve hierzulande noch weit von einer Inversion entfernt.

Der Renditeabstand zwischen zehn- und zweijährigen Papieren beträgt aktuell 88 Basispunkte – Tendenz stark sinkend. Indes rutschte die Differenz nicht einmal vor der Großen Rezession 2009 für längere Zeit ins Minus. Lediglich an wenigen Tagen im Sommer 2008 war die deutsche Kurve invers.

„Kurzum, die flache Zinskurve sagt aktuell wohl mehr über die Ängste der Kapitalmärkte aus, als dass die Faktoren dahinter wirklich zu einer Rezession führen würden“, erklärt Brzeski. Sich selbst erfüllende Prophezeiungen seien natürlich nie auszuschließen.