Die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 zwischen Russland und Deutschland ist kaum mehr zu verhindern. US-Diplomaten versuchen es dennoch. Ihre Störmanöver sollen den Betrieb verzögern und verteuern. Und sie haben mächtige Verbündete – auch in Europa.

Geschäftiges Türenschlagen und Absatzgeklapper in einem endlosen Flur im Neonlicht. Die gelbstichigen Wände bräuchten einen frischen Anstrich. Deckenplatten fehlen, Kabel hängen herunter. In diesem etwas heruntergekommenen Bürokomplex fünf Blocks westlich des Weißen Hauses in Washington D.C. laufen im Kampf gegen das russisch-europäische Pipelineprojekt Nord Stream 2 alle Fäden zusammen.

Das lang gezogene Harry S. Truman Building ist Sitz des U.S. Department of State. Vor dem Portal knattern an gewaltigen Fahnenmasten das Star-Spangled-Banner und die Flagge des diplomatischen Korps. Sie reichen noch über das siebte Stockwerk hinaus, in dem US-Außenminister Michael Pompeo residiert und ausländische Staatsgäste empfängt. In den etwas vernachlässigten Büros drei Stockwerke tiefer führt Pompeos Staatssekretär Francis R. Fannon das Schwert der amerikanischen Energie-Außenpolitik.

Fannon ist Chef des Bureau of Energy Resources, einer rund 100 Köpfe starken Diplomatentruppe, die rund um den Erdball darauf hinwirkt, dass energiepolitische Entscheidungen nicht den Sicherheitsbedürfnissen der USA zuwiderlaufen. Die Sanktionen gegen die Ölgeschäfte Venezuelas und des Iran werden hier geplant und koordiniert. Wenn Nordkoreas Diktator Kim Jong-un auf dem Weltmarkt keine Kohle mehr loswird, um sein Atomprogramm zu finanzieren, stecken Fannons Energiediplomaten dahinter. IS-Terroristen, die Erdöl aus ihren besetzten Gebieten nirgendwo mehr verkaufen konnten, haben die Macht des „Bureau“ ebenfalls schon kennengelernt.

Die US-Regierung macht kein Hehl daraus, dass sie Energieversorgung als eine Waffe im Kampf um globale Einflusssphären betrachtet. Eine Waffe, die zuweilen zur Selbstverteidigung, zuweilen offensiv eingesetzt wird. Länder wie Kroatien, Griechenland oder Litauen, die sich dem russischen Erdgasmonopol entziehen, indem sie Importhäfen für Flüssiggastanker bauen, können sich jeder technischen und politischen Unterstützung der Amerikaner sicher sein. Seit Deutschland mit dem Bau der Nord Stream 2 aber eine weitere Russlandpipeline fördert, werden Fannons Energiediplomaten immer öfter in Berlin vorstellig. Hier werden dann Gespräche der etwas unangenehmeren Art geführt.

Noch bleiben die Drohungen vage: Sanktionen gegen Unternehmen, die das Pipeline-Projekt Nord Stream 2 unterstützen „ist etwas, das wir uns anschauen und worüber ich nachdenke“, erklärte Trump am Mittwoch anlässlich des Besuchs des polnischen Ministerpräsidenten Andrzej Duda im Weißen Haus. Was Trump an der Pipeline nicht mag: „Wir schützen Deutschland vor Russland, und Russland bekommt Abermilliarden Dollar von Deutschland.“

In diesen Tagen spricht zwar wenig dafür, dass die USA noch etwas gegen die Vollendung des Nord-Stream-2-Projekts tun können. Aber jede Verzögerung, jeder Stein, der den russischen Pipelinebauern in den Weg gelegt wird, dient bereits den strategischen Interessen der USA. Und weil die Röhre unter optimalen Bedingungen schon Ende dieses Jahres fertig sein könnte, forcieren die Amerikaner jetzt ihre diplomatischen Attacken.

„Es ist ganz einfach: Unsere umfangreichen Ölreserven erlauben es uns, unseren Freunden bei der Diversifizierung ihrer Energieversorgung zu helfen“, hatte Pompeo Mitte März auf einer Energiekonferenz in Houston (Texas) erklärt: „So wenig wir selbst von Öllieferungen aus Venezuela abhängig sein wollen, so wenig wollen wir, dass unsere europäischen Partner von russischem Gas aus dem Nord-Stream-2-Projekt abhängig sind.“

Durch die Entwicklung horizontaler Bohrungen und der Fördertechnik des Hydraulic Fracturing verfügen die USA über wachsende Erdgasüberschüsse. Tiefgekühlt und verflüssigt kann der Brennstoff als Liquified Natural Gas (LNG) mit Tankschiffen in die ganze Welt verkauft werden. Im Verständnis amerikanischer Außenpolitik eine Win-win-Situation: Der Verkauf des LNG füllt einerseits die Staatskassen, andererseits befreit das amerikanische „freedom gas“ die befreundeten Staaten aus der Energieabhängigkeit von Russland.

„Wir exportieren nicht nur amerikanische Energie, wir exportieren unser kommerzielles Wertesystem zu unseren Freunden und Partnern“, erklärte Pompeo in Houston: Je mehr die USA ihr Modell von freiem Unternehmertum, Rechtsstaatlichkeit, Diversifizierung, Stabilität und Transparenz verbreiten können, so Pompeo, „desto erfolgreicher und sicherer werden die USA und ihre Bürger sein“.

„Es war kalt. Sehr kalt“

Wie aber umgehen mit Partnern, die sich partout nicht helfen lassen wollen? Die Bundesregierung sieht in einer weiteren Ostseepipeline zwischen der Narwa-Bucht bei St. Petersburg und Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern keine wachsende Abhängigkeitsgefahr.

Zusätzliches Gas sei nötig, weil die Gasfelder in den Niederlanden und in der Nordsee immer weniger hergeben, obwohl für die Energiewende immer mehr Gas gebraucht wird. Zwar erhöht sich mit der Nord Stream 2 der Anteil russischen Erdgases in Europa von 38 auf über 50 Prozent. Doch ein Erpressungspotenzial entstehe dadurch nicht, weil die Abhängigkeit Russlands von europäischem Geld noch viel größer sei.

Vertreter der Bundesregierung argumentieren in diesen Punkten ähnlich wie die westlichen Kapitalgeber der russischen Pipeline, die Konzerne Uniper, Wintershall, OMV, Shell und Engie. Auch die Sorgen vor einer geopolitischen Schwächung der Ukraine seien übertrieben, heißt es im Kreise der Finanziers: Russland habe 2017 noch 93 Milliarden Kubikmeter Gas über die Ukraine nach Westen geschickt.

Mit einer Kapazität von nur 55 Milliarden Kubikmeter könne die Nord-Stream-2-Pipeline also den Ukraine-Transit nicht voll ersetzen. Die Bedeutung der Ukraine als Transitland werde geringer, verschwinde aber nicht völlig. Dann erinnern die Pipelinebefürworter gern daran, dass „die Russen selbst im Kalten Krieg immer verlässliche Lieferanten waren“.

An dem langen weißen Flur im Washingtoner State Department sitzt Kent D. Logsdon in einem Büro und blickt versonnen auf die drei gerahmten Porträts von Trump, Pompeo und Vizepräsident Mike Pence. Das Argument von der Verlässlichkeit russischer Gaslieferungen nach Europa überzeugt ihn nicht. „Ich war in der Ukraine, als Russland das Gas abgestellt hat“, sagt der stellvertretende Abteilungsleiter: „Es war kalt. Sehr kalt.“

Der Karrierediplomat spricht Deutsch, Russisch und Ukrainisch und ist jetzt im Bureau of Energy Resources für die Verhinderung der Nord-Stream-2-Pipeline zuständig. „Wir sind aus geopolitischen Gründen sehr besorgt“, sagt Logsdon: „Nord Stream 2 ist für die gesamte Nato besorgniserregend.“ Schon bald, Logsdon spricht über den Zeitraum bis 2040, werde sich die ganze Nachfragemacht nach Erdgas in China und Indien konzentrieren.

„Die großen Volumen werden nach Asien gehen“, sagt er. Die Bedeutung Europas als Abnehmer russischen Gases werde damit geringer. Entsprechend stark wachse dann das Risiko des Alten Kontinents, als vergleichsweise kleiner Abnehmer auf Gedeih und Verderb von russischem Pipelinegas abhängig zu sein. Importhäfen für Flüssiggastanker könnten das Abhängigkeitsrisiko verringern, aber nicht beseitigen, sagt Logsdon.

Doch könnten die USA den Bau der Pipeline überhaupt noch aufhalten? Die Verlegeschiffe „Pioneering Spirit“, „Solitaire“ und „Audacia“ haben die Hälfte der rund 200.000 Stahlrohre bereits verlegt. Jeden Tag wächst die Doppelröhre auf dem Boden der Ostsee um drei weitere Kilometer. Logsdon sagt nur, was die USA schon lange sagen: Das Projekt sei „potenziell sanktionierbar“.

Was genau meint er damit? Einschränkungen für die westlichen Partnerfirmen im US-Geschäft? Für die beteiligten Banken? Für die Reedereien der Verlegeschiffe? Der US-Energiediplomat hält sich bedeckt. Aus gutem Grund: Schließlich würde keine dieser Optionen einen Projektstopp garantieren. Der russische Bauherr Gazprom hat längst klargemacht, dass er das Projekt zur Not auch ohne die Finanzhilfe der westlichen Partner zu Ende führen würde.

Je weiter die Arbeiten gedeihen, desto unwahrscheinlicher wird es, dass sich die beteiligten Partner mit einer Milliarden Dollar teuren Investitionsruine abfinden würden. Warum also zögern die USA die seit Langem angedrohte Sanktionen immer weiter hinaus? Eine Äußerung Logsdons deutet darauf hin, dass sich die Amerikaner bereits an den Gedanken gewöhnt haben könnten, das Projekt nicht mehr stoppen zu können: „Wenn die Pipeline online geht“, sagt der US-Energiediplomat wie nebenbei, „werden wir darauf reagieren müssen.“

Bis dahin gilt Plan B: Die USA setzen alles daran, die Fertigstellung der Pipeline zumindest zu verzögern. Das scheint zu gelingen: Dänemark, das letzte Land, das Gazprom noch keine Baugenehmigung erteilt hat, verlängert den Genehmigungsprozess mit immer neuen Auflagen und Anfragen. Gazprom klagt bereits dagegen. Ob der Einfluss des US State Department hinter der Widerborstigkeit der Dänen steht? Logsdon lächelt die Frage mit Verweis auf ein altes Kinderspiel weg: „Wir spielen mit Dänemark kein ‚tit for tat‘.“ Ein Nein klingt anders.

Mit der Bauverzögerung allein könnten die Amerikaner immerhin ein wichtiges strategisches Zwischenziel erreichen: Ende des Jahres läuft der Transitvertrag zwischen Russland und der Ukraine aus und muss neu verhandelt werden. Wenn Russland zu diesem Zeitpunkt bereits eine voll funktionstüchtige Nord-Stream-2-Pipeline in der Hinterhand hätte, würde das die Verhandlungsposition Moskaus gegenüber der Ukraine stärken. Verschiebt sich die Fertigstellung der Ostseepipeline jedoch immer weiter nach hinten, hilft dies in den Gesprächen über Durchleitungsgebühren tendenziell der Ukraine und damit den geostrategischen Interessen der USA.

Zum Plan B der Amerikaner gehört es auch, den Betrieb der Pipeline aufwendiger und teurer zu machen. Denn das könnte amerikanisches Flüssiggas preislich wettbewerbsfähiger zu russischem Pipelinegas machen. Unterstützung bekommt das State Department dabei aus der Spitzenriege der Europapolitiker in Brüssel, von denen viele die Pipeline zwischen Deutschland und Russland ablehnen. Der CSU-Politiker Manfred Weber, Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei (EVP) für das Amt des EU-Präsidenten, hat bereits erklärt, alles tun zu wollen, um das Projekt noch zu stoppen.

Sollte Webers schärfste Konkurrentin, EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager, den Chefposten in Brüssel übernehmen, würde das für die Pipelinebauer nichts verbessern: Auch sie glaubt, dass die Pipeline „nicht im europäischen Interesse liegt“. Im Bureau of Energy Resources schaue man sich deshalb jetzt ganz genau an, wie die europäische Gasrichtlinie umgesetzt wird, sagt US-Diplomat Logsdon. Angesichts dieser mächtigen Verbündeten wittert er offenbar Morgenluft.