Es häufen sich Vorfälle, die kaum mehr denkbar schienen in Deutschland: Ein jüdischer Schüler wird so drangsaliert, dass er von seiner Schule flieht. Ein jüdischer Wirt von einem Mob angegriffen. Ein junger Israeli auf offener Straße attackiert. Etwas kippt im Land.

Uwe Dziuballa ist vorsichtiger geworden, er setzt jetzt öfters eine Kopfbedeckung auf, wenn er durch die Stadt geht. Mal einen Hut, mal ein Basecap von den Pittsburgh Steelers oder den New York Yankees. Er macht das, um sich zu schützen, er weiß, wie gefährlich es sonst werden kann.

An diesem Tag im November ist Dziuballa auf dem Weg von Chemnitz nach Hamburg. Er sitzt im ICE 800 und nimmt die Schirmmütze vom Kopf. Darunter kommt seine Kippa zum Vorschein, blau und gehäkelt. Dziuballa, 53, gehört das Restaurant „Schalom“ in Chemnitz. Das Lokal wurde während der rechten Krawalle in der Stadt angegriffen.

Darüber soll er an diesem Abend reden, in der Talkshow von Markus Lanz. Deshalb fährt er nach Hamburg. Er wird über das „Schalom“ sprechen, über den Angriff, und doch geht es um viel mehr. Um die Frage, die jetzt oft diskutiert wird: Wie sicher sind Juden in Deutschland?
Steine, Eisenstangen und der Ruf „Judensau!“

Was an jenem 27. August in Chemnitz passierte, erzählt er so: Ein befreundeter Journalist trug an diesem Abend in seinem Restaurant etwas vor, es ging um die Arisierung jüdischer Unternehmen. Gegen zwanzig vor zehn, die Veranstaltung war zu Ende, das Restaurant fast leer, hörte Dziuballa ein seltsames Geräusch.

Er machte die Tür auf und stand einer Gruppe von Männern mit Steinen, Flaschen und einer Eisenstange gegenüber, zehn oder zwölf waren es, zum Teil vermummt. Dziuballa, ein großer Mann, spürte Angst in sich aufsteigen.

Seit 18 Jahren hat er das „Schalom“, er kennt das mit den Angriffen. Mal war das Restaurantschild zerschlagen, auf dem sich zwei Weingläser so kreuzen, dass sie einen Davidstern bilden, mal lag ein Schweinekopf vor der Tür. Blumen wurden ausgerissen, Hakenkreuze an die Wand geschmiert. Jetzt war es anders, fand er. Jetzt sah er den Angreifern in die Augen.

Er hörte die Männer rufen: „Judensau, verschwinde aus Deutschland!“ Er hörte Glas scheppern, spürte einen Stein auf seine Schulter treffen, im Schock fingerte er sein Handy aus der Tasche und fotografierte den Männern hinterher. Dann rief er die Polizei an: „,Schalom‘-Restaurant, Heinrich-Zille-Straße 15, mein Name ist Uwe Dziuballa, ich glaube, ich brauche Hilfe.“ In seinen Ohren rauschte es.

Uwe Dziuballa, Geschäftsführer des jüdischen Restaurants “Schalom” in Chemnitz

Antisemitismus ist kein neues Phänomen, es gibt ihn, seit es Juden gibt. Aber er ist wieder aggressiver geworden, zeigt sich unverhohlener. Das hat mit dem Wiedererstarken der Rechten zu tun, mit den Aufmärschen in Chemnitz und der AfD, auf der einen Seite.

Auf der anderen klagen Juden vor allem über Anfeindungen durch Muslime. Für viele Flüchtlinge, die aus dem Nahen Osten nach Deutschland kommen, ist ein negatives Israel-Bild selbstverständlich. 2018 war das Jahr, in dem der Antisemitismus so offen zutage trat wie lange nicht mehr.

Im April wurde ein junger Israeli in Berlin von einem 19-jährigen Syrer mit einem Gürtel geschlagen, weil er eine Kippa trug. Das Video davon verbreitete sich in sozialen Netzwerken. Kurz zuvor war es bei der Echo-Verleihung zum Eklat um die Rapper Kollegah und Farid Bang gekommen, deren Texte in Teilen als antisemitisch kritisiert wurden.

An mehreren Schulen wurden jüdische Kinder beschimpft und bedroht. In Bonn ging ein Deutscher mit palästinensischen Wurzeln auf einen israelischen Hochschulprofessor los. In Dortmund skandierten Neonazis bei einem Aufmarsch: „Wer Deutschland liebt, ist Antisemit!“ Und der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland verharmloste „Hitler und die Nazis“ – und damit auch den Holocaust – als „Vogelschiss“ der deutschen Geschichte.

All das hat Folgen: Eine im Dezember veröffentlichte Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte ergab, dass 44 Prozent der befragten deutschen Juden schon darüber nachgedacht haben auszuwandern. Sie fühlen sich nicht mehr sicher.

Viele, ob religiös oder säkular, Erwachsene und Jugendliche, haben Hass oder Gewalt erlebt. Andere erzählen Geschichten von Freunden und Bekannten, die Verunsicherung ist groß. Nicht jeder will öffentlich reden – über ein Thema, das so sensibel und schwierig ist wie kaum ein anderes in diesem Land. Wie groß ist das Problem tatsächlich?

Es kann überall passieren, sogar beim Gassigehen

Wer mehr über den Antisemitismus in der Bundesrepublik erfahren will, landet schnell bei Benjamin Steinitz. Er leitet die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) in Berlin. Er und seine Kollegen haben ein Onlinemeldesystem für antisemitische Vorfälle aufgebaut.

Sie erfassen in ihrer Chronik auch Fälle, die in den offiziellen Statistiken der Polizei nicht auftauchen, weil sie strafrechtlich nicht relevant sind oder nicht angezeigt wurden. „Antisemitismus kann in fast allen Lebensbereichen auftreten – beim Gassigehen mit dem Hund, in der Schule, auf dem Finanzamt, in der U-Bahn, in Gaststätten, im Fitnessstudio“, sagt Steinitz.

Es ist in der Tat schwierig, den Judenhass in Deutschland zu messen. Die Polizei zählte im Jahr 2017 bundesweit 1453 antisemitische Straftaten, die angezeigt wurden, darunter 32 Gewalttaten. In den Jahren davor waren die Zahlen ähnlich, die Polizeistatistik weist also nicht auf einen Anstieg des Antisemitismus hin.

Aber die Dunkelziffer ist hoch, sagen Experten. Oft verzichten die Opfer auf eine Anzeige, weil die Chancen auf Erfolg zu gering sind, sie schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht oder Angst vor den Tätern haben. „Hinzu kommt, dass viele Juden und Jüdinnen nicht als Opfer wahrgenommen werden wollen“, sagt Steinitz. „Sie wollen selbstverständlicher Teil der Gesellschaft sein.“

Tatsächlich weisen die Zahlen von RIAS – im Gegensatz zu denen der Polizei – darauf hin, dass sich das Problem verschärft hat. Die Recherchestelle hat 2017 allein in Berlin 947 antisemitische Vorfälle registriert, im ersten Halbjahr 2018 waren es schon 527. Das hat auch damit zu tun, dass RIAS in der jüdischen Gemeinschaft bekannter wird und deshalb mehr Meldungen eingehen.

Auch wenn die Zahlen problematisch sind und nur Tendenzen zeigen, sind Experten sich einig: Antisemitismus nimmt in Deutschland nicht ab. Er nimmt eher zu, und Judenhass wird offener, aggressiver, hemmungsloser artikuliert. Was früher hinter vorgehaltener Hand geflüstert wurde, wird heute auf offener Straße gerufen.

Und, das zeigen Umfragen, Juden fühlen sich in Deutschland unsicherer. Viele trauen sich nicht mehr mit Kippa in die S-Bahn, sie verstecken die Kette mit dem Davidstern unterm Pulli.

„Es hat in den letzten Jahre eine Enthemmung gegeben“

Nach dem Gürtelangriff mitten in Berlin, ausgerechnet am Helmholtzplatz im toleranten Prenzlauer Berg, schaltete sich der Zentralrat der Juden ein. Präsident Josef Schuster riet Einzelpersonen davon ab, in Großstädten eine Kippa zu tragen. Zwar sei es im Prinzip richtig, sich „trotzig zu bekennen“, vernünftiger sei es aber, zum Beispiel ein Basecap aufzusetzen. Juden verdecken in Deutschland ihr Jüdischsein.

All die Zahlen, die Vorfälle, die Angst unter Juden, sie erreichten auch die Bundesregierung. 2018 war das Jahr, in dem man versuchte, dem neuen Judenhass eine sehr deutliche Antwort entgegenzusetzen.

Seit dem 1. Mai ist Felix Klein der Beauftragte für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, ein neu geschaffenes Amt mit Büro im Bundesinnenministerium, einem großen, weißen Klotz mit Hunderten Büros gleich am Berliner Hauptbahnhof. Dort sitzt er an einem Donnerstagnachmittag, weißes Hemd, blaue Krawatte, randlose Brille.

Klein kennt die Probleme, die sich stellen, wenn man die Entwicklung des Antisemitismus messen will, die Lücken in der Statistik, er spricht mit Vorsicht. „Nach meinem Eindruck“, sagt er, „hat es in den letzten Jahren eine Enthemmung gegeben. Antisemitismus, den es immer gegeben hat, der aber unterdrückt wurde, weil er gesellschaftlich verpönt und sanktioniert war, äußert sich jetzt offen und unverhohlen.“

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung: Felix Klein

Klein ist Diplomat, ein sehr freundlicher, sehr aufgeräumter Mensch. Er wurde in Darmstadt als Sohn von Siebenbürger Sachsen geboren, ein Protestant, kein Jude. Mit 18 Jahren flog er das erste Mal nach Israel, er war fasziniert von dem Land. Später studierte er Jura und arbeitete als Diplomat in Kamerun und Italien.

2014 ernannte das Auswärtige Amt ihn zum Sonderbeauftragten für Beziehungen zu jüdischen Organisationen. Im Rückblick war das ein Testlauf, den Klein bestand. Der Zentralrat der Juden schlug ihn für das neue Amt des Antisemitismusbeauftragten vor.

Klein hatte einen schwierigen Start in den Job. Kurz zuvor waren der Gürtelangriff und der Echo-Eklat durch die Presse gegangen. Klein musste sofort anpacken. Personen in seinem Umfeld raunten, er müsse aufpassen, dass er auf seinem neuen Posten nicht verbrannt werde. Klein selbst sprach mit der Zurückhaltung des Diplomaten von einer „großen Herausforderung“. Am Anfang hatte er nur eine Sekretärin, keine weiteren Mitarbeiter, fast alles musste er allein machen. Er stand vor einer riesigen Aufgabe.

Der Sommer, als Judenhass wieder die Straße eroberte

Die Bundesrepublik schien lange auf einem guten Weg zu sein. Zwar standen jüdische Institutionen schon vor Jahrzehnten unter Polizeischutz, zwar gab es seit Jahren antisemitische Angriffe. Doch die Gemeinden wuchsen. Jüdische Schulen und Kindergärten öffneten, neue Synagogen wurden geweiht.

Ein Wendepunkt war für viele Beobachter ein Sommer vor mehreren Jahren. Nicht etwa der Sommer 2015, in dem Hunderttausende muslimische Migranten nach Deutschland kamen, sondern das Jahr zuvor, 2014. Während des Krieges zwischen Israel und der islamistischen Terrororganisation Hamas entlud sich der Judenhass auf deutschen Straßen.

„Hamas, Hamas, Juden ins Gas!“, skandierten Teilnehmer einer Demo in Gelsenkirchen. In Wuppertal versuchten Palästinenser, eine Synagoge in Brand zu stecken.

Wer sind diese Menschen, die Juden angreifen, bedrohen und beschimpfen, Hakenkreuze schmieren und Israelflaggen anzünden? Auch diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten.

Nicht jeder antijüdische Ausbruch kommt von rechts

Bei mehr als 90 Prozent der antisemitischen Straftaten geht die Polizei von einem rechtsextremen Hintergrund aus. Das trifft so aber nicht zu, die Statistik ist verzerrt. Denn antisemitische Taten, bei denen kein Täter bekannt ist und keine weiteren Hinweise vorliegen, werden als rechtsextrem eingestuft – steht „Scheißjuden“ an einer Mauer, gilt das als Tat aus der rechten Szene.

Dabei findet sich Antisemitismus in allen Bevölkerungsgruppen, auch in der Mitte der deutschen Gesellschaft. Er wurzelt oft in Unwissen und Vorurteilen, er drückt sich in offener Anfeindung aus oder darin, dass Juden, deren Familien seit Jahrhunderten in Deutschland leben, sich plötzlich für die Politik des Staates Israel rechtfertigen sollen.

Tatsächlich spiele Antisemitismus in letzter Zeit wieder eine größere Rolle in der rechtsextremen Szene, sagt Benjamin Steinitz von RIAS. Er sieht darin auch eine Reaktion auf die AfD, die geschichtsrevisionistische Positionen ins Parlament getragen habe: „,Vogelschiss‘, ,Mahnmal der Schande‘, ,180-Grad-Wende in unserer Erinnerungspolitik‘ – all das wird Teil einer parlamentarischen Diskussion.

Einerseits bestärkt das Rechtsextreme, andererseits sehen sie sich unter Zugzwang, sich als die ursprünglicheren Revisionisten und Revisionistinnen zu präsentieren. Die Leugnung der Schoah findet daher immer offener statt.“

Besonders häufig berichten Juden von Hass und Gewalt durch Muslime. In einem Berliner Park wurde diesen Sommer ein Mann verprügelt, der eine Kette mit Davidstern trug. Die Täter sollen Syrer gewesen sein. Jugendliche, die im jüdischen Fußballverein Makkabi spielen, berichten, dass sie vor allem dann angefeindet werden, wenn sie gegen Mannschaften mit vielen Migranten antreten. Sogar an einer Grundschule in Berlin soll ein jüdisches Mädchen beschimpft worden sein, weil es „nicht an Allah“ glaube.

Studien zeigen: Nur eine Minderheit der Muslime in Deutschland hat antisemitische Einstellungen. Sie zeigen aber auch: Antisemitismus ist unter Muslimen verbreiteter als in der Allgemeinbevölkerung. So fanden in einer 2013 veröffentlichten Untersuchung der Uni Bielefeld drei Prozent der Befragten mit deutschem Familienhintergrund, Juden hätten zu viel Einfluss in der Welt.

Bei den Befragten mit türkischem Hintergrund waren es 25 Prozent, bei arabischen Familien sogar 40 Prozent. Eine nicht repräsentative Umfrage im Auftrag des American Jewish Committee (AJC) ergab, dass ein negatives Israel-Bild bei vielen Migranten aus Syrien oder dem Irak fast selbstverständlich sei. Das befeuert die Debatte um einen „importierten“ Antisemitismus.

Wie viele antisemitische Taten von Muslimen begangen werden und wie viele von Tätern aus anderen Teilen der Gesellschaft, lässt sich nicht sicher sagen. Aus der Untersuchung der EU-Agentur für Grundrechte lässt sich zumindest eine Tendenz ablesen:

41 Prozent der befragten deutschen Juden gaben an, dass die schlimmsten Fälle antisemitischer Belästigung von Menschen mit extremer muslimischer Einstellung ausgegangen seien, 20 Prozent nannten Täter mit eher rechter und 16 Prozent solche mit eher linker Einstellung, wobei Mehrfachnennungen und Überschneidungen möglich waren.

Viele erlebten auch Antisemitismus von Arbeits- und Schulkollegen oder Personen, die sie nicht näher beschreiben konnten. Natürlich bleiben diese Werte nur eine Annäherung an die Realität, ein Versuch, verschiedene schlimme Erfahrungen in Zahlen zu pressen.

Flucht aus Berlin nach Israel

An einem Freitagnachmittag hält Billy Rückert, 49, ihr Handy vors Gesicht. Sie sitzt in ihrer Wohnung in Spandau, tief im Westen von Berlin, wo Mehrfamilienhäuser zwischen Seen und Bäumen stehen. Licht fällt ins Wohnzimmer, zwei Katzen streifen um das Sofa.

Billy Rückert ruft ihren Sohn an, es tutet, dann erscheint auf dem Display ein 16-jähriger Junge, dunkles Haar, Kopfhörer in den Ohren. „Heeey!“, ruft seine Mutter und lacht, sie springt auf, hält eine der Katzen in die Kamera: „Na, mach ,mau‘, mach ,mau‘!“

Billy Rückerts Sohn heißt Liam. Er wurde von seinen Mitschülern beschimpft und bedroht. Sie nannten ihn „Scheißjude“ und „Scheißisraeli“, sie grenzten ihn aus. Inzwischen hat er die Schule verlassen und das Land. Er ist nach Israel gezogen, er besucht ein Internat in der Nähe von Tel Aviv.

Billy und Liam (15) Rückert

Billy und Liam Rückert erzählen, was seit dem Herbst 2016 passiert ist: Damals wechselte Liam auf eine Gesamtschule in Spandau, neunte Klasse, hoher Migrantenanteil. Am dritten Schultag kam ein Vertretungslehrer in den Raum, er sprach über Israel und das Judentum, über den Nahostkonflikt und die Palästinenser, und die Schüler sagten: „Wir hassen Juden.“

Liam hatte Angst. Niemand wusste, dass er Jude ist, er erzählte es nur seinen besten Freunden, aber irgendwie fanden die anderen es heraus. Arabisch- und türkischstämmige Schüler beschimpften ihn, ein Junge mit polnischen Wurzeln machte mit, so schildert er es.

Er versuchte, ihnen aus dem Weg zu gehen. Zog sich zurück, schwänzte die Schule. Morgens verließ er zwar das Haus, spazierte dann aber um den See oder durch die Stadt. Seiner Mutter erzählte er zunächst nichts davon, er wollte nicht sagen, dass er gemobbt wurde

Judenhass und die Lösung: ein Jahr Dauerpraktikum für den gemobbten Schüler

Die Lehrer wussten nicht, was sie machen sollten, sagt Billy Rückert. Was sie und ihr Sohn an diesem Freitagnachmittag erzählen, verdichtet sich zum Bild einer überforderten Schule, die Liam schließlich in ein Dauerpraktikum schickte, ein ganzes Schuljahr lang, Montag bis Donnerstag. Nur freitags musste er zur Schule gehen. Er ging fast nie.

Experten gehen davon aus, dass Mobbing unter Jugendlichen dadurch verstärkt wird, dass Erwachsene nicht oder falsch reagieren. So berichtet es etwa die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, die Beratungen für Eltern anbietet.

Hass auf Israel komme nicht, wie oft unterstellt, ausschließlich bei muslimisch sozialisierten Jugendlichen vor, sondern sei in allen Gruppen sehr verbreitet. Auch einige Lehrer hätten ein voreingenommenes Bild – und das habe Folgen: Sie übersähen die Probleme im Klassenraum bisweilen, weil sie israelfeindliche Positionen nicht als antisemitisch läsen oder sie nicht für problematisch hielten. Oder sie würden erst aufmerksam, wenn Gewalt ausbricht.

Antisemitismus, das weiß man bei der Zentralwohlfahrtsstelle, kann an jeder Schule auftreten. Sogar an der Kennedy-Schule in Berlin gab es dieses Jahr einen aufsehenerregenden Fall.

Billy Rückert sagt, sie habe andere Schulen angeschrieben, Bewerbungen verschickt. Es gab keinen Platz. In den Winterferien 2017 besuchten sie Liams Bruder in Israel. Er war dort in einem Internat. Liam sah die Orangenbäume, die jüdischen Schüler, die Englisch sprachen und aus den verschiedensten Ländern kamen, aus den USA, Brasilien, Uganda, China. Liam gefiel das.

Am 6. September begann sein erstes Schuljahr in Israel. Er sagt: „In der Schule in Deutschland hat man sich kaum getraut, was zu sagen. Und hier in Israel ist es eine normale Schule.“

Wenn ein 16-Jähriger nach Israel ziehen muss, um sagen zu können, dass er eine normale Schule besucht, muss etwas aus den Fugen geraten sein. Das sieht auch Vladislava Zdesenko so, eine jüdische Anwältin, die in einer Kanzlei am Berliner Kurfürstendamm arbeitet. Sie hat sich mit acht anderen jüdischen Anwälten zusammengeschlossen, um Eltern gemobbter Kinder zu beraten. Sie machen das ehrenamtlich.

„Die Kinder sind defensiv oder sie kämpfen oder sie gehen nach Israel“

Zdesenko stammt aus Kiew, sie wurde selbst als Kind im Unterricht angefeindet. In der Sowjetunion sei das normal gewesen, genau wie es normal gewesen sei, sein Jüdischsein zu verschweigen: „Wenn man’s konnte, hat man’s verborgen. Wenn man’s nicht konnte, hatte man Pech.“

Zdesenko will nicht im Detail über ihre heutigen Fälle sprechen, nur so viel: Nicht immer kommt es hart auf hart, nicht in jedem Fall setzt sie ein Forderungsschreiben auf oder stellt eine Strafanzeige. Oft helfe es, die Eltern der Angreifer zu kontaktieren und die Schulleitung einzuschalten. „Es ist kein einfaches Mobbing“, sagt sie, „die Dynamik ist anders, der Auslöser ist der anerzogene Antisemitismus.“

Kinder würden beleidigt, geschlagen, ihre Stifte zerbrochen. Das komme auch an Grundschulen vor, sogar einen Kindergartenfall kenne sie. „Die betroffenen Kinder sind traumatisiert. Entweder gehen sie in die Defensive, oder sie fangen an zu kämpfen, oder sie wollen nach Israel. Je nach Charakter.“

Sie selbst hat auch einen Sohn, 15 Jahre alt. „Immer wenn wir gemeinsam zur Synagoge gegangen sind, hat er die Kippa aufgesetzt, zum Beginn des Schabbat. Macht er nicht mehr. Seit ungefähr zwei Jahren. Er war immer sehr stolz, jetzt hat er Angst.“ Er hat noch keinen Antisemitismus erlebt, sagt sie. Aber er hört, was in Berlin passiert und anderswo in Deutschland.

Das falsche T-Shirt in der Notaufnahme reicht schon

Sie erzählt von dem Tag, an dem er eine Sportverletzung hatte und sie zur Notaufnahme mussten. Sie saßen im Wartezimmer, er trug ein T-Shirt, das sie ihm in Israel gekauft hat, rot mit weißem, hebräischem Schriftzug.

„Da kamen zwei arabische Männer rein, mit einem Jugendlichen. Mein Sohn hat irgendwas auf dem Handy gespielt, ich hab gelesen, da ist mir aufgefallen: Der Jugendliche starrt uns an. Der guckt auf dieses T-Shirt. Ich hatte Angst.“ Was auf dem T-Shirt stand? „Coca-Cola.“ Sie lacht. Es ist ein bitteres Lachen.

Es dauerte ein bisschen. Doch mittlerweile hat Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte, seinen eigenen Mitarbeiterstab. Wochenlang waren er und seine Sekretärin auf sich allein gestellt. Der Zentralrat der Juden, Politiker der Grünen und der Linken machten Druck, die Bundesregierung gab nach.

Jetzt hat Klein ein Team aus fünf Leuten, weitere sechs sollen demnächst dazukommen. Er weiß, wie wichtig seine Aufgabe ist. „Wir werden in Deutschland international beobachtet“, sagt er. „Gerade jüdische Organisationen und Gemeinden in den USA schauen sehr genau auf das, was hier passiert.“

Klein ist kein Politiker, er hat kaum Entscheidungsgewalt im Innenministerium. Wenn er etwas ändern will, ist er auf den guten Willen von Menschen angewiesen, die etwas ändern können. Er trifft Regierungsmitarbeiter, tauscht sich mit jüdischen Gruppen aus, leistet Öffentlichkeitsarbeit, er versucht, die Gesellschaft für den Antisemitismus zu sensibilisieren.

Eine seiner ersten Forderungen war die nach einem bundesweiten Meldesystem für Judenhass. Es soll sich an dem von RIAS orientieren und im Februar 2019 starten. Weil er nicht viel mehr als die Macht seiner Worte hat, muss er, der Diplomat, jetzt lernen, auch mal zu laut werden. Als der Angriff auf Uwe Dziuballa in Chemnitz bekannt wurde, sprach Klein von „einer neuen Qualität antisemitischer Straftaten“. Das war deutlich.

Dziuballa ist inzwischen in Hamburg angekommen, er hat im Hotel eingecheckt und wurde zum Studio gefahren, dort sitzt er nun in einem dieser eierschalenfarbenen Lanz-Sessel. Die Kameras laufen. Markus Lanz hat sich gerade mit zwei anderen Gästen über Donald Trump und die USA unterhalten. Jetzt ist Uwe Dziuballa an der Reihe.

„Tragen Sie öffentlich Kippa?“, fragt Markus Lanz

Er erzählt wieder, wie das war am 27. August, als die Vermummten sein Restaurant angriffen. Wie die Angst in ihm aufstieg. Wie ihn der Stein an der Schulter traf. Er berichtet von den Jahren davor, von dem zerschlagenen Restaurantschild, den Schweineköpfen.

Einmal fragt Lanz: „Tragen Sie öffentlich eine Kippa?“

Da lächelt Dziuballa. „Außer beim Duschen und beim Schlafen trage ich die eigentlich immer.“

Lanz: „Ich kenne einige Juden, die sagen, ich trage das nicht mehr öffentlich, weil dann ist sofort klar, was passieren wird.“

„Richtig“, sagt Dziuballa und schiebt hinterher: „Seit dem 27.8. habe ich zwar keine innerliche Angst, die wahrscheinlich in mir platziert werden sollte, aber die Gelassenheit ist weg. Ich mach mir jetzt zumindest immer Gedanken. Wenn ich rausgehe, wenn ich mit meinem Bruder, mit meiner Nichte unterwegs bin, überleg ich mir: Kann ich diesen Personenkreis einer Situation aussetzen, die ich nicht mehr beherrsche?“

Beweissicherung auf eigene Faust: Der Wirt des attackierten jüdischen Lokals in Chemnitz sammelte geworfene Steine auf

Es ärgert Dziuballa, dass er so geworden ist. Wenn er in der Stadt mit dem Rücken zu fremden Menschen steht, fühlt sich das seltsam an, sagt er. Er dreht sich dann um, will die Fremden im Blick haben. Dziuballa versucht, dagegen anzukämpfen, er will wieder der werden, der er vor dem Angriff auf sein Restaurant war, aber es ist schwierig.

Neulich gab es wieder so eine Situation. Er stand in der Stadt, hinter ihm zwei oder drei Menschen. Er versuchte, dem Impuls zu widerstehen, sich umzudrehen. Hat nicht geklappt.

Wer die Männer waren, die im August vor seinem Restaurant standen, das weiß er noch immer nicht. Die Polizei hat damals die Spuren gesichert und die Anzeige aufgenommen, Vorgangsnummer 199/18/113220. Die Ermittlungen laufen, heißt es auf Anfrage – Ergebnis offen. Es kann gut sein, dass die Täter davonkommen.