Die Terrororganisation des „Islamischen Staats“ scheint lange nicht besiegt. Immer wieder sendet sie deutliche Botschaften und grauenvolle Propagandavideos. Währenddessen organisiert sich der IS neu im Untergrund.

Es geschieht am helllichten Tag. Irakische Dorfvorsteher und ihre Familien werden unter der Flagge des „Islamischen Staates“ (IS) vor laufender Kamera enthauptet. Die bestialische Tat irgendwo im Grenzgebiet der Provinzen Kirkuk und Salah al Din wird in voller Länge und ohne Schnitte gezeigt. Es handelt sich um eines der jüngeren Propagandavideos der Dschihadisten, das eine deutliche Botschaft an die Bevölkerung aussendet: „Wir sind hier – und seht her, was der irakische Staat Euch nutzt.“

Die Terrororganisation kontrolliert zwar kaum noch Territorium und steht unter militärischem Druck. Aber es gibt auch immer wieder deutliche Warnungen, nicht daran zu glauben, dass man bereits vor einem sicheren Triumph stehe. Ein Sprecher der von den Vereinigten Staaten geführten Anti-IS-Koalition stellte unlängst „in aller Deutlichkeit“ klar: „Der IS ist noch nicht besiegt.“ Mit seiner Äußerung zielte er nur auf den Kampf auf dem syrischen und irakischen Schlachtfeld.

Der IS hat schon lange damit begonnen, sich vom terroristischen Pseudostaat in eine Untergrundorganisation umzuwandeln. Die Dschihadisten kennen die Arbeit im Verborgenen gut. Sie waren aus dem Untergrund gekommen, bevor sie ihren Eroberungszug in Syrien und im Irak gestartet hatten. Die Rückkehr zu den Wurzeln gilt als so gut wie vollzogen, heißt es bei westlichen Sicherheitsbehörden. Jetzt gehen die Dschihadisten wieder in die Offensive über.

Die jüngste Audiobotschaft des Anführers Abu Bakr al Bagdadi vom August enthält den Aufruf, gegen die Feinde „Angriff für Angriff“ zu führen. Zu dieser Zeit war der IS, so die Darstellung des amerikanischen Militärs, bereits eine schlagkräftigere Aufstandsbewegung, als es die irakischen Al-Qaida-Vorgängerorganisationen zu ihren besten Zeiten gewesen waren. Dem IS ist daher mit militärischen Mitteln immer weniger beizukommen.

Im Irak verdüstern sich nach den Erfolgen, die den Streitkräften der Zentralregierung in Bagdad zugutegehalten werden, wieder die Aussichten, den IS besiegen zu können. Denn der IS nutzt gekonnt die Räume aus, die ihm die Schwäche seiner Gegner bietet. Schreckensbilder, wie die Ermordung der Dorfvorsteher, sind nur ein – wenn auch deutliches – Zeichen dafür, dass die bedrängte Organisation wieder erstarkt. Und so gelangen die irakischen Sicherheitskräfte schon wieder an ihre Grenzen.

Die Dschihadisten verstecken sich in entlegenen Wüstengegenden, in denen Angreifer kaum Deckung finden, in Tunnel- und Grabensystemen. Sie verschanzen sich in unwegsamen Gebirgsregionen – oder sie mischen sich in ihren Heimatorten wieder unter die Bevölkerung. Dabei weiten sie ihren Bewegungsspielraum immer weiter aus. In manchen irakischen Dörfern sind sie bereits wieder die nächtlichen Herrscher, mancherorts, so berichten irakische Geheimdienstfunktionäre, trauten sie sich auch tagsüber wieder aus der Deckung. Die Zahl der Terrorangriffe nimmt wieder zu.

Korruption und leere Kassen erschweren Wiederaufbau

Das Wiedererstarken des IS hat nicht zuletzt mit der Schwäche der Regierung in Bagdad und dem Versagen der korrupten politischen Klasse zu tun. In Städten, die wie Mossul vom Krieg zerstört sind, kommt der Wiederaufbau nicht voran. In Mossul hält die Führung in Bagdad aus machtpolitischen Gründen an einem verhassten, inkompetenten und hochkorrupten Gouverneur fest, der dem Fortschritt im Weg steht.

Zudem ist die Zentralregierung nur äußerst schwer dazu zu bewegen, Geld für dringend benötigte Wiederaufbauprojekte zur Verfügung zu stellen. Zuletzt, so heißt es von westlichen Diplomaten, habe Bagdad nach langem Ringen 100 Millionen Dollar bereitgestellt. Benötigt werden aber viele Milliarden Dollar. Nicht allein in der nordirakischen Großstadt Mossul hat sich Frustration breitgemacht, auch in anderen sunnitischen Gegenden, die vom Krieg gegen den IS gezeichnet sind.

Wie die Menschen dort zur schiitisch dominierten Regierung stehen, hängt vor allem davon ab, ob die Versorgung mit Strom und Wasser sowie das Abwassersystem funktionieren, ob die Häuser repariert und die Straßen wieder geteert werden. Der IS hat sich zwar durch seine Schreckensherrschaft entzaubert. Jedoch nehmen auch die Frustration und die Ressentiments gegenüber Bagdad angesichts der ausbleibenden Verbesserung der Lebensumstände wieder zu. Die Dschihadisten versuchen zwar nicht, die Herzen der Iraker zu gewinnen. Sie arbeiten jedoch daran, sie weiter zu vergiften. Sabotageangriffe auf Strom- und Wasserleitungen dienen dazu, den Frust und die Entfremdung von Bagdad zu befeuern.

Schiffscontainer gefüllt mit Bargeld und Waffen

Die Kriegskasse für solche Unternehmungen ist nach wie vor gut gefüllt. Nach Schätzungen von Sicherheitsbehörden hat der IS zwischen 400.000 und einer Milliarde Dollar zur Seite geschafft. Schiffscontainer, gefüllt mit Bargeld und Waffen, sind vergraben worden.

Die Terroristen haben die Korruption und die Schattenwirtschaft im Irak ausgenutzt, um Geld zu waschen sowie um erbeutete irakische Dinar in harte Dollar zu tauschen – und in legale Unternehmen zu investierten. Die Dschihadisten haben sich in Fischereiunternehmen ebenso eingekauft wie bei Auto- oder Elektrowarenhändlern. Zudem wird vermutet, dass Geld auf Offshore-Konten und in Briefkastenfirmen liegt. Außerdem nutzt der IS die Krypto-Währung „Bitcoin“ zur Terrorfinanzierung.

Den neuen Realitäten hat sich auch die Organisationsstruktur angepasst. Hierarchien wurden verflacht, auch weil neben den Kommandeuren des IS vor allem der Mittelbau der Führung stark dezimiert worden ist. Außerdem teilte sich das grenzübergreifende Kalifat wieder in die zwei Provinzen Syrien und Irak auf. Damit trägt der IS dem Umstand Rechnung, dass die Grenzen für die Kuriere mit Botschaften und Befehlen viel schwerer zu überqueren sind und die Kommunikation unter den Anführern schwieriger geworden ist. Ausländer sind im Kernland des neuen Untergrund-IS nicht mehr erwünscht, weil es zu schwierig ist, sie in der Bevölkerung zu verbergen.

In den Untergrund gerettet hat sich das Wissen der Militärplaner und Geheimdienstler aus dem früheren Apparat Saddam Husseins. Diese Fähigkeiten hatten den IS zu einem so schwierigen Gegner gemacht. Dazu gehört das „Schottenprinzip“, nach dem jede Zelle oder jeder Kommandeur nur das wissen darf, was er zur Erfüllung seines Auftrags braucht. Das begrenzt den Schaden im Fall einer Gefangennahme. Der IS dürfte noch lange Zeit eine Bedrohung bleiben. Für den Irak – und für den Westen.