Das Internet verbindet Menschen rund um die Welt mehr als je zuvor – mit guten und weniger guten Folgen. Online ist alles anders? So ein Quatsch. Auch im Cyberspace gibt es Wettbewerb, Knappheit und Streit um Macht. Das Internet wird verklärt.

Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, die Ihr aus einer vergangenen Zeit stammt, uns in Ruhe zu lassen. Ihr seid unter uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht – so beginnt die Unabhängigkeitserklärung, die der amerikanische Bürgerrechtler John Perry Barlow am 8. Februar 1996 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos verlautbarte.

An einer späteren Stelle postulierte er darin: „Eure Rechtsvorstellungen von Eigentum, Redefreiheit, Persönlichkeit, Freizügigkeit und Kontext treffen auf uns nicht zu. Sie alle basieren auf der Gegenständlichkeit der materiellen Welt. Es gibt im Cyberspace keine Materie.“

Die hinter diesem Online-Manifest stehende Utopie ist älter. Gerade auch in Amerika erdenken viele Menschen schon lange das Internet als Ort, der ohne Hierarchien, Diskriminierung, staatliche und private Gängelungen bis hin zur Unterdrückung existiert, ohne Machtgefälle. Als weltumspannendes, alle verbindendes, Freiheit stiftendes Medium. So stellte sich der britische Informatiker Tim Berners-Lee das World Wide Web vor, das er zu Beginn der neunziger Jahre ins Werk setzte.

#SaveYourInternet und #Merkelfilter

Diese Idee besteht quasi als technologisches Glaubensbekenntnis bis heute fort, es schwingt teils unterschwellig mit, wenn junge Menschen im Streit um das europäische Urheberrecht online und auf der Straße gegen #Merkelfilter demonstrieren, #SaveYourInternet plakatieren oder kundtun, #NieMehrCDU zu wählen; so weit wollte der sicher auch an die eigene Zukunft denkende FDP-Vorsitzende Christian Lindner übrigens nicht gehen.

Natürlich hat jede junge Generation das Recht und die Pflicht, neue Interessen und Weltanschauungen zu formulieren, für sie zu streiten, bestehende Strukturen zu hinterfragen frei von vorgegebenen Gedankenpfaden. Wer wollte ihr das verwehren? Bedenklich wäre eher das Gegenteil.

Das echte Internet ist von der gerade skizzierten Vorstellung jedoch weit entfernt. Es ist kein Kosmos, in dem sich nicht abzählbare Kleinsteinheiten vorwiegend gemeinnützig nebeneinander tummeln. Es gibt mächtige und ohnmächtige Entitäten, friedfertige wie verbrecherische, demokratische und unterdrückende, staatliche und private. Einzelne Blogger oder Youtube-Kanalbetreiber, die für ihre Inhalte kein Geld verlangen wollen, engagieren sich genauso wie findige Gründer und riesige Internetkonzerne, die regelmäßig Milliardengewinne erwirtschaften und Tausende gut bezahlte Stellen anbieten. Macht und Einfluss sind ungleich verteilt, genau wie in der analogen Welt.

Überraschend ist das nicht. Wer glaubt, in der Netzwirtschaft gelten ganz andere ökonomische Regeln als in der klassischen Industrie, der irrt. Marktkräfte wirken online ebenfalls, Größenvorteile etwa: Für Nutzer interessant sind solche sozialen Medien, in denen schon viele andere Menschen aktiv sind. Wer für Produkte werben möchte, wählt den Anbieter, der über die meisten persönlichen Daten verfügt, der am gezieltesten wahrscheinliche Käufer adressieren kann.

Mehr Gelassenheit bitte!

Ein schnellerer, schönerer und funktionaler designter Internetdienst ist anziehender und in der Produktion teurer als ein langsamerer und schlechter gepflegter. Eigene Angebote weit zu verbreiten, das kostet, etwa zahlt der Technikkonzern Alphabet (Google) Milliarden an Apple, um seine Suchmaschine auf den iPhones hervorzuheben. Datenzentren bauen und eigene Unterseekabel verlegen, auch das verschlingt enorme Summen. Nicht jeder kann sich das leisten.

Und die verschiedenen Anbieter sind eben kein fröhlicher Freundeskreis, sondern erbitterte Konkurrenten um ein knappes Gut: Die Aufmerksamkeit der zig Millionen Nutzer, die nicht unendlich ist; auch ihr Tag hat 24 Stunden, auch sie müssen auswählen.

Was ist angesichts dessen eigentlich verwunderlich daran, wenn Kartellbehörden Marktmacht auch im Internet untersuchen und dagegen vorgehen, wenn das aus ihrer Sicht geboten erscheint? Wenn sie daran zweifeln, dass die Konkurrenz wirklich nur einen Klick entfernt ist? Und wenn Politiker neue Regeln für den Umgang mit Daten überlegen oder sich fragen, ob und wie Eigentumsrechte weiterentwickelt werden müssen? Eben.

Das bedeutet umgekehrt nicht, dass sie automatisch perfekte Gesetze beschließen, die ja immer knifflige Kompromisse sind: Wer kann schon genau vorhersagen, wie sich die Datenschutzgrundverordnung DSGVO, das Netzwerkgesetz NetzDG oder das neue Urheberrecht auswirken werden? Das wissen weder die Kritiker noch die Befürworter. Tatsächlich nehmen Letztere gar nicht für sich in Anspruch, dies sei der Weisheit letzter Schluss.

Vielleicht gelingen diese wichtigen Debatten künftig mit etwas mehr Gelassenheit, ohne übertriebene Warnungen vor Zensur, dem unmittelbar bevorstehenden Ende des (freien) Internets oder harschen persönlichen Anfeindungen. Aber andererseits auch ohne Menschen als Bots oder Mob herabzuwürdigen. Und schließlich sehr gerne auch, ohne das Internet zu jener ganz außergewöhnlichen Sphäre zu verklären, die es im Jahr 2019 schlicht und einfach nicht ist.