Knapp ein halbes Jahr nach einem tödlichen Angriff auf einen Mediziner in Offenburg wird gegen einen 27-Jährigen verhandelt. Dem Asylbewerber wird Mord zur Last gelegt.

Er soll Mitte August einen 52 Jahre alten Arzt in dessen Praxis mit einem Messer getötet haben. Der Mediziner starb nach Messerstichen in Kopf und Hals am Tatort. Für den Prozess waren ursprünglich sechs Verhandlungstage angesetzt. 40 Zeugen wurden gehört. Die Staatsanwaltschaft hat auf Freispruch wegen Schuldunfähigkeit und Unterbringung in der Psychiatrie wegen paranoider Schizophrenie plädiert.

12.55 Uhr:
Der Vorsitzende erklärt, dass am 12. März um 14 Uhr das Urteil gesprochen wird. Die Verhandlung ist beendet.

12.33 Uhr:
Als letzter hält Joachim Lederle sein Plädoyer. Es handele sich bei der Tat nicht um die eines Kriminellen, sagt der Verteidiger. Auch er bezeichnet den Fall als Schicksal, als etwas, das “nicht zu verhindern war.” Der Anwalt spricht über die Situation ab 2015, als die Zahl der Einwanderungen stieg. “Mit den Flüchtlingen kamen hin und wieder kranke Menschen.” Das sei nun das Ergebnis. “Dann passieren Dinge, die nicht verhindert werden können”, sagt Lederle. “Es hätte jeden treffen können, auch mich.”

Der Verteidiger nimmt Bezug auf die Anklage: Mord in Tateinheit mit Körperverletzung. Sicher sei, dass sich die Tat nur gegen den Arzt gerichtet habe, nicht aber gegen die Arzthelferin. Sie sei im Zuge der Tat verletzt worden. “Es geht einzig allein um die Frage: Ist der Angeklagte Schuld an der Tat der Tötung des Dr. T.?”

Der Angeklagte sei freizusprechen, weil seine Steuerungsfähigkeit beeinträchtigt gewesen sei. Daher sei auch die Unterbringung im Maßregelvollzug zwingend. “Der Angeklagte ist krank und weil er krank ist, hat er keine Schuld, das müsse man akzeptieren.” Man dürfe ihn auch nicht nur auf dem Papier freisprechen.

“Es ist ein juristisch äußerst interessanter Fall”, sagt Lederle. Es gehe um die Frage, ob sich der Wahn nur gegen den getöteten Arzt richte. Es habe vorher keine Anzeichen für die Tat gegeben. “Niemand hätte das verhindern können, kein Sozialarbeiter.”

Lederle sagt, dass es für die Opfer schwer sei, dies zu akzeptieren. “Es bringt aber nichts, Schuldzuweisungen zu machen.”

Der Verteidiger schildert das Verhältnis zu seinem Mandanten: “Er war immer sehr höflich zu mir.” Bei allem, was passiert sei, wolle er eine Lanze brechen. “Wir müssen uns damit abfinden, dass er krank ist.” Am Ergebnis gebe es keine Zweifel. “Der Angeklagte kam hierher und wollte sich integrieren.” Er habe niemanden gestört und wollte in Ruhe gelassen werden. “Solange er gesund war, hat er alle Möglichkeiten genutzt.”

Lederle fährt fort: “Was passiert ist, war schrecklich.” Auch er gehe von einem Totschlag aus. Der Angeklagte habe in einer Behandlung die beste Möglichkeit, gesund zu werden. Auch der Angeklagte habe das Recht auf eine Sprachrohr – nicht nur die Opfer. Wenn der Angeklagte einsehe, dass er krank ist, seine Medikamente nehme und mit dem Ärzten zusammenarbeite, habe er eine Chance, gesund zu werden.

11:52 Uhr:
Als erster Verteidiger hält Marc Kutschera sein Plädoyer. “Das Leid ist beschrieben worden, das kann man nicht in Worte fassen”, sagt er. Für ihn sei die Vorbereitung für den Prozess schwer gewesen, da der Angeklagte Saleban A. unzufrieden mit seinen Anwälten gewesen sei. Kutschera verweist auf die Forderung des Angeklagten zu Beginn des Prozesses: Der Angeklagte wollte einen Verteidiger seines Vertrauens auswählen.

Im Hinblick auf die Beweislage hätte das aber nichts geändert. “Dieses Urteil soll den Rechtsfrieden herstellen.” Daher sei es wichtig, dass der Angeklagte das Urteil akzeptiere. Eine Voraussetzung dafür sei die Kontaktaufnahme zur Botschaft und zu seiner Familie. Dann werde der Angeklagte auch zur Versammlung sprechen.

Kutschera sagt, der Angeklagte habe bei seiner Handlung gegen die Arzthelferin nicht den Vorsatz gehabt, diese zu töten. “Das war das Abschütteln einer Person.” Erfolgt sei das, “um das wahndeterminierte Handeln fortzusetzen.” Der Fokus von A. sei auf dem Arzt gelegen.

Bei der Tat gegen den Arzt habe der Angeklagte keine niederen Beweggründe gehabt, so Kutschera. Damit stimmt er mit der Staatsanwaltschaft überein. Die Frage der Planung sei nicht relevant, da die Steuerungsfähigkeit eingeschränkt gewesen sei. Ob der Angeklagte bewusst ausgenutzt habe, dass der Arzt hinter dem Schreibtisch saß, könne nicht mit Sicherheit gesagt werden.

Der Angeklagte habe nicht wissen können, wie viele Personen in der Praxis waren, so sein Verteidiger. Und: Er habe sich nicht sicher sein können, dass das Opfer arg- und wehrlos gewesen sei. So sieht Kutschera sieht keinen Mord, sondern einen Totschlag.

Zudem sei sein Mandant schuldunfähig. “Der Angeklagte ist freizusprechen.” Ein wahndeterminiertes Handeln liege vor, dieses habe sich nur auf den getöteten Mediziner bezogen. “Es war ein massives Leiden, das der Angeklagte erlebt hat.” Er habe die Überzeugung gehabt, bei der Blutentnahme 2016 vergiftet worden zu sein. “Das war die Ursache für das, was hier passiert ist.”

Kutschera sagt, er wolle sich den Worten eines Zeugen anschließen. Dieser hatte ausgesagt: “Das, was passiert ist, ist Schicksal.” Daher stelle sich die Frage, wie man mit dem Angeklagten umgehen müsse. Der Angeklagte müsse in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden. Wie lange, sei offen. Hier wäre es hilfreich gewesen, wenn der Angeklagte einen Verteidiger seines Vertrauens gehabt hätte, so Kutschera. Dann wäre vielleicht eine Exploration mit dem Angeklagten möglich gewesen. “Es wäre wünschenswert, wenn der Angeklagte mit jemanden spräche, dem er vertraut”, sagt der Verteidiger. “Es dreht sich alles um die Kernfrage, um die Gesundheit des Angeklagten” Möglich sei, dass sich alles nur auf den Arzt T. bezogen habe “und von dem Mann keine Gefahr mehr ausgehe.”

11.19 Uhr:
Nun spricht Stephanie Vogt, die die Arzthelferin vertritt. Vogts Mandantin habe versucht, ihrem Chef zu helfen. Sie habe den Angeklagten Saleban A. am Arm greifen wollen. Dieser habe ausgeholt und sie verletzt. Die Arzthelferin konnte ausweichen. Die Vertreterin der Nebenklage bezeichnet dies als potentiell tödlich.

Sie schildert auch den zweiten Versuch ihrer Mandantin, den Angeklagten an der Tat zu hindern. Danach sei dieser klar gewesen, dass auch sie hätte getötet werden können. “Meine Mandantin war in Panik.” Sie habe Glück gehabt, dass der BH-Träger beim zweiten Versuch die Wucht des Stichs gemindert habe.

Für Vogt geht es um die Frage, ob der Angeklagte den möglichen Tod der Arzthelferin billigend in Kauf genommen habe. Sie habe zunächst ein versuchtes Tötungsdelikt des Angeklagten gesehen. Jetzt, nach dem rechtsmedizinischen Gutachten, gehe sie von einer gefährlichen Körperverletzung aus. “Er hat sein Verhalten in Bezug auf sie gesteuert.”

Vogt geht ebenfalls von einem heimtückischen Mord an dem Arzt aus – der Angeklagte sei nicht vermindert schuldfähig. Viel spreche dafür, dass der Angeklagte gewusst habe, “dass er hier Unrecht begeht.” Die Anwältin geht davon aus, dass der Wahn auf den Arzt bestehe. Dafür habe er sich rächen wollen. Der Vergiftungswahn sei der Grund für seine Tat gewesen.

“Er war strukturiert, das Motiv hat sich alleine – wahnbedingt – auf Dr. T. bezogen.” Nach der Tat habe sich der Angeklagte ruhig verhalten. Sie gehe davon aus, dass der Angeklagte steuerungsfähig gewesen sei. “Er war in der Lage, eine Opferauswahl zu treffen.”

Der Angeklagte habe die Tat von selbst beendet, nicht das Klingeln. Das habe die Zeugenaussage der klingelnden Person belegt. Die Zeugin habe den Angeklagten schließlich vor der Praxis gesehen.

Komme es zu einer Verurteilung, müsse man die Folgen der Tat für ihre Mandantin betrachten, so Vogt. “Sie hat ihren Arbeitgeber verloren, mit dem sie Jahre Hand in Hand gearbeitet hat.” Die Arzthelferin leide psychisch unter der Tat und habe sich bei einem Pfarrer Hilfe geholt. “Sie hat lange und sehr intensiv unter dem Selbstvorwurf gelitten: Hätte ich irgendetwas tun können?” Es sei aber klar, dass dies ausgeschlossen war. Dem Angeklagten fehle jegliche Empathie gegenüber den Betroffenen, er verhalte sich naiv und trotzig.

Eine weitere Folge für die Mandantin sei das Misstrauen in die Behörden. Ihre Mandantin habe nach der Tat den Kontakt zum Landratsamt gesucht: “Sie wurde fürchterlich und erbärmlich behandelt”, sagt Vogt. Viele Jahre habe man gerne Asylbewerber behandelt. “Dann passiert so etwas und man wird richtiggehend abgeschmiert.” Sie wirft einer Mitarbeiterin der Behörde eine Falschaussage vor. Diese habe ausgesagt habe, es gebe keine Akten über den Angeklagten aus dem Jahr 2016.

Vogt kritisiert, dass auf Hinweise der Bewohner der Flüchtlingsunterkunft und des Betreuers nicht reagiert wurde. Aus dieser Gemengelage heraus stelle sich für die Mandantin die Frage: “Hätte man das abwenden können, hätte man früher reagiert?” Es habe Anzeichen gegeben. Die Versäumnisse seien nicht strafrechtlich relevant. Vogt fordert trotzdem, dass der Fall aufgearbeitet wird: “Es ist ein systemimmanentes Problem, ein personelles.” Vogt weiter: “Es muss ein Ruck durch die Behörden gehen.”

Die Vertreterin der Nebenklage schließt ihr Plädoyer: Sie dankt dem Gericht für die Aufklärungsarbeit. Das helfe ihrer Mandantin. “Das hat meiner Mandantin ein Stück weit vertrauen zurückgegeben.”

Sie fordert einen angemessene Strafe wegen einer gefährlichen Körperverletzung, sofern die Frage der Schuldfähigkeit gegeben sei. Sonst müsse der Angeklagte in der psychiatrischen Klinik untergebracht werden und folglich freigesprochen werden.

11.05 Uhr:
Nebenklagevertreter Rainer Stumm schildert, wie die zehnjährige Tochter des Arztes den Tag der Tat erlebt habe. Sie traf mit ihrer Mutter bei der Praxis ein. “Es bot sich ein Bild des Schreckens.” Sie habe das getan, was ein Kind mache: geschrien.

Die Tochter habe einen Wunsch: “Ich wünsche mir wieder eine Familie.” Irgendwann werde sie Fragen stellen: Wer sei der Täter gewesen, habe er überhaupt im Land sein dürfen.

Stumm kritisiert, dass die Polizei die Telefonverbindungen des Angeklagten Saleban A. nicht überprüft haben. Weiter hätten die Ermittler einen Hinweis der Witwe nicht verfolgt. Die Frau des Arztes habe den Angeklagten schon eine Woche vor der Tat gesehen.

“Die Tat war zielgerichtet und brutal”, so Stumm. Auch aus seiner Sicht handele es sich um einen heimtückischen Mord.

Stumm sagt, dass die Entscheidung des BAMF katastrophale Folgen gehabt habe. Nur der Betreuer des Angeklagten habe bemerkt, dass mit dem Mann etwas nicht stimme. Die Behörden hätten aber nicht gehandelt. Der Vertreter der Nebenklage fragt sich zudem, wie es sein könne, dass der Mann in einer überfüllten Flüchtlingsunterkunft ein Einzelzimmer gehabt habe.

Stumm äußert sich zur Schuldfähigkeit des Angeklagten. Er verweist darauf, dass es Sache der Beweisführung sei, ob der Angeklagte bei der Tat im Wahn handelte. “Mehr brauche dazu nicht ausführen.”

10.34 Uhr:
Gerson Trüg, Nebenklagevertreter, hält sein Plädoyer. Er rückt das Opfer in den Mittelpunkt. “Es ist wichtig, den Opfern eine Stimme zu geben”, sagt der Anwalt. Die Tat habe sich so ereignet, wie sie der Staatsanwalt geschildert hat. Zu wesentlichen Teilen habe der Angeklagte keine Angaben gemacht.

A. habe nur die gezielte Tötung des Arztes im Sinn gehabt. Er habe die Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers genutzt, um die Tat auszuführen. Der Arzt habe nicht mit einem Angriff rechnen können. Er habe sich nur eingeschränkt wehren können. Dem Angeklagten sei das auch bewusst gewesen. Die Tat sei ein heimtückischer Mord gewesen. Er habe die Räume der Praxis gekannt und sehen können, wie sich der Mediziner hingesetzt habe.

Der Angeklagte habe die Tat umsichtig und ohne Vorankündigung umgesetzt, den sichersten Weg gewählt. Die Stiche seien gezielt auf den Kopf und den Hals erfolgt. Die schwierigste Frage sei nun die seiner Schuldfähigkeit des Angeklagten. Selbst für einen erfahrenen Gutachter wie in diesem Verfahren sei es ohne Exploration schwierig, ein Gutachten zu erstellen. “Es ist naheliegend, dass der Angeklagte grundsätzlich psychisch krank ist”, sagt Trüg. Dennoch könne A. innerhalb bestimmter Grenzen adäquat reagieren.

Der Wahn des Angeklagten hätte sich auch gegen andere Personen richten können. Trüg verneint den Verfolgungs- und Beeinträchtigungswahn bei der Tat. Überwiegend vermittle der Angeklagte in der Verhandlung einen orientierten Eindruck. Der Vertreter der Nebenklage verneint die Schuldunfähigkeit. “Der weitere Weg der Sanktionierung ist vorgegeben.” Das Gesetz sehe eine lebenslange Freiheitsstrafe vor.

Trüg bezieht sich auf das psychiatrische Gutachten: “Der Angeklagte ist gefährlich.” Das Gutachten sehe keinen weiteren Hang zur Verübung von Straftaten. Dem widerspricht Trüg: “Das ist eine zu enge Beurteilung.”

Käme das Gericht zu dem Schluss, dass der Angeklagte in den Maßregelvollzug komme, “dann ist das keine Schwäche des Rechtsstaates”, betont der Anwalt. Wenn der Angeklagte für das Gericht schuldunfähig sei, dann sei die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik die folgende Konsequenz. Es könne aber sehr lange dauern, bis von dem Angeklagten keine Gefahr mehr ausgehe.

Trüg erinnert an das Leid, das der Angeklagte angerichtet habe.

10.32 Uhr:
Staatsanwalt Kai Stoffregen beantragt für den Angeklagten Saleban A. einen Freispruch wegen Schuldunfähigkeit und die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik. Er sagt, er halte ihn weiter für gefährlich.

10.09 Uhr:
Die Beweisaufnahme ist abgeschlossen. Staatsanwalt Kai Stoffregen hält sein Plädoyer. “Hinter uns liegt ein intensives und für die Hinterbliebenen belastbares Verfahren.” Er geht etwa auf die Arzthelferin ein: “Wir haben gesehen, wie mutig sie aufgetreten ist.”

Die Exploration des Angeklagten sei schwierig gewesen. Die Schilderungen des Rechtsmediziner hätten gezeigt, “wie brutal die Tat ist.” Der Arzt habe keine Chance gehabt, sich zu wehren. Er sei arg- und wehrlos gewesen. Allerdings spreche die Art, wie die Tat ausgeführt wurde, nicht dafür, dass der Angeklagte eine besondere Kampfausbildung gehabt habe.

Auch die Attacke auf die Arzthelferin hätte durchaus tödlich ausgehen können, so Stoffregen. Und dennoch habe hier keine Tötungsabsicht vorgelegen. Das Ziel von A. sei zu jeder Zeit der Arzt gewesen. So wertet der Staatsanwalt diesen Angriff als gefährliche Körperverletzung.

“Der Geschädigte war nahezu ein Zufallsopfer”, sagt Stoffregen. Der Wahn des Mannes habe sich auf Mediziner bezogen, nicht auf Behörden und nicht auf seine Arbeitgeber. Sonst hätte er andere Menschen attackiert.

Drittparteien, vor allem Behörden wie das Bundesamt für Flüchtlinge und Migration (BAMF), hätten sich nicht schuldig gemacht. Der Staatsanwalt geht davon aus, dass der Angeklagte tatsächlich aus Dschibuti kommt und nicht wie zunächst angegeben aus Somalia. Dass das BAMF dies nicht erkannt hat, überrasche nicht. “Wir müssen davon ausgehen, dass der Angeklagte einer unauffällige und intelligente Person war.”

Stoffregen vermutet, dass A. die Praxis bewusst ausspioniert und sie dann zum richtigen Moment betreten habe. Die Tat sei aber nicht deswegen heimtückisch gewesen, sondern weil der Arzt keine Chance gehabt habe, sich zu wehren.

Warum habe der Angeklagte den Arzt direkt getötet und ihn nicht vorher zur Rede gestellt? Dies könne letztlich nur der Angeklagte selbst sagen. “Es bleibt für uns die letzte und vielleicht quälendste Frage”, sagt der Staatsanwalt.

Das psychiatrische Gutachten habe ihn überzeugt, sagt Stoffregen. Eine grausame Tat, “die uns alle und die Stadt getroffen hat.” Es gebe keine Zweifel, dass der Angeklagte der Täter sei. Im Gerichtsverfahren sei es deshalb vielmehr um die Hintergründe der Tat gegangen. Der Wahn und die psychische Erkrankung des Angeklagten seien für alle greifbarer geworden. Die Beweisaufnahme habe zudem ausgeschlossen, dass A. neben seinem Wahn ein weiteres Motiv gehabt habe – neben seinem Wahn.

Nun müsse das Gericht festellen, dass ein Vergiftungs- und Beeinträchtigungsswahn vorgelegen haben. A. sei paranoid-schizophren.

Ob der Angeklagte bei der Tat komplett wahngesteuert gewesen sei, könne nicht mit Sicherheit gesagt werden. Die Zeugen könnten nicht belegen, “was im Kopf des Angeklagten vorgegangen ist.” Man müsse aber davon ausgehen, dass die sogenannte Steuerungsfähigkeit aufgehoben gewesen sei. Das spreche für einen Freispruch. “Er macht nach wie vor andere Personen für seinen Zustand verantwortlich.” Stoffregen spricht sich für eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik aus. Saleban A. sei gefährlich, weitere Straftaten erwartbar.

“Der Schutz der Öffentlichkeit muss gewährleistet sein.” Der Mann könne erst aus einer Psychiatrie entlassen werden, wenn er keine Gefahr mehr darstelle. “Er hat das Recht auf eine Behandlung, er ist psychisch krank.” Eine Behandlung sei auch im Sinne des getöteten Arztes gewesen.

Die Voraussetzungen für eine Sicherungsverwahrung sieht Stoffregen nicht gegeben.

10.05 Uhr:
Bislang habe A. keinen Kontakt zu seiner Familie gehabt, sagt dessen Verteidiger Marc Kutschera. Grund dafür seien organisatorische Gründe im Gefängnis. Ferner wolle er Kontakt zur Botschaft der ostafrikanischen Republik Dschibuti herstellen, aus dem A. nach eigenen Angaben kommen soll. Allerdings zur Botschaft in Brüssel, nicht zum Konsulat in Berlin. Walter versichert, dass er der Botschaft bereits mitgeteilt habe, dass der Angeklagte wegen Mordes angeklagt ist.

10.02 Uhr:
Der Vorsitzende Richter Heinz Walter eröffnet den sechsten Verhandlungstag. Walter weist darauf hin, dass der Angeklagte Saleban A. keine Vorstrafen habe.

Der bisherige Verlauf

Die Beweislast gegen den Angeklagten ist erdrückend: Am dritten Verhandlungstag hat ihn ein Patient als den Täter von damals erkannt. Saleban A. leugnet die Tat aber weiterhin. Am Montag sagte er aber über seine Herkunft aus. Wenn man ihm glauben will, kommt A. nicht aus Somalia, sondern aus dem benachbarten Dschibuti. Er ist jetzigen Angaben zufolge auch nicht 27, sondern bereits 38. Der Angeklagte im Offenburger Arztmordprozess ist vermindert schuldfähig. Er leidet laut einem Gutachten des Tübinger Psychiaters Stephan Bork unter paranoider Schizophrenie.

Wenn im Offenburger Arztmordprozess am 12. März das Urteil gesprochen wird, dann wird der zweifelsfrei als Täter überführte Angeklagte aller Voraussicht nach für schuldunfähig erklärt. Das deutete sich am sechsten Prozesstag an, an dem die Beweisaufnahme geschlossen wurde.

Dem Mann droht die Einweisung in eine geschlossene psychiatrische Anstalt. Nicht nur Staatsanwalt Kai Stoffregen folgte in seinem Plädoyer dem psychiatrischen Gutachten des Tübinger Experten Stephan Bork, wonach der aus Dschibuti stammende Asylbewerber im August 2018 den 52 Jahre alten Offenburger Hausarzt Joachim T. aus einem Wahn heraus getötet habe. Der beliebte Mediziner sei “nahezu ein Zufallsopfer” des psychisch kranken Mannes geworden.

Immer wieder Kritik am Migrationsamt

Auch in weiteren Plädoyers war immer wieder die Rede von “Schicksal” und davon, dass es “jeden hätte treffen können.” Vor den beiden Pflichtverteidigern des Angeklagten sprachen auch die Vertreter der Nebenkläger – der Ehefrau des getöteten Arztes, dessen zehnjähriger Tochter sowie der bei der Tat ebenfalls verletzten Arzthelferin.

Deren Anwältin, Stephanie Vogt aus Karlsruhe, hatte im Verlauf des Verfahrens immer wieder das Migrationsamt kritisiert, wenngleich sie auf Nachfrage einräumt, dass dessen Betreuungsarbeit in den Spitzenzeiten der Flüchtlingswelle alles andere als einfach war.

Erkenntnisse über die psychische Erkrankung des Angeklagten seien unter den Teppich gekehrt worden.

So habe etwa ein ehrenamtlicher Betreuer des Angeklagten frühzeitig gewarnt und auf Anzeichen psychischer Störungen hingewiesen, ohne dass von den zuständigen Mitarbeitern beharrlich auf ein Gesprächsangebot gedrungen worden sei: “Ein Zettel an der Tür genügt nicht.”

Erst bei Gericht ernstgenommen gefühlt

Auch für ihre Mandantin sei es sehr belastend gewesen, wie insgesamt mit der Situation umgegangen worden sei. Erst vor Gericht habe diese das Gefühl bekommen, endlich gehört und ernstgenommen zu werden.

Sie wolle keine Einzelperson belasten, sagte Vogt, aber der Fall müsse zumindest in den Behörden ein Verbesserungsmanagement bei Anzeichen für psychische Erkrankungen initiieren: “Es muss ein Ruck durch die Behörden gehen, sie müssen schneller und besser werden.”

Das Landratsamt verteidigt sich

Nach Auskunft von Michael Loritz, verantwortlicher Dezernent für Migration im Landratsamt, bietet das Migrationsamt seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Sozialdienst bereits seit 2016 regelmäßig Schulungen und Supervisionen an. “In diesen lernen die Mitarbeiter, wie sie auf verschiedene Situationen im Zusammenhang mit auffälligen Bewohnern bestmöglich reagieren können.”

Ausgehend von verschiedensten Szenarien habe das Landratsamt zudem allen Mitarbeitern einen Leitfaden an die Hand gegeben, aus dem mögliche Handlungsempfehlungen hervorgehen, wenn eine psychische Erkrankung vermutet werde oder offenkundig sei.

Die Szenarien reichten von geäußerten Suizidabsichten über Fremdtötungswünsche bis hin zu dem Fall, dass ein Sozialarbeiter, ehrenamtlicher Helfer, Hausmeister oder Sicherheitsmitarbeiter eine Wesensveränderung oder psychische Auffälligkeiten feststelle. Allerdings, so Loritz, könne ein Sozialarbeiter einen potenziell psychisch Kranken nicht einfach gegen dessen Willen zu einer Beratung, Therapie oder Einweisung zwingen. Dies würde dessen Grundrechte einschränken. “Voraussetzung dafür wäre somit zwingend eine Eigen- oder Fremdgefährdung.”