Rätsel unserer Muttersprache: Wer entscheidet eigentlich, welchen Artikel ein Fremdwort im Deutschen bekommt? Wir fragten Sprachwissenschaftler. Die Antwort: Es ist kompliziert. Jetzt sind wird trotzdem schlauer.

Neben vielen anderen Herausforderungen hat der politische Populismus in Europa uns auch noch ein grammatisches Problem beschert – nämlich die Frage, ob wir in deutschsprachigen Texten die rechtsnationale Bewegung der Familie Le Pen die Front National oder der Front National nennen. Korrespondenten und andere Menschen, die ihre Französischkenntnisse ausstellen möchten, bevorzugen der Front National. Sie wollen damit betonen, dass das Wort front im Französischen maskulin ist und sie das wissen. Allerdings würde keiner von ihnen je auf die Idee kommen, der Tour de France zu schreiben, obwohl für die Franzosen das große Radrennen männlich ist: le Tour de France.

Die Blamage mit der Garage

Der Linguistikprofessor Peter Eisenberg, Autor mehrerer Standardwerke zur Grammatik unserer Muttersprache, betrachtet solche Verwirrungen mit wissenschaftlicher Neugier: „Das Interessante am Genus von Fremdwörtern ist, dass das Deutsche mit seinem festgefügten Genussystem auf Wörter aus Sprachen stößt, die in dieser Hinsicht ganz anders gebaut sind.“ Die Zuweisung des grammatischen Geschlechts bei Gallizismen – so der Fachausdruck für aus dem Französischen entlehnte Wörter – sei kompliziert. Denn das Französische habe nicht drei Genera wie das Deutsche, sondern zwei.

Das Genus in der gebenden Sprache sei deshalb keineswegs immer entscheidend. Eisenberg, der ein grundlegendes Werk über „Das Fremdwort im Deutschen“ (De Gruyter) verfasst hat, listet eine ganze Gruppe auf, bei der interlinguale Verwirrungen programmiert sind: „Die Wörter auf -age sind im Französischen maskulin, im Deutschen aber feminin – die Garage, Blamage, Tonnage. Beide Zuweisungen sind für die jeweilige Sprache verbindlich.“

Sein Germanistenkollege Hartmut Schmidt, der viele Jahre die Ost-Berliner Arbeitsstelle des grimmschen Wörterbuchs leitete und danach am Institut für deutsche Sprache in Mannheim tätig war, nennt ein weiteres Beispiel für Genusdifferenz zwischen dem Deutschen und Französischen: den Fluss die Rhone. „Hier scheren wir uns im deutschen Gebrauch im Femininum nicht um das im Französischen stabile Maskulinum.“

Dass Sprachen überhaupt Artikel und grammatische Geschlechter haben, ist nicht selbstverständlich. Professor Ernst Kausen, Verfasser eines mehr als tausendseitigen Werks über „Die Sprachfamilien der Welt“, hat den Überblick: „Viele Sprachen besitzen zwar Genera, aber keine Artikel.“ Die Zahl der grammatischen Geschlechter reiche von null beispielsweise im Baskischen, Tibetischen, Armenischen, Persischen sowie türkischen, uralischen, mongolischen und tungusischen Sprachen bis zu etwa 25 in den Bantu- und anderen Niger-Kongo-Sprachen, verschiedenen Khoisan-Sprachen, manchen australischen Sprachen und einigen Varietäten des Mixtekischen.“ Aus den meisten davon haben wir aber nur wenige oder gar keine Wörter entlehnt, und wenn doch, dann scheren wir uns nicht um ihr grammatisches Geschlecht, weil wir es gar nicht kennen.

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Kompliziert ist dagegen manchmal die Genuszuweisung bei Lehnwörtern aus dem Englischen, obwohl oder gerade weil es im Englischen nur ein einziges grammatisches Geschlecht gibt. Das Pony hat seine Karriere im Deutschen Anfang des 19. Jahrhunderts als der Pony begonnen, und das blieb bis ins frühe 20. Jahrhundert so. Erst dann wurde es ein Neutrum, vielleicht weil man an das kleine Pferd dachte, und heute ist nur noch der Pony als Frisur maskulin, obwohl das Wort aus einem grammatischen Femininum – die Ponyfrisur – verkürzt wurde.

Sogar bei einem lange eingeführten altgriechischen Fremdwort gab es Schwankungen: Viele heute 60-Jährige haben in der Schule gelernt, es heiße das Apostroph, obwohl das Wort für ein Auslassungszeichen seit mehr als 200 Jahren als Maskulinum belegt ist. Stefan Müller, Professor an der Berliner Humboldt-Universität und Grammatiktheoretiker, erklärt, dass die Genusvergabe bei importierten Wörtern ein äußerst schwankender Boden ist: „Da sind mehrere Faktoren am Werk. Ein Ziehen und Zerren, und einer gewinnt dann. Weil wir alle unterschiedliche Gehirne und unterschiedliche Erfahrungen haben, kann sich das dann auch unterscheiden.“ Ihm selbst „rollen sich die Fußnägel auf“, wenn er bei einer Sprachwissenschaftlerin den Satz liest: „Eva, Tine und ich konsolidieren das Input und leiten es weiter.“ Nach seinem Sprachgefühl müsste es der Input heißen. Der Duden lässt beide Varianten zu.

In Österreich sagt man „das Mail“

Hartmut Schmidt hält das Rechtschreibwörterbuch nicht für einen zureichenden Ratgeber in solchen Fragen: „Für Mail sagt der Duden, der Unterschied zwischen feminin und neutral sei ein Unterschied zwischen Österreich und Deutschland. Das mag manchmal stimmen, aber bestimmt nicht systematisch. Auch Event wird unterschiedlich gebraucht, mal als Maskulinum, mal als Neutrum.“

Eine der Faktoren, die bei der Genuszuordnung von aus dem Englischen entlehnten Wörtern mitwirkt, ist die äußere Form. Eisenberg erläutert: „In den meisten Fällen ist die Wortstruktur entscheidend.“ So seien die Anglizismen auf -ing fast durchweg Neutra (das Mobbing, Feeling), die auf -er meist Maskulina: Computer, Loser, Gangster.

Wenn dieses Prinzip nicht greift, weil die Form der Anglizismen keine zwingenden Hinweise auf ihr mögliches deutsches grammatisches Geschlecht gibt, dann werden die Artikel oft in Anlehnung an vage Übersetzungen vergeben. Das Prinzip gilt bei den Wörtern mit einfachen Stämmen vor allen anderen. Hier werde, so Eisenberg, nach dem nächsten Verwandten im Kernwortschatz gesucht. Deshalb haben wir etwa die Cream, die Webcam und die Show wegen die Creme, Kamera, Schau. Manchmal überlagert das Übersetzungsprinzip aber das formale Prinzip. Deswegen sagen wir das Paper, weil Papier ebenfalls ein Neutrum ist.

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Wenn die beiden bisher genannten Prinzipien nicht helfen, weil weder die Form hilfreiche Hinweise gibt noch Wörter im deutschen Kernwortschatz naheliegende Übersetzungen sind, dann bekommen die Anglizismen ihren Artikel per Default verpasst – so nennt man in der Linguistik eine Standardeinstellung, die in unserem Sprachbewusstsein verankert ist, wie bei einem Computer. In der Fachliteratur, die sich seit fast hundert Jahren mit der Frage der Artikelvergabe befasst, wird das Maskulinum als Default angesehen. Diese Theorie vertritt auch noch Broder Carstensen, der Verfasser eines dreibändigen wissenschaftlichen Wörterbuchs zu Anglizismen. Stefan Müller hält aber das Terminal, das Cover, das Set, das Keyboard für Indizien, dass auch Neutrum das Default sein könnte.

Die Probleme der Bantus

Idiome, die wie das Deutsche drei Genera Maskulinum, Femininum, Neutrum und entsprechende Artikel haben, kennt Ernst Kausen nur in der indogermanischen Sprachfamilie, beispielsweise Altgriechisch, Altirisch, Norwegisch, Rumänisch. Das Proto-Indogermanische, aus dem sich all diese Sprachen entwickelt haben, hatte vor 5000 Jahren noch keine Artikel: „Alle Artikel der Folgesprachen sind aus ursprünglichen Demonstrativa entstanden.“ Beim Gedanken daran, wie sich beispielsweise Bantusprecher entscheiden müssen, welches der mehr als 20 bei ihnen möglichen Geschlechter sie einem Lehnwort zuordnen, qualmt uns der Schädel. Wir haben nur drei Optionen und sind schon verwirrt. Wieso ist der Smoking kein Neutrum wie Mobbing oder Feeling? Weil das Wort schon vor längerer Zeit entlehnt wurde, bevor sich der das-Standard für solche Wörter etablierte und daher das Default-Maskulinum griff? Weil wir an der Anzug denken?

Ein Paradebeispiel für das Ziehen und Zerren verschiedener Faktoren bei der Artikelvergabe ist auch der Wechsel des Artikels bei Blog: Solange das Wort noch neu war und man es mit „Webtagebuch“ übersetzte, war es ein Neutrum, denn es heißt ja das Buch. Als die Übersetzung immer mehr in Vergessenheit geriet, weil sich Blogs als eigenständige, mittlerweile keineswegs nur tagebuchartige Netzphänomene in Deutschland etabliert hatten, fing man an der Blog zu sagen, denn das ist das Default.

Der oder das Liter Milch?

Die Verwirrung ist aber nicht erst mit den Anglizismen auf uns gekommen. Hartmut Schmidt weist auf Zweifelsfälle aus den klassischen Sprachen hin: „Es gibt auch sehr alte Differenzen, die auf unvollkommener Eindeutschung lateinischer Ausdrücke beruhen. Der Primat meint die Vorrangstellung des Papstes vor allen anderen katholischen Bischöfen; in anderen Verwendungen aber überwiegt das Neutrum. Ganz ähnlich ist der Unterschied bei Zölibat: Im theologischen Sinne ist es maskulin, in der allgemeinen Bedeutung ,Enthaltsamkeit‘ sagt man das Zölibat. In jüngeren Jahren kannte ich nur die Klientel wie im lateinischen clientela, heute wird dieses Femininum durch das Neutrum langsam verdrängt.“

Echte Bayern sagen der Butter

Ich selbst habe in der Schule noch gelernt, dass man sowohl der Meter und der Liter als auch das Meter und das Liter sagen könne. Beide Wörter gehen ja durch lateinische Vermittlung aufs Altgriechische zurück. Wir sehen: Die eiserne Regel für die Artikelvergabe bei Fremdwörtern, gibt es nicht. Nicht einmal die gegeneinander wirkenden Prinzipien sind eisern. Eisenberg spricht von „weichen“ Regeln. Auch bei Wörtern des deutschen Kernwortschatzes, gibt es unsichere Fälle, oft allerdings mit Bedeutungsunterschieden wie beim Pony: der/das Balg, der/die Abscheu, der/das Drangsal, der/das Hehl. Ein richtiger Bayer sagt selbstverständlich der Butter.