Aus wissenschaftlicher Perspektive steht das Framing-Gutachten der ARD auf dürftigem Fundament. Das popularisierte Konzept mag gerade in Mode sein. Doch es beruht auf einer sehr schlichten Vorstellung vom Wesen politischer Debatten.

Stattliche 120.000 Euro hat sich die ARD eigenen Angaben zufolge die Framing-Beratung von Elisabeth Wehling kosten lassen. Damit vertraute der Fernsehsender auf ein Kommunikationskonzept, das zum Kampfbegriff im öffentlichen Diskurs geworden ist. In der Wissenschaft spielt der Ansatz der Linguistin hingegen kaum eine Rolle, weil er eine unterkomplexe Vorstellung von politischen Diskursen voraussetzt.

Seit einigen Jahren erobert der Begriff „Framing“ die Öffentlichkeit. Unter Titeln wie „Die Macht der Wörter“ oder „Moral schlägt Argument“ haben viele Medien ein ursprünglich wissenschaftliches Konzept zur Erklärung unterschiedlichster Phänomene herangezogen. Der Wahlsieg von Donald Trump, die Erfolge der AfD, das Scheitern der Wahlkampagne von Martin Schulz – all diese Dinge hätten, so wurde insinuiert, wesentlich mit dem Sprachgebrauch verantwortlicher Politiker zu tun. Die Rahmen – oder „Frames“ –, die sie in ihren Statements verwenden, würden einen maßgeblichen Einfluss auf die politische Meinungsbildung der Bevölkerung ausüben. Wer etwa von „Staatsversagen“ rede, „spricht dem Staat in letzter Konsequenz die Legitimität ab“, heißt es in einem „Frame-Check“ der „Süddeutschen“, weil es sich um ein „absolutes Urteil“ handle, das dem Staat grundsätzlich die Fähigkeit aberkenne, Probleme zu lösen. Bestimmte Begriffe implizieren, wenn sie verwendet werden, eine ganze Reihe anderer Vorstellungen, die immer mit aufgerufen werden, so die These.

Zuallererst an „Gefühle und Moral“ appellieren

Zu der Mode, überall „Framing“ zu wittern, hat die in den Vereinigten Staaten forschende Linguistin Elisabeth Wehling maßgeblich beigetragen. 2016 veröffentlichte sie das Buch „Politisches Framing – Wie eine Nation sich ihr Denken einredet“ und gab Interviews zum Sprachgebrauch von Donald Trump, der AfD und Martin Schulz. Letzterem empfahl sie etwa, er solle nicht mehr davon reden, „von oben nach unten“ umverteilen zu wollen, weil das Wort „oben“ für die Wähler etwas Positives assoziiere. Auch in der Politikberatung stieß Wehlings Ansatz auf Interesse. Für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung fertigte sie etwa eine „neurolinguistische Analyse des EU-Wahlkampfes“ an. Dass die ARD vor etwa zwei Jahren Wehling beauftragte, ein „Framing Manual“ zu erstellen, in dem dem Sender nahegelegt wird, „nicht primär in Form von Faktenlisten“ zu sprechen, sondern zuallererst an „Gefühle und Moral“ zu appellieren, folgte in diesem Sinne nur der „Framing“-Mode in der Öffentlichkeit.

Die Frage, ob hinter dem „Framing“-Hype handfeste wissenschaftliche Erkenntnisse stecken, ist bisher nur unzureichend gestellt worden. Dabei wäre gerade dies angebracht gewesen – auch angesichts der Tatsache, dass es sich bei Elisabeth Wehling nicht um eine dominierende Figur ihres Fachs handelt. Seit 2013 ist sie „postdoctoral scholar“ an der University of California in Berkeley. Ihr „Berkeley International Framing Institute“ sitzt in Berlin und hat keine organisatorischen Verbindungen zu der renommierten Universität. Ihre öffentlich einsehbare Publikationsliste ist lang, doch ein beachtlicher Teil der Veröffentlichungen „steht aus“, ist „eingereicht“ oder „akzeptiert“, das heißt, dieTexte sind nicht wirklich publiziert. Das Forschungsjournal, das sie laut eigener Angabe mitgegründet hat und leitet, „Moral Cognition and Communication“, ist inzwischen abgesetzt.

Das Konzept wird seit etwa dreißig Jahren erforscht

„Es ist nicht gerade so, dass Elisabeth Wehlings Arbeiten rauf und runter zitiert werden“, sagt Marcus Maurer, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Mainz, auf Nachfrage dieser Zeitung. „Natürlich muss man, wenn man eine gute Idee hat, nicht erst umfangreich zu diesem Thema publiziert haben, bevor man in die Öffentlichkeit tritt“, ergänzt Maurer. Doch in der Kommunikationswissenschaft spiele der Ansatz von Wehling kaum eine Rolle. Die Wissenschaft forsche schon seit etwa fünfundzwanzig bis dreißig Jahren intensiv zu dem Konzept „Framing“.

Warum wurde gerade der Framing-Begriff von Wehling so populär? Ein wesentlicher Aspekt dürfte darin bestehen, dass der Begriff suggeriert, einzelne Wortveränderungen würden einen enormen Effekt auf das menschliche Gehirn ausüben. Ein solcher Automatismus lässt die Angst vor Manipulation aufkommen, die gerade in politisch aufgeregten Zeiten floriert. „Wenn Sie über Monate hinweg, etwa in einem Wahlkampf, bestimmte Sprachbilder propagieren, dann setzt bei Ihren Mitbürgern ein sogenannter Hebbian-Learning-Prozess ein“, denn „sprachliche Wiederholung stärkt synaptische Verbindungen im Gehirn“, sagte Wehling etwa im März 2017 in einem Interview. Wer bestimmte Begriffe nur oft genug propagiere, der trimme die Gehirne der Menschen darauf, in diesen Begriffen zu denken, so die Behauptung, die mit der Furcht vor der Macht des Unterbewusstseins spielt.

„Grundsätzlich enorm interpretationsbedürftig“

Solche Bezüge auf das menschliche Gehirn spielen in der Framing-Forschung tatsächlich kaum eine Rolle. „Es gibt keine konkreten neurowissenschaftlichen Studien zum Framing-Phänomen in Bezug auf Persuasion, also Meinungsbeeinflussung“, sagt Jörg Matthes, Professor für Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Er selbst hat 2014 ein deutsches Standardwerk zur Framing-Forschung veröffentlicht. „Frau Wehling beruft sich auf durchaus interessante neurowissenschaftliche Erkenntnisse, die in einem anderen Kontext gewonnen wurden, und leitet daraus konkrete Aussagen über die Wirkung bestimmter Semantiken ab“, während die bildgebenden Verfahren der Neurowissenschaft für sozial- und kommunikationswissenschaftliche Phänomene „grundsätzlich enorm interpretationsbedürftig“ seien. Die Vorstellung, dass eine bestimmte politische Metapher automatisch im Unterbewusstsein bestimmte neuronale Verknüpfungen hervorrufe, die dann einen starken Einfluss auf unser Denken ausübten, ist nach Meinung von Matthes „übertrieben und mechanistisch“.

Überhaupt kommen der Vernunftfähigkeit und Argumentationsstärke in dem von Wehling popularisierten Framing-Konzept nur sehr untergeordnete Rollen zu. „Objektives, faktenbegründetes und rationales Denken gibt es nicht, zumindest nicht in der Form, in der es der Aufklärungsgedanke suggeriert“, heißt es etwa in dem ARD-Gutachten. Tatsächlich, sagt Jörg Matthes, gäbe es neben unterbewussten Prozessen aber natürlich auch bewusste und reflexive Vorgänge: „Man kann sich einem bestimmten Framing widersetzen, wenn man über eine sprachliche Äußerung nachdenkt.“ Unter Umständen führe ein übertrieben euphemistisches „Wording“, wie es im ARD-Manual anklinge, auch zum Gegenteil: Der Rezipient schotte sich ab und höre nicht mehr zu. Ob Framing tatsächlich gelinge, hänge deswegen von einer ganzen Reihe von Faktoren ab, worunter auch die Glaubwürdigkeit der Quelle, die argumentative Konsistenz und die Voreinstellungen der Rezipienten zählten. „So wie das Framing-Konzept derzeit öffentlich vertreten wird, liegt darin eine enorme Unterschätzung der Denkfähigkeit des Publikums“, sagt Matthes. Die Wirkung einzelner Frames werde nämlich stark überschätzt.

Mit dem komplexen kommunikationswissenschaftlichen Begriff von Framing, wie er in der Forschung verwendet wird, hat das alles nur sehr wenig zu tun. „In der empirischen Forschung wird das Konzept gebraucht, um die Entstehung dominanter Perspektiven auf bestimmte Themen im politischen Diskurs zu untersuchen“, sagt Marcus Maurer. Die Wirkung von Einzelwörtern wie „Flüchtlingswelle“ oder „Staatsversagen“ spiele in der Forschung bislang kaum eine Rolle, deren Effekte seien vermutlich auch als eher gering einzuschätzen. Die Untersuchung der Implikationen einzelner Wörter kann zwar sinnvoll sein, aber die Vorstellung, man würde mit deren Verwendung bestimmte Neuronenverknüpfungen schaffen, geht weit am wissenschaftlichen Kenntnisstand vorbei. „In der Kommunikationswissenschaft beschreibt ‚Framing‘ eher ein diskursives Phänomen“, die Betrachtung einzelner Wörter und deren Wirkung auf die Gehirne der Rezipienten komme, so Maurer, darin kaum vor.

Wohin es führen kann, wenn sich ein politischer Diskurs nach einer neurologisch eingefärbten Vorstellung von argumentativer Auseinandersetzung ausrichtet, kann man im Gutachten der ARD beobachten: Bestimmte Voraussetzungen werden nicht mehr hinterfragt, Fakten nicht mehr überprüft, und an die Stelle kritischen Gedankenaustausches tritt das ständige Wiederholen zurechtgelegter Phrasen, um beim Gegenüber angeblich „synaptische Verbindungen im Gehirn“ zu verstärken. So warnt das Manual auch vor dem „ungeheuerlichen“ Vorschlag, die ARD zu verkleinern, weil dies das „Recht der Bürger an einer umfassenden und gründlichen Rundfunkversorgung infrage“ stelle. Stattdessen solle der Sender ständig wiederholen, er arbeite an einer „friedvollen, informierten und demokratischen Gesellschaft“.