Zwölf Jahre nach dem Verschwinden der Schülerin Georgine Krüger nimmt die Polizei überraschend einen Verdächtigen fest. Ein verdeckter Ermittler hatte sich mit dem Nachbarn angefreundet – und will ihn überführt haben.

Im Fenster des türkischen Cafés hing seit Jahren ein Plakat der Polizei: Ein altes Foto zeigte die 14-jährige Georgine Krüger. Am 25. September 2006 war sie in der Nachbarschaft der Stendaler Straße in Berlin-Moabit spurlos verschwunden.

Ali K., ein arbeitsloser Deutschtürke aus dem Haus nebenan, muss Georgine auf dem Foto jedes Mal in die Augen geschaut haben, wenn er das Café betrat. Der ruhige 43-Jährige, so erzählen die Männer in dem Café, kam mehrmals am Tag hierher, spielte mit Bekannten Skat und Rommé oder daddelte stundenlang allein an dem Automaten in der Ecke.

Seit dem vergangenen Dienstag kommt Ali K. vorerst nicht mehr.

An jenem Morgen stürmte ein Spezialeinsatzkommando der Polizei die Wohnung des Familienvaters, der dort mit seiner Ehefrau, seinen Töchtern, 2 und 18 Jahre alt, und seinem Sohn, 20, lebt. Das Großaufgebot hielten die Beamten offenbar für nötig, da sein Sohn beim Zentralen Objektschutz der Polizei arbeitet und seine Dienstwaffe in der Wohnung vermutet wurde. Die Beamten befürchteten, K. könnte sich mit Waffengewalt wehren.

Ein DNA-Partikel könnte den Täter überführen

Die Verhaftung verlief jedoch friedlich. Während Ali K. seitdem in der U-Haft schweigt, durchsuchten die Beamten tagelang das Altbauhaus, in dem K. seit 1985 wohnt. K. hatte in den mit Neonlampen beleuchteten niedrigen Kellergewölben des Gebäudes drei Verschläge angemietet.

An diesem unwirtlichen Ort am Fuße einer Steintreppe, so glauben die Ermittler, soll Georgine Krüger die letzten Stunden ihres Lebens verbracht haben. Unter anderem fanden die Kriminaltechniker ein schlichtes Bettgestell aus Birkenholz in einem der Kellerräume. Sorgfältig verpackten sie es in Folie und trugen es aus dem Haus. Jeder kleinste DNA-Partikel des Mädchens könnte ein wichtiger Hinweis sein und Ali K. schließlich nach so vielen Jahren als ihren Mörder überführen.

Ein Polizist macht im Jahr 2006 dort Kreuze, wo Häuser bereits durchsucht wurden

Das Verschwinden der Schülerin am helllichten Tag stellte die Ermittler jahrelang vor ein Rätsel. Ihre Spur verlor sich an einem Spätsommermontag vor zwölf Jahren. Georgine Krüger stieg nach der Schule um 13.45 Uhr aus dem Bus M27 an der Bushaltestelle Perleberger/Stendaler Straße. Von dort aus sind es nur 200 Meter bis zu ihrer Wohnung, doch ihre Mutter wartete vergebens auf das Mädchen. Die Polizei ermittelte später, dass Georgines Handy um 14.15 Uhr in der unmittelbaren Umgebung ausgeschaltet wurde.

Ihre Mutter sagte damals zu Journalisten, sie habe gleich geahnt, dass ihrer Tochter etwas zugestoßen sein müsse. Gina, so der Spitzname des Mädchens, sei doch so zuverlässig. Außerdem habe sie es an diesem Nachmittag eigentlich besonders eilig gehabt, nach Hause zu kommen. Die Schülerin hatte sich für ein Casting der ARD-Serie „Türkisch für Anfänger“ beworben.

Am Morgen hatte sie erfahren, dass sie angenommen worden war. Sie konnte es nicht erwarten, ihrer Mutter davon zu erzählen.

Die Polizei reagierte damals schnell. Wenn ein Kind verschwindet, sind die ersten Stunden entscheidend. Beamte fuhren mit Lautsprecherdurchsagen durchs Viertel, sie verteilten Handzettel mit Georgines Foto, darauf ihr Steckbrief: 1,65 Meter, lange braune Haare, rotes T-Shirt, große Ohrringe.

Insgesamt 272 Gebäude samt Keller durchsuchten die Ermittler damals mit Spürhunden, befragten rund 300 Nachbarn und Passanten. Auch Ali K. soll unter den Befragten gewesen sein. Er gab damals an, das Mädchen nicht zu kennen.

Es ist allein hartnäckiger Polizeiarbeit zu verdanken, dass der Fall jetzt womöglich kurz vor der Aufklärung steht. Ein Jahr nach Georgines Verschwinden wurde in Berlin ein Kommissariat für Sonderermittlungen im Morddezernat gegründet – eine kleine Spezialeinheit von Ermittlern, die sich auf sogenannte Cold Cases spezialisiert haben: alte Fälle, die auch nach Jahren nicht aufgeklärt werden können. Beim Lösen helfen meist neuartige kriminaltechnische Methoden – etwa, indem an einem alten Beweisstück DNA identifiziert werden kann.

Ein Fall von klassischer Kriminalarbeit

Im Fall von Ali K. war dagegen klassische Kriminalarbeit entscheidend. Ein eifriger Beamter hatte 2017 die entscheidende Idee. Er kramte die alte Akte von Georgine heraus und verglich ihre Adresse mit gemeldeten Sexualstraftätern aus ihrer Nachbarschaft. Dabei fiel ihm Ali K. auf, ein Mann, der nur wenige Meter von der Bushaltestelle entfernt wohnte und dessen Fall noch andere auffällige Parallelen aufwies.

Bernhard Jaß, Leiter der Mordkommission, die ermittelt hat

Jener Ali K. hatte 2011 ein damals 15-jähriges Nachbarsmädchen unter einem Vorwand in seinen Keller gelockt, sie dort geschlagen, angefasst und geküsst. Der Teenager schrie, riss sich los und konnte fliehen. 2012 wurde Ali K. wegen sexueller Nötigung zu anderthalb Jahren Haft verurteilt – allerdings auf Bewährung.

Als strafmildernd sah das Gericht damals an, dass der Verurteilte angeblich eine „günstige Sozialprognose“ habe. Schließlich war er ein verheirateter Familienvater mit festem Wohnsitz, damals hatte er auch noch einen Job als Handwerker.

Durch den Treffer in der Datenbank hatte die Polizei 2017 endlich eine konkrete Spur. Sie wertete Ali K.s Mobilfunkdaten von jenem Septembertag im Jahr 2006 aus, in dem Georgine verschwand. Treffer.

Das Handy des Verdächtigen befand sich zur Tatzeit in unmittelbarer Nähe. Der Anfangsverdacht reichte, um auch Ali K.s Telefon- und Internetaktivitäten zu überwachen. Wieder ein Treffer, wie es der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft sagt: „Er war in besonderem Maße an minderjährigen Mädchen interessiert.“

Um Ali K. als mutmaßlichen Mörder von Georgine Krüger zu verhaften, reichte die Beweislage jedoch noch nicht. Deswegen entschlossen sich die Polizisten zu einem in Mordfällen eigentlich ungewöhnlichen Schritt: Sie setzten einen verdeckten Ermittler auf Ali K. an.

Ungefähr vor einem halben Jahr, so erinnern sich die Männer in Ali K.s Stammlokal, sei zum ersten Mal ein Mann in dem türkischen Café aufgetaucht. Er nannte sich Harkan D., ein Türke, der angeblich gerade aus Frankfurt in die Gegend im Berliner Norden gezogen war. Schnell freundete sich Harkan D. mit Ali K. an, die beiden spielten Karten zusammen, tranken Raki. Harkan D. erzählte ihm, er werde bald eine Autowaschanlage eröffnen und könne Ali K. dort einen Job geben.
Der Ermittler wurde zum besten Kumpel

Ali K. lud den neuen Freund zu sich nach Hause ein. Über Monate ging das so, Ali K. und Harkan D. wurden unzertrennlich – bis Harkan D. plötzlich am vergangenen Montag überraschend verkündete, die Sache mit der Waschanlage sei gestorben. Er werde zurück nach Westdeutschland ziehen. In Berlin sei es ihm doch zu langweilig.

Keine 24 Stunden, nachdem sich Harkan D. für immer von seinem vermeintlichen Freund verabschiedet hatte, nahm die Polizei Ali K. schließlich in seiner Wohnung fest.

Laut Aussage der Staatsanwaltschaft hatte der verdeckte Ermittler offenbar seinen Job erledigt. Vor Ali K.s Verhaftung hatte der Undercover-Beamte ihm demnach ein Geständnis entlockt und dieses auch mitgeschnitten.

Ob die Beweise für eine Verurteilung ausreichen, ist jedoch keineswegs sicher. Georgines Leiche wurde nie gefunden. Ali K. könnte sich vor Gericht damit herausreden, er habe mit dem angeblichen Mord nur vor seinem neuen Freund angeben wollen. Sollte Ali K. sich nicht selbst belasten, hängt dann wohl doch alles am Geschick der Labortechniker. Ein einziger DNA-Partikel am Bettgestell aus K.s Keller könnte aber genügen, um Georgines Schicksal endlich aufzuklären.