Nicht zum ersten Mal ist der Straßburger Weihnachtsmarkt ins Visier islamistischer Attentäter geraten. Im Jahre 2000 konnte der Terror gestoppt werden. Seither führen Spuren von Dschihadisten ins Elsass.

Es heißt, keine Mutter sollte ihr Kind beerdigen. Am Freitag steht die Mutter von Kamal Naghchband vor dem Straßburger Südfriedhof und soll genau das tun. Am Dienstag besuchte ihr Sohn mit seiner Frau und seinen drei Kindern den Weihnachtsmarkt, als der Angreifer Chérif Chekatt losfeuerte. Eine Kugel traf Naghchband, 44, am Kopf, er fiel ins Koma und wurde für hirntot erklärt. Am Donnerstag teilte die Große Moschee Eyyûb Sultan mit, dass der Familienvater gestorben sei.

Nun, 24 Stunden später, muss seine Mutter von Freunden sanft, aber bestimmt über den Friedhof in Richtung Grab geschoben werden. „Sie will noch nicht wahrhaben, was passiert ist“, sagt ein Trauergast.

Als Naghchbands Mutter um die Ecke biegt, stehen schon Dutzende Männer am Grab. Kurz ist der Sarg zu sehen. Bei der Trauerfeier in der Moschee bedeckten ihn üppiger Blumenschmuck und darunter grüne Fahnen des Islam. Nun umhüllt ihn nur noch die französische Flagge.

Einschussloch in der Tür des Hauses in Straßburg, wo der mutmaßliche Attentäter getötet wurde

Jetzt wird der Sarg abgestellt, viele Männer schließen den Kreis um ihn. Naghchbands Mutter stellt sich etwas abseits hinter eine kniehohe Hecke zu den anderen Frauen. Sie verweigert den angebotenen Klappstuhl. Sie weint, schimpft, schreit, wird irgendwann still und schaut auf den Kreis aus Männern, der ihr den Blick auf den Sarg ihres Sohnes verwehrt.

Kamal Naghchband ist einer von vier Menschen, die beim Attentat auf den Straßburger Weihnachtsmarkt gestorben sind. Eine weitere Person ist hirntot, elf andere sind verletzt. Zwei Tage suchten Sicherheitskräfte den mutmaßlichen Attentäter. An der deutsch-französischen Grenze wurden Fahrzeuge und Fußgänger, Züge und Straßenbahnen kontrolliert. Am Donnerstagabend erschossen französische Polizisten den Terroristen im Straßburger Stadtteil Neudorf.

Der Anschlag schockierte viele, überraschend kam er nicht. Seit Jahren gilt der Straßburger Weihnachtsmarkt als mögliches Ziel für Attentäter. Franzosen aus allen Regionen wie Touristen auch aus den USA oder Asien schlendern gern über einen der ältesten Weihnachtsmärkte Europas. Jedes Jahr kommen etwa zwei Millionen Besucher.

Bereits vor 18 Jahren plante eine international agierende Terrorzelle ein Attentat in Straßburg. Und heute verfolgen die Behörden in der Region um Straßburg 224 Fälle von Radikalisierung, davon 110 in der Stadt selbst. Wurde die Gefahr unterschätzt?

Aus Terrornetzwerken erfuhren die französischen Sicherheitskräfte damals, im September 2000, dass sich Extremisten in Frankfurt am Main ansiedelten, um Anschläge vorzubereiten. Jean-Louis Bruguière erinnert sich gut daran. Seit Mitte der 70er-Jahre war er Anti-Terror-Richter in Frankreich, mehr als 30 Jahre lang. „Auch im Straßburger Fall haben wir sehr eng mit den deutschen Kollegen zusammengearbeitet“, sagt Bruguière. Ihre Erkenntnisse gaben die Franzosen an die Deutschen weiter.

Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, am Freitag Abend in Straßburg

Ende Dezember 2000 durchsuchte das BKA eine Wohnung in Frankfurt, in der sich Waffen und Sprengmaterial fanden. Die Bewohner jedoch traf man nicht an. Zwei von ihnen waren unterwegs nach Straßburg. So schildert es der französische Ermittler Louis Caprioli in der Dokumentation „Die geheime Geschichte des Terrorismus“.

Die Extremisten filmten ihre Fahrt von Frankfurt nach Straßburg und ihren Gang über den Weihnachtsmarkt. Bruguière war einer der ersten Ermittler, die das Video sahen: „Es war eisig.“ Zu sehen sind Szenen vom Weihnachtsmarkt, einer der Terroristen kommentiert auf Arabisch: „Da sind sie, die Feinde Gottes beim Bummeln“, sagt er, während die Kamera über die Stände vor der Kathedrale geschwenkt wird.

Eine weitere Aufnahme zeigt eine Gruppe von Sängern beim großen Weihnachtsbaum. Besucher gehen vorbei. „Ihr werdet in die Hölle fahren, so Gott es will“, kommentiert der Terrorist im Video.

Tage später nahm das BKA die Frankfurter Zelle fest. Gerade noch rechtzeitig. Das Attentat sei vermutlich kurze Zeit später geplant gewesen, sagt Bruguière. Es hätte ein Massaker werden können, so der Anti-Terror-Experte. Die Terroristen hatten sich in einem Camp in Afghanistan ausbilden lassen und planten, eine Bombe nahe dem Weihnachtsmarkt abzustellen. „Es war keine Aktion im heutigen IS-Stil“, sagt Bruguière.

Das Video wurde zu einem wesentlichen Beweisstück im Prozess gegen die Extremisten. 2003 wurden vier Personen, die zur Frankfurter Zelle gehörten, vom dortigen Oberlandesgericht zu zehn bis zwölf Jahren Haft verurteilt – und 2004 zehn weitere Personen, meist aus Algerien oder Tunesien stammend, in Paris zu 18 Monaten bis zu zehn Jahren Haft.

Dass die Terroristen schon vor 18 Jahren den Weihnachtsmarkt als Ziel wählten, überrascht Bruguière nicht. „Sie haben damals genauso gedacht wie Attentäter heute und sich extrem symbolische Orte für ihre Anschläge ausgesucht.“ In den letzten Jahren gab es immer wieder Attentate auf Weihnachtsmärkte. Der wohl schwerste war jener am 19. Dezember 2016 auf dem Berliner Breitscheidplatz mit zwölf Toten und mehr als 70 Verletzten.

Im Grunde, sagt der Ex-Richter, spiele die Organisation, in deren Namen solche Taten begangen würden, nur eine untergeordnete Rolle. Manche verlören an Bedeutung, manche lösten sich auf, doch die Ideologie bleibe. „Ich kannte Dschihadisten aus den 90er-Jahren, die 2015 wieder auftauchten.“

Zu seiner Zeit sei Straßburg keine große Keimzelle für Attentäter gewesen, sagt Bruguière, der bis 2007 als Anti-Terror-Richter tätig war. Die Stadt habe aber eine starke Gemeinde algerischer und marokkanischer Einwanderer. Heute lebe die dritte Generation in Frankreich. Womöglich seien manche von ihnen leicht empfänglich für Radikalisierungen über soziale Netzwerke. Bruguières Annahme ist nicht unbegründet.

Im Mai 2014 zerschlugen Behörden eine Dschihadisten-Gruppe aus Straßburg, sechs Personen wurden festgenommen. Sie waren 2013 und 2014 nach Syrien gereist. Unter ihnen war auch Karim Mohamed-Aggad, dessen Bruder am Anschlag auf die Pariser Konzerthalle Bataclan am 13. November 2015 beteiligt war. Die Straßburger Dschihadisten wurden zu Haftstrafen zwischen sieben und neun Jahren verurteilt.

Im November 2016 tauchte Straßburg erneut in einer Antiterror-Operation auf. Sieben Personen wurden in Marseille und Straßburg festgenommen. Die Operation habe einen Terrorakt auf französischem Boden verhindert, sagte der damalige Innenminister Bernard Cazeneuve. Laut Straßburgs Bürgermeister Roland Ries sei jedoch nicht die Stadt im Elsass das Ziel gewesen, sondern „eher die Pariser Region“. „Ohne ein Ereignis oder eine Gefahr direkter oder ernsthafter Art“, so Ries damals, halte man am Weihnachtsmarkt fest. Dennoch wurden die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt.

Im Mai dieses Jahres führte schon wieder eine Terrorspur nach Straßburg. Khamzat Azimov erstach in Paris einen Menschen und verletzte vier weitere. Polizisten erschossen ihn. Die Terrormiliz IS reklamiere die Tat für sich. Azimov, ein gebürtiger Tschetschene, wuchs in Nizza, später im südlichen Straßburger Viertel Elsau auf, wo viele Tschetschenen leben sollen. Schon 2016 fiel er auf, er soll Kontakt zu einer Gruppe gehabt haben, die nach Syrien reisen wollte.

Auch die Spur von Chérif Chekatt führt in den Süden der Stadt. Am Tatabend hatte er ein Taxi ins Viertel Neudorf genommen. Am Donnerstagabend wurde er mitten in jenem Viertel erschossen. Auch seine Tat reklamierte der IS für sich. Straßburger, die Chekatt gekannt haben wollen, sagen indes, sie hätten ihn nie als „extrem religiös empfunden“. In Deutschland war Chekatt laut Behörden als Einbrecher, aber nicht als Gefährder bekannt. Laut Innenministerium gab es keine Informationen, die ins islamistische Umfeld führten.

Der Weihnachtsmarkt in Straßburg galt seit Jahren bereits als mögliches Anschlagsziel

Rémi Heitz, der Pariser Anti-Terror-Staatsanwalt, sagte jedoch, Chekatt habe sich in der Haft radikalisiert. Zeugen zufolge habe er bei seinem Angriff „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) gerufen. Ob Chekatt ein Dschihadist war, ob er allein agierte oder nicht, müssen die Ermittlungen zeigen. Diese könnten ein bis zwei Jahre dauern, schätzt der erfahrene Ex-Richter Bruguière.

Trauernde am offenen Grab fällen ihr Urteil schneller. Kamal Naghchband, der Familienvater, den Chekatt erschoss, sei ein echter Moslem gewesen, sagt ein Trauergast. Er habe seinen Glauben gelebt und zugleich andere Religionen respektiert. „Der Attentäter war ein Barbar.“ Nach fast einer Stunde in der Kälte sind viele durchgefroren. Sie treten von einem Fuß auf den anderen, um sich warm zu halten.

Naghchbands Mutter hat sich nicht von ihrem Platz bewegt. Als sich der Männerring um den Sarg auflöst, kann sie den frischen Erdhügel sehen. Ihr leises Murmeln wird wieder zum schmerzerfüllten Weinen. Erst jetzt geht sie die letzten Meter zum Grab ihres Sohnes. Sie hat getan, was keine Mutter tun sollte. Sie hat ihr Kind beerdigt.