Die Emirate entdecken Serbien. In Belgrad errichten sie ein neues Stadtviertel. Und auf dem Land betreiben sie riesige Agrarflächen. Präsident Aleksandar Vucic heißt die Araber willkommen, doch die Investments werfen Fragen auf.

Die größte Baustelle des Balkans befindet sich in Belgrad. 100 Hektar mit einer Baufläche von 1,8 Millionen Quadratmetern umfasst das Filetgrundstück am Ufer der Sawa. Kostspielige Apartments sollen im Herzen der serbischen Hauptstadt entstehen, eine gigantische Shoppingmall und mit 168 Metern der höchste Turm des Landes, in das ein Luxushotel einziehen wird.

Ein neuer Stadtteil wird an der Flussmündung von Sawa und Donau aus dem Boden gestampft. In einer Stadt mit riesigen Betonklötzen und Plattenbauten aus sozialistischen Zeiten mutet die hypermoderne Architektur, die auf dem heruntergekommenen Brachland geplant ist, wie ein Raumschiff an. Nicht nur aus diesem Grund sorgt das Megabauvorhaben, das als Lieblingsprojekt des serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic gilt, für Sprengstoff in Belgrad.

Denn die Investitionen, die die serbische Regierung in die Entwicklung des neuen Quartiers pumpt, fehlen der sanierungsbedürftigen Stadt an anderer Stelle, lautet ein Vorwurf der Kritiker. Umso mehr scheinen hingegen die Vereinigten Arabischen Emirate zu profitieren, die Firma Eagle Hills mit Sitz in Abu Dhabi hat den Auftrag für den Bau von „Belgrade Waterfront“ erhalten.

Sie hält 68 Prozent der Anteile am gleichnamigen Unternehmen Belgrade Waterfront, mit 32 Prozent ist der serbische Staat beteiligt. Zwei in diesem einst heruntergekommenen Viertel futuristisch anmutende Wolkenkratzer stehen schon. Die Wohnungen sind verkauft, zu einem Quadratmeterpreis von 3000 Euro. Zu den Käufern gehören nach Angaben von Belgrade Waterfront Serben aus dem Inland und der Diaspora, etwa aus den USA. Auch Araber hätten Wohnungen erworben.

Vorstandsvorsitzender von Eagle Hills ist Mohamed Alabbar. Der Geschäftsmann aus den Emiraten und Gründer der Firma Emmar, eines der größten Bauunternehmen weltweit, hat unter anderem den Burj Kalifa errichtet. Der Wolkenkratzer in Dubai gilt mit seinen 828 Metern als das höchste Gebäude der Welt.

Gleich mehrere arabische Staaten drängen auf den Balkan. In Bosnien-Herzegowina sind Investoren aus Saudi-Arabien tätig, in Serbien sind es die Vereinigten Arabischen Emirate. In der Woywodina, dem an Belgrad angrenzenden größten Bundesland Serbiens und einst die Kornkammer des Habsburger Reichs, haben arabische Geschäftsleute gerade riesige Landwirtschaftsflächen gekauft.

Die ersten beiden Hochhäuser stehen schon, die Wohnungen sind verkauft

Womöglich um Engpässen vorzubeugen in einem Land, das größtenteils auf Sand und Öl gebaut ist und für die eigene Bevölkerung nicht ausreichend Nahrungsmittel herstellen kann. Womöglich auch, um die Tür nach Europa aufzustoßen. Um Finanzquellen zu sichern für die Zeit, wenn der Rohstoff versiegt.

Auch die Fluggesellschaft Etihad ist zu 49 Prozent an Air Serbia – ehemals die staatliche JAT – beteiligt, fast täglich geht ein Flug von Abu Dhabi nach Belgrad.

In der Fußgängerzone Belgrads sind im Sommer, so berichten es Einwohner, zunehmend Touristen aus dem arabischen Raum unterwegs, Frauen in Burkas, die in den Designerstores shoppen; Männer in Anzügen, die auch mal ein Bier trinken. „Während in Bosnien vornehmlich ideologisierte Araber Fuß fassen, sind es in Serbien arabische Geschäftsleute“, sagt Jörg Heeskens, von der deutschen Bundesregierung entsandter Wirtschaftsberater des serbischen Präsidenten Vucic.

389 Millionen Euro haben die Vereinigten Arabischen Emirate nach Angaben der Handelskammer in Belgrad seit 2013 in Serbien investiert. Wie viel in das Bauprojekt am Ufer der Sawa fließt, teilt die Kammer nicht mit. Auch der Geschäftsführer von Belgrade Waterfront will sich nicht äußern.

„Gute Anlage für Investmentfonds“

Aber warum hat sich Serbien für die Vereinigten Arabischen Emirate als Partner entschieden? Auf den ersten Blick hat das Balkanland ein schlechtes Geschäft gemacht. Zwei Drittel der Anteile halten die Araber am Projekt Belgrade Waterfront, sie streichen zwei Drittel des Profits ein, müssen aber – gestreckt über einen Zeitraum von 30 Jahren – lediglich zwischen 130 und 300 Millionen Euro investieren.

Die Angaben variieren, je nachdem, wen man fragt: die Gegner dieses gigantischen Bauvorhabens, das den Charakter Belgrads verändern wird, oder das Unternehmen Belgrade Waterfont selbst, wonach 300 Millionen Euro investiert werden.

Die Häuser errichtet das Unternehmen jedenfalls erst, wenn die Wohnungen in den geplanten Gebäuden verkauft sind und das Geld für den Bau aufgetrieben ist. „Für arabische Investmentfonds ist dieses Projekt eine gute Anlagemöglichkeit“, sagt Heeskens.

Der Minderheitseigner Serbien hingegen hat ungleich mehr aufgewendet, er hat das Land in diese Public Private Partnership eingebracht. Weder die Offiziellen der Stadt Belgrad und der Regierung noch Belgrade Waterfront wollen Angaben dazu machen, wie viel das Grundstück wert ist. Schätzungen der Universität Belgrad zufolge beläuft sich die Summe auf rund 500 Millionen Euro. Darüber hinaus müsse die Stadt Belgrad allein in diesem Jahr 650 Millionen Euro aufwenden, um Infrastruktur, Straßenzüge und Verkehrsverbindungen zu entwickeln, sagt Jovo Bakic, Soziologieprofessor an der Universität Belgrad. Auch dazu will sich die Stadtverwaltung nicht äußern.

Präsidentenberater Heeskens räumt ein, dass die Details des Projekts Belgrade Waterfront, das Vucic als Vorhaben von nationaler Bedeutung ausgewiesen hat, teilweise im Dunkeln liegen. Weder gab es einen öffentlichen Ideenwettbewerb noch wurde die Bevölkerung aktiv in die Planung eingebunden. Die Bauordnung wurde geändert, eine „lex spezial“ erlassen. „Da ist manches intransparent gelaufen, letztendlich wurden dann aber alle Verträge veröffentlicht“, sagt er. „Und am Ende zählt das Ergebnis.“ 20.000 neue Arbeitsplätze würden entstehen und Belgrad wirtschaftlich voranbringen. Auch deutsche Unternehmen würden sich als Subunternehmer bewerben.

„Die serbische Wirtschaftsstrategie lautet: Wir heißen alle Investoren willkommen – sei es russisches, chinesisches, deutsches oder eben arabisches Kapital“, sagt Heeskens.

Bereits Tito wollte die Brachfläche urbanisieren

Auch Israel sieht Potenzial in Serbien. „Mit zwei Milliarden Euro Direktinvestitionen ist Israel einer der Top-Investoren in der Immobilienbranche in Serbien“, teilt die israelische Botschaft in Belgrad auf Anfrage mit. Dazu gehört eine Shoppingmall in Belgrad, es gibt ebenfalls in der serbischen Hauptstadt die israelische Restaurantkette „Feige“, und auch israelische Touristen entdecken das Land.

Die Pläne für das Areal, auf dem Belgrade Waterfront entsteht, reichen in die Sechzigerjahre zurück. Bereits der damalige jugoslawische Staatschef Tito habe das brachliegende Gelände urbanisieren wollen, die Pläne wurden aber nie realisiert. Bis zu seiner Erschließung sei das Gebiet in bester Lage völlig verwahrlost gewesen. „Dort hausten Roma in Verschlägen, wilde Hunde streunten herum“, sagt Heeskens. „Und jetzt gibt es schon neue Spielplätze, Parkanlagen, eine Uferpromenade, die alle Belgrader nutzen können.“

Dobrica Veselinovic dagegen spricht vom „Ausverkauf des Landes durch die serbische Regierung“. Der 37-jährige Politikwissenschaftler ist einer der Gründer von Ne davimo Beograd, der Bürgerinitiative „Wir lassen Belgrad nicht ertrinken“, die gegen die Umwandlung ihrer Stadt kämpft.

Dobrica Veselinovic kämpft mit seiner Bürgerinitiative gegen das Megaprojekt

Etwa 20 Aktive haben sich in der Initiative zusammengeschlossen, die von der Grünen-nahen deutschen Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt wird. Sie schreiben Beschwerdebriefe, stören Versammlungen der Stadtverordneten und rufen zu Protesten auf, an denen sich nach Angaben Veselinovics 10.000, manchmal sogar 20.000 Belgrader beteiligen.

„Vor dem Baubeginn rückten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion drei Bulldozer an und rissen auf dem Gelände die Häuser ab, in denen 200 Familien lebten. Restaurants und Geschäfte wurden ebenfalls niedergewalzt“, berichtet Veselinovic. Auch andere Menschen in Belgrad berichten das. Die Polizei sei alarmiert worden – aber nicht aufgetaucht. „Das war ausgerechnet in der Nacht der Parlamentswahl im Jahr 2016, als die öffentliche Aufmerksamkeit darauf gelenkt war.“ Allem Anschein nach hat Präsident Vucic sein Lieblingsprojekt rücksichtslos durchgesetzt.

Dennoch will die Bürgerinitiative weitermachen. „In Belgrad entsteht eine Zivilgesellschaft. Dass wir die Belgrader mobilisieren können, werten wir als Erfolg“, sagt Veselinovic. Belgrade Waterfront verhindern konnten die Aktivisten nicht.