An der Wall Street bilden zwei Trendkurven eine alarmierende Formation. Weil das „Todeskreuz“ schon oft wichtige Signale lieferte, werden nun milliardenschwere Anlageentscheidungen folgen – und eine Trendwende, für die Sparer sich wappnen sollten.

Den Deutschen Aktienindex (Dax) ereilte es schon im Frühjahr. Jetzt hat es auch den viel beachteten amerikanischen Leitindex S&P500 erwischt: Die 50-Tage-Durchschnittslinie ist unter die 200-Tage-Linie gefallen. Beides sind an der Börse viel beachtete Trendlinien, die große Akteure akribisch verfolgen.

Aus dem Tanz der Linien ziehen sie unter anderem Rückschlüsse auf die psychologische Verfassung des Markts: Die 50-Tage-Linie steht dabei für die kurzfristige Tendenz, die andere für die langfristige Tendenz. Wenn sich die beiden schneiden, ein seltenes Schauspiel, zieht das Aufmerksamkeit auf sich.

Was sich nach einer technischen Spielerei anhört, hat das Zeug, bei Börsianern allerlei böse Vorahnungen zu wecken und milliardenschwere Anlageentscheidungen auszulösen. Nicht umsonst trägt das Schneiden der beiden Linien den Unheil verkündenden Beinamen „Todeskreuz“.

Für viele ist die Botschaft, die von der Formation ausgeht, weit mehr als Aberglaube. In der Vergangenheit kündigte das Abtauchen der 50-Tage-Linie unter die 200-Tage-Linie häufig einen langen Börsenabschwung mit weiteren, teils heftigen Kursverlusten an. Nach Überzeugung technischer Analysten markiert das Schneiden der beiden Linien mit großer Wahrscheinlichkeit eine Trendwende zum Schlechten. Die Rede vom Kuss des Todes geht um.

Als der Dax Mitte März das „Todeskreuz“ generierte, sah es auch Sicht vieler Börsenoptimisten noch nach einem Ausrutscher aus. Anleger taten jedoch gut daran, das Signal ernst zu nehmen und ihre Positionen zu reduzieren. Seither ist das deutsche Börsenbarometer um 13 Prozent abgesackt. Insgesamt hat der deutsche Leitindex dieses Jahr schon sechs Wochen mit mehr als vier Prozent Wochenminus erlebt.

Das noch vor Kurzem für seine Renditen gefeierte Börsenbarometer notiert heute rund ein Fünftel unter seinem Rekordhoch vom Januar 2018. Die 30 Werte des Leitindex befinden sich überwiegend im Bärenmarkt, wie Investoren eine Phase dauerhaft sinkender Kurse bezeichnen.

Neuerdings werden sogar Parallelen zu Crash-Jahren gezogen, als nicht nur altgediente und scheinbar unverwüstliche Bullenmärkte endeten, sondern eine Verkaufswelle die nächste nach sich zog. „Der Markt verhält sich derzeit leider wie Ende 2000 oder Ende 2007, bevor der Aktienmarkt schließlich für mehrere Quartale auf einen sehr schmerzhaften Rezessionspfad gewechselt ist“, sagt Andreas Hürkamp, Chefanlagestratege bei der Commerzbank – und eigentlich Aktienoptimist.

Zwischen 2007 und 2009 brach das deutsche Börenbarometer um mehr als die Hälfte ein (54,8 Prozent). Nach dem Salami-Crash von 2000 bis 2003 lag der Index am Ende sogar fast drei Viertel (72,7 Prozent) im Minus. In beiden Fällen hatten die Zentralbanken zuvor die Zinsen angehoben und dem Markt Geld entzogen. Auch jetzt verknappen die Europäische Zentralbank und vor allem die amerikanische Federal Reserve die Geldzufuhr, wenngleich nicht so rabiat.

„Wenn man sich den US-Aktienmarkt am Beispiel des Dow Jones anschaut, laufen wir seit einem Jahr in einer Seitwärtsspanne ungefähr zwischen 27.000 und 23.000 Zählern“, erklärt Uwe Zimmer, Geschäftsführer von Fundamental Capital in Köln. In einer solchen Situation werden die Durchschnitte nach seiner Erfahrung automatisch flacher und nähern sich an. „Grundsätzlich ist das ein negativer Indikator, der ein Verkaufssignal gibt.“

Indessen ist das endgültige Urteil über die Markttendenz 2019 noch nicht gesprochen. An der Wall Street folgte auf ein „Todeskreuz“ in den letzten Jahrzehnten mindestens ebenso oft eine Gewinnphase wie eine Verlustphase. Die durchschnittliche Wertentwicklung der folgenden sechs Monate ist sogar positiv. Hürkamp mahnt, jetzt nicht überall den „Kuss des Todes“ zu schmecken: „Meine monetären Faktoren sagen, dass wir eher da stehen, wo wir Ende 1987 oder Ende 1998 waren“, erklärt der Stratege.

Damals folgte auf das Abbröckeln der Notierungen eine Erholung. Die restriktiver werdende Geldpolitik bremse zwar, töte den Wachstumszyklus aber nicht völlig ab, noch nicht, meint Hürkamp. Zimmer rechnet damit, dass der Dow Jones ohne Probleme noch einmal rund 1000 Punkte fällt und sich dann stabilisiert.

In einem zweiten, pessimistischeren Szenario sei aber auch ein Sturz auf 22.000 Punkte möglich. Das entspräche dann einem Rutsch um weitere zehn Prozent. Dann wäre auch die Wall Street im Bärenmarkt. Und die Abergläubischen hätten gut daran getan, den Markt nach dem „Kuss des Todes“ zu meiden.