Obwohl viele Staaten Rekordschulden angehäuft haben, steigen die Zinsen nicht. Der Schrecken vor den Folgen einer zu großzügigen Geldversorgung der Notenbanken scheint gewichen – und verschafft Anhängern einer neuen Geldtheorie Aufwind.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein. So, wie viele junge Menschen nur Angela Merkel als Bundeskanzlerin kennen und es auch ausschließlich gewohnt sind, mit dem Euro zu zahlen, hat sich an den Finanzmärkten ein anderes Gewohnheitsphänomen eingeschlichen.

Viele Börsenakteure oder junge Ökonomen haben ein ehernes monetäres Gesetz verdrängt. Nämlich die eigentlich in Stein gemeißelte Tatsache, dass wer die Welt mit Geld flutet, früher oder später Inflation erntet. Zumindest dann, wenn der neu in Umlauf gebrachten Liquidität keine wirtschaftlichen Werte gegenüberstehen.

In den vergangenen gut zehn Jahren haben allein die drei großen Notenbanken des Westens, die Europäische Zentralbank, die Fed und die Bank von Japan, zusammen umgerechnet zehn Billionen Dollar in die Märkte gepumpt. Das entspricht nicht weniger als 27 Prozent der kombinierten Wirtschaftsleistung, die per Knopfdruck quasi aus dem Nichts geschaffen wurde. Doch trotz der massiven Geldspritzen sind die Preise nicht in Bewegung gekommen.

Überall ist Geld leihen billig

Im Gegenteil: Zuletzt fiel die durchschnittliche jährliche Teuerung in den drei führenden Regionen auf 1,1 Prozent, was weit unterhalb des Inflationsziels von zwei Prozent liegt. Gewichen scheint damit der Schrecken vor den Folgen einer zu großzügigen Geldversorgung der Notenbanken.

Die Erfahrung mit dem Gelddrucken der Notenbanken in der vergangenen Dekade hat zu einem Umdenken bei vielen ökonomischen Beobachtern geführt. Es ist eine breite Debatte über die generelle Funktionsweise des Geldes entbrannt. Denn an den Finanzmärkten lässt sich ein weiteres Paradox beobachten. Obwohl viele Staaten Rekordschulden aufgehäuft haben, liegen die Zinsen weiter auf extrem niedrigen Niveaus.

Geld leihen ist überall billig. Amerika, wo die Schuldenquote inzwischen jenseits der 100-Prozent-Schwelle liegt, muss für zehnjährige Anleihen gerade mal 2,6 Prozent Zinsen zahlen. Die Notenbank Fed sieht keine Inflation und damit keinen Anlass, die Leitzinsen zu erhöhen.

Noch paradiesischer sind die Zustände für den Schuldner Japan. Obwohl die japanische Schuldenquote auf 230 Prozent emporgeschnellt ist, muss das Schatzamt in Tokio für zehnjährige Anleihen nicht nur keine Zinsen bezahlen. Die zehnjährigen Anleihen rentieren mit -0,05 Prozent, sprich: Tokio bekommt sogar Geld von den Investoren, wenn es sich für zehn Jahre verschuldet.

Nicht wenige Experten fordern angesichts der paradoxen Zustände eine Generalinventur der ökonomischen Geldtheorien. Gelddrucken der Notenbanken und Schuldenmachen der Staaten sind in dieser schönen neuen Welt keine Gefahr mehr, sondern vielmehr Verheißung. Die neue Formel, die beides verbindet, lautet MMT. Das steht für Modern Monetary Theory.

Für ihre Verfechter gibt es keine Budget-Restriktion mehr. Denn die Notenbanken drucken das nötige Geld für die Staatsausgaben. Sollte die Gefahr bestehen, dass zu viel Geld in die Ökonomie fließt und es zu einer heftigen Inflation kommt, könnte einfach mit höheren Steuern Geld wieder aus dem Kreislauf genommen werden.

„Du gehst nie pleite“

In der MMT-Welt tauschen Währungshüter und Finanzminister ihre Rollen. Die Notenbanker schaffen mit ihrem Geld die Grundlage für das Budget. Sie kaufen die Anleihen auf, die der Staat für seine Ausgaben ausgibt. Damit das Ganze nicht nach Staatsfinanzierung aussieht, wird der Umweg über private Banken gewählt. Private Institute kaufen die Anleihen und bekommen das Geld von den Währungshütern zur Verfügung gestellt.

Für die Bekämpfung der Inflation wiederum ist der Finanzminister zuständig, der die Steuern anhebt, so, wie das heute die Notenbanken mit den Zinsen machen. Angst vor unkontrollierbaren Folgen müsse niemand haben. „Wer seine eigene Währung kontrolliert, kann auch immer seine Anleihen bezahlen und geht nie pleite“, erklärte jüngst die ökonomische Vordenkerin der Demokraten, Stephanie Kelton, ihr Konzept von MMT. „Du gehst nie pleite, es ist anders als bei privaten Leuten“, so die Professorin der Stony-Brook-Universität.

Auch in der Politik gibt es zahlreiche Anhänger. Vor allem die jungen Linken in Amerika wie die demokratische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez wollen künftig die Notenbank aktiver in die Konjunkturpolitik einbinden. Dank Gelddruckens könnte selbst ein hoch verschuldetes Amerika noch große staatliche Investitionsprogramme wie eine grüne Energiewende stemmen.

Die MMT ist nicht neu, sondern existiert bereits seit gut zwei Jahrzehnten. Sie geht auf die staatliche Theorie des Geldes zurück. Derzufolge gibt der Staat das Geld heraus. Steuern sind nicht zur Finanzierung da, sondern allein zur Inflationssteuerung.

Trump agiert so, als hätte MMT bereits Gültigkeit

Viele anerkannte Ökonomen und Wirtschaftslenker laufen Sturm gegen die Theorie. Der Chef der Anlagegesellschaft Blackrock nannte die MMT schlicht „Müll“. „Ich gehe fest davon aus, dass die höheren Staatsdefizite die Zinssätze auf ein Niveau heben könnten, das nicht mehr nachhaltig ist.“ Auch der amerikanische Notenbankchef Jerome Powell kann der Theorie nichts abgewinnen. Er beharrt weiter auf der klassischen Trennung von Geldpolitik und Fiskalpolitik. Es sei nicht Aufgabe der Notenbanker, den Staat zu finanzieren. Selbst linke Ökonomen wie Paul Krugman oder Larry Summers keilen gegen fatale Folgen von MMT.

Zwar haben sich die Republikaner im Kongress noch nicht zu MMT geäußert. Doch US-Präsident Donald Trump agiert so, als hätte die Theorie bereits Gültigkeit. Nicht nur, dass er mit seiner Steuerreform die Schulden auf den Rekordstand von 22 Billionen erhöht hat. Für die kommenden Jahre sieht sein Etatentwurf ein jährliches Defizit von mehr als einer Billion Euro vor, sodass am Ende seiner ersten Amtszeit die US-Schulden bei gut 26 Billionen Dollar liegen könnten.

Bemerkenswert ist, dass noch nicht mal sein Haushaltsdirektor Mike Mulvaney etwas gegen das Schuldenmachen sagt. Schließlich wurde Mulvaney von der Tea-Party-Welle nach Washington getragen, jener Bewegung, die immer wieder gegen das Schuldenmachen gekämpft hat. Doch just wenn die amerikanischen Verbindlichkeiten auf einem neuen Höhepunkt angekommen sind und Trump keinerlei Anstalten macht, etwas dagegen zu unternehmen, ist es ruhig geworden.

Das liegt wohl auch daran, dass selbst namhafte Ökonomen keinen Schrecken mehr vor höheren Schulden haben. Führender Vertreter der neuen Schulden-sind-nicht-schlimm-Bewegung ist ausgerechnet der ehemalige Chefvolkswirt des IWF, Olivier Blanchard. Danach sind auch hohe Staatsschulden kein Problem, solange die Zinsen nicht über der Wachstumsrate eines Landes liegen.

Auch in Deutschland gilt diese Formel seit der Finanzkrise. Seit 2009 liegt das nominale Wachstum über der Verzinsung zehnjähriger Bundesanleihen. Damit ist auch hierzulande eine Entschuldung im Schlaf möglich. Kein Wunder, wenn die MMT-Diskussion auch Deutschland erreicht hat.

Der Chef des DIW erklärte die Theorie größtenteils für Unsinn, während Peter Bofinger von der Universität Würzburg MMT nicht grundsätzlich verdammen will und dabei auf Japan verwies. Japan ist der Testfall. Hier kaufen die Währungshüter den Großteil der Schulden auf, die Bilanzsumme liegt jenseits von 100 Prozent der Wirtschaftsleistung. Hier könnte es irgendwann zum Knall kommen, wenn das Vertrauen in die Allmacht der Währungshüter plötzlich kippt. Und dann werden auch junge Menschen das ökonomische Gesetz wieder lernen, dass Wohlstand nicht auf Geld basiert, sondern auf wirtschaftlicher Wertschöpfung.