Hier liegt das ganze Framing-Manual der ARD vor – und es ist heftig. Alles über die Selbstsicht, die Ängste, die Zwangskunden und die Feinde der Sendergruppe in einer kleinen Serie.

Ich muss leider gestehen, dass ich mir das Framing-Manual der ARD – jenes 89-seitige Handbuch, in dem die Sprachforscherin Elisabeth Wehling den Mitarbeitern der Sendergruppe erklärt, wie sie ihren Arbeitgeber, seine Zwangskunden und besonders ihre Feinde behandeln sollen – aus reiner Eitelkeit bestellt habe. Denn natürlich hatte ich die Hoffnung, dass man mich darin namentlich oder gar mit einer Case Study erwähnt, habe ich doch auch für die Medienseiten der FAZ über die ARD geschrieben. Und es hätte natürlich sein können, dass dieses Handbuch eine schwarze Liste besonders gefährlicher Medienvertreter enthält, vor denen man sich besser hütet. Aber nichts dergleichen ist in diesem Werk zu finden, Frau Wehling bleibt, was die Ansprache konkreter Personen angeht, durchgängig im Ungefähren. Trotzdem wich meine Langeweile über mein Nichterscheinen schnell einer gewissen Begeisterung für die Empfehlungen: Beweisen sie doch, dass die ständigen Angriffe und die Kritik den Sender erheblich verunsichert haben. Denn nur wer Angst hat, hat es nötig, Außenstehende mit der Formulierung solcher Slogans zu beauftragen, und das dann auch noch intern zu veröffentlichen:

Kontrollierte Demokratie statt jeder wie er will, das steht da wirklich auf Seite 85, und das soll einer der Slogans sein, mit denen Mitarbeiter der ARD draußen für ihren Arbeitgeber hausieren gehen dürfen. Das Manual an sich ist ein fettes Fressen für Verschwörungstheoretiker jeder Art. Würde man einem ARD-Redakteur auf den Kopf zusagen, man habe als Staatsbürger und freier Mensch nicht mehr vor, die Zwangsabgabe für ihn zu entrichten, es ginge ihm ja nur um eine kontrollierte Demokratie und gar nicht darum, dass jeder tun könnte, was er will – der Redakteur wäre in den meisten Fällen zu Recht empört. Aber hier, bitte, ein offizielles Papier der ARD, das sie nicht veröffentlichen und an Journalisten heraus geben will, obwohl es von der Gesellschaft über die Zwangsabgaben bezahlt wurde, sagt genau das. Eben: Kontrollierte Demokratie statt jeder wie er will.

Zu Ehrenrettung der mutmaßlich meisten Mitarbeiter der ARD muss man sagen, dass sie durchaus auch Kritik an den eigenen Sendern vorbringen, Defizite oft klar erkennen und öffentlich nicht wie eine Sekte auftreten, der ein Guru vorher eingeschärft hat, was sie wie zu sagen haben. Wir wissen inzwischen dank eines Interviews bei „Meedia“ auch, dass das Gutachten in der Zeit in Auftrag gegeben wurde, als der MDR unter Karola Wille den ARD-Vorsitz hatte. Das war auf dem Höhepunkt der Asylkrise, und Frau Wille ist ohnehin schon wegen ihrer Vergangenheit in der DDR nicht unumstritten. Wenig beliebt machte sich der MDR zu jener Zeit auch mit einem Prozess gegen den Blogger Hadmut Danisch, der die Berichterstattung des Senders kritisiert hatte. Dass die ARD-Generalsekretärin jetzt, da das Handbuch mit seinen skandalträchtigen Einlassungen kursiert, Karola Wille explizit benennt, sagt vielleicht auch etwas über das Ansehen dieser Arbeit innerhalb der ARD aus. Im Interview wird das empfohlene Wort „Profitzensur“ für kommerzielle Medien abgelehnt, und die Generalsekretärin Susanne Pfab beschwichtigt: „Es sind Vorschläge aus Dr. Wehlings sprachwissenschaftlicher Sicht. Wie wir damit arbeiten, ist unsere Sache. Das ist keine Mitarbeiteranweisung.“

Das im penetranten, sektenartigen „Wir“-Ton gehaltene Papier erweckt dagegen mit seinen Handlungsempfehlungen einen ganz anderen Eindruck. Schon in den ersten Zeilen der Einleitung entsteht ein „Wir gegen die anderen“-Gefühl, wenn von Gegnern der ARD gesprochen wird, die „deren Relevanz in Frage stellen und orchestrierte Kampagnen fahren, die die ARD in starken Bildern und Narrativen abwerten“. Was Wehling damit meint, kommt wenige Zeilen später in Anführungszeichen: Das Wort Zwangsgebühren löst offensichtlich einen Angstreflex aus. Es ist bemerkenswert, dass Wehling gleich zu Beginn davon ausgeht, hinter der Kritik an der ARD stünden Gruppen, die abgesprochene Kampagnen betreiben. Im Internet dagegen sind Sprüche wie „Eure Zwangsgebühren bei der Arbeit“ oder auch „Eure Steuern bei der Arbeit“ eher ein Meme, das gern individuell von diversen politischen Lagern verwendet wird, um ihre Unzufriedenheit am Programm der Sender oder am Staat auszudrücken. Es taucht in vielen Abwandlungen auf, wenn den Linken zu viel über Flüchtlinge geredet wird, oder Reizfiguren wie Alexander Dobrindt oder Rainer Wendt auftreten. Ich habe das auch mal benutzt, als sich ein Journalist extra in einen Schneehaufen stellte, um den Winter dramatischer darzustellen, als er war.

Aber es kann natürlich sein, dass der stetige Strom von Kritik im Netz, von nicht mit Zwangsgebühren finanzierten Medien, von Vertretern diverser Parteien und die ständigen juristischen Klagen gegen die Haushaltsabgabe bei der ARD und ihren Mitarbeitern den Eindruck verfestigen, sie stünden unter dem Druck einer kampagnenartigen Machenschaft. Leider verzichtet Frau Wehling darauf zu erklären, wer denn nun konkret die Orchestrierung übernimmt, was dem außenstehenden Leser den Eindruck vermittelt, dass es hier gar nicht um eine klare Analyse der Bedrohung geht, sondern eher um Stimmungsmache, um die Lesebefugten der ARD von den ersten Zeilen an auf ihre Seite hinein ins Wir zu ziehen. Da wird erst eine dunkle Macht beschworen, viel schlimmer als so ein Don Alphonso, der Witze über Schneehaufen reißt, um den Bedrohten zu erklären, warum sie gegen das Böse da draußen eine gemeinsame Identität brauchen. Das ist eine erstaunliche Prämisse für einen Sender, der – da bin ich mir übrigens mit dem Handbuch einig – für alle da sein sollte.

Es geht aber für Frau Wehling noch weiter. Es sollen Menschen „ins Boot geholt“ werden, und die Sender sollen sich dazu berechtigt fühlen, weil sie moralisch vorteilhaft sind. „maximal ehrlich, authentisch und demokratisch“ sei es, diese Prinzipien in der Öffentlichkeit zu vertreten. Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei geht, aber ich mag diese Drückerkolonnen- und Motivationsphrasen überhaupt nicht. Allein schon, weil zumindest Ehrlichkeit und Authentizität nicht zu steigern sind – entweder ist man ehrlich, oder man ist es nicht, entweder man ist überzeugend, oder nicht. Wie das letztlich aufgefasst wird, liegt beim Rezipienten. Mir persönlich würde es schon reichen, wenn es eine offene und vorurteilsfreie Debatte gäbe. Eine Debatte, bei der eine Seite für sich in Anspruch nimmt, maximal ehrlich, authentisch und obendrein noch demokratisch zu sein, muss ich gar nicht erst anfangen. Es gibt genug Berichte über die Mauscheleien in politisch besetzten Mediengremien, um zu wissen, dass dem sicher guten Bemühen vieler ARD-Journalisten auf der anderen Seite politische Einflussnahme von der Postenbesetzung über die Mittelbewilligung bis zur Frequenzvergabe gegenüber steht. Aber das will Wehling erst gar nicht, sie will die Leute „im Boot“ haben. Keine kritischen Betrachter, sondern Anhänger. Oder böse geframed, Gläubige mit der Überzeugung, dass die ARD maximal ehrlich, authentisch und demokratisch ist.

Um aus dem Problem der Zwangsgebührenfalle heraus zu kommen, fordert das Papier, erst gar nicht auf die Argumente der Gegner einzugehen. Statt dessen schlägt Wehling eine komplette Deutungsveränderung für die allgemein verhasste Beitragszahlung vor: „Tatsächlich aber „nimmt“ die ARD kein Geld „ein“, sondern verwaltet schlichtweg das Rundfunkkapital der Bürger, die sich in Deutschland seit jeher auf diese Weise ihren gemeinsamen, freien Rundfunk ARD ermöglichen.“ Das ist so ein typischer Wehlingsatz, bei dem ich als Journalist meine eigenen Fehler bemerke: wenn ich bei ihr das Wort „schlichtweg“ lese, also eine verstärkende Umschreibung einer ohnehin schon starken Haltung, werde ich renitent. Mir passiert das aber leider auch öfters, obwohl es nicht nötig wäre: Wäre ich von meinem Argument wirklich überzeugt, bräuchte es keine schlichten Wege. Es könnte für sich stehen – Punkt. Es passiert mir leider, wenn ich mir nicht ganz sicher bin, und davon ablenken möchte. Das dürfte hier nicht anders sein, denn ich kenne niemand, der den Eindruck hätte, die ARD sei eine Art Verwalterin von Kapital der Bürger. Kapital bekommt man bei einem Fonds irgendwann zurück, bei der ARD stehen die Spitzenverdiener aus der Intendanz alle paar Jahre wehklagend da und fordern mehr Geld für die Rentenverpflichtungen der üppig zahlenden Sender: Das Kapital, das man da einzahlt, ist weg. Schlichtweg. Sie merken vielleicht, meine Sichtweise und die der ARD sind schlichtweg nicht vereinbar. Es gibt die und es gibt mich, es gibt die ARD und Leute, die es anders sehen. Wenn es um Rundfunkkapital geht, kann es auch keine Zwangsabgabe oder Kompromisse geben. Die ARD strebt in ihrem Eigenbild nicht nach Diskurs, sondern schlichtw… – äh – sondern nach Dominanz. Das zeigt sich dann auch in der Sicht der Abweichler:

Zu dieser „Sachlage“ – beachten sie bitte dieses Abdriften ins Bürokratisch-Postfaktische bei einer bezahlten, nicht neutralen Person, deren wissenschaftliche Leistungen jetzt nicht ganz überwältigend sind – zu dieser Sachlage der Schuldigen und Illoyalen gibt es noch mehr, das werde ich in den nächsten Beiträgen vertiefen, und ich darf jetzt schon einmal sagen: Es wird in diesem Duktus der verdammenden Obrigkeit bleiben. Als Partner tritt diese ARD nur den Gefolgsleuten gegenüber auf. Da soll dann das gelten, was auf Seite 44 nachzulesen ist: „Die ARD ist der gemeinsame, demokratische Rundfunk der Bürger – die wiederum freien Zugang zu allen Sendungen ihrer medialen Infrastruktur genießen. Wir nutzen das Programm – in vielfältiger und unterschiedlicher Weise –, das wir gemeinsam ermöglichen.“ Gemeinsam, demokratisch, Infrastruktur, genießen vielfältig, gemeinsam – so viele schöne Wörter! Auf Seite 41 erklärt Frau Wehling dann auch, warum man unbedingt „gemeinsam“ und nicht „solidarisch“ sagen soll: „Das Wort „solidarisch“ aktiviert einen Frame, der primär die Idee hervorhebt, sich „mit anderen“ solidarisch zu zeigen. Er profiliert also nicht, dass wir alle zunächst einmal selbst von der ARD profitieren, sondern macht die ARD gefühlt zu einem „Projekt für andere“, für solche, die sich nicht alleine helfen können.“ Es ist nicht ohne Witz, dass ausgerechnet ein Papier, das so sehr moralische Überlegenheit betont, ausgerechnet dann zurückschreckt, wenn es einmal wirklich moralisch im Sinne von Hilfe für andere wird. Da darf es dann gerne etwas egoistischer sein.

Die ARD von Frau Wehling stapaziert ganz arg den Communitygedanken und schreckt auch nicht davor, dem Argumentationsgegner das alte Mütterchen ins Gedächtnis zu rufen, das nicht mehr so leicht aus dem Haus kann, und sich über Schlagersendungen freut. Sie behauptet, der freie Rundfunk in Deutschland würde die Industrie fördern und sei daher für den Wohlstand wichtig – chinesische Staatsfunktionäre, die das Papier vielleicht dank ihrer Hacker auch schon haben, werden an dieser Stelle mit Blick auf ihre Wirtschaftsdaten und Pressefreiheit lachen, wie die Amerikaner, die ihren wirtschaftlichen Erfolg auch nicht einem Medienkoloss wie der ARD verdanken. Man möchte an die Eltern denken, sagt das Manual, die schon immer die „Tagesschau“ angeschaut haben, und an ihre Dokumentationen, die „mit einem wohlwollenden Blick auf den Menschen und die Welt“ für sich einnehmen. Warten Sie, es kommt noch besser: „Die Eltern, die wie wir alle, in der ARD Sendungen finden, die lebensnah informieren und unterhalten – die einfach nah am echten, bodenständigen und regional typischem Leben sind.“ Da sehen Sie wieder den Wehling-Haustürvertreter-Trick, man ist nicht nah, sondern „einfach nah“, und die gute, alte Beschwörung der Volksgenossen, die das finden, was wir alle gerne haben sollten – ALLE!!111!elf – KEINE AUSNAHME ZURRRRÜCK INS GLIED!elf!!. Am Rande, abschnittsweise, wenn es um Abweichler und störende Elemente geht, kann man das Papier ganz phänomenal im deutschen Sprachduktus der frühen 40er-Jahre lesen. Mit der Zwangsabgabe sorge man für das „private und wirtschaftliche Wohlergehen“, behauptet das Papier auf Seite 38, und so kann es nicht verwundern, dass das Wohl im Zentrum des Gemeinwohlsenders steht.

Natürlich tut die ARD in diesem Papier nicht nur den Kindern gut, sondern gleich den Kinderseelen. Natürlich ist die ARD der Sender für den Opernliebhaber, aber genauso auch für die Gleichwertigkeit des Menschen ohne Privilegien, der genauso berücksichtigt wird – die letzte Formulierung, so führt es das Papier aus, soll benutzt werden, um nicht das negativ belastete Wort „Minderheiten“ zu verwenden. Mir tun ehrlich gesagt die Mitarbeiter der ARD leid, die in den regionalen Sparten arbeiten, und von denen ich durchaus weiß, dass sie ihre Regionen kennen und schätzen – sie werden in das orwellsche Neusprech hinein verbacken und müssen zwischen Redeanweisungen und rigider Ablehnung von Zweifelnden als Nachweis dafür herhalten, dass die ARD nah an Bürgern und ihrer Identität ist. Das Wort wäre im linken Kontext kaum zu gebrauchen, aber das Papier erkennt die Zweifelnden offensichtlich eher in der Mitte der Gesellschaft und bei den Konservativen. Es wird durchgehend betont, der Sender diene dem Gemeinwohl, und als solcher soll er die Gesellschaft als Ganzes mitsamt der Vergangenheit stützen – das historisch-raumgreifende Element, es zeigt doch recht schön, welche Bevölkerungsgruppe mit dem Manual massiert, eingerieben und den Mächten der Finsternis entrissen werden soll.

Gleich darunter wird dann die sinnstiftende Arbeit der ARD gegen das Böse in Stellung gebracht, das ich und Sie darstellen: Das Internetchaos, wo jeder machen kann, was er will, anstelle einer kontrollierten Demokratie. Es wird hässlich, es wird brutal, wenn es um mich als Privatmedienmacher und Sie als Leser geht. Dieser saftige Teil des Handbuchs folgt dann in extenso an dieser Stelle am Sonntag. Sie wollen doch sicher auch wissen, was man in der ARD so von Ihnen wirklich denkt, wenn man nicht gerade Ihre Oma beschlagert und Kinderseelen rettet.