Zum zweiten Mal wurde vergangene Woche ein Weihnachtsmarkt vom Symbol für Einkehr und Gemeinschaft in Zeiten des Friedens zum Zentrum von Terroranschlägen.

Die Schüsse von Straßburg rufen hierzulande schlimme Erinnerungen wach. Der französische Place Kleber scheint das Déjà-vu unseres Breitscheidplatzes von vor zwei Jahren zu sein. Den Parallelen der Taten entsprechend dominierte „Straßburg“ zuletzt auch hierzulande die Schlagzeilen.

Der politische Reflex musste nicht lange auf sich warten lassen: „Mehr sichtbare Sicherheitsmaßnahmen rund um die Glühweinbuden der Hauptstadt!“ Diese lautstarke Forderung war aus mehr als nur einem Lager deutlich zu hören. Während der Berliner Senat meint, alle möglichen Vorkehrungen getroffen zu haben, reagiert Nachbarland Brandenburg mit dem Einsatz zusätzlicher Bereitschaftskräfte. Die Polizisten sollen unter anderem offen Maschinenpistolen tragen. Bei unveränderter Gefährdungslage, wohlgemerkt.

Terroranschläge als Bewährungsprobe

Der Blick auf die „Tat-Tatbericht-Tatfolgen“-Verkettung macht in diesem Fall erneut deutlich, dass der medialen Berichterstattung bei Terroranschlägen eine besondere Bedeutung zukommt. Das hat damit zu tun, dass Terrorismus für sich genommen kein Ziel ist, sondern nur Mittel zum Zweck. Bei Anschlägen wie denen in Frankreich und Deutschland beabsichtigen Terroristen, mit kalkuliert inszenierten Gewaltverbrechen Schrecken und Furcht zu verbreiten.

Auf diese Weise sollen wir in die Knie gezwungen oder zu unbesonnenem Handeln verleitet werden. Es geht um Symbolik, das Erzeugen möglichst wirkmächtiger Bilder, um das Schüren von Fluchtinstinkten – kurz: um das irrationale Moment. Terrorismus ist eine Kommunikationsstrategie. Erst dadurch dass und wie über Terroranschläge berichtet wird, wird diesen ermöglicht, ihre destruktive Wirkung weit über die Taten hinaus überhaupt zu entfalten.

Den Medien eine Mitschuld an den Taten zu geben, wäre natürlich so unfair wie falsch. Um Missverständnissen vorzubeugen: Verantwortlich sind einzig die Anis Amris oder Chérif Chekatts dieser Welt, also die mit dem Fuß am Gaspedal des Sattelschleppers oder dem Finger am Abzug der Waffe. Und, nicht zu vergessen, schuldig sind ebenso die Drahtzieher hinter den Taten, die aus der Anonymität des Auslands heraus agieren.

Medien als unfreiwillige Erfüllungsgehilfen

Dennoch bilden Medien leicht eine tragische Symbiose mit Terrorismus. Dieser schwierigen Gratwanderung können sich die Redaktionen oft nur durch wohlüberlegtes Abwägen beim Schreiben entziehen. Sie müssen berichten, denn das ist ihre ureigenste Aufgabe, ihr grundlegender Sinn und Zweck. Doch bei der Frage, wie das in solchen Fällen geschieht, trennt sich im Feld der Hauptstadt-Journalismus die Spreu von der Weizen.

Das war bei dem Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz vor zwei Jahren nicht anders. Damals brachten zwei Redaktionen Überschriften auf ihren Titelseiten, die unterschiedlicher kaum hätten sein können. Diese machten, entsprechend, wiederum ihrerseits Schlagzeilen, im positiven wie im negativen Sinne.

Bild und Morgenpost als Antagonisten

Wie zu erwarten ging der Preis für sensationslüsterne Panikmache an den Favoriten im Feld: „Angst!“ titelte Bild und machte damit ein Wort zur Überschrift, das selbst im Ausland verstanden wird, weil es dort in den Sprachgebrauch eingegangen ist. Denn anders als Furcht („fear“), hat Angst ein irrationales Moment: Angst befällt, sie steckt an, sie grassiert. Im Endstadium wird sie „Panik“ genannt. In diesem Fall sind die Symptome Unberechenbarkeit und Kurzschlusshandeln. Und die richten langfristig fast immer irreversiblen Schaden an. Versehen mit einem Ausrufungszeichen wurde die Angst zum Imperativ. Uns wurde suggeriert: „Auch wir sind von der Gefahr betroffen!“

Ausgerechnet das Wort zum Titel zu machen, das im Zentrum von Terrorismus steht, hatte performativen Charakter. Eine selbsterfüllende Prophezeiung. Das war nicht nur unreflektiert, egoistisch und dumm, sondern vor allem brandgefährlich. Bild machte sich damit zum Erfüllungsgehilfen von Anis Amri.

Die Panikmache spielte Populisten in die Hände, die prompt versuchten, die Taten für ihre Ziele auszunutzen. „Das sind Merkels Tote!“ twitterte beispielsweise Matthias Pretzell, der Mann von Frauke Petry, damals noch Mitglied der AfD. So wurde der Terroranschlag ausgerechnet mit den Menschen verknüpft, die nicht nur nach Deutschland gekommen waren, weil sie unseren liberalen Lebensentwurf für wertvoll halten, sondern weil sie vor eben diesem Terror fliehen mussten. Die überwältigende Mehrheit der Flüchtlinge wurde dadurch ein zweites Mal zu Opfern der Terroristen – unter Duldung der Öffentlichkeit.

Das Böse durch Gutes besiegen

So weit, so unrühmlich. Doch wo Schatten ist, ist bekanntlich immer auch Licht. Und das war vor zwei Jahren wie nirgendwo sonst in der Berliner Morgenpost zu finden. Auf der Titelseite, der Trauer entsprechend vollkommen in schwarz gehalten, war statt Bildern des Schreckens mit dem in schwarz-rot-gold angestrahlten Brandenburger Tor ein Symbol für friedliche Einheit zu sehen. Darunter stand in weißen Lettern zu lesen: „Fürchtet Euch Nicht!“. Mit diesem Mut-Appell kontrastierte die Morgenpost die Titelseite der Bild und leistete dem Terror erfolgreich Widerstand. So geht exzellente Krisenberichterstattung.

Die Schüsse von Straßburg sind Anlass genug, den Aufruf zu Mut zu erneuern. Doch auch die engagierteste Aufforderung in biblischer Sprache bleibt ohne folgende Taten nur schöne Prosa. Es ist daher auch an der Zeit, den Appell zu erweitern. Wie das geht und was das konkret heißt?

Nun, auch darauf lieferte die Morgenpost seinerzeit den Hinweis. Auf die Frage, wie man den Jüngsten solche Taten erklären könne, hieß es: „Für Kinder ist das Happy-End“ wichtig. Das bringt uns zu der wohl wichtigsten Frage: Ist es möglich, aus traumatischen Erlebnissen der Vergangenheit für die Zukunft etwas Positives zu machen?

Ganz klar: Ja! Bleiben wir der Zeit gemäß bei der Bibel, dann ist die Entsprechung zu „Fürchtet Euch Nicht!“ im Brief an die Römer (12,21) zu finden. Dort heißt es: „Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Die richtigen Schlüsse aus der Vergangenheit

Übersetzt in Alltagssprache heißt das: Auch die schlimmste Erfahrung, selbst sinnlose Gewalt, erfährt rückwirkend eine Bedeutung. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir in der Gegenwart die richtigen Schlüsse aus der Vergangenheit ziehen, die wir in der Zukunft entschlossen und mutig umsetzen. Berlin ist nach den Anschlägen vor zwei Jahren zusammengerückt. Wir sind besonnen geblieben. Und wir haben demokratisches Standing bewiesen. Leider haben die nachfolgenden Entwicklungen gezeigt, dass auch wir der populistischen Versuchung erliegen.

Und doch: Gerade weil wir Deutsche gezwungen sind, extreme Gewalterfahrungen zu unserer Geschichte zu zählen, wissen wir mehr als andere, wohin blinder Hass, willkürliche Ausgrenzung und ideologische Verblendung führt. Und warum wir das ablehnen.

Auf diese Erkenntnis können wir stolz sein, zu Recht. Stolz ist von Vorteil für die Gemeinschaftsbildung. Diese Erfahrung taugt für ein „Wir-Gefühl“, kollektive Selbsterneuerung und „Schwarz-Rot-Gut“. Übrigens ohne nationale, religiöse oder sonst welche Vorbehalte zur Eintrittskarte zu machen. Denn andere können diesen Lernschritt nicht nur mit uns machen, sondern sind dazu eingeladen und willkommen. Das ist das Breitscheidplatz-Prinzip. Seine Umsetzung bedeutet Friede auf Erden – jedenfalls dort, wo wir es leben.