Die Zentralbanken denken über Nachteile von Scheinen und Münzen nach – und suchen nach radikalen Abhilfen. Doch ein Land stellt sich dagegen.

Notenbanken haben ihren Namen von den Banknoten, die sie herausgeben. Doch die Liebe der Notenbanken zu den Noten erkaltet, wie drei Studien aus den vergangenen Wochen eindrucksvoll zeigen.

So hat die niederländische Zentralbank in einer Studie festgestellt, dass Barzahlen die Umwelt stärker schädigt und mehr klimaschädliche Gase produziert als Kartenzahlungen. Die Leiterin der Division Geldpolitische Strategie der Europäischen Zentralbank (EZB), Katrin Assenmacher, hat gemeinsam mit Signe Krogstrup, einer Beraterin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Möglichkeiten untersucht, Bargeld gegenüber Bankguthaben abwerten zu lassen, um es unattraktiv zu machen. Und die Bank von Kanada fragt sogar, ob man Bargeld als Zentralbank vermissen sollte, wenn es verschwunden wäre.

Geringer CO2-Effekt

Die niederländische Studie mit dem Titel „Life cycle assessment of card payments“ stellt fest, dass Kartenzahlungen pro Transaktion 21 Prozent weniger CO2-Ausstoß verursachen als Barzahlungen. Eine Reduktion der Anzahl der Geldautomaten um eine Viertel würde den CO2-Ausstoß um acht Prozent senken, generelles Bezahlen mit Plastikgeld sogar um ein Fünftel.

Allerdings bleibt der Gesamteffekt gering: Ein Umsteigen auf Plastikgeld würde lediglich ein Hundertzwanzigtausendstel des C02-Ausstoßes der Niederlande vermeiden.

Der Harvard-Ökonom und frühere US-Finanzminister Larry Summers schlägt sogar die weitgehende Beseitigung von Bargeld vor, damit dieses nicht als Ausweichmöglichkeit genutzt wird, wenn – wie derzeit – die Leitzinsen der Notenbanken negativ sind. Denn wenn die Banken diese Negativzinsen an Einlagenkunden weitergeben würden, könnten diese ihr Geld abheben und als Bargeld aufbewahren.

Die Bargeld-Abschaffung halten Assenmacher und Krogstrup jedoch für verfrüht, weil der Bargeldanteil am Bezahlmarkt im Euro-Raum noch zu hoch sei und verschiedene Bevölkerungsgruppen noch auf Bargeld angewiesen seien.

Die Lösung sehen sie darin, Bargeld indirekt mit einem Negativzins zu belegen. Das hat schon vor gut einem Jahrhundert der Geld- und Bodenreformer Silvio Gesell vorgeschlagen. Seine Methode: Banknoten verlieren im Zeitablauf an Wert. Nutzer müssen Stempelaufdrucke kaufen, mit denen der alte Wert wiederhergestellt wird. Einige modernere Vorschläge von teils prominenten Ökonomen gehen in eine ähnliche Richtung, werden aber von Assenmacher und Krogstrup als letztlich nicht praktikabel betrachtet.

Besser weg kommt dagegen ein Lösungsvorschlag des Chefvolkswirts der US-Großbank Citi, Willem Buiter. Demzufolge wird Bargeld im Fall von Negativzinsen auf Bankguthaben laufend gegenüber Bankengeld abgewertet, sodass beide Geldhalteformen gleich attraktiv bleiben.

Aufschlag für Bargeld

Wenn die Notenbank Bargeld unattraktiver machen wolle, zum Beispiel, wenn die Kunden Vertrauen in die Sicherheit des Buchgelds verlieren, könne sie die Abwertung auch stärker ausfallen lassen. Die Zentralbank würde jeden Tag einen neuen Wechselkurs zwischen Bargeld und Banken-Buchgeld veröffentlichen.

Bei einem Negativzins von vier Prozent läge der Kurs nach drei Monaten bei 101 Bar-Euro für 100 Buch-Euro. Die EZB würde den Banken bei Auszahlung von 100 Euro Bargeld nur etwa 99 Euro vom Zentralbankkonto abziehen oder bei Einzahlung von 100 Euro Bargeld auch nur 99 Euro gutschreiben.

Die gleiche Relation gälte am Geldautomaten. Einzelhändler und sonstige Verkäufer würden entsprechend von Barzahlern ein Prozent mehr verlangen. Nach einem Jahr läge der Aufschlag gegenüber Kartenzahlungen dann bei vier Prozent. Eine Nebenwirkung wäre wohl, mutmaßen Assenmacher und Krogstrup, dass viele Händler erst einmal versuchen würden, Kunden vom Barzahlen abzuhalten, um sich das Hantieren mit verschiedenen Preisen zu sparen.

Damit das Ganze auf die beabsichtigte Weise funktioniert, wäre sicherzustellen, betonen die beiden, dass Verkäufer die Preise in elektronischem Geld auszeichnen und nicht in Bar-Euro. Dabei müsste man überlegen, Bargeld den Status des gesetzlichen Zahlungsmittels zu entziehen und ihn auf Bankguthaben zu übertragen.

Das schafft zwar Probleme, aber die Autorinnen halten diese für lösbar und ziehen das Resümee: „Ein solches gespaltenes lokales Währungssystem sollte zusammen mit Alternativen in Betracht gezogen werden, um die Geldpolitik im Niedrigzinsumfeld effektiv zu halten.“

Bargeld ade in Kanada?

Der radikalste Vorschlag kommt von der Bank von Kanada. Sie fragt in einem im Oktober veröffentlichten Arbeitspapier, ob man Bargeld vermissen würde, wenn es nicht mehr da wäre: „Is a Cashless Society Problematic?“ Dafür prüfen die drei Autoren der Studie alle möglichen Aspekte, die als Vorteile von Bargeld gelten, und kommen jeweils zu dem Ergebnis, dass elektronisches Geld das Gleiche leisten könnte.

Das mögliche Problem, dass Menschen im abgelegenen, dünn besiedelten Norden des Landes keine zuverlässige Kommunikationsinfrastruktur für elektronisches Bezahlen haben, wischen die Autoren mit dem Hinweis beiseite, dass fast alle Kanadier einen Telefonvertrag abgeschlossen hätten.

Blackouts der Zahlungsverkehrssysteme seien auch kein großes Problem, weil viele Menschen und Unternehmen Verträge mit verschiedenen Anbietern hätten und die wichtigsten Abwicklungssysteme auf Zuverlässigkeit geprüft werden. Die Sorge, dass die Abwicklungsgebühren kräftig steigen könnten, wenn der Konkurrent Bargeld weg ist, halten die Autoren für unbegründet, weil es weiterhin Konkurrenz zwischen verschiedenen Anbietern gebe.

Kritischer sieht das ausgerechnet die Notenbank von Schweden. In dem Land ist die Bargeldnutzung bereits sehr gering, in manchen dünn besiedelten Gegenden ist nur noch schwer an Bargeld zu kommen. Dort sprach sich Notenbankchef Stefan Ingves erst Ende Oktober wieder für eine gesetzliche Verpflichtung für alle kontoführenden Banken aus, Bargeldein- und -auszahlungen anzubieten.

In Krisenzeiten sei das robuste Zahlungsmittel dringend nötig, urteilte Ingves und forderte, den Annahmezwang aus dem Status von Bargeld als gesetzlichem Zahlungsmittel zu stärken. „Wenn das Zahlungsmittel, das die Reichsbank herausgibt, nicht allgemein akzeptiert wird, wird es schwer für die Reichsbank, ihre Aufgabe zu erfüllen, ein sicheres und effizientes Zahlungssystem bereitzustellen.“