In München hat der Prozess gegen Jennifer W. begonnen. Die 28-Jährige soll dem IS als Sittenpolizistin gedient haben – und den Mord an einer Fünfjährigen zugelassen haben. Die Deutsche hatte sich aus Versehen selbst belastet.

In kaum einem Strafprozess ist von Interesse, welche Kleidung der oder die Angeklagte zu Prozessbeginn trägt. Anders bei Jennifer W., 28 Jahre alt, deutsche Staatsbürgerin und, folgt man der Anklage des Generalbundesanwalts, eine fanatische Anhängerin der Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Würde sie von Kopf bis Fuß schwarz verhüllt erscheinen und nur widerstrebend ihr Gesicht zeigen?

W., eine zierliche Frau mit zum Zopf geflochtenem Pferdeschwanz und dunkel gerahmter Brille, verbirgt sich jedoch nicht hinter einem Schleier, sondern – wie andere Angeklagte auch – hinter einem Aktendeckel. Sie trägt eine weiße, hochgeschlossene Bluse und eine schwarze Jacke – ein betont unspektakulärer Auftritt, der womöglich auch eine Botschaft ist.

Die Anklage, die Oberstaatsanwältin beim Bundesgerichtshof Claudia Gorf verlas, wirft viele Fragen auf. Das fängt schon bei der Genese der Vorwürfe an: Wie kam es, dass sich eine junge Frau wie Jennifer W., im niedersächsischen Lohne geboren und aufgewachsen, radikalisierte? Warum reiste sie am 29. August 2014 vom Flughafen Münster/Osnabrück über Istanbul in das türkisch-syrische Grenzgebiet und sodann mithilfe von Schleusern über die Grenze nach Syrien, um sich der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) anzuschließen?

Auf die Frage, welchen Beruf sie erlernt habe, erscheint die Angeklagte einen Moment lang ratlos. Sie hat keinen. Trug das zu ihrer Bereitschaft bei, als junge Frau den gefährlichen Weg in ein unbekanntes Kriegsgebiet einzuschlagen und sich einer mörderischen Ideologie zu unterwerfen? Hat sie sich aus deren Fängen mittlerweile befreit? Sie wolle „vorerst keine Angaben“ machen, teilten die Verteidiger, Seda Basay und Ali Aydin, mit. Es ist also mit einer komplizierten Beweisaufnahme zu rechnen.

Im Januar 2016 hatte Jennifer W. bei der deutschen Botschaft in Ankara einen neuen Pass beantragt. Als sie das Gebäude verließ, wurde sie von türkischen Sicherheitskräften festgenommen und nach Deutschland abgeschoben. Doch hier geschah ihr erst einmal nichts. Weil es nicht genügend Erkenntnisse gab, um gegen die Frau vorzugehen? W. lebte einige Zeit unbehelligt in Lohne, stand als IS-Heimkehrerin aber wohl unter Beobachtung der Sicherheitsbehörden. Sie brachte eine Tochter auf die Welt, deren Vater mutmaßlich der in der Türkei verbliebene zweite Ehemann der Angeklagten ist, auch er ein Mitglied des IS.

Die Autofahrt mit dem Mann vom FBI

Warum hielt es die Frau nicht lange in ihrer Heimat? Im Juni 2018 versuchte sie bereits wieder, nach Syrien zurückzukehren – mithilfe eines, wie sie meinte, gleichgesinnten Gläubigen. Doch dieser Mann war in Wirklichkeit Informant der amerikanischen Bundespolizeibehörde FBI. Oberstaatsanwältin Gorf betonte, die Ermittlungen gegen W. seien ausschließlich von deutschen Sicherheitsbehörden geführt worden. Was hatte dann der Mann vom FBI mit dem Fall zu tun?

Während der Fahrt in einem mit Abhörgeräten ausgestatteten Auto in Richtung Süden soll Jennifer W. ihm erzählt haben, was jetzt Gegenstand der Anklage ist: dass sie in Falludscha und Mossul nicht nur als Mitglied der Sittenpolizei Hisba, bewaffnet mit Kalaschnikow, Pistole und Sprengstoffweste, auf Streife gegangen sei, um Frauen zu ermahnen, die Kleidungsvorschriften der Islamisten einzuhalten. Sondern, dass sie und ihr nach islamischem Recht angetrauter Ehemann auch auf einem Sklavenmarkt ein fünfjähriges jesidisches Mädchen gekauft hätten, das für einige Zeit in ihrem Haushalt gelebt habe.

Zwischen Anfang Juli und September 2015 sei dieses Kind aber krank geworden und habe sich zweimal auf einer Matratze eingenässt. Ihr wütender Ehemann habe es deswegen bei einer Temperatur um 45 Grad Celsius im Freien mit Handschellen angekettet, sodass es sich nicht mehr habe bewegen können. „Obwohl die Angeschuldigte erkannte, dass das Mädchen mangels Flüssigkeit versterben würde, blieb sie untätig und versorgte das Kind weder mit Wasser, noch löste sie die Handschellen“, heißt es in der Anklage.

Der Generalbundesanwalt stuft den Tod dieses Kindes als Mord durch Unterlassen und als ein Kriegsverbrechen ein. Da W. seit ihrer Eingliederung in den IS bis zur Ausreise über eigene Waffen verfügt habe, findet sich in der Anklage nicht nur der Vorwurf der Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung, sondern auch der eines Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz.

Ausführlich wird darüber hinaus die Struktur und Zielsetzung der Terrororganisation beschrieben, einen „Gottesstaat“ unter Geltung der Scharia zu errichten unter Inkaufnahme auch ziviler Opfer bei Sprengstoff- und Selbstmordanschlägen, Entführungen und grausamen Hinrichtungen. „Der IS“, heißt es in der Anklage, „bekannte sich insbesondere zu den Anschlägen in Paris am 13. November 2015 und in Brüssel am 22. März 2016, bei denen jeweils auch deutsche Staatsangehörige zu Tode kamen, sowie zu dem Anschlag mit zwölf Todesopfern und zahlreichen Verletzten auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016.“

Die Bundesanwaltschaft hatte Jennifer W. aufgrund eines Haftbefehls des Bundesgerichtshofs am 29. Juni 2018 in Neu-Ulm, also auf bayerischem Boden, festnehmen lassen. Da sie anscheinend keinen festen Wohnsitz nachweisen konnte, bestimmte sich der Gerichtsort nach dem Festnahmeort. So landete W. vor dem für Terrorstraftaten zuständigen Oberlandesgericht München und dort beim 8. Strafsenat mit dem Vorsitzenden Richter Reinhold Baier.

Der Saal im Münchner Strafjustizzentrum, in dem Jennifer W. der Prozess gemacht wird, bietet nicht viel Platz für Publikum. Zwei, drei Reihen füllten Journalisten, sonst kaum Zuschauer. Und dies trotz der Ankündigung, Menschenrechtsanwältin Amal Clooney engagiere sich für die Mutter des ums Leben gekommen Mädchens. Doch die berühmte Anwältin erschien nicht selbst, sondern ließ sich von einer Mitarbeiterin ihres englischen Büros vertreten.

Die Mutter des getöteten Kindes, die dem IS offenbar hatte entkommen können, wurde inzwischen in Karlsruhe umfangreich vernommen. Sie will als Zeugin aussagen und ist als Nebenklägerin zugelassen. „Sie will Gerechtigkeit“, sagt ihre Berliner Anwältin Natalie von Wistinghausen. „Sie möchte die Gelegenheit haben, das zu erzählen, was ihr und ihrer Tochter widerfahren ist.“ Die Unterlagen dazu erreichten das Gericht erst dieser Tage und müssen nun durchgearbeitet werden. Daher wird der Prozess erst am 29. April fortgesetzt werden und dürfte nach vorläufiger Einschätzung länger dauern als jene 23 Verhandlungstage, die der Senat terminiert hat.