Sich auch für vermeintlich Alltägliches dankbar zu zeigen, vergessen viele Paare im Laufe ihrer Beziehung. Ein schwerer Fehler.

Wenn Sie die ersten Folgen der kleinen Serie über das Scheitern von Partnerschaften gelesen haben, dann kennen Sie meine Vorliebe für die Forschung. Gibt es so etwas auch für unser heutiges Thema, für die Dankbarkeit? Gibt es also eine Dankbarkeitsforschung? Aber ja, die gibt es. Und wie ein großer Teil der guten psychologischen Forschung kommt auch die Dankbarkeitsforschung aus den USA. In diesem Fall aus Davis (Kalifornien), wo Robert Emmons lehrt und forscht. Emmons ist Psychologieprofessor und der wohl bekannteste Dankbarkeitsforscher der Welt. Er hat die Dankbarkeit zum Hauptthema seiner wissenschaftlichen Arbeit gemacht.

Eine dieser Forschungen von Robert Emmons will ich Ihnen jetzt gerne schildern. Emmons und sein Kollege Michael McCullough haben für eine Studie rund 200 Studentinnen und Studenten in drei Untergruppen aufgeteilt. Jede dieser Gruppen bekam eine andere Aufgabe. Die erste Gruppe sollte jeden Abend ein Ereignis notieren, das sie an dem Tag besonders belastend fand – ich nenne sie jetzt mal salopp die Problemgruppe. Ihre Aufgabe fokussierte diese Gruppe auf ihre Probleme.

Die zweite Gruppe sollte sich allabendlich notieren, was an dem Tag Wichtiges für sie passiert war – in nenne sie die Protokollgruppe. Sie schrieben mehr oder weniger ein Protokoll der Highlights des Tages, der guten wie der negativen Ereignisse.

Die dritte Gruppe bekam den Auftrag, sich Abend für Abend zu notieren, wofür sie besonders dankbar war. Die Mitglieder sollten sich bei ihrem Tagesresümee also auf das Positive konzentrieren, auf das Gute, das ihnen an diesem Tag passiert war. Und wenn nichts so sehr auffällig Positives passiert war, dann konnte diese Gruppe sich auch etwas notieren, was eher alltäglich war – eine Umarmung mit dem Partner, das schöne Abendessen –, und konnte etwas ganz Alltägliches in ihr Dankbarkeitstagebuch schreiben. Weil sie die Aufgabe hatten, sich die dankbaren Momente zu notieren. Ich nenne diese Gruppe die Dankbaren.

Das Ergebnis

Drei Gruppen, drei Varianten, den Tag Revue passieren zu lassen. Die Forscher interessierten sich nun für eine ganz spezielle Frage: Welche der drei Gruppen würde sich in den Monaten nach dem Start der Untersuchung wohl am besten entwickeln?

Zehn Wochen später wurden die Mitglieder der drei Untergruppen erneut getestet. Das Ergebnis: Im Vergleich zu den beiden anderen Gruppen zeigten die Mitglieder der Dankbarkeitsgruppe weniger physische Beschwerden. Sie waren sportlich aktiver, und sie waren optimistischer bezüglich des wahrgenommenen Wohlbefindens. Zudem sahen sie die folgende Woche positiver. Sie blickten also optimistischer in die nahe Zukunft.

Und das alles nur, weil sie sich jeden Tag für ein paar Minuten auf das Positive konzentriert hatten!

Das Leben dieser Studentinnen und Studenten hatte sich verbessert – und das einzig und alleine, weil sie durch puren Zufall in die Gruppe der Dankbaren geraten waren. Dankbarkeit scheint Menschen also generell gutzutun. Was aber folgt aus diesem Befund für Partnerschaften?

Was folgt daraus?

Werfen wir auch heute einen Blick auf meinen Flipchart, auf das Bild mit der Minus- und der Plussäule, das wir uns in Teil drei dieser Serie beim Thema „Hilfe – mit unserer Kommunikation stimmt etwas nicht!“ schon einmal angeschaut haben. Hier kommt es:

Diese Grafik zeigt wie eine glückliche, stabile Beziehung aussieht

Zu sehen ist das Verhältnis zwischen positiven und negativen Erlebnissen in der Partnerschaft. Beträgt es 1 zu 5 (wie oben) dann ist die Beziehung glücklich und stabil.

Paare, die in die Beratung kommen, wollen mit mir unbedingt über den linken Teil der Grafik sprechen – da, wo Sie die vielen Pfeile sehen. Sie wollen also gerne über das reden, was zwischen ihnen nicht klappt. Ich kann ihr Motiv verstehen. Sie leiden unter all dem, was in der Beziehung schiefläuft. Und sie wollen, dass sich das ändert.

Denken wir doch einmal kurz nach, wie diese Paare ihre Tage wahrnehmen. Sie beschäftigen sich schon lange vorrangig mit dem, was nicht gut läuft zwischen ihnen. Und gleichzeitig gerät dadurch die Plussäule in den Hintergrund. Ja, mehr noch, sie schrumpft schon alleine wegen des ständigen Starrens auf das, was nicht klappt. Es ist so, als wenn diese Paare glauben, dass sie erst ihre Probleme lösen müssen – um es sich anschließend gut gehen lassen zu können miteinander.

Das ist ein gefährliches Konzept, und leider raten auch viele Paarberaterinnen und Paarberater dazu, erst einmal die Probleme zu lösen. Dabei funktioniert dieser Weg nur selten und wenn, dann auch nur schlecht. Leichter ist der umgekehrte Weg: Verbessern Paare ihre Stimmung in der Beziehung, dann gelingt es ihnen leichter, ihre Probleme zu lösen.

Fällt Ihnen an der Stelle die Parallele zu den drei Gruppen von Robert Emmons auf? Die Gruppe, die sich auf die problematischen Aspekte des Tages konzentrierte, tat sich damit keinen Gefallen. Die Gruppe, die das Gute notierte, aber profitierte. Paare, die in die Beratung kommen, „notieren“ sich unaufhörlich alles Schlechte in ihrem Alltag als Paar. Das reißt ihre Partnerschaft immer mehr in Richtung Abgrund.

Erkenntnis Nummer acht: Wir müssen das Gute an unserer Beziehung aufmerksam notieren. Wir müssen es registrieren. Damit steigt unsere Chance, dass wir mehr von dem bekommen, was uns guttut. Und dass beide Partner sich wohlfühlen in der Beziehung.

Das Negative ändern

Ich verstehe Paare, die das Minus in ihrer Partnerschaft stört. Jedem von uns ergeht es so. Wir alle wollen das nicht. Ich verstehe auch, dass diese Paare sich wünschen, dass sich das ändert. Ich will auch, dass sich das ändert. Und genau deshalb möchte ich, zumindest zu Beginn der Beratung, lieber etwas mehr über den rechten Teil der Gleichung erfahren. Über die Plussäule. Ich will erreichen, dass die beiden sich einander mehr zuwenden. Wenn sie das tun, wird die Stimmung besser – und damit steigen die Chancen, dass sie gute Lösungen für ihre Probleme finden.

Paare, die in die Beratung kommen, müssen in aller Regel tatsächlich das ein oder andere Problem in ihrer Beziehung besser verstehen. Sie müssen ihre eigene Haltung besser verstehen und die des Partners auch. Wenn es gut läuft, ist es möglich, die Probleme in der Beziehung auch zu lösen. Zumindest einige von ihnen. Gleichzeitig müssen Sie aber auch die Plussäule dringend vergrößern. Die ist oft sehr geschrumpft – auf 3 oder 2 oder gar bis auf 1.

Ein Verhältnis von 1 zu 1 zwischen den schlechten und den guten Erlebnissen mit dem Partner – das ist schmerzhaft. Es ist so schmerzhaft, dass viele Paare sich etwa an diesem Punkt trennen.

Deshalb ist es wichtig, die Aufmerksamkeit mehr auf die rechte Seite der Grafik zu verlagern. Das bedeutet zum einen, dass Paare sich einander mehr zuwenden. Und es bedeutet zum anderen, dass sie mehr darauf achten, was bereits da ist. Wenn sie das Positive mehr sehen und würdigen, dann haben sie eine gute Chance, dass sie in Zukunft mehr davon bekommen. So wie die Studentinnen und Studenten aus Robert Emmons‘ Untersuchung. Das Positive in der Partnerschaft zu würdigen, das kann durch Dankbarkeit erreicht werden, alleine oder auch gemeinsam.

Erkenntnis Nummer neun: Dankbar zu sein bedeutet nicht, sich keine Veränderungen mehr zu wünschen. Sondern sich über das, was da ist, zu freuen.

Eine Übung in Dankbarkeit

Sie können also ab sofort alleine für sich eine kleine Übung in Dankbarkeit machen. Sie notieren sich jeden Abend in einem Dankbarkeitstagebuch, wofür Sie an dem betreffenden Tag besonders dankbar waren. Das kann der schöne Sonnenuntergang sein oder das gute Gespräch mit einem Kollegen.

Einer der Punkte sollte mit der Partnerschaft beziehungsweise mit dem Partner oder der Partnerin zu tun haben. Indem Sie so ein Dankbarkeitstagebuch führen, schließen Sie sich bewusst der dritten Gruppe aus Robert Emmons‘ Forschungsvorhaben an.

Eine Übung in gemeinsamer Dankbarkeit

Wenn Sie mögen, dann können Sie auch ein gemeinsames Abendritual zusammen mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin aus der Dankbarkeit machen. Am Ende eines Tages sollten Paare sich gerne aneinanderkuscheln. Dabei können sie sich über die schönen Momente des Tages austauschen. Natürlich dürfen es auch scheinbare Selbstverständlichkeiten sein über das, was der andere an diesem Tag geleistet hat.

Ein Beispiel. „Ich finde, du bist so eine tolle Mutter!“ wirkt in der Regel wahre Wunder, wenn eine Frau einen anstrengenden Tag mit der gemeinsamen Tochter (18 Monate) hinter sich hat. Das Paar hat damit nicht über die Dinge gesprochen, die nicht funktioniert haben. Das kann es außerdem tun, wenn es nötig ist. Nach dieser Äußerung des Partners ist es allerdings ungleich wahrscheinlicher, dass das Gespräch mit seiner Frau gut verläuft.

Eine dritte Variante der Dankbarkeit

Sehr bekannt ist auch eine Form der Dankbarkeit, die aus dem Bereich der Meditation kommt. Es ist die „Liebende-Güte-Meditation“. Sie ist so bekannt, Sie brauchen bei Google nur das Wort „Liebende“ eingeben, schon wird sie Ihnen vorgeschlagen.

Die Folgen der Dankbarkeit

Einerlei, ob Sie ein Dankbarkeitstagebuch führen oder ein gemeinsames Abendritual mit Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner bevorzugen, auf diese Weise schulen Sie Ihre Dankbarkeit. Das vermag, die Stimmung in Ihrer Beziehung zu verbessern. Zudem war der Satz darüber, dass seine Frau eine „gute Mutter ist“, aber auch eine sehr positive Äußerung des Mannes gegenüber seiner Frau. Es war ein Satz, der die Plussäule vergrößert. Das ist ein weiterer angenehmer Effekt der Dankbarkeit. Schon wenn wir sie empfinden, ist das gut für die Partnerschaft. Wenn wir sie dann allerdings auch äußern, stärkt das die Beziehung zusätzlich.

Unglückliche Paare unternehmen wenig, um ihre Beziehung zu stärken. Sie meiden die Zuwendung zum anderen. Sie sorgen vielmehr durch ein Übermaß an Kritik dafür, dass sie Tag für Tag weiter geschwächt wird. Es wird also Zeit, dass wir uns mit der Kritik und ihren Folgen beschäftigen. Die Kritik am anderen ist einer der größten Feinde der Liebe.