Der Bayer-Chef hat das Vertrauen seiner Aktionäre verloren. Warum er wohl trotzdem nicht um seien Posten bangen muss.

Die wohl denkwürdigste Hauptversammlung in der Geschichte des traditionsreichen Leverkusener Bayer-Konzerns am vergangenen Freitag war noch keine drei Stunden alt, da meldete sich eine Vertreterin des Deutschen Berufsimkerverbandes zu Wort. Sie wolle Bayer-Vorstandschef Werner Baumann ein besonders Angebot machen. Man biete ihm einen Ausbildungsplatz in einer Imkerei an. „Angesichts Ihrer Managementleistung gehe ich davon aus, dass Sie sich in naher Zukunft beruflich neu orientieren werden.“

Was klang wie ein schlechter Scherz einer unbedeutenden Kleinaktionärin, war gute zwölf Stunden später aus Sicht des Bayer-Vorstands längst nicht mehr lustig. Stunde um Stunde hatte die Hauptversammlung gedauert, ein wütender Aktionär nach dem anderen trat ans Mikrofon. Der Tenor war stets der gleiche: Bayer, noch vor gar nicht langer Zeit der wertvollste Dax-Konzern, habe sich an der 2018 vollzogenen Übernahme des amerikanischen Agrarkonzerns Monsanto vollkommen verhoben. In Amerika gibt es mehr als 13.000 Schadenersatzklagen wegen Krebserkrankungen, die das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat aus dem Hause Monsantoverursacht haben soll – Rechtsrisiken, so der Vorwurf, die Bayer nicht ausreichend berücksichtigt habe.

Die größte Übernahme der deutschen Unternehmensgeschichte war aus Sicht der Aktionäre in der Tat bislang ein einziges Desaster: Mehr als 30 Prozent hat der Aktienkurs seit dem formalen Vollzug der Übernahme im vergangenen Jahr nachgegeben, von einer „Wertvernichtung historischen Ausmaßes“ spricht darum Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Deka. Derzeit ist der Bayer-Konzern an der Börse kaum mehr wert als die rund 62 Milliarden Dollar, die er für Monsanto ausgegeben hat.

Einflussreichster Spieler im weltweiten Agrargeschäft

Die Quittung dafür gab es kurz vor Mitternacht, als die Hauptversammlung endlich zur Abstimmung schritt. Das Resultat, das Aufsichtsratschef Werner Wenning zu später Stunde bekanntgeben musste, ist einzigartig in der Geschichte der Dax-Konzerne: Erstmals verweigerten die Aktionäre einem amtierenden Vorstand die Entlastung. Genau 55,5 Prozent des auf der Hauptversammlung vertretenen Kapitals stimmten gegen Baumann und seine Kollegen. Zwar hat ein solches Votum zunächst keine Konsequenzen, zumal auch der Aufsichtsrat noch in der Nacht versicherte, man stehe „geschlossen hinter dem Vorstand“. Aber wie bedeutsam die Angelegenheit dennoch ist, zeigt der Vergleich mit einer anderen denkwürdigen Hauptversammlung eines Dax-Konzerns: Es war im Mai 2015, als die damaligen Chefs der Deutschen Bank, Anshu Jain und Jürgen Fitschen, mit einem Zustimmungswert von 61 Prozent abgestraft worden. Wenige Wochen später waren sie nicht mehr im Amt.

Droht Werner Baumann, dem Bäckersohn, der seit 2016 an der Spitze von Bayer steht, nun das gleiche Schicksal? Und wie konnte es überhaupt so weit kommen? Schließlich ist es gerade einmal ein Jahr her, dass die Aktionäre Baumann gegenüber freundlichere Töne anschlugen: Damals entlasteten sie ihn und seine Kollegen mit überzeugenden 97 Prozent.

Baumann hat mit Unterstützung des Aufsichtsratschefs Werner Wenning den Monsanto-Deal vor allem aus einem Kalkül heraus betrachtet, das in der Sprache des Finanzmarktes „industrielle Logik“ heißt. So gesehen passt Monsanto wirklich perfekt zu Bayer. Durch die Übernahme wurden die Leverkusener zum einflussreichsten Spieler im weltweiten Agrargeschäft: Der Konzern verfügt durch den Zukauf nun über die wohl angesehensten Forschungseinrichtungen, die es in Fragen des Pflanzenschutzes und der Entwicklung von Saatgut gibt. Noch viel wichtiger aber ist: Der Verkauf von Saatgut ist nicht nur sehr profitabel, sondern auch wunderbar stabil. Die Welt will immer ernährt und die Felder immer bestellt werden, völlig unabhängig davon, wie es der Weltwirtschaft ansonsten so geht. Nichts haben Unternehmen lieber als so verlässliche Erträge. Zumal wenn sie ansonsten vom mitunter schwierigen Pharmageschäft abhängen. Denn die Entwicklung neuer Medikamente ist langwierig und steht immer in Gefahr, dass die Behörden am Ende die Zulassung verweigern. Aus rein betriebswirtschaftlichem Kalkül heraus sprach also einiges für die Übernahme.

Erfahrung mit schwierigen Situationen

Zwar dürfte auch dem Bayer-Chef und seinen Leuten bewusst gewesen sein, dass sie sich mit Monsanto eines der verhasstesten Unternehmen der Welt ins eigene Haus holten. Doch sie glaubten offenbar, mit dem Hass umgehen zu können. Schließlich hat es bei Bayer-Hauptversammlungen fast schon Tradition, dass vor der Halle Umweltschützer protestieren – so war es auch dieses Mal. Solch ein Protest mag zwar störend sein und an der Reputation nagen, aber die Auswirkungen aufs Geschäft scheinen beherrschbar. Sind es doch nicht die Käufer von Pflanzenschutzmitteln, die auf die Straße gehen.

Außerdem, so dürfte die Überlegung im Konzern gewesen sein, hat Bayer mit schwierigen Situationen Erfahrung: Anfang des Jahrtausends hatte der Konzern einen anderen Skandal überstanden, damals ging es um das Medikament Lipobay, das den Cholesterin-Spiegel senkt, aber schwere Nebenwirkungen hatte. All diese Überlegungen haben dazu beigetragen, dass Baumann Monsanto kaufte. Aber dieses Mal ist etwas anders als sonst: Auf die Unterstützung der Protestierenden ist der Vorstandschef nicht unmittelbar angewiesen, auf den Rückhalt der Aktionäre aber schon – und die ziehen jetzt nicht mehr mit.

Nicht nur Fondsgesellschaften wie die Deka verweigerten ihm im Namen ihrer Anleger die Entlastung, sondern auch die beiden einflussreichen Stimmrechtsberater ISS und Glass Lewis. Nach den Vorgaben dieser Beratungsfirmen richten sich viele Profi-Aktionäre wie beispielsweise Pensionsfonds. Darum war schon vor der Hauptversammlung klar, dass es für Baumann eng werden würde.

Eine der komplexesten Übernahmen der jüngeren Vergangenheit

Woran stören sich die Profi-Anleger nun? An einer Entwicklung, die Investoren mehr verabscheuen als alles andere: Sie sehen sich nicht mehr in der Lage, die Risiken zu beziffern, die mit dem Monsanto-Deal einhergehen. Das ist der Fall, seit die amerikanische Justiz einigen Klägern Schadenersatz in zweistelliger Millionenhöhe zugesprochen hat. Dahinter steht die Frage, ob das Monsanto-Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat Krebs auslöst oder nicht. Noch gibt es dazu keine endgültige Entscheidung, die bisherigen Richtersprüche erfolgten in erster Instanz. Doch auch wenn Bayer eine Vielzahl von Studien vorweisen kann, die die Unbedenklichkeit des Mittels belegen sollen, ist der Fall in der Wissenschaft umstritten. Niemand kann derzeit sagen, wann und zu welchen Kosten Bayer aus der Sache herauskommen wird.

Müsste Baumann da nicht von seinem Posten zurücktreten? Interessanterweise fordern dies derzeit nicht einmal die kritischsten Stimmen unter den Aktionären. Ingo Speich von der Deka sagt zwar: „Das Abstimmungsergebnis ist eine Blamage. Der Vorstand muss jetzt reagieren und auf die Aktionäre zugehen, um verlorengegangenes Vertrauen wiederherzustellen.“ Den Rückzug von Baumann allerdings fordert er nicht. So weit geht auch Christian Strenger nicht, früherer Chef der Fondsgesellschaft DWS und Professor für gute Unternehmensführung. „Nach wie vor ist der Bayer-Vorstand konstruktiver Kritik gegenüber zu wenig aufgeschlossen. Zwar spricht man nun davon, man könne die Enttäuschung der Aktionäre verstehen. Aber davon können sich die Aktionäre nichts kaufen.“ Dies sei nur traurig und werde noch lange nachwirken.

Es ist ironischerweise Baumanns Glück, dass die Monsanto-Übernahme eine der komplexesten Übernahmen der jüngeren Vergangenheit ist. Ein neuer Vorstandsvorsitzender, jemand von außen gar, würde viel Zeit brauchen, um sich in die Details einzuarbeiten, und müsste gleichzeitig das tägliche Geschäft in Gang halten. Selbst für einen hervorragenden Manager wäre dies eine kaum zu bewältigende Aufgabe.

Trotzdem scheint die Bayer-Führung begriffen zu haben, dass sie etwas ändern muss. In einem Brief an die Mitarbeiter, gibt man sich zerknirscht: „Wir verstehen die Stimmung unserer Aktionäre und teilen ihre Enttäuschung über die Kursentwicklung unseres Unternehmens. Es versteht sich von selbst, dass wir sehr hart arbeiten werden, um das Vertrauen der Aktionäre zurückzugewinnen.“ Werner Baumann stehen schwierige Monate bevor, er wird vor allem wieder stärker den Dialog mit seinen frustrierten Aktionären suchen müssen. Es wäre allerdings eine Überraschung, wenn er am Ende tatsächlich sein Amt verlieren würde.