Der Journalist Philippe Lançon wurde beim Charlie Hebdo-Attentat schwer verletzt. Als Überlebender mag er sich trotzdem nicht sehen. Im Gespräch rechnet er mit der extremen Linken ab und erzählt von seinem dramatischen Weg zurück ins Leben.

Im Foyer eines Berliner Hotels treffen wir auf Philippe Lançon, Journalist und Schriftsteller, der vor vier Jahren den Anschlag auf die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ überlebt hat. Die Attentäter haben ihm den Kiefer weggeschossen. Blutend lag er zwischen den gemeuchelten Kollegen. In seinem Buch „Der Fetzen“ bahnt sich Lançon einen Weg zurück ins Leben. Im Buch beschreibt er mit klinischer Präzision körperliche Verletzungen und diagnostiziert über den eigenen Schmerz die Bruchstellen unserer Gesellschaft.

TPN: Ihr Buch über das Attentat auf Charlie Hebdo haben Sie für die Überlebenden, die „Wiedergänger“ geschrieben. Wie darf man das verstehen?

Philippe Lançon: Der erste Text, den ich nach dem Attentat in der Zeitung „Libération“ veröffentlichte, war für mich zunächst eine Art intimes, weltliches Gebet, das sich an die Toten richtete; zu dem Zeitpunkt hatte ich noch das Gefühl, deren Welt anzugehören. Dann sprach ich die Überlebenden an, weil man meist nur von den Toten spricht, selten von den Überlebenden, und wenn, dann von den psychisch Traumatisierten, nicht aber den körperlich Versehrten. Mich selbst bezeichne ich weniger als Überlebenden denn als Wiedergänger. Wenn man den Tod gestreift hat, dann hat man das Gefühl, von einem anderen Ort wiederzukehren.

Das Gebäude der Redaktion wenige Stunden nach dem Attentat am 7. Januar 2015

TPN: Woran mag dieses Verschweigen der Folgen körperlicher Gewalt liegen?

Lançon: Der Grund dafür ist meines Erachtens eine fürchterliche Angst vor dem Tod. Die Verletzten, körperlich Versehrten stören, erinnern an den Tod. Dazu kommt, dass unsere Gesellschaft alles psychologisiert. Und natürlich: Körperlich Verletzte brauchen Zeit, um zu genesen, und Zeit gesteht einem die Gesellschaft am wenigsten zu.

TPN: Das stimmt überein mit einer generellen Vergeistigung des Gewaltbegriffs, so auch im deutschen Strafrecht bei Vergewaltigung …

Lançon: Voilà. Gewalt ist für mich aber in erster Linie körperlich. Der Körper ist verwundet, das Leiden endet nicht. Zudem muss man alle möglichen Funktionen wieder erlernen, neue Empfindungen erwerben. Das ist ein schmerzhafter Lernprozess, der tägliche Anstrengung erfordert. Die psychologische Folge ist eine Konsequenz zweiter Ordnung.

TPN: Der Titel Ihres Buches bezieht sich auf Ihren Körper, auf Hautlappen, ein zerfetztes Gesicht. Sie fassen Ihr Äußeres unter einen Begriff, der im 1. Weltkrieg auftauchte: die „gueule cassée“. Herrscht Krieg?

Lançon: Eines ist klar: Wir waren die Opfer eines kriegerischen Aktes. Technisch gesehen bin ich eine „gueule cassée“ im Sinne eines Kriegsverletzten. Charakteristisch dafür ist der Verlust an Substanz: Ich hatte keinen Kiefer mehr. Er musste aus anderen Körperteilen, aus dem Wadenbein rekonstruiert werden. „Lambeau“, der Lappen, ist der technische Ausdruck für diese Form von autologer Transplantation. Ich wollte, dass das Buch einen konkreten Titel hat. Nichts Psychologisches.

TPN: In Deutschland geht man sehr vorsichtig mit Kriegsmetaphorik um …

Lançon: Mag ja sein, dass wir uns nicht im Krieg fühlen, aber die Attentäter befinden sich auf jeden Fall im Krieg mit uns. Sie führen einen Krieg gegen den Westen, gegen die Kultur des Okzidents.

TPN: Nietzsche spricht von der Weisheit des Schmerzes, der Schönheit. Was sagen Sie dazu?

Das erste Charlie-Hebdo-Cover nach den Anschlägen

Lançon: Nun, ich finde nicht, dass diese Philosophie sehr niveauvoll ist. (lacht) Bei allem Respekt vor Nietzsche: Ich missbillige die Idee, dass man durch den Schmerz zur Schönheit gelangen könne. Einen Zugang zur Wahrheit, zum Bewusstsein, bietet Schmerz allerdings! Man spürt den Körper intensiver, wenn er leidet. Ich lebe permanent mit dem Schmerz und entwickle ständig Strategien, diesen zu umgehen.

TPN: Sind Sie dadurch unduldsamer gegenüber dem Leid Anderer geworden?

Lançon: Nein, ganz im Gegenteil. Ich schenke ihnen mehr Aufmerksamkeit. Ich frage ganz präzise nach. Das ist eine kindliche Neugier, ohne Moral, ohne Scham. Meine Art, empathisch zu sein.

TPN: Shakespeare ist der basso continuo in Ihrem Roman. Das Leben, eine Tragikomödie?

Lançon: Am Vorabend des Attentats habe ich ein Theaterstück von Shakespeare gesehen. Mein Buch beginnt wie ein Theaterstück mit den Protagonisten von Charlie Hebdo und den Attentätern, diesen Verrückten, die mit „Allahu Akbar“ ihre göttliche, verrückte Moral in die Welt hinausbrüllen. Dieses Böse steckt im Kern einer jeden Religion. Wenn Sie vom Bösen abstrahieren, was aber bleibt dann? Zwei schwarzgekleidete Männer, die „Allahu Akbar“ brüllen, zwei debile Irre. Wenn Sie das in einem Comic lesen, müssen Sie lachen; hier war es allerdings das wahre Leben.

TPN: Kann „Moral“ nur noch Narren in den Mund gelegt werden?

Lançon: Ich bin immer auf der Seite der Aufklärung: Die einzige Moral, die es für mich gibt, ist eine auf Vernunft und Kompromiss, auf Achtsamkeit basierende Moral. Aus dem Munde des Verrückten kann aber sehr wohl eine Art Wahrheit kommen, ja.

TPN: Zeitgleich mit dem Attentat erschien Michel Houellebecqs „Unterwerfung“. Kann man sagen: Die Realität übertrifft jegliche Fiktion?

Lançon: Es wäre mir keinen Moment lang in den Sinn gekommen, einen Roman über das Attentat zu schreiben. Ich wollte die Wahrheit erfassen. Mit den Mitteln der Fiktion wäre das nicht möglich gewesen. Houellebecq ist ein großartiger Romancier, aber seine „Unterwerfung“ als Prognose zu verstehen wäre Quatsch. Houellebecq versucht die Wirklichkeit fiktiv auszuloten, soziologisch ist daran nichts.

TPN: Was bedeuten die Attentate und die daraus erwachsene Angst für die Französische Republik?

Lançon: Gewiss ist, dass die Leute aus Angst noch mehr vom Staat erwarten als ohnehin schon. Schauen Sie die Gelbwesten an: Sie richten ihre Gewalt gegen den Staat, weil sie von ihm etwas erwarten. Ich natürlich auch. Gar nicht daran zu denken, wenn mir das, was mir geschah, in den USA passiert wäre! Ich bin schon wegen der Krankheitskosten angewiesen auf die Hilfe des Staates.

TPN: Was halten Sie von Rechtfertigungen der Gewalt?

Lançon: Ich habe ein wirkliches Problem mit Gewalt. Nach dem, was mir passiert ist, kann ich Gewalt nicht rechtfertigen.

TPN: Houellebecq zitierte aus dem Matthäus-Evangelium: „Und die Gewalttätigen reißen es an sich“…

Lançon: Das ist das erste, was er mir nach dem Attentat gesagt hat. Für mich ist das ein Ausdruck seines Pessimismus. Das bedeutet, dass Gewalt oktroyiert wird und wir nicht wissen, wie wir uns davor schützen sollen. Als er mir das sagte, habe ich seinen Pessimismus noch nicht geteilt, ich wollte einfach neu beginnen. Heute bin ich pessimistischer, was die Entwicklung der Gesellschaft, diesen schrecklichen Mangel an Bildung angeht.

TPN: Ist Gewalt eine „contagion sociale“, eine soziale Ansteckung, wie Pierre Bourdieu sie beschreibt?

Lançon: Weniger eine soziale als eine existenzielle Ansteckung. Um Gewalt zu verstehen, sollte man Dostojewskis „Dämonen“ lesen. Wenn eine Gesellschaft nicht mehr funktioniert, entwickelt sich ein Extremismus, der eine zunehmende Anzahl von Menschen in seinen Bann zieht. Gewalt ist wie eine Krankheit, wie die Pest. Was macht man, wenn sich eine derartige Epidemie ausbreitet? Ich weiß kein Heilmittel.

TPN: Fürchten Fanatiker Humor?

Lançon: Sie wollen ihn ausrotten. Da, wo das Lachen beginnt, endet die Furcht vor Gott. Das Ziel der Fanatiker ist aber Gottesfurcht, um ihre Macht zu etablieren. Humor ist da ein großes Hindernis.

TPN: Charlie Hebdo war finanziell am Ende vor dem Attentat. Danach gab es einen Hype, der die Auflagen erhöhte. Wie stehen Sie zu dieser Vermarktung des Schreckens?

Lançon: Das war kein Marketing des Schreckens. Viele haben nach dem Attentat aus Solidarität die Zeitung gekauft, nicht aus Überzeugung. Heute kauft sie keiner mehr, mit der Solidarität ist es vorbei.

TPN: Wie wirkte der Slogan „Je suis Charlie“ auf Sie?

Lançon: Damals war ich so auf mein eigenes Leben konzentriert, dass mich das nicht sehr beindruckt hat. Ich war dankbar, das ja, aber auch nicht hin und weg. Wir leben nun mal in einer Welt des Marketings, der Slogans. Man kann das verurteilen, aber nichts dagegen tun.

TPN: Die deutsche Ausgabe von „Charlie Hebdo“ wurde nach knapp zwei Jahren eingestellt. Versagt Humor als internationale Sprache?

Lançon: Ja. Es gibt Formen des Humors, die nicht grenzüberschreitend sind. Der Humor von „Charlie Hebdo“ ist sehr französisch (lacht). Diese aggressive Karikatur, die mit der Physis und dem Hintergründigen arbeitet, hat eine lange Tradition in Frankreich. Durch die Kombination verschiedener Elemente erzielt man eine komische Wirkung, die das Ausgangselement lächerlich erscheinen lässt. Das versteht nicht jeder.

TPN: Mit der extremen Linken gehen Sie scharf ins Gericht: Verachtung, Rage, Undifferenziertheit und demütigende Anschuldigungen werfen Sie ihr vor.

Lançon: Was gerade in Frankreich passiert, beweist doch, dass das wahr ist. Die extreme Linke hat die Vision einer strahlenden Zukunft, deren Preis allerdings die Eliminierung des Gegners wäre. Das hat sie mit der extremen Rechten gemein. Ständig ist bei der Linken die Rede von Gewalt gegenüber den Armen, der Macht des Staates und der Reichen. Ich leugne nicht, dass es all das gibt, aber Gewaltpropaganda ist keine Lösung. Das ist das Gerede einer Sekte, das sind Trunkene, besoffen von ihrer eigenen Ideologie. Darauf reagiere ich sehr empfindlich, eben weil ich mich links verorte. Charlie Hebdo übrigens ist nur in puncto Laizismus und Ökologie dezidiert links: Und natürlich in Sozialreportagen über Frankreich. Charlie ist ganz bestimmt nicht Teil jener Linken, die ein Verständnis für die Islamisten hat. (lacht bitter)

TPN: „Mordre la vie à pleines dents“ – Herzhaft ins Leben beißen. Was bedeutet das für Sie heute?

Lançon: Na, ich sollte vielleicht eher sagen, herzhaft mit einer Prothese ins Leben beißen (lacht). Wenn man vom humoristischen Aspekt der Frage mal absieht, bedeutet das für mich: Vom Leben profitieren. Gut essen. Mich nicht zu Suppe und Püree verdammen, selbst wenn ich sabbere. Voilà!